Monate: Oktober 2020

Das Meinungskarusell

Bauer Fritz (Ober-Österreich) hat mir einen Brief geschrieben. Passt.  Hallo Willi, Man hat sich ja dieser Tage in der EU auf die Agrarreform geeinigt. Waren viele Agrarexperten aus allen Mitgliedsländern dabei und haben ihre Köpfe rauchen lassen (hoffe ich mal). Herausgekommen ist (wie üblich und normal) ein Kompromiss. Es dauerte keine paar Minuten, da haben die üblichen NGO´s nach genauester Prüfung der Vereinbarung ihren diffizilst ausformulierten Kommentar der Welt kundgetan (Standardvariante: alles zu wenig, zu spät, vertane Chance, wir werden alle deshalb demnächst sterben, die Agrarlobby hat wieder mal ….; und die Gesellschaft, die Insekten und die Umwelt schauen durch die Finger). Natürlich haben sie in den paar Minuten alles genauestens geprüft, alle Details bedacht und alle nur erdenklichen Folgen abgewogen. Einen Tag später haben alle Zeitungen, die was auf sich halten, durch ihre Wirtschaftsredakteure oder Lifestyle-Redakteure oder einfach durch den jüngsten Praktikanten diese EU-Agrarvereinbarungen ebenfalls auf Herz und Nieren geprüft und sind nach Bedenken aller Details und nach Pro- und Kontra-Abwägen aller nur erdenklichen Folgen zu fachlich hochstehenden Kommentaren und Beschreibungen gekommen, die sie …

Liebe Tagesschau: warum lügt ihr?

Dieser Kommentar der Tagesschau erschien am 21.10.2020. Er ist mehr als ärgerlich, weil er in manchen Dingen einfach lügt: („Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der Empfänger sie glaubt.“ Quelle Wikipedia) https://www.tagesschau.de/kommentar/eu-agrarreform-113.html Hier nur einige Punkte: Subventionen für die Landwirtschaft sind wichtig. Ohne sie könnten die Bauern in Europa keine Lebensmittel erzeugen. Stimmt nicht. Wir Bauern können ohne Subventionen Lebensmittel erzeugen. Die sind dann nur wesentlich teurer. Oder sie kommen billig aus dem Ausland, mit niedrigeren Standards. Somit machen Subventionen Lebensmittel billig. Das nutzt dem Verbraucher. Nur ein Viertel der Insektenbestände in Deutschland hat die letzten 30 Jahre Intensivlandwirtschaft überstanden. In den Feldern sieht man Rebhühner und Lerchen nur noch selten. Stimmt nicht. Der Rückgang der Masse der Fluginsekten in Naturschutzgebieten ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen. Die Landwirtschaft ist nur ein Teil davon. Wenn Sie Rebhühner sehen und viele Lerchen singen hören wollen, kommen Sie zu uns. Unser Grundwasser ist mit Nitrat belastet, der Einsatz von …

Haben wir den Hauch einer Ahnung?

Der Gastkommentar stammt heute von Dr. agr. Thomas Aßheuer (60) aus Berlin. Thomas arbeitet seit 10 Jahren in der öffentlichen Forschungsförderung des Bundes im Projektmanagement und betreut überwiegend Projekte der Agrarforschung. Er ist Agraringenieur, Fachrichtung Pflanzenproduktion und hat im Bereich Agrarökologie im Gießener Bodenbearbeitungsprojekt promoviert. Danach folgten viele Jahre als selbstständiger Shiitake-Pilzzüchter im Familienbetrieb und vier Jahre als Produktentwickler in der Biotechnologie. Er äußert hier seine private Meinung. Haben wir den Hauch einer Ahnung, was Biodiversität eigentlich ist? von Dr. agr. Thomas Aßheuer, Berlin, Oktober 2020  Vor ein paar Wochen schrieb ich eine Antwort auf einen Tweet von Bauer Willi, der sich – zu Recht wie ich finde – über eine Grafik des WDR aufgeregt hat. Thema: Biodiversitätsverlust. Hauptübeltäter: Die Landwirtschaft, natürlich. Mein Kommentar dazu: „Lieber Willi, ich habe über Biodiversität auf dem Acker promoviert[1] und zwei Dinge dabei gelernt: Traue keiner Zahl und wir haben nicht den Hauch einer Ahnung was Biodiversität eigentlich ist. Bitte machen Sie weiter Ihre Arbeit und lassen Sie sich nicht provozieren oder entmutigen.“ Natürlich führen Tweets zu starken Verkürzungen, …

