Bauer Willi
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Massentierhaltung – wissenschaftlich betrachtet

Eine Buchbesprechung von Arnold Krämer

Die Bremer Historikerin Veronika Settele hat ein Buch geschrieben, das aktueller und wichtiger nicht sein könnte. Hinter der „Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute“ verbirgt sich eine gut lesbare wissenschaftliche Arbeit mit umfangreichen Quellenangaben über die Entwicklung der Fleisch- und Milchproduktion der letzten rund 170 Jahre in Deutschland und anderen westlichen Staaten.

Die Verwendung des Begriffs Massentierhaltung im Buchtitel sollte nicht abschreckend wirken und von der Lektüre abhalten. Die Autorin weist darauf hin, dass dieser wie selbstverständlich in der agrarischen Fachwelt benutzt wurde, bevor er ab den 1970er Jahren zum Kampfbegriff der Gegner einer ökonomisch und auf Effizienz getrimmten Tierhaltung wurde und seitdem von der „grünen Seite“ konsequent gemieden wird.

Im ersten Teil des Buches schildert die Autorin, wie allgegenwärtig die Nutztiere in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts in den großen Städten dieser Welt waren. Sie waren die „Lebensversicherung der Ärmsten“. „In Kellern hausten mitunter ein Mann, eine Frau, drei Kinder und 5 Schweine“. Fleisch war dennoch auch in Friedenszeiten so knapp, dass um 1912 regelrechte Aufstände in Berlin und anderswo zu verzeichnen waren. „Einzelne Kommunen wie Karlsruhe, Lübeck und Charlottenburg stiegen selbst in die Produktion ein und errichteten kommunale Schweinemastanstalten“.

Viele interessante geschichtliche Details zur Versorgungslage der Menschen in den Städten und auf dem Lande werden geschildert und erklären damit auch die zunächst sehr große Zustimmung für die Entwicklung, die die Nutztierhaltung nach dem 2. Weltkrieg genommen hat.

Im zweiten Teil des Buches werden die oft revolutionären Entwicklungen in den Ställen, exemplarisch für Rinder, Hühner und Schweine unter den Aspekten „Körper“, „Wirtschaft“ und „Technik“ ausführlich mit umfangreichen Quellenangaben dargestellt. Sehr ausführlich behandelt die Autorin die parallel zur westdeutschen Entwicklung verlaufenden Aktivitäten in der DDR, die an Gigantonomie insbesondere in der Schweinehaltung unübertroffen waren. Kuriositäten wie z. B. die sogenannte „Sommer- und Waldmast“ in den 1970er Jahren in der DDR werden geschildert, genauso wie die politischen Auseinandersetzungen im sogenannten „Chicken War“ 1961 bis 1963 zwischen den USA und Westdeutschland zu Adenauer-Zeiten. Die Eier- und Geflügelfleischerzeugung befand sich vorher in der Hand der Frauen, bevor es zu einer „Vermännlichung der Geflügelhaltung“ kam.

Auch wenn manches im Text Anekdotisches an sich hat, ist es doch stimmig und schlüssig, mit Sprachwitz und Freude an den Formulierungen niedergeschrieben.

Je leistungsfähiger und spezialisierter die Nutztierhaltung wurde, umso mehr verschwand sie aus dem Gesichtsfeld der Verbraucher, und umso größer wurden die Vorbehalte ihr gegenüber. Darauf geht die Autorin im abschließenden dritten Teil ihres Buches näher ein.

Die vielen Ungereimtheiten und Widersprüche in der Kritik an der „Massentierhaltung“ lässt sie nicht unerwähnt, wenn Sie z.B. eine Sendung des SWR zitiert: „Das Verbot des Kükentötens, gemeinhin als Verbesserung des Tierschutzes verstanden, verschob das Töten dieser Tiere um knappe 100 Tage – zum Preis von mehr CO2, mehr Futtermittelimporten, mehr Geflügelmist, einer Hähnchenhaltung außerhalb des Kontrollgebiets deutscher Tierschutzbehörden, steigenden Geflügelfleischexporten vor allem in afrikanische Länder und teureren Eiern“.

Auch Bio bleibt nicht ohne kritische Feststellung (die aktueller nicht sein könnte): „Bio wächst im Diskurs üppiger als in der Realität. Die Tiere sind zum Zugpferd der Bio-Landwirtschaft geworden, allein zu ihrem rhetorischen Zugpferd“.

Und auch in ökonomischer Sicht ist die Autorin „gnadenlos“ ehrlich: „Die Übersetzung der unzähligen wissenschaftlichen Ergebnisse, wie Tierhaltung besser für Tier und Umwelt gestaltet werden könnte, in die landwirtschaftliche Praxis hängt von ihrer ökonomischen Umsetzbarkeit ab“.

Vertreter sowohl der (konventionellen) Landwirtschaft wie gegnerischer gesellschaftlicher Kreise können das Buch mit Gewinn lesen. Vielleicht trägt es auch dazu bei, den Graben zwischen ihnen ein wenig zuzuschütten und mehr Augenmaß bei zukünftigen politischen Entscheidungen zu wahren.

