Monate: Juni 2020

Stachel im Fleisch

Die letzten Tage haben gezeigt, dass die Deutschen an Scheinheiligkeit und Schizophrenität kaum noch zu überbieten sind. Sie brauchen einen Beleg? Gerne. Das letzte Politbarometer des ZDF hatte gefragt, ob der Bürger für eine Verschärfung der Gesetze in der Fleischindustrie sei, auch wenn das Fleisch dann teurer würde. 92% der Deutschen unterstützen dies. Dass die meisten Menschen bei uns bereit wären, dann auch mehr Geld für Fleisch und Wurst auszugeben, glauben nur 55 Prozent, 42 Prozent bezweifeln das. Und wenn dann die Frage gelautet hätte, ob man persönlich bereit wäre, mehr zu zahlen, wäre der Prozentsatz wohl noch niedriger ausgefallen. So belügen wir uns selbst. Wer hält denn den Bürger heute davon ab, Fleisch aus einer Tierhaltung zu kaufen, die seinen Vorstellungen entspricht? Gibt es alles schon heute auf dem Markt zu kaufen, egal ob Bio, Aktivstall, Strohschwein oder höhere Tierwohlstufen als Stufe 1. Wozu also warten? Und was der Markt will, werden wir Bauern liefern. Jeder Kauf ist der Auftrag, das Produkt in gleicher Weise noch einmal herzustellen. Und das machen wir. Oder hat …

Betriebskontrolle – einmal anders

Betriebskontrollen mag niemand. Und wenn man weiß, dass die Cross-Compliance-„Fibel“ über 100 Seiten hat, kann man sich nie sicher sein, ob man nicht die ein oder andere Vorschrift übersehen hat. Ein Berufskollege hat da eine Idee: wir wollen ja gut sein und alles richtig machen. Und das geht ganz einfach: Wenn sich die nächste Kontrolle ansagt, rufen wir unsere Berufskollegen an und fragen sie, ob sie bei der Kontrolle für ein paar Stunden dabei sein möchten. Wenn der Prüfer dann auf den Betrieb kommt, und 10 bis 15 lernwillige und wissbegierige Landwirte vorfindet, wird es sich sicher freuen. Denn bisher musste er sich nur mit dem Betriebsleiter abfinden und das war meistens sehr langweilig. Nun kann er, der Kontrolleur, erklären, warum er welche Frage stellt, kann Hinweise geben, wie welches Formular auszufüllen ist, kurzum, er kann als sein gesammeltes Wissen und seine Erfahrung einem breiten Publikum nahebringen. Ich finde die Idee gut. Denn sollte es im Nachgang zur Prüfung unterschiedliche Ansichten geben, kann man ja auf unabhängige Zeugen zurückgreifen. 🙂 Bauer Willi 13

Julia Klöckner zum „Fleischgipfel“

Wer heute, am Samstag abend etwas Ruhe und Zeit hat, hier ein Interview als Podcast aus Gabor Steingarts Morning-Briefing. Auf die teils etwas frechen Fragen antwortet Frau Klöckner sachlich und überlegt. Ich finde das Interview gelungen und hörenswert. Was nicht heißt, dass ich Ihr in allen Punkten zustimme. Wo ich ihr zustimme: es gibt Zielkonflikte und müssen uns entscheiden, was wir lieber wollen. Und dann eben auf das andere verzichten. https://dasmorningbriefing.podigee.io/566-neue-episode Technischer Hinweis: das eigentliche Interview kommt erst nach rund 3 Minuten. Mit dem Regler bis dahin schieben. 0

Gewinnmaximierung für den LEH – dank Corona

Eine Reportage des ARD-Magazin „Markt“ zur Preisentwicklung bei Lebensmitteln. Der Gewinner ist der Lebensmitteleinzelhandel (LEH), der zum Teil trotz gesunkener Einkaufspreise die Verkaufspreise erhöht haben. Ergebnis: noch mehr Marge. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTMwOWQ1YmE4LWMzY2UtNGVhZC1hM2VhLWFkNGU2NDFiYTdjOQ/preisexplosion-im-supermarkt-dank-corona?fbclid=IwAR3lqwCiGxDGDHTJuPeNZTjbni2qRyA5tqWfuHaZ5VGcYQC1acHRigXvGPI   1

Umfrage FH Südwestfalen – für Tierhalter

An der Fachhochhochschule Südwestfalen, FB Agrarwirtschaft, geht eine Gruppe von Wissenschaftlern der Frage nach, wie praxistauglich die Tierwohl- und Nachhaltigkeitsprogramme für TIERHALTER sind? Wie rechnen sich die Programme? Und was müsste sich ändern, damit mehr Betriebe daran teilnehmen? Hier der Link zur Online-Umfrage: (sorry, ich hoffe, der Link funktioniert jetzt) https://limesurvey.fh-swf.de/index.php?r=survey/index&sid=454118&lang=de&fbclid=IwAR1-COeq-zNhH7NXPHvl05W8QLXgPojf6NUi7AcdRaScbMeJQuAWT2krSnE Als Dankeschön werden unter allen Teilnehmern 10 x 50 Euro Gutscheine von Engelbert Strauss verlost. Die Ergebnisse der Umfrage sollen mir zur Verfügung gestellt werden. Dann berichte ich hier darüber.     0

Vergessene Krankheiten

Die Verbrauchergewohnheiten haben sich geändert, die Bauern haben sich angepasst. Überall sieht man jetzt Hühnermobile auf den Wiesen stehen. Aber so ganz risikolos ist das nicht, weil jetzt wieder Krankheiten auftreten, die man schon vergessen hatte. https://www.bft-online.de/pressemitteilungen/vergessene-erkrankungen-kehren-zurueck/ „Wie früher“ ist gesundheitlich kein Fortschritt. Freilaufende Eier  🙂 bergen auch Gefahren. 🙁   3

Ethik und Tierwohl

Arnold Krämer hat sich die Stellungnahme des Ethikrates zum Tierwohl durchgelesen und zusammengefasst. Am Ende findet ihr seine Bewertung. Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich entsprechend seinem gesetzlichen Auftrag mit den großen Fragen des Lebens. In seiner aktuellen Stellungnahme vom 16. Juni 2020 „Tierwohlachtung – zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren“ fordert er eine stärkere Achtung des Tierwohls und spricht im Abschnitt 5 relativ konkrete Empfehlungen für einen „vernünftigen“ Umgang mit Nutztieren aus. In der Einleitung zu diesen Empfehlungen (Seite 43 bis 48) stellt er fest, dass viel Unklarheit in der Gesellschaft hinsichtlich eines angemessenen Umgang mit Nutztieren bestehe, Tieren oft routinemäßig Schmerzen und Leid zugefügt werde, und es einen erheblichen Bedarf an praktischen Reformen gebe.   Er sieht Mindeststandards eines ethisch zu verantwortenden und auch tierschutzgesetzlichen Vorgaben entsprechenden Umgangs mit Nutztieren als derzeit nicht oder nicht hinreichend beachtet an. Die vom Ethikrat formulierten Eckpunkte einer ethisch verantwortlichen Nutztierhaltung werden nachstehend in knapper Form wiedergegeben. Sie dienen nach eigener Aussage „der ethischen Fundierung umfassender, dem Tierwohlgedanken verpflichtete Reformvorschläge, wie sie etwa der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim …

Systemrelevant…? Bundesweite Razzien…!

Ich soll mich ja nicht aufregen. Es ist noch nicht lange her, da wurde die Landwirtschaft als systemrelevant eingestuft. Das war Mitte März: https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/coronakrise-landwirtschaft-ist-systemrelevant-12002265.html Am vergangenen Freitag (19.6.2020) dann bundesweite Razzien des Zolls bei landwirtschaftlichen Betrieben mit Saisonarbeitskräften. https://rp-online.de/nrw/panorama/bundesweite-grosskontrolle-des-zolls-bei-saisonkraeften-und-erntehelfern_aid-51748677 Man muss sich das einmal vorstellen: noch vor wenigen Wochen war nicht klar, ob die Ernte von diversen Kulturen sowie Neuanpflanzungen für den Herbst überhaupt gelingen kann. Landwirte haben Flüge gebucht und bezahlt, um Arbeitskräfte ins Land zu holen. Die meist osteuropäischen Arbeitnehmer*innen waren sehr froh, dass sie kommen konnten. Die Vorschriften für Arbeit und Unterbringung wurden coronabedingt verschärft. Und bei den Bauern auch umgesetzt. Mir wurde glaubhaft geschildert, dass jetzt in einem Betrieb mit 10 Erntehelfern eine Truppe von 15 Zoll-Mitarbeitern mit schusssicherer Weste, Gummiknüppel und Waffe den Betrieb darauf hin untersuchten, ob Schwarzarbeit vorliegt. Auch die Unterkünfte wurden untersucht. Die Betriebsleiter kamen sich wie Schwerverbrecher vor, dabei waren sie es ja, die sich darum gekümmert haben, dass die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt ist. https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/razzia-zollaemter-nrw-landwirtschaft-100.html Damit eines klar ist: Kontrollen müssen sein, um die berühmten …

Eine Politikerin mit Niveau … geht

Dr. Kirsten Tackmann sitzt für die Partei „Die Linken“ im Bundestag. Nun hat sie erklärt, dass Sie bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr kandidieren wird.  Da ich Frau Tackmann persönlich kenne, habe ich ihr einen Brief geschrieben. Die Antwort darauf ist bemerkenswert und hat mich sehr beeindruckt. Hier zuerst mein Brief an sie: Liebe Frau Tackmann…               .. wir sind uns zwar nur einmal persönlich begegnet, dennoch haben Sie auf mich einen nachhaltigen (was für ein modisches Wort) Eindruck hinterlassen. Zwar bin ich nicht unbedingt ein Anhänger Ihrer Partei, aber das, was Sie persönlich zu den Themen der Landwirtschaft beisteuern, ist immer von fachlich hohem Wissen und menschlichem Engagement geprägt. Eine solche Stimme darf nicht verloren gehen. Ich habe über top agrar davon erfahren, dass Sie 2021 nicht mehr antreten wollen. Bitte überlegen Sie das noch einmal. Das Alter können Sie nicht vorschieben, denn 59 ist das beste Alter und ich muss es als 65jähriger wissen. Vielleicht finden Sie ja Gelegenheit, mir zu antworten. Wenn Sie einverstanden wären, würde ich mit Ihnen auch gerne wieder ein …

Die Dankbarkeit der Saisonarbeiter

„Sklaven bedanken sich bei Sklavenhaltern“ (Ironie off) In den letzten Tagen wird kein Superlativ ausgelassen, um die Situation der Saison-Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und dem vor- und nachgelagerten Bereich in den dunkelsten Farben zu beschreiben. Die journalistische Fairness sollte es aber gebieten,  auch den „Offenen Brief“ von ukrainischen Saisonarbeitern zu zitieren, in dem sich diese bei den Gemüsebauern in Oberösterreich bedanken, die ihnen die Einreise ermöglicht haben. Die Menschen aus Osteuropa sind auf die Einnahmen angewiesen. https://www.tips.at/nachrichten/eferding/land-leute/508791-erntehelfer-bedanken-sich-bei-organisatoren https://www.meinbezirk.at/grieskirchen-eferding/c-lokales/sowohl-bauern-als-auch-erntehelfer-sind-froh-ueber-loesung_a4088955 Wenn es um das Massenauftreten von Neuinfektionen geht, stehen die Schlachtbetriebe derzeit im Focus. Nur ganz versteckt liest man von einem kompletten Häuserblock, der in Berlin unter Quarantäne gestellt wurde. https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-app-reinickendorf-gesundheitsamt-1.4939185?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE Wohl auch deshalb, weil es sich bei den Bewohnern um Sinti und Roma handelt. Da will sich keine Redaktion die Finger verbrennen…   7