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Wie Landwirte zu Interessenvertretern von Bauernverbänden und Agrarkonzernen werden

Ein Gastartikel von Jürg Vollmer, Agrarjournalist in der Schweiz, der eine erfundene Geschichte erzählt, die so aber auch tatsächlich passiert sein könnte. Er berücksichtigt dabei die Situation nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland und Österreich,

Der Artikel ist länger als sonst, aber bis zum Schluss lesenswert.

Theoretisch sind die Landwirte «Eigentümer» von Bauernverbänden und Agrarkonzernen wie zum Beispiel Molkereien. In der Praxis agieren Verbände und Agrarkonzerne oft gegen die Interessen der Landwirte.

Landwirte sind Mitglieder ihrer Verbände und bei vielen Genossenschaften zugleich deren Eigentümer. Trotzdem entscheiden professionelle Funktionäre und Manager über Milchpreise, Investitionen und Marktstrategien. Wie kommt es, dass jene, die formal Einfluss besitzen, sich in der Praxis oft nicht durchsetzen?

Die folgende Fallstudie ist frei erfunden. Personen, Orte und Organisationen dienen der Veranschaulichung. Die beschriebenen Entscheidungswege und Interessenkonflikte orientieren sich an öffentlich dokumentierten Strukturen in der Landwirtschaft des deutschsprachigen Raums.

Herbst 2026. Im Gasthaus «Krone» von Hintermoos liegen dreissig weisse Briefumschläge auf den Tischen. Einer für jeden Milchbauern der Region. Absenderin ist die Alpenmilch AG.

Der Abnahmepreis müsse um 4 Cent pro Kilogramm Milch reduziert werden, steht darin. Der Detailhandel drücke die Preise, der Export schwächle und Energie, Verpackungen sowie Transporte seien teurer geworden.

Vier Cent weniger pro Kilogramm Milch bedeuten für einen Betrieb mit 40 Milchkühen und einer Jahresleistung von 8’000 Kilo pro Kuh/Jahr einen direkten Einnahmenverlust von 320 Euro pro Kuh/Jahr und damit 12’800 Euro/Jahr.

Parallel dazu sind auf den Bauernhöfen die Kosten gestiegen. Und nach dem Dürresommer 2026 müssen viele Betriebe Heu aus Italien, Frankreich, Polen und Tschechien importieren.

Zwei der fünf Bauernfamilien in Hintermoos müssen einen Teil ihrer Milchkühe wegen Futtermangel verkaufen. Für die abgemagerten Tiere bekommen sie 4 Euro pro Kilo weniger, pro Tier macht das mehrere Hundert Euro aus.

Wieso bestimmen nicht die Landwirte, wie viel die Milch kostet?

Deshalb sind an diesem Abend zwei Männer nach Hintermoos zurückgekehrt, die hier aufgewachsen und weit oben angekommen sind. Sie sitzen links und recht vom Bürgermeister:

  • Simon Moser (57), Präsident des nationalen Bauernverbandes
  • Lukas Steiner (56), Konzernchef der Alpenmilch AG

Durch die Fenster sieht man den Milchsammelwagen, der draussen mit laufendem Motor wartet. Auf seiner Seite steht: «Von unseren Bauern. Für unsere Heimat.»

Hans Blaser (63),  Milchbauer in vierter Generation, hält seinen Brief hoch. «Der Bauernverband gehört uns Bauern», sagt er. «Die Milchring-Genossenschaft gehört uns Bauern. Und über sie gehört uns die Mehrheit der Alpenmilch AG.»

Er schaut zuerst Moser an, dann Steiner. «Wieso bestimmen wir dann nicht, wie viel unsere Milch kostet?»

Moser räuspert sich. «So einfach ist es nicht.»

Steiner nickt. «So einfach ist es wirklich nicht.»

Wieso müssen die kleinen Dorfkäsereien schliessen?

Herbst 1986. Damals, vierzig Jahre zuvor, waren Simon und Lukas zwei Jung-Landwirte in Hintermoos, wo sie auf zwei benachbarten Höfen aufgewachsen sind.

Morgens um halb sieben brachten ihre Väter die Milch in die Dorfkäserei. Der Käser kannte jede Familie, jeden Stall und manchmal sogar den Geschmack der Milch.

Simon redete schon als Jugendlicher mit allen. Er wusste, wer sich über den Milchpreis ärgerte, wer einen neuen Stall plante und wer heimlich ans Aufhören dachte.

Lukas interessierte sich mehr für die Zahlen. Er rechnete aus, wie viele Laibe Käse aus der Milch des Dorfes entstanden – und weshalb der Käse im Laden ein Vielfaches dessen kostete, was seine Eltern für die Milch erhielten.

Dann schloss die Käserei Hintermoos. Der Käser fand keinen Nachfolger. Die Anlagen waren veraltet, die Vorschriften strenger geworden und für die kleine Menge lohnte sich eine Modernisierung nicht. Von nun an holte ein Milchsammelwagen die Milch ab und brachte sie zur Regionalmolkerei.

Simon und Lukas sahen zu, als Arbeiter das Schild über der Käserei abschraubten.

«Später müssen wir dafür sorgen, dass die Bauern wieder mehr zu sagen haben», sagte Simon.

«Dafür brauchen wir zuerst eine Molkerei, die stark genug ist», antwortete Lukas.

Beide wollten die Landwirtschaft erhalten. Schon damals verstanden sie darunter nicht ganz dasselbe.

Wie wählen die lokalen Bauernvereine ihre Präsidenten?

Herbst 1996. Zehn Jahre nach der Schliessung der Käserei Hintermoos. Simon Moser übernahm mit 27 Jahren den elterlichen Hof. Zusammen mit seiner Frau Mara hielt er 42 Milchkühe, bewirtschaftete Grünland und baute etwas Futtergetreide an.

Im selben Jahr suchte der Bauernverein Hintermoos einen neuen Präsidenten.

An der Generalversammlung fragte der bisherige Präsident dreimal nach einem Freiwilligen. Beim ersten Mal sahen die Bauern auf ihre Unterlagen, beim zweiten auf ihre Gläser, beim dritten zu Simon Moser.

Er war jung, konnte reden und hatte im Gegensatz zu den meisten Anwesenden keine offene Feindschaft mit dem Gemeinderat. Moser sagte zu – «vorläufig für ein Jahr».

Er schrieb Einsprachen gegen eine neue Gewässerschutzzone, organisierte einen Informationsabend über Direktzahlungen und brachte die Gemeinde dazu, die Zufahrt zu den abgelegenen Höfen auch im Winter zu räumen.

Die Bauern sahen: Dieser Mann konnte etwas bewirken. Bei der nächsten Wahl gab es wieder keinen Gegenkandidaten. «Mach du weiter», sagten sie. «Du kannst das.»

Wie verläuft der Karriereweg eines Bauernfunktionärs vom Melkstand ins Präsidium?

So beginnen viele Karrieren als Landwirtschaftsfunktionär: nicht mit einem Griff nach der Macht, sondern mit einem freien Stuhl.

Für Verbandsarbeit fehlt vielen Bauern die Zeit. Sie müssen melken, ernten, Maschinen reparieren, Formulare ausfüllen und mit der Bank über den nächsten Kredit verhandeln.

Wer Sitzungen besucht, Dossiers liest und Ämter übernimmt, braucht einen gut organisierten Betrieb – und jemanden, der zu Hause zusätzliche Arbeit übernimmt.

Bei Moser war das seine Frau Mara. Wenn er abends zur nächsten Sitzung aufbrach, sagte sie manchmal: «Du sitzt inzwischen in jedem Gremium der Landwirtschaft. Nur im Melkstand sieht man dich immer seltener.»

Moser lachte. Ganz falsch war es nicht.

Wer sagt den Verbandsfunktionären, was sie zu sagen haben?

Bald wurde Moser in den Vorstand des regionalen Bauernverbandes gewählt und übernahm die Fachkommission Milch.

Im Dorf hatte er über einzelne Höfe gesprochen. Auf regionaler Ebene diskutierte er über Produktionsrichtungen, Marktsegmente und politische Mehrheiten.

Auch die Fragen wurden abstrakter. Sollte der Verband eine neue Tierwohlvorschrift ablehnen, weil die Entschädigung zu tief war? Sollte er einem Freihandelsabkommen zustimmen, wenn dafür die Exportwirtschaft Zugeständnisse machte? War eine Umweltauflage grundsätzlich falsch – oder nur zu teuer?

Für jedes Geschäft lieferte die Geschäftsstelle des regionalen Bauernverbandes Unterlagen. Fachleute fassten Studien zusammen, bewerteten politische Chancen und schlugen Formulierungen vor. Moser entschied weiterhin mit. Doch er entschied zunehmend in einem Rahmen, den andere vorbereitet hatten.

Schliesslich stieg er an die Spitze des nationalen Bauernverbandes. Die einzelnen Bauern hatten ihn nie direkt gewählt.

Wie sieht die Realität der nationalen Bauernverbände aus?

In den landwirtschaftlichen Dachverbänden führt der Weg über mehrere Stufen: Orts- und Regionalverbände bestimmen Delegierte, diese wählen Vorstände, und aus diesen Vorständen steigen die Spitzenfunktionäre auf.

– Beim Schweizer Bauernverband zählt die Delegiertenversammlung rund 500 Personen.

– Beim Deutschen Bauernverband entscheiden etwa 450 Delegierte über die Verbandsspitze.

– Beim Österreichischen Bauernbund wählen die rund 300 Mitglieder des Bundesbauernrates die Verbandsspitze.

Die meisten Bauern kennen ihren nationalen Präsidenten nur aus den Medien – an seiner Wahl waren sie höchstens indirekt beteiligt. Moser war nun «die Stimme der Bauern». Allerdings waren die Bauern, für die er sprach, mit jedem Karriereschritt abstrakter geworden.

Wieso müssen viele kleine Käsereien fusionieren?

Lukas Steiner hatte einen anderen Weg genommen. Nach der Landwirtschaftsschule studierte er Lebensmitteltechnologie und Betriebswirtschaft. Danach begann er bei der Regionalmolkerei als Assistent des Produktionsleiters.

Er erlebte, wie der Detailhandel grössere Mengen zu tieferen Preisen verlangte. Die drei Molkereien der Region waren zu klein, um ihre Marken im ganzen Land zu verkaufen. Ihnen fehlte Geld für neue Anlagen, und sie hingen von wenigen Grosskunden ab.

Lukas Steiner arbeitete an der Fusion der drei Molkereien mit. Nicht alle Milchbauern waren begeistert. Sie fürchteten um die regionalen Marken und Standorte. Die Geschäftsleitung rechnete vor, dass drei kleine Molkereien gegeneinander kaum bestehen konnten. Die Delegierten der Milchring-Genossenschaft, zu denen Simon Moser gehörte, stimmten zu.

Wie ist es möglich, dass aus einer kleinen Gruppe Käsereien ein internationaler Molkereikonzern wird?

Herbst 2006. Zwanzig Jahre nach der Schliessung der Käserei Hintermoos entstand aus der Fusion die Alpenmilch AG. Die Milchring-Genossenschaft blieb Mehrheitsaktionärin. Damit gehörte das Unternehmen weiterhin den Milchbauern – zumindest indirekt.

Die Alpenmilch AG wuchs. Sie kaufte Molkereien im Ausland, übernahm eine Dessertmarke und baute ein riesiges Logistikzentrum.

Steiner stieg vom Produktionsleiter über die Geschäftsleitung an die Konzernspitze auf.

Zu Beginn seiner Laufbahn hatte er sich gefragt, wie viel die Bauern für ihre Milch erhielten. Jetzt musste er wissen, was die Verarbeitung kostete, welche Marge der Handel verlangte, ob sich eine Marke im Export behauptete und welche Rendite die Aktionäre erwarteten.

Ein höherer Milchpreis blieb für ihn wünschenswert. In der Konzernrechnung erschien er trotzdem als höherer Rohstoffaufwand.

Welches sind in der Realität die grössten Molkereikonzerne in den DACH-Ländern?

Solche Konstruktionen gibt es im ganzen deutschsprachigen Raum. Die Namen und Rechtsformen unterscheiden sich, der Grundkonflikt bleibt.

– Emmi AG ist als grösste Molkerei der Schweiz mit 4,7 Milliarden Franken Umsatz an der Börse kotiert. Mehrheitsaktionär ist die ZMP Invest AG, hinter der rund 2‘800 Milchbauern stehen. Zu Emmi gehören unter anderem Emmi Caffè Latte, Kaltbach und Gerber.

– Berglandmilch eGen ist mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz Österreichs grösste Molkerei und gehört vollständig den rund 8’000 Milchlieferbetrieben. Bekannte Marken sind Schärdinger, Lattella und Stainzer.

– Hochwald Foods GmbH ist mit 2 Milliarden Euro Umsatz die grösste eigenständige Molkerei-Genossenschaft mit Sitz in Deutschland. Zu ihren Marken zählen Bärenmarke, Tuffi und Hochwald.

Die Bauern sind in diesen Molkerei-Konzernen Verkäufer und Eigentümer zugleich. Als Lieferanten wollen sie einen möglichst hohen Milchpreis. Als Eigentümer brauchen sie ein Unternehmen, das investieren kann und Gewinne erwirtschaftet.

Solange genug Geld da ist, lässt sich dieser Widerspruch überdecken. Interessant wird es, wenn das Geld knapp wird.

Wieso ist ein Verwaltungsrat kein weisungsgebundener Abgesandter seiner Milchbauern?

Herbst 2016. Dreissig Jahre nach der Schliessung der Käserei Hintermoos wurde Simon Moser zum Präsidenten des nationalen Bauernverbandes gewählt. Gleichzeitig schlug ihn die Milchring-Genossenschaft für den Verwaltungsrat der Alpenmilch AG vor.

In Hintermoos war man stolz. «Endlich sitzt einer von uns am richtigen Tisch», sagte Hans Blaser im Dorfgasthaus.

Auch Moser sah das Mandat als Chance. Bei Entscheiden über Investitionen, Milchmengen oder Nachhaltigkeitsprogramme wollte er die Perspektive der Bauern einbringen.

Vor der ersten Sitzung erhielt er einen Ordner zu den Pflichten eines Verwaltungsrats. Eine Formulierung war unterstrichen: Er müsse im Gesamtinteresse des Unternehmens handeln.

Das war mehr als eine Empfehlung. Ein Verwaltungsrat ist kein weisungsgebundener Abgesandter jener Gruppe, die ihn nominiert hat. Er trägt Verantwortung für das Unternehmen, seine Beschäftigten, seine Verträge und seine wirtschaftliche Zukunft.

Nach der Sitzung standen Moser und Steiner gemeinsam im Lift.

«Jetzt können wir endlich Einfluss nehmen», sagte Moser.

«Natürlich», antwortete Steiner. «Aber zuerst musst du verstehen, was für das Unternehmen auf dem Spiel steht.»

Moser bemerkte den kleinen Vorbehalt. Er widersprach nicht.

Im Verwaltungsrat lernte er eine neue Sprache. Aus Milchbauern wurden Rohstofflieferanten. Der Milchpreis hiess nun Beschaffungskosten. Die Schliessung einer Käserei wurde zur Strukturbereinigung.

Niemand zwang Simon Moser, diese Sprache zu übernehmen. Sie stand in den Berichten, Tabellen und Präsentationen, mit denen er arbeitete. Irgendwann verwendete er sie automatisch.

Wie kommt es, dass drei Gremien ihre eigenen drei Wahrheiten haben?

Herbst 2026. Vierzig  Jahre nach der Schliessung der Käserei Hintermoos. Nach dem Dürresommer wächst auf den Weiden kaum noch Gras. Der dritte Schnitt fällt aus, der Futtermais bleibt niedrig und zusätzliche Silage ist kaum zu bekommen. Viele Betriebe verfüttern schon im August ihre Wintervorräte.

Die Milchbauern verlangen 4 Cent mehr pro Kilogramm Milch.

Gleichzeitig verliert die Alpenmilch AG einen wichtigen Auftrag des Detailhandels. Der Export schwächelt, Energie und Verpackungen verteuern sich. Die Finanzabteilung warnt: übernimmt der Konzern die höheren Milchkosten vollständig, leidet das Jahresergebnis.

Moser diskutiert dasselbe Problem in drei Gremien – und hört drei Wahrheiten:

– Im Vorstand des nationalen Bauernverbandes fordert er 4 Cent mehr für die Milch.

– Im Verwaltungsrat der Alpenmilch AG hört er, weshalb 4 Cent nicht finanzierbar seien.

– In der Milchring-Genossenschaft wird ihm erklärt, dass ein tieferer Konzerngewinn die Dividende und damit die Rückvergütungen an die Milchbauern schmälert.

Wie lässt sich der Interessenkonflikt der Funktionäre und Manager auflösen?

Am Ende erhöht die Alpenmilch AG den Milchpreis um 1 Cent pro Kilogramm Milch. Zusätzlich richtet sie einen befristeten Fonds für besonders betroffene Betriebe ein.

Der nationale Bauernverband spricht von einem «wichtigen Zeichen der Solidarität».

Moser nennt den Kompromiss an einer Medienkonferenz das Maximum des politisch und wirtschaftlich Erreichbaren.

Steiner steht neben ihm und sagt, die Lösung schütze die Milchbetriebe und sichere die Wettbewerbsfähigkeit.

Beide Aussagen sind vertretbar. Keine beantwortet die Frage, ob die betroffenen Höfe mit 1 Cent mehr pro Kilogramm Milch durch den Winter kommen.

Wieso fliesst mehr Milch, obwohl immer weniger Bauern Milch produzieren?

Nach vierzig Jahren haben drei der fünf Landwirtschaftsbetriebe in Hintermoos die Milchproduktion aufgegeben und ihre Milchkühe verkauft, der vierte Landwirt hält nur noch Mutterkühe.

Der Milchsammelwagen holt in Hintermoos trotzdem fast gleich viel Milch ab wie 1986 Jahren. Der letzte verbliebene Milchbauer am Dorfrand hat seine Produktion vervielfacht.

Moser und Steiner haben ihr Jugendversprechen scheinbar erfüllt. Die Milchproduktion in der Region ist stärker denn je. Der Bauernverband verfügt über politischen Einfluss. Die Milch wird weiterhin in Hintermoos abgeholt.

Nur immer weniger Bauern produzieren sie.

Der Molkereikonzern hat die Milchproduktion gesichert und zugleich den Strukturwandel nicht aufgehalten. Ob er die Interessen der Bauern gestärkt oder nur die Produktion effizienter gemacht hat, bleibt umstritten.

Warum werden die Funktionäre und Manager immer wieder gewählt?

Februar 2027. Simon Moser stellt sich zur Wiederwahl als Präsident des nationalen Bauernverbands.

Ein junger Biobauer denkt über eine Gegenkandidatur nach. Er kritisiert die Nähe des Verbandes zur Agrarindustrie und findet, Moser verteidige immer häufiger das bestehende System statt die Bauern.

Dann rechnet er nach. Das Amt bedeutet mehrere Sitzungen pro Woche, Medienauftritte, Reisen in die Hauptstadt und jeden Monat Hunderte Seiten Unterlagen. Sein Hof ist verschuldet, die Kinder sind klein und seine Frau arbeitet zusätzlich ausserhalb der Landwirtschaft, um den Betrieb mitzufinanzieren.

Der junge Biobauer verzichtet. Die Delegierten bestätigen Moser mit grosser Mehrheit.

Sie wählen nicht einfach gegen ihre eigenen Interessen. Moser kennt Minister, Behörden, Konzernchefs und Journalisten. Er ist ein brillanter Stratege und versteht politische Abläufe, kennt die Dossiers auswendig und hat konkrete Erfolge vorzuweisen.

Sein Verwaltungsratsmandat gilt vielen nicht als Problem, sondern als Zugang zur Macht. «Besser einer von uns sitzt dort als irgendein Banker», sagt ein Delegierter.

Die Bauern wählen mit Moser Stabilität, Erfahrung und Beziehungen. Die wachsende Distanz zwischen Moser und der Basis ist schwerer zu messen als diese Vorteile.

Lukas Steiner muss sich keiner Bauernwahl stellen. Über seine Position entscheidet der Alpenmilch-Verwaltungsrat. Er misst ihn an Umsatz, Gewinn, Wachstum und Strategie – und diese Zahlen stimmen.

Steiner ist kein schlechter Manager. Im Gegenteil: Nach den Massstäben des Konzerns ist er gerade deshalb erfolgreich, weil er die Alpenmilch AG nicht wie eine bäuerliche Selbsthilfeorganisation führt.

Wer mehr von Jürg Vollmer lesen will:    https://www.food-revolution.info/

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45 Kommentare

  1. Promberger Konrad sagt

    Wenn alle Milchbauern zu einer wirklich wiederkäuergerechten Fütterung zurückkehren
    würden hätten wir andere Milchpreise.
    Die gerade mal bislang 2%tigen Mindermengen durch Trockenheit und Virus treiben jetzt
    schon den Spotmatkt obwohl nicht ganz Deutschland gleichermassen betroffen ist

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  2. Reinhard Seevers sagt

    Die, die an der Macht waren und sind, die haben bewiesen, dass sie es nicht können und konnten.
    Denen, die aus der Opposition kommen vorzuwerfen, dass sie etwas nicht können würden, ohne es beweisen zu dürfen oder zu können, ohne aber auch Schuld an der derzeitigen Lage zu sein, dass ist schon krasse Realitätsverschiebung.
    In der heutigen Kreiszeitung steht ein Kommentar eines Redakteurs, der sich wünscht mehr Hintergrundinformationen von den Abgeordneten zur Kommunalwahl zu erhalten, sonst wüsste man ja gar nicht, für was sie stehen oder was sie ändern wollten. Na Mensch, Guck mal…..sollte man diese Menschen den überhaupt ranlassen?
    Es herrscht inzwischen ein ganz merkwürdiges Demokratieverständnis in diesem Land, wie es scheint…..jeder hat seine.

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    • Stadtmensch sagt

      Ohne jetzt politisch werden zu wollen, solchen Leuten wie Herrn Bausemer würde ich nie meine Stimme geben. Wenn ich mir vorstelle, dass das Chaos der beiden AfD Fraktionen im Chemnitzer Stadtrat hoch skaliert würde, sehe ich nur Nachteile für den „Standort D“. Aber bitteschön, macht mal…

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    • Bauer Willi sagt

      @RS
      „Die, die an der Macht waren und sind, die haben bewiesen, dass sie es nicht können und konnten.“
      Sie erlauben, dass ich das anders sehe? Demokratie ist schwierig, nur Diktatur ist einfach. Ich bin vom Prinzip her mit unserer Regierungsform zufrieden. Was nicht heißt, dass vieles optimiert werden kann. Ich möchte nicht in Nord-Korea wohnen.

      Wo ich Ihnen bedingt zustimme:
      „Es herrscht inzwischen ein ganz merkwürdiges Demokratieverständnis in diesem Land, wie es scheint…..jeder hat seine.“
      Ich habe mir im MDR die Politikrunde zur Wahl in Sachsen-Anhalt angesehen. Dort wurde es vorgeführt.

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      • Reinhard Seevers sagt

        „Ich möchte nicht in Nord-Korea wohnen.“

        Na dann …..in Niedersachsen sind wir mit dem Wahlausschluss von AFD -Kandidaten ja schon ganz dicht dran. Dafür sorgen schon die etablierten Parteien.

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      • Pälzer Buh sagt

        In dieser recht kurzen Diskusionsrunde geht um Demokratie, wenn ich einwerfen darf in Deutschland gibt es eine recht junge Demokratie von „Nur“ 80 Jahren.
        Wenn ich mir eine Demokratieart aussuchen könnte, dann die Direktdemokratie, unserer Schweizer Nachbarn (und dessen Neutralität)
        Eine Direktdemokratie (inkl. Genossenschaft) könnte ich mir auch bei den (verschiedenen) Bauern Verbänden vorstellen.

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      • Reinhard Seevers sagt

        Was Parteiinterne Streitigkeiten mit der Frage der Grundsâtzlichkeit des Demokratieverständnisses zu tun haben soll, versteh ich jetzt nicht. Sag doch mal was zu den Vorgängen in Niedersachsen, dann muss man keinen Strohmann bauen.

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  3. Frikadellen piet sagt

    moin lesenswerter Beitrag, auch wenn er selber ist! jetzt hoffe ich nur das Werder Bremen gewinnt! das wäre ein guter Saisonstart. mach’s gut

  4. Sonja Dengler sagt

    Anhand von Bauernwirklichkeit sehr verständlich geschriebene Geschichte darüber, wie wir Menschen das tun, was wir ‚Fortschritt‘ nennen: das menschlich geschaffene System wird zu einem komplexen, unübersichtlichen Markt, bei der der Einzelne nicht mehr die Verant- wortung für das Ganze übernehmen kann, weil er das komplexe Komplizierte nicht mehr überblicken kann.
    Der Fortschritt erwürgt sich am Ende selbst, weil niemand auch nur eine einzige Stell- schraube drehen kann, ohne dass er damit Vielen das Wasser abdreht, so wird es am Ende wieder dahin kommen, dass der Einzelne nur dann überlebt, wenn er wieder nur an sich und sein Überleben kämpft (mehr kann er ja auch gar nicht).
    Und da sehe ich die gute Nachricht: Es werden die Bauern sein, die überleben, denn sie haben die meisten Kinder, diese Kinder werden zu Hause erzogen und zwar im Sinne von Verantwortung für’s Ganze (!) – das wird so kommen und dann geht der Kreislauf der Konzernbildung und -Vermarktung von vorne los…..
    Soweit und so vereinfacht dargestellt.:Es läuft halt alles auf einen gewissen Punkt hinaus.

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    • Stadtmensch sagt

      Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Da steht, dass die Bauernsöhne durch immer weitere Entfernung von der Basis (Karriere), Entscheidungen „GEGEN“ das Überleben treffen!
      Die Soziologie ( überflüssige Schmarotzer) weiß dazu folgendes:

      Karriere verändert Loyalität: Wer lange in Hierarchien aufsteigt, orientiert sich oft stärker an den Erwartungen anderer Eliten, Gremien und Netzwerke als an den Leuten, aus deren Alltag die Organisation einst hervorging.

      Männliche Führungsnormen verstärken das: In der Agrar- und Kooperativwelt sind Führungspositionen laut den gefundenen Quellen häufig stark männlich geprägt; solche Umfelder begünstigen eine Kultur von Durchsetzung, Status, informeller Netzwerke und technokratischer Distanz.

      Ja, richtig: Kultur der Durchsetzung! Kampf! Abenteuerspielplatz für Einzelkämpfer! Technokratische Distanz, Diskretisierung aller Lebensbereiche zur Steigerung der Effizienz. Und dann lesen sie bei John Rawls nach, wie das die Menschen kaputt macht. Naja, ein Ansatz immerhin

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  5. Arnold Krämer sagt

    Ein sehr guter Artikel mit viel Aufklärungspotential.

    Solange es technischen Fortschritt gibt, werden immer weniger Landwirte immer mehr oder mind. gleichviel produzieren. Wenn gleichzeitig die Bevölkerung älter wird, weniger wird, sich anders zusammensetzt, sinkt die Nachfrage (nicht in allen Bereichen, siehe Eier, Hähnchenfleisch). Außerdem: Mehr als essen , geht nicht. Die Bevölkerung ist ohnehin zu dick. Man kann nur mehr wegwerfen, was ja auch geschehen ist und geschieht.

    Der Druck auf die landw. Erzeugerpreise ausgehend vom Verbraucher über den LEH kann nur dann gemildert oder ausgeschaltet werden, wenn in der 1. Erfassungs- und Verarbeitungsstufe die Mengen begrenzt werden zum Vorteil derjenigen, die im System sind also Verträge besitzen.

    Bleibt das Problem offener Grenzen, bleibt das Problem kostensteigernder nationaler Sonderwege, bleibt das Problem im Abbau der vorhandenen, bestehenden Überkapazitäten, bei Milch und Schweinefleisch.

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    • Reinhard Seevers sagt

      Für mich bleibt die Frage, wie es so plötzlich zu einem derartigen Einbruch z.B. beim Schweinefleisch kommen konnte. Noch vor zwei Jahren waren die Vorzeichen ganz andere.
      Bei der Milch ist es ganz merkwürdig, hier sind Kapazitätsausschläge von +- 1% Existenz -relevant geworden. Hat der Markt Signale zurück gehalten?

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      • Arnold Krämer sagt

        Das Schweinefleisch aus Spanien (mittlerweile größter Produzent in der EU) fließt wegen ASP nicht mehr nach China ab.
        Zyklus in D: Sauenhalter hatten wirtschaftlich 3 sehr gut Jahre.

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        • Arnold Krämer sagt

          Auch Milchbauern haben in den letzten Jahren gut und sehr gut verdient. Niemand hindert dann Kuhbauern und Sauenhalter, mehr zu produzieren. Sie dürfen ihren jeweiligen Rohstoffmarkt ungehindert fluten. Wenn das dann mit ungünstigen Warenströmen aus dem Ausland zusammenkommt, ist der Preisverfall die natürlichste Sache der Welt. Die Milch wird ja nicht in die Kanalisation geleitet und die Ferkel nicht in den Wald gejagt. Und stapeln können die Bauern auch nichts.

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        • Schorsch Summerer sagt

          Vergleicht man die Getreideexporte der Ukraine nach Spanien von früher zu jetzt und vergleicht man das mit der spanischen Schweinemast dann fällt auf dass sie vor allem seit dem beginn des Krieges massiv ausgeweitet wurden. Die Ukraine beliefert also richtigerweise nicht Deutschland mit Weizen aber indirekt über Spanien eben schon. Zumindest wird der europäische Markt mit Schweinefleisch vollgestopft.
          Und welche Möglichkeit als Landwirt hat man denn zum Überleben als dass man sich den Märkten mit Kostenreduzierung durch den Skaleneffekt stellt. Wenn man nicht schon längst an den anderen Schrauben gedreht hat dann wird es doch eh schwierig. Wer überleben will kommt am investieren nicht vorbei. Das ist in jeder Branche so. Oder man findet sich mit der langfristigen Aufgabe des Betriebes ab. Ob einem das gefällt oder nicht das wird niemand gefragt.
          Und in den landwirtschaftlichen Märkten gibt es noch besondere Probleme. Sie sind nur ausreichend versorgt wenn sie überversorgt sind! Ein eventueller Mangel wie vor kurzem bei Milch löst sofort Preissteigerungen aus und hohe Preise sorgen dafür dass die Warenströme in die Richtung der hohen Preise wandern. Zudem versuchen dann viele Landwirte ihren Investitionsstau aufzulösen, sprich sie investieren. und im nu ist der Markt wieder überversorgt.

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  6. Schorsch Summerer sagt

    Ja, auch bei uns läuft es ähnlich ab. Lösungen? Gibt es nicht. Jedenfalls keine die durchsetzbar ist.
    Will es denn der Verbraucher? Das sind in Deutschland fast 99%! Die Wahrheit kommt immer beim Einkauf. Alle guten Vorsätze sind da schnell vergessen. Vor allem wenn es um Preise geht. Freiwillig weil man sich so entscheidet und unfreiwillig weil man nicht anders kann oder andere Dinge wichtiger sind.
    Der Preis für den Erzeuger ist eine gesellschaftliche und eine politische Entscheidung. Man könnte vielleicht kritisieren dass unsere 4 Grosshändler zu gross sind und deshalb für die Besitzer sehr viel Geld abwirft. Realistisch sind sie mit diesem Modell extrem erfolgreich und niemand denkt daran die eigentlich notwendige Teilung dieser Unternehmen durchzuführen. Es könnten ja die Produkte teurer werden. Bei den Molkereien ist es nicht anders. Ich habe mich mal mit einem Finanzler der Nordmilch unterhalten. Der sagte klipp und klar, natürlich sieht die Molkerei die Probleme bei den Bauern doch wenn diese zu viel ausbezahlt sind sie pleite. Wenn sie beim Handel zuviel verlangt sind sie aus dem Geschäft. Das geht schneller als man bis drei zählen kann. Siehe aktuell die Almil.
    Dann sind ja auch noch das Thema Aussenhandel und Arbeitsplätze. Mit der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Krise ist an eine Veränderung in diesem System nicht zu denken. Da sollte man sich nichts vormachen. Und doch gibt es immer wieder eine Zukunft. Es weiß nur niemand wie die für den Einzelnen aussieht.

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  7. Limes sagt

    so isses
    Interessante und treffende Beschreibung der Entwicklung und Situation seit weit mehr als 100 Jahren. Eine sinnvolle Alternative konnte der Autor nicht auf zeigen.
    Eher mystisch wird ein Jungbauer erwähnt der sich über die Agrarindustrie, was auch immer das sein mag, beschwert aber sich nicht engagieren will.

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    • Schorsch Summerer sagt

      Das ist die Realität. Genau so ist das. Sehen sie sich die Funktionäre und deren Betriebe an. Entweder auslaufend bzw Tierhaltung reduziert oder es sind die Nachfolger bereits so involviert dass eine Abwesenheit kein Problem darstellt. Oder sie haben Betriebe mit Angestellten.

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      • evonik sagt

        Es gibt schon Alternativen. Ich wäre für Ernährungskompetenz in Bauernhand. Der Fußballer Haaland trinkt z. B. Rohmilch. Rohmilch in großen Mengen an die Verbraucher zu bringen unter Umgehung der Konzerne wäre einen Versuch wert.

        Ich habe zu einem der aktiven Unterstützer einer Demeter-Gruppe hier etwas negatives über Bio gesagt und habe seitdem ca. 1000 Zugriffe auf meine Website pro Tag.
        Jetzt muss ich wohl aktiver werden.

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        • evonik sagt

          Und noch etwas:

          Anschläge habe ich seit dem auch wieder:

          Ich habe vor ein paar Tagen abends das Mähwerk angehängt. Dann Beides im Hof stehen lassen und am nächsten Morgen eine Ölspur gezogen. Dann alarmiert mich mein Sohn und wir stellen fest dass der Öldeckel locker ist.
          Wo ich abends vor dem Anhängen des Mähwerks gefahren bin war noch keine Ölspur.

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        • Bauer Willi sagt

          @Evonik
          Unseren jungen Leute sind gerade im Urlaub. Wie nicht anders von einem Bauernsohn denkbar, Urlaub auf dem Bauernhof. 🙂
          Unser Sohn (37) hat Rohmilch getrunken. Zwei Tage Urlaub auf dem Klo und im Bett verbracht. Dabei hohes Fieber. Der trinkt nie mehr Rohmilch, egal ob Bio oder nicht.

          Ich bin selbst 14 Jahre im Vorstand einer Genossenschaft gewesen. Es ist genau so wie es Jürg beschreibt. „Willi, mach das, Du kannst gut reden und hast studiert“. Ich habe mich nach 14 Jahren geweigert, es noch weiter zu machen. Sonst hätte man mich wieder gewählt.

          Ich finde den Begriff „Konzerne“ wenig sinnvoll. Ist unsere Genossenschaft mit einem Umsatz von 200 Mio. € ein Konzern? Ist ein Familienunternehmen mit 4 Mrd. € ein Konzern? Ich habe für ein solches Unternehmen 25 Jahre sehr gerne gearbeitet. Weil es ein Familienunternehmen war.

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          • evonik sagt

            Ich weiß schon. Vor Jahren habe ich mal einen Rohmilch-Joghurt beim Tag der offenen Tür auf einem Biohof gekauft. Am Montag gegessen und am Mittwoch bin ich gelegen:

            Campylo Bacter

            Es sind natürlich schon noch Maßnahmen erforderlich. Z.B. müsste man einen Grenzwert für Campylobacter pro ml ermitteln und festlegen. Und wenn dann die Leuts an ein paar Bacters gewöhnt wären könnte es funktionieren.

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            • Schorsch Summerer sagt

              Ich mag eigentlich Rohmilch. Doch obwohl ich von Kindesbeinen auf Rohmilch getrunken habe hat es mich jetzt doch erwischt, ich vertrage sie auf einmal nicht mehr ohne Bauchweh und Dünnsch… Sie können doch jetzt nicht ernsthaft verlangen dass sich die Leute an flüssigerem Stuhlgang gewöhnen sollen. Ganz abgesehen dass eben doch eine reelle Infektionsgefahr vor allem bei geschwächten Menschen davon ausgeht. Wie oft gedenkt denn der Herr/Frau dass die Milch untersucht wird? Täglich, wöchentlich, monatlich? Wer bezahlt das und wer bezahlt wenn des dann doch mal schiefgeht? Glauben Sie denn dass das besonders werbewirksam ist wenn es heißt: geniessen Sie Rohmilch, auch wenn flüssigerer Stuhlgang nicht ausgeschlaossen werden kann?

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              • evonik sagt

                Sie können doch jetzt nicht ernsthaft verlangen dass sich die Leute an flüssigerem Stuhlgang gewöhnen sollen.

                Sie schreiben doch selber, dass Sie die Rohmilch lange vertragen haben. Und das ohne besondere Maßnahmen.

                Warum das jetzt anders ist-> Dafür gibt es theoretisch viele mögliche Ursachen! Z.B. dass im Alter das Immunsystem schlechter wird. Oder Sie haben einen neuen Keim im Stall. Oder…..!

                Was die Untersuchungen anbetrifft:

                Moderne Melksysteme messen ja schon jedesmal Temperatur und Leitfähigkeit der Milch. Da könnte man ja noch etwas dazu bauen.

                Dazu ein kleines Labor neben der Milchkammer und eine landwirtschaftlich technische Assistentin, wie sie in Kiel ausgebildet werden, die auch noch in der Landwirtschaft aushelfen kann bei Bedarf. Ich sage mal ab 500 000 l Milch im Jahr müsste so etwas bei entsprechenden Preisen zu finanzieren sein. Ein Labor könnten auch mehrere Landwirte gemeinsam betreiben.

                Natürlich höchste Sauberkeit mit z.B. Melkroboter auf der Weide (statt MuKu) und im Winter viel Stroh.

      • Limes sagt

        Ihren Beitrag sehe ich als realistische Beschreibung.
        Die beschriebene Struktur Bauern schliessen sich in einem Verband/Genossenschaft zusammen und verkaufen ihre Produkte an eine landwirtschaftlich Genossenschaft zur Verarbeitung ist ein bewährter Ablauf. Grosse relevante Unternehmen mit genossenschaftlicher Struktur in D aber Ursprung im Ausland sind Arla, (DK) Friesland Campina (NL)
        Auch gängig und bedeutend Rohprodukte wie z.B Milch werden von privaten Organisationen (Bsp Müller) erfasst. Das ist auf der Verarbeitungsstufe eine Alternative. Es ändert sich allerdings nichts wesentlich im Vergleich zu genossenschaftlichen Verarbeitern.
        Eine kleine Nische ist die Direktvermarktung, Erzeuger verkaufen ihre Produkte unabhängig von anderen Berufskollegen und Verarbeitern direkt an Endkunden/Verbraucher. Das wird aber immer eine Randerscheinung bleiben denn der Aufwand ist immens und die örtliche Trennung zwischen Verbraucher und Produzent kaum zu überwinden. Hinzu kommen meist hohe Stückkosten und bei breiterem Angebot muß zugekauft werden um für Kunden interessant zu bleiben.
        Aufgrund des enormen Kapitaleinsatzes für Werke, Vermarktung etc sehe ich keine bessere Alternativ als grosse Verarbeiter entweder genossenscahftlich oder privat geführt denn auf jeder Stufe ob Landwirt oder Verarbeiter zählen jeweils die geringsten Stückkosten.
        Ja und was der Kunde und die Politik wünscht is offensichtlich günstige Lebensmittel. Das wird sich nicht ändern.

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      • Arnold Krämer sagt

        Nur Landwirte und Erstverarbeiter zusammen können eine Gegenmacht zum LEH bilden. In Teilmärkten gelingt das auch. Es dürfen dann aber nicht zuviele Einheiten auf der Angebotsseite für die konsumfähige Ware übrig bleiben.
        Und die Erzeugungsmenge muss durch die Erstverarbeiter im Rahmen biologischer Varianz knallhart gesteuert werden. Das wird nicht jedem Landwirt gefallen. Und der Übergang ist auch für die Molkereien, Schlachtereien nicht leicht zu organisieren. Mit welchen Landwirten will man in welchen Größenordnungen weiterarbeiten? Wie verhalten sich die Mitbewerber? Hat man selbst eine strategische Göße erreicht, an der weder Konkurrenten noch LEH vorbei kommen?
        Aber anders kommt man aus der Misere nicht raus, weder in der Schweiz noch in D.

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        • Reinhard Seevers sagt

          „Hat man selbst eine strategische Größe erreicht, an der weder Konkurrenten noch LEH vorbei kommen?“
          Diese Frage führt und führte ja zu den Investitionen in Größenordnungen, welche immer nach oben korrigiert werden und wurden. Mittlerweile sind aber die Investitionskosten und die Bedingungen so hoch, dass eben solche Investitionen nicht mehr abbildbar sind.
          Das gilt sowohl für Erzeuger als auch für Verarbeiter. Fragt sich also, wo kommt das Kapital her, und wer ist bereit das Risiko zu tragen.

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          • Arnold Krämer sagt

            Mißverständnis: Es geht um die Größe der Verarbeiter/Integratoren wie Tönnies, Westfleisch, DMK oder ähnliche. Die sind es ja, die dem LEH möglichst auf Augenhöhe begegnen müssen.
            Die Landwirte sollten mit ihrer Produktion so groß sein, dass man sie mit ganzen LKW-Zügen bedienen kann. Das ist garnicht so dramatisch groß oder viel.

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            • schmeckt gut sagt

              So sieht es leider aus. Regional wird gerne mitgenommen, aber Leistung und EK müssen dann passen, sonst wird im Ausland nachgefragt. Und wie ich es schon mehrfach beschrieben habe: Gekauft wird dann nicht im Kleinbetrieb des aufstrebenden Agrarexportlandes, sondern im leistungsfähigen, kapital- und ressourcenintensiven „Mega“-betrieb oder Konzern, um auch sicher die anvisieren Lieferungen am POS verkaufen zu können. Es ist schon pervers, wenn man die „Blümchen“-Werbung im LEH liest und dann mit der knallharten Realität umgehen muss.

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          • Bauer Willi sagt

            @RS
            In der Nachbarschaft produziert ein „Landwirt“ frische Kräuter. (Kräuter-Herrmann). Vor 10 Jahren 200 ha Pachtland (15 ha Eigentum) , heute 1.000 ha. Alles wird frisch vermarktet. Er ist einer von 4 Unternehmen in Deutschland, die die Kräuter in 100 g Schälchen konfektioniert ins Zentrallager bringt. An ihm kommt so schnell keiner vorbei. Eben weil er die Nebenleistung „Konfektionierung“ mitbringt.
            Übrigens heißt der Senior-Chef Willi…. ein Zeichen für was? 🙂

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    • evonik sagt

      Der Jungbauer ist ja auch noch Bio-Bauer!!!

      Aber der braucht sich ja nicht groß bemühen, denn der kann von den Subventionen leben.

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  8. Thomas Bröcker sagt

    Mal ganz vereinfacht gesagt: durch die (gewollte) Macht des Handels wandert die Erzeugung solange nach „Billigheim“ bis auch dort nichts mehr geht. Dann kommt das Geschwätz von „Heimat“ und „Resilienz“ und man versuch die Reste „dohoam“ wieder zu aktivieren.

    Die Antwort kann eigentlich nur sein, Grenzen weg, gleiche Löhne, gleiche politische Rahmenbedingungen für alle. Das wird schon deshalb nicht passieren, weil es die Macht des Handels und andere gesellschaftliche Partialinteressen berührt.

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    • Reinhard Seevers sagt

      Der eigene Anteil auf den Regelkreis für Einflussmöglichkeiten ist für den Einzelbetrieb eigentlich gleich Null.
      Globalisierung- Europäisches Rechtssystem-nationale Auflagen-Oligopol in der Vermarktung-geringe politische Relevanz———
      Wo in der Kette gibt es für den Einzelnen wirkmächtige Einflussmöglichkeiten? Ist eine wirkmächtige Interessengruppe vorhanden oder handlungsfähig? Ich sehe die Erzeuger als reine Verfügungsmasse, die benutzt und genutzt werden kann, wie es andere Akteure möchten.

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      • Bauer Willi sagt

        @RS
        Gilt das mit der Verfügungsmasse nicht auch für den Verbraucher? Mal ganz dumm gefragt…

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    • evonik sagt

      Macht des Handels wandert die Erzeugung solange nach „Billigheim“ bis auch dort nichts mehr geht.

      Hier wurden immer die größten Milchbauern in den Vorstand der MEG gewählt. Beim BV ist es ähnlich.
      Dann wird alles so gesteuert, dass es für die großen ( größten) Milchbauern noch reicht. Deshalb wird am Ende wohl schon eine Produktion bleiben.

      Das Land wird aber zum billigen und ausgebeuteten Rohstofflieferanten für den urbanen Bereich werden und die verbleibenden Bauern werden wieder eine Junker-Mentalität entwickeln.

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    • Arnold Krämer sagt

      Landwirtschaftliche Betriebe, die „weg“ sind. kommen nicht wieder, weil der Kapitalaufwand einfach viel zu hoch ist. Deshalb werden die verbleibenden immer größer oder wandern in die Verantwortung von Unternehmen des vor- und nachgelagerten Sektors (siehe Schweinesektor). Letzterer muss allerdings auch immer vollkostendeckend arbeiten oder quersubventionieren. Das ist die Chance für leistungsstarke landw. Familienbetriebe mit den „richtigen“ Betriebszweigen, wie ich an vielen Buchführungsergebnissen der letzten Jahre erkennen kann.

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  9. Reinhard Seevers sagt

    Eine gute und umfassende Beschreibung der Wirklichkeit. Es ist sogar eine gute Darstellung einer funktionierenden institutionalisierten demokratischen Gesellschaft in der sich entwickelnden westlichen Werteorientierung.
    Alle haben alles richtig gemacht, so scheint es.
    Es fehlt leider die Perspektive für eine Zukunft.

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    • Bauer Willi sagt

      @RS
      Haben Sie eine? Wie könnte es anders organisiert werden? Mir fehlt da auch die Idee. Zumindest, wenn es demokratisch ablaufen sollte. In einer Diktatur wäre es ja einfach…

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      • Reinhard Seevers sagt

        Ich habe auch keine Idee, aber deshalb gibt es ja u.a. diesen Blog…..um Ideen zu identifizieren durch wiederholtes Diskutieren z.B.
        Ich könnte es ja auch einfacher formulieren: Die Beschreibung des Istzustandes aufgrund der Vergangenheit ist perfekt gelungen…..was in Zukunft passiert oder passieren muss? Keine Ahnung, wird schon irgendwie weitergehen, jeder muss sehen, wie er durchs Loch kommt.

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      • Heike Müller sagt

        Zumal es in der Diktatur, die ich kennengelernt habe, auch nicht funktioniert hat.

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        • Bauer Willi sagt

          @Heike
          Ich durfte die Reste 1990 noch sehen. Aber es gibt halt Menschen, die den anderen nach dem Mund reden ohne bisher beweisen mussten, es auch zu können. Und die Menschen fallen (wieder) darauf rein.
          Ich möchte auch nicht, dass „man die mal ranlassen sollte um es mal zu probieren“. Das ist in unserer Geschichte schon mal richtig schief gegangen.

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          • Reinhard Seevers sagt

            Die, die an der Macht waren und sind, die haben bewiesen, dass sie es nicht können und konnten.
            Denen, die aus der Opposition kommen vorzuwerfen, dass sie etwas nicht können würden, ohne es beweisen zu dürfen oder zu können, ohne aber auch Schuld an der derzeitigen Lage zu sein, dass ist schon krasse Realitätsverschiebung.
            In der heutigen Kreiszeitung steht ein Kommentar eines Redakteurs, der sich wünscht mehr Hintergrundinformationen von den Abgeordneten zur Kommunalwahl zu erhalten, sonst wüsste man ja gar nicht, für was sie stehen oder was sie ändern wollten. Na Mensch, Guck mal…..sollte man diese Menschen den überhaupt ranlassen?
            Es herrscht inzwischen ein ganz merkwürdiges Demokratieverständnis in diesem Land, wie es scheint…..jeder hat seine.

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        • Pälzer Buh sagt

          In einer gewissen Art und Weise ist auch eine Diktatur (oder Kommunismus) sinnvoll, zumindest solange diese den Kapitalismus integriert. China wäre so ein Fallbeispiel, noch dazu mit einem „LANGFRISTIGEN“ Plan (Neue Seidenstraße).
          Alles ist nicht mein Fall,… ich wollte es nur erwähnt haben.

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