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64 Kommentare

  1. Sonja Kaiser sagt

    In der Schweiz soll ein neues Gesetz eingeführt werden, das sogenannte Doppelpacks, also Aktionen 2 für 1 oder 3 für den Preis von 2 im Fleischsektor verbieten soll. Denn angeblich förderten solche Aktionen Foodwaste. Wie lange wird es danach noch dauern, bis Packungsgrössen über ( lass mich raten ) 160 g Fleisch/ Wurst noch zugelassen sind ?

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    • “sogenannte Doppelpacks, also Aktionen 2 für 1 oder 3 für den Preis von 2 im Fleischsektor verbieten soll.”

      Richitg,
      Tiere aus dem Stall sind keine Ramschfware!

  2. Arnold Krämer sagt

    Zum Thema “Massentierhaltung” hier ein Text, den ich 2019 an die NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung, Dirk Fisser) gerichtet hatte, weil diese damals den Kritikern einer effizienten, leistungsorientierten Tierhaltung immer wieder medialen Raum boten:

    “Was treibt die Neue Osnabrücker Zeitung eigentlich an, den Grünen und Vertreter von NGO‘s in allen ihren Ausgaben immer wieder eine Plattform zu bieten, mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten auf die Landwirtschaft “einzudreschen“ ohne wirkliche Lösungsansätze zu formulieren, die die Menschen auf den Betrieben mitnehmen, nicht überfordern und den Wirtschaftssektor insgesamt und damit den ländlichen Raum nicht erheblich schwächen oder zerstören. Das Interview mit Herrn Hofreiter in der Ausgabe von Freitag, den 18. Januar 2019 war wieder einmal so ein Negativbeispiel und das Interview mit der Umweltministerin Frau Schulze einen Tag vorher ist m.E. ähnlich einzuordnen.
    Dazu folgende Anmerkungen:
    Der Begriff der Massentierhaltung ist für den genannten Personenkreis ein Kampfbegriff, den diese aber nicht weiter präzisieren, weil sie ihn nicht wirklich konkretisieren können. Stigmatisiert wird damit aber so ziemlich alles von der Produktion selbst über die Strukturen in der Landwirtschaft sowie in der gesamten Wertschöpfungskette. Da treffen sich Tierfreunde genauso wie Kritiker unseres Wirtschaftssystems als auch Landwirte. Das Tierwohl, auf das man sich als gemeinsames Ziel aller Beteiligter mit Recht verständigen kann, ist jedoch nicht abhängig von Größenstrukturen, nicht von der Marktorientierung (bio oder konventionell), sondern vom Wissen und Können der Menschen und von dem Zeitaufwand für die Beobachtung und Betreuung der Tiere. Hier kommt es auf die Relation Mensch zu Tierzahl an, und auf nichts Anderes. Der Vorteil von großen (auch Bio-) Tierhaltungen liegt darin, dass man sich stark spezialisieren kann auf ein Arbeitsfeld, das sehr komplex ist. Große Tierhaltungen in Ostdeutschland sind sogar in der Lage, eigene Tierärzte zu beschäftigen. Die Steuerung biologischer Prozesse der Tierhaltung muss mit der genetischen Variabilität der gehaltenen Tiere, mit der Variabilität des eingesetzten Futters und anderer Materialien wie z.B. Stroh sowie mit den speziellen einzelbetrieblichen Haltungsbedingungen fertig werden. Dies ist anspruchsvoll und gelingt auch sogenannten Bio-Landwirten bei weitem nicht besser als ihren konventionell wirtschaftenden Kollegen. Gerade Landwirte mit kleineren Einheiten und verschiedenen Produktionsrichtungen sind heutzutage sehr schnell fachlich und organisatorisch überfordert.
    Die Belastung von Boden und Grundwasser durch Tierhaltungen ist immer dann gegeben, wenn nicht genügend Fläche im Unternehmen vorhanden ist und eine überbetriebliche oder/und überregionale Verbringung der tierischen Exkremente nicht oder in nicht ausreichendem Maße erfolgt. Wer deshalb wie Herr Hofreiter den Abbau von Tierbeständen zum Beispiel in West-Niedersachsen fordert, muss eigentlich auch konsequent den Bau von neuen Ställen in typischen Ackerbauregionen zum Beispiel Ostniedersachsens begrüßen und diese nicht ständig über Bürgerinitiativen mit fragwürdigen Gegenargumenten bekämpfen. Es geht ja auch darum, gleichwertige Lebensbedingungen in allen ländlichen Räumen zu schaffen. Das ist Auftrag des Grundgesetzes in Deutschland.
    In der Wertschöpfungskette der Fleischerzeugung werden vor allem im vor- und nachgelagerten Sektor viele Menschen (auch viele potentielle Hartz IV-Empfänger) beschäftigt. Die Arbeitslosenquote in den Veredelungshochburgen in Westdeutschland liegt unter 3 %. Viele Landwirte dort zahlen jährlich Zigtausende Euro und mehr an Einkommensteuer und finanzieren damit auch eine Reihe ziemlich unproduktiver Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor. Über hohe Pachtzahlungen wird sehr viel Sektoreinkommen an die Landbesitzer durchgereicht. Auch die EU-Fördermittel sind durch die Überwälzung im Pachtwege eigentlich eine allgemeine Förderung des ländlichen Raums. Wer sich einmal die Mühe macht, aufmerksam ländliche Regionen in Niedersachsen oder auch bundesweit zu vergleichen, muss feststellen, dass es in den Regionen mit der ach so schlimmen Massentierhaltung mittlerweile nicht nur relativen, sondern auch absoluten Wohlstand gibt.
    Die Diskussion um eine sinnvolle Weiterentwicklung der Landwirtschaft sollte man deshalb nicht nur dem oben genannten Personenkreis überlassen. Leider erfahren diese Personen als Impulsgeber sowohl in den Print- als auch in den öffentlich-rechtlichen Medien ständige, scheinbar systematisch abgestimmte und sehr oft unangemessene Aufmerksamkeit”.

