Alle Artikel in: Bauer Willi

Moralische Totalität, moralische Expansion…

Zum Sonntag etwas zum Nachdenken. Es hat mit Landwirtschaft eher nichts zu tun, sondern ist ein gesamtgesellschaftlicher Text, den man überschreiben könnte: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ https://www.cicero.de/kultur/deutschlands-moralischer-allmachtsanspruch-vom-eroberer-der-welt-zum-retter-der-welt Hier ein Auszug: „Dabei ist Begrenztheit kein moralisches Versagen, sondern eine anthropologische Konstante. Kein Individuum, keine Gesellschaft und kein Staat kann unbegrenzte Verantwortung tragen, ohne sich selbst zu destabilisieren. Wer diese Tatsache ignoriert, ersetzt Realpolitik nicht durch Humanität, sondern durch Ideologie. Ideologien scheitern selten an ihren Idealen, sondern an ihrer Blindheit gegenüber Nebenfolgen. Ideologien zeichnen sich weniger durch falsche Werte aus als durch ihre Immunität gegenüber Realität. Sie dulden keine Gegenargumente, weil jede Begrenzung als moralischer Verrat interpretiert wird. Deutschlands aktuelle Herausforderung ist nicht ein Mangel an Moral, sondern der Verlust des Maßes. Ein Sozialstaat, eine Migrationspolitik, eine Klimastrategie ohne Begrenzung verlieren ihre Tragfähigkeit. Der moralische Daueralarmzustand stärkt uns am Ende nicht, sondern schwächt uns. Vielleicht liegt der eigentliche zivilisatorische Fortschritt nicht darin, die Welt retten zu wollen, sondern darin, anzuerkennen, dass wir es nicht können. Reife zeigt sich nicht im Anspruch auf Allmacht, sondern in …

Jung macht Mut

In den vergangenen Wochen war ich zu Vorträgen von Andechs bis Würzburg unterwegs und immer ging es um Fleckvieh. Ich war eingeladen, um ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern – darüber, wie wir Landwirte eigentlich mit der Gesellschaft kommunizieren (oder warum wir es oft eben nicht hinkriegen). In den Sälen saßen gestandene Bauern aber, und das war sehr erfreulich und für mich unerwartet, sehr viele Junglandwirte, Hofnachfolger, Agrarstudenten – die Bude war voll mit der nächsten Generation. Beim Vortrag in Triesdorf hatte man sogar einen Clown eingeladen, der im Vorraum des „Alten Reithaus“ die Kleinsten (von etwa 3 bis 7 Jahren) während der Veranstaltung beschäftigt und bespasst hat. Wenn man das sieht, kann ich nur sagen: Das macht Mut! Wenn ich in diese jungen Gesichter geschaut habe, dann habe ich da keinen Frust gesehen (okay, ein bisschen über die Bürokratie schon, das gehört dazu), sondern Bock auf Landwirtschaft. Was Kommunikation angeht: Die junge Generation weiß, wie man ein Smartphone bedient. Die haben keine Berührungsängste, ihren Alltag auf Instagram oder TikTok zu zeigen. Die reden …

Nutztierhaltung – nicht wegzudenken!

Im Januar war ich zu Vorträgen in Triesdorf, in Würzburg und in Raisting von den dort tätigen Zuchtverbänden eingeladen. Für mich waren es Tage, in denen ich einiges gelernt habe, zumal ich von Tierhaltung wenig Ahnung habe. Die führende Rasse in diesen Gebieten ist das Fleckvieh. Diese Rasse hat zwar nicht die gleiche Milchleistung wie Holstein-Frisian in Norddeutschland, aber bringt es doch auf 8.000 bis 9.000 kg. Weil die Rasse gleichzeitig gutes Fleisch liefert, werden Kälber von 85 – 100 kg zu Preisen von 550 € an aufwärts gehandelt. Wir (meine Frau und unsere Tochter waren auch mit) konnten selbst bei der Kälberauktion in Ansbach dabei sein, wo an einem Tag über 1.100 Kälber versteigert wurden. Eine weitere Rasse, die aber mittlerweile selten geworden ist, war im Zuchtverband Franken das Gelbvieh. Hier liegt die Milchleistung mit 5.500 bis 7.000 kg deutlich niedriger als beim Fleckvieh. Diese Rasse steht meist in kleineren Betrieben, deren Zukunft ungewiss ist. Wenn diese Betriebe aufhören, ist es um die Zukunft des Gelbviehs schlecht bestellt. Im Zuchtverband Weilheim spielt neben dem …

Aktuell: Der NABU gegen den gesunden Menschenverstand

In Berlin wurde für einen begrenzten Zeitraum der private Einsatz von Streusalz erlaubt. Dagegen hat der NABU e.V. geklagt und heute Recht bekommen. Dies kritisiert selbst Ricarda Lang: https://www.spiegel.de/panorama/berlin-ricarda-lang-kritisiert-nabu-im-streusalz-streit-a-17679c8b-cd74-473f-960b-f74880685eaf Der Versuch des NABU nach Schadensbegrenzung (siehe Link) dürfte nicht jeden überzeugen. https://www.facebook.com/NABUBerlin Auf mich wirkt er zynisch…

Rukwied: Auszüge aus einer Rede

Am 2. Februar war ich auf der Mitgliederversammlung unseres Rübenbauerverbandes. Als Hauptredner war der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, eingeladen. Aus seiner mehr als einstündigen, frei gehaltenen Rede hier einige Auszüge (Reihenfolge wie gesprochen). Europa ist nicht mehr auf dem Spielfeld sondern steht auf der Seitenlinie Europa hat bisher Klimaschutz und Biodiversität über alles gestellt Farm to fork und Green Deal müssen, so wie es derzeit diskutiert wird, gestrichen werden Wir müssen die EU reformieren. Nur so kommen wir wieder aufs Spielfeld Wir haben noch nicht den Politikwechsel, der dringend nötig ist Ich kann es nicht akzeptieren, dass Lebensmittel aus Übersee auf unseren Markt kommen, bei denen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, die bei uns nicht zugelassen sind Wir sind gegen Mercosur (Bezug zum Video, in dem Bundeskanzler Merz dem DBV „dankt“. Er erläutert den Hintergrund, der zu dieser Formulierung geführt hat) wir brauchen die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit „Naturflächenbedarfsgesetz“ im Koalitionsvertrag: Wir brauchen diese Flächen um Lebensmittel darauf herzustellen Wir brauchen mehr Vertrauen in unsere Arbeit. Wir sind sehr gut ausgebildet und wissen, was gut für …

Hirschmilch…

Für zwischendurch: Es gibt Alternativen zu Sojamilch, Mandelmilch und und Kokosmilch: Hirschmilch. Das ist in Neuseeland ein neuer Betriebszweig. Hier der Link: https://deermilkingnz.com/ Hier ein Auszug aus der Homepage: „Seit 2016 leistet das innovative und leidenschaftliche Team von Deer Milking New Zealand Pionierarbeit in der Hirschmelkerei, entwickelt und verfeinert die Anbau- und Melkprozesse dieser aufstrebenden Industrie und hat einen Weltklasse-Hirschmelkoperationsbetrieb entwickelt. Unsere fokussierten Forschungsinitiativen mit führenden Wissenschaftlern haben zu bahnbrechenden Entdeckungen über die außergewöhnlichen gesundheitlichen und ernährungsphysiologischen Vorteile von Peel Forest Deer Milk geführt. Dieses seltene und unverwechselbare hochwertige Ernährungsprodukt ist eine aufregende Entdeckung, insbesondere für die Sektoren Nutrazeutika, Gesundheit, Lebensmittel und Schönheit“ Mir ist nicht bekannt, ob es für das Melken von Hirschkühen auch Melkroboter gibt. 🙂 Bin gespannt, wann ein Berufskollege die Idee aufgreift und in die Tat umsetzt.    

Soll die (deutsche) Landwirtschaft abgeschafft werden?

In den sogenannten „Sozialen Medien“ wird immer wieder darüber diskutiert, ob bzw. dass die deutsche Landwirtschaft gezielt abgeschafft werden soll. Ich bin nicht dieser Meinung. Allerdings bin ich der Meinung, dass seit vielen Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten seitens der Politik alles getan wird, dass die (bäuerliche) Landwirtschaft nach und nach aus Deutschland und der EU verschwindet. Warum ist das so? Sowohl die deutsche als auch die EU-Politik wurde immer mehr darauf ausgerichtet, dass die Landwirte ihre Produkte zu Weltmarktpreisen produzieren (sollen). Die gestützten Preise für Agrarrohstoffe, die bis in die 90er Jahre gezahlt wurden, wurden nach und nach durch eine direkte Einkommensstützung – ohne Bezug zu den Produkten-  abgelöst. Mit der Agrarreform von 2003 begann die Europäische Union, die Direktzahlungen von der Produktion zu entkoppeln. Um die Direktzahlungen in voller Höhe zu erhalten, müssen die Landwirte im Rahmen der so genannten „Cross Compliance“ zahlreiche im Fachrecht vorgesehene Verpflichtungen des Umwelt-, Tier- und Pflanzenschutzes, bei der Tiergesundheit, beim Boden- und Gewässerschutz sowie bei der Lebensmittelsicherheit erfüllen und die Flächen in einem guten landwirtschaftlichen und ökologischen …

Bürokratie, Ratten und das Seminar

Es ist zum verrückt werden: da redet Gott und die Welt und Alois Rainer (wer ihn nicht kennt: das ist unser Landwirtschaftsminister) über Bürokratieabbau und dann kommt zum 1. Januar wieder ein Bürokratiemonster um die Ecke: Landwirte sollen für das (chemische) Bekämpfen von Ratten und Mäusen zukünftig einen „Schein“ machen. Der normale Sachkundenachweis soll dafür nicht mehr ausreichen. Und welch ein Zufall: die Deutsche Landwirtschaftliche Gesellschaft (DLG)  bietet gleich die passende Schulung an: https://www.dlg-akademie-agrar.de/de/veranstaltungen/schaedlingsbekaempfung Kosten: 450 €, Dauer 2 Tage Statt sich dafür einzusetzen, dass dieses weitere Bürokratiemonster abgeschafft wird, verdient diese landwirtschaftliche Organisation noch daran. Aber zur Sache: was ist neu (aus agrarheute) Dauer- und Permanentbeköderung verboten Einsatz nur nach vorheriger Befallsermittlung (Monitoring) Antikoagulanzien nur noch für geschulte, berufsmäßige Anwender Pflanzenschutz-Sachkunde künftig nicht mehr ausreichend (Übergangsfrist bis 28.07.2027) Einsatz nur zur akuten Bekämpfung (max. 1 Monat) Strengere Umweltauflagen: innerhalb von 5 m zu Gewässern nur in gesicherten Köderstationen Prävention gewinnt stark an Bedeutung Alternativen möglich (z. B. Cholecalciferol, Schlagfallen in Innenräumen) Was sind die Inhalte der zweitägigen Schulung (Zitat)  (ich kann nur noch mit …

„Bauern müssen sagen was sie wirklich wollen“

Die ganze Überschrift lautet: „Dagegen zu sein genügt nicht. Bauern müssen sagen, was sie wirklich wollen“. https://www.welt.de/wissenschaft/article69708ce5568b91954b0e9b30/landwirtschaft-dagegen-zu-sein-genuegt-nicht-bauern-muessen-sagen-was-sie-wirklich-wollen.html? Bevor jetzt das Journalisten-Bashing losgeht: Ich habe heute mit der Verfasserin Claudia Ehrenstein telefoniert. Es war ein sehr gutes Gespräch. Es geht ihr im Artikel unter anderem um eine Studie, die die Gründe für die Bauern-Proteste in vier europäischen Staaten untersucht hat und die zu dem Ergebnis kommt, dass die Gründe im Prinzip gleich, aber unterschiedlich gewichtet sind. Das ist wenig überraschend. Eventuell werde ich über die Studie noch berichten. Jetzt aber soll es um die Frage gehen, was „die Bauern wirklich wollen“. Ich weiß nicht, was „die Bauern“ wollen, habe ihr aber gesagt, was ich mir nicht nur wünsche, sondern was ich erwarte: ich erwarte, dass die Rahmenbedingungen für uns Bauern langfristig und verlässlich sind. Ständige Änderungen von Vorschriften verzerren den Wettbewerb, verursachen unnötige Kosten und fressen wertvolle Zeit. ich erwarte, dass die Marktgegebenheiten für unsere deutsche und europäische Landwirtschaft kalkulierbar werden, sind und bleiben. Wenn es z.B. überraschende Importe aus der Ukraine oder die Umgehung des …

Ein schwieriges Thema – und (fast) ein Tabu

Um was geht es? Es geht um Suizide (Selbstmorde) in der Landwirtschaft. Vor einiger Zeit habe ich darüber schon einmal berichtet. Keiner redet gerne davon und doch kennen viele im Verwandten- oder Bekanntenkreis jemanden, der mit diesem Schicksal in Berührung gekommen ist. Weil dieses Thema oft ein Tabu ist, will Madeleine, die ich vor ein paar Jahren kennengelernt habe, sich dieses Themas annehmen. Ich habe Sie gebeten, sich selbst vorzustellen und zu schreiben, was sie vorhat. Bitte lesen Sie den Brief aufmerksam durch und überlegen, ob Sie sie unterstützen können.  Aufruf: Geschichten von Betroffenen gesucht – Suizide in der Landwirtschaft Ich bin Journalistin und arbeite seit vielen Jahren zu gesellschaftlichen Themen, unter anderem für DIE ZEIT, das SZ Magazin, ARD und ARTE. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich erneut mit einem Thema, das mich nicht loslässt: der psychischen Belastung von Landwirtinnen und Landwirten – und den tragischen Folgen, die sie in manchen Fällen haben kann. Darüber habe ich bereits mehrere Reportagen geschrieben: https://www.zeit.de/2021/04/psychische-erkrankungen-bauern-depression-landwirtschaft-suizid https://www.welt.de/gesundheit/plus69158ff5c44f28b297ea4d09/suizid-unter-landwirten-wer-versorgt-jetzt-die-tiere-war-ihre-erste-frage.html Aktuell entwickle ich eine Dokumentation für das ARD-Format ARD Story. Darin …