Diskussion auf Augenhöhe

Den obigen Text habe ich von jemandem erhalten, der im Agrarbereich unterwegs ist und sich bemüht, den Mitmenschen Landwirtschaft zu erklären. Diskussionen werden schwierig, wenn Wissen fehlt. Mir ist das auch schon so gegangen. Wie soll ich reagieren, wenn eine Journalistin eines großen Fernsehsenders anruft und mich fragt, wie ich als Bauer reagieren würde, „wenn demnächst Nitrat verboten wird?“ (Es ging um die Düngeverordnung) Wie soll ich reagieren, wenn eine Journalistin, die auch schon mal im Presseclub sitzt, auf die Frage, was ich denn anbauen soll, wenn ein Zuckerrüben-Anbau wegen fehlender Betriebsmittel unmöglich wird, auf Leinsamen, Buchweizen und Lupinen verweist. Wie soll ich reagieren, wenn der Präsident des Deutschen Imkerbundes dafür plädiert, deutschlandweit mehr Leindotter anzubauen, weil das gut für die Honigbienen ist. Ich bringe die Beispiele nicht, um die Personen lächerlich zu machen. Es ist nicht schlimm, wenn jemand etwas nicht weiß. Aber etwas nicht zu wissen und darüber zu urteilen, ist das Problem. Weil dann eben keine Diskussion auf Augenhöhe mehr möglich ist. Und was Leinsamen angeht: https://www.lr-online.de/lausitz/weisswasser/warum-in-der-lausitz-der-rohstoff-fuers-leinoel-knapp-ist-33271998.html Das mit den 82 Millionen …

Abenteuer Ernte – eine wunderbare Reportage

Selten habe ich eine Reportage gesehen, die so umfassend und – das ist das Besondere – ohne jede Wertung über die moderne (andere sagen „industrielle“) Landwirtschaft berichtet. Ein ganz großes Kompliment und vielen Dank an den NDR und an die sehr sympathischen Moderatoren. 🙂 Hier die Ankündigung, die Appetit auf mehr macht: „So haben viele die Landwirtschaft noch nie gesehen: Ein Vollernter holt sechs Tonnen Bohnen in nur einer Stunde vom Feld, ein 32 Hektar großes Weizenfeld wird innerhalb von drei Stunden komplett abgemäht oder eine einzige Pflanzmaschine bringt pro Tag bis zu einer Million Eisbergsalatpflänzchen in den Boden. Das sind Dimensionen, kaum vorstellbar!“ Das waren rund eineinhalb Stunden, in denen ich viele neue Einblicke gewonnen habe. Ist was für einen Regentag oder das Wochenende. Unbedingt anschauen! https://www.ndr.de/fernsehen/Abenteuer-Ernte,doku1890.html https://www.ardmediathek.de/ndr/video/abenteuer-ernte/ndr-fernsehen/Y3JpZDovL25kci5kZS9lZGY0ZWQyZi05MjRlLTRlZWYtYTUxNy1jZmM2ODhkMDAzOTg/   3+

Es ist Zeit, aufzuhören…

Am 20. Oktober 2020 hatten wir die Generalversammlung „meiner“ Genossenschaft. Wegen Corona leider in digitaler Form. Es war meine letzte Aktion als Vorstandsmitglied. 13 Jahre durfte ich die Wege der Genossenschaft mit begleiten und es hat viel Freude gemacht. Ich habe mein Amt niedergelegt und an einen Jüngeren abgegeben, der als bisheriges Aufsichtsratsmitglied über alle Belange Bescheid weiß. Ein ruhige, geplante und einvernehmliche Übergabe des Staffelstabs. Es ist gut, wenn die Nachfolge vorbereitet und früh genug geregelt wird. Es ist nicht nur das Alter, dass mich veranlasst hat, aufzuhören. Es war die Überlegung, dass es für das Unternehmen Genossenschaft das Beste ist, wenn neue und andere Ideen Raum finden können. Es geht ja um die Sache und nicht um Personen und Posten. Und dann ist da noch was: Ich bin bisher immer mit 100% wiedergewählt worden. Ich wollte nicht warten, bis die Zahl kleiner wird, Kritik einsetzt und schließlich unüberhörbar wird. So bleibt man (hoffentlich) in guter Erinnerung. Man muss halt wissen, wann es Zeit wird, aufzuhören.           2+

Der WWF, die Bauern und der Konsument…

Eine aktuelle Recherche von Bauer Fritz aus Ober-Österreich Immer öfter kommen Meldungen, daß Erzeugnisse von Bauern, die sie nach den Anforderungen und Vorstellungen diverser NGO´s und unter deren Schutz und Schirm herstellen, nach eher überschaubaren Zeiträumen eingestellt werden (müssen). Selten aus Unzulänglichkeiten von Bauernseite, die sich immer mit ebensoviel Verve und Engagement wie mit finanziellen oder baulichen Vorleistung in solche Projekte begeben, sondern vorwiegend  aus den betriebswirtschaftlich nicht mehr darstellbaren Ungleichgewichten zwischen Einnahmen und Ausgaben oder Angebot und Nachfrage. Jüngstes Beispiel: Das war im Oktober 2017 zu lesen: https://www.wwf.at/de/reine-lungau/ Voller Begeisterung lobt der WWF die Zusammenarbeit mit der Salzburg-Milch und die Schaffung einer neuen Marke. Das war im Juni 2019 zu lesen: https://www.genuss-magazin.eu/produktion/2019/06/reine-lungau.html Nun lobt eine Genuss-Zeitung die Initiative der Biospären-Milch, für die die Bauern immerhin 70 Cent pro Liter bekommen. Bei einer Milchleistung pro Kuh von 4.800 kg. Und der Chef der Molkerei meint: „Eine Milch dieser Art, aufgeladen mit den ehrlichsten und besten Werten, von Experten entwickelt und überprüft, die dem Bauern für seine tägliche Arbeit auch eine entsprechende Wertschöpfung beziehungsweise Abgeltung ermöglicht …

Zukunft – Kommission – Landwirtschaft

Am 20.10 2020 tagt wieder die Zukunftskommission Landwirtschaft. Nur kurz zur Erinnerung: Anfang September 2019 wurde das Agrarpaket der Bundesregierung vorgestellt. Wenige Tage später tauchten die ersten grünen Kreuze auf, als stiller Protest. Diese Welle der Solidarität führte zu der Bewegung von „Land schafft Verbindung“, die diverse Demonstrationen organisierte. Ein lauter Protest. Dieser führte schließlich zu einer Einladung ins Bundeskanzleramt. Dort wurde die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ aus der Taufe gehoben. Warum es die Kommission gibt Was hat die Landwirte dazu gebracht, aus eigenem Antrieb und ohne die etablierten Organisationen Kreuze aufzustellen und auf die Trecker zu steigen? Es war die blanke Angst. Angst um die Zukunft ihrer Betriebe und ihrer Familien. Und es ist immer noch die Angst, bei den immer neuen Pakten, Deals und Strategien nicht mehr mitzukommen, abgehängt zu werden, und schließlich den Betrieb aufgeben zu müssen. Zahlreiche Maßnahmen die nicht mehr leistbar sind, im Falle des Insektenprogramm einer Enteignung gleichkommen und jegliche kooperative Ansätze vermissen lassen, die Düngeverordnung, die aufgrund zweifelhafter Daten verabschiedet wurde, die EU-Strategie Farm to Fork mit weiteren Forderungen und …