    Heute fast vier Jahre nach der Formulierung vorstehender Sätze hat sich oft Resignation in den Vieh haltenden Betrieben breit gemacht. Die “Propaganda aus allen Rohren” hat gewirkt und ihre “Lautsprecher” sitzen an den Schalthebeln der Macht.

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      • sonnenblume sagt

        Das Hauen und Stechen hat in den letzten Monaten um einiges zu genommen. So jedenfalls mein Eindruck. Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Artikel gebracht wird, der die Vorzügen vom alternativen Wirtschaften hervor hebt. Selbst bei Themen wo man es nicht zwingend vermuten würde, muss dann an einer Stelle noch die LW eingebracht werden.
        Hat das mit den Absatzschwierigkeiten, bzw Kursverlusten bei Bio und Ersatzprodukten zu tun? Sieht man sich durch die Finanzlage und die aktuellen Probleme in den Hintergrund gedrängt?

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        • Reinhard Seevers sagt

          Und beim Mikroplastik im Boden hat wer wohl die Hauptschuld? Natürlich die LW.
          Der NDR hat es gesendet:
          Biegel-Engler: Am eindrucksvollsten ist es in der Landwirtschaft. Da werden zum Beispiel Folien eingesetzt, direkt um landwirtschaftliche Produktion zu betreiben. Und die können sich im Laufe der Zeit zersetzen und dann kann es dazu führen, dass sich kleinere Partikel in den Böden anreichern, die man schwer dort wieder entfernen kann.

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      • Limes sagt

        falsch!!!!
        Die TAZ ist Schuld am Waldsterben, die Holzen skrupelos die Bäume ab, produzieren mit hohem Energieaufwand Papier für ihre Zeitung um ihren bullshit zu verbreiten. Die TAZ Ausgaben liegen dann am Ende des Tages wie Blei in den Kiosken, Läden… und wandern anschliessend wie die gekauften Exemplare in den Müll. Wer es nicht glaubt kann es sich jederzeit in Geschäften anschauen. Klassische verantwortungslose graue Energieverschwendung. Pfui Teufel TAZ.

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        • Reinhard Seevers sagt

          Die ökofaschistischen Journalisten der taz legen immer wieder nach. Sie sind in ihrer urbanen Blase wohl komplett unterversorgt.

          “Damit sich etwas verändert, sind daher gute Argumente und Appelle nicht genug: Nur mit entschlossenem Protest und Widerstand wird sich die Tierindustrie ins Wanken bringen lassen. Nur mit vielen Initiativen von unten und mehr Druck aus der Bevölkerung wird die Ernährungswende tatsächlich stattfinden. Hier sind wir alle gefragt.”

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      • Ferkelhebamme sagt

        Das habe ich vor Jahren zuerst in einem Flyer der Albert Schweizer Stiftung gelesen (Gülle verursacht Waldsterben) und noch amüsiert losgeprustet…

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    • Smarti sagt

      Eine Zeit lang war es vielleicht Resignation bei den Tierhaltern, diese geben dann still und leise auf und stellen um auf Ackerbau oder Nebenerwerb.
      Ich bemerke – auch bei uns – aber auch immer mehr eine Riesen-Wut. Wütend über die infamen Behauptungen die nicht abreissen, wütend über den Handel, der meint, er könne über “Leben und Tod” entscheiden. Eine Politik, die falsch informiert ist und falsch spielt. Und so schliesst sich der Kreis…
      Wir hatten gestern ein Bankgespräch. Ein Nachbar von uns war vor uns dran, wir haben uns zufälligerweise getroffen – er hat sich nur an die Stirn getippt.
      Die Bank schiebt Panik, obwohl es jetzt bei uns überhaupt keinen Grund gibt (die Zahlen sahen schon ganz anders aus). Was ist da los ? Das Gespräch war sehr aufschlussreich und wir werden uns wirklich sehr gut überlegen, ob wir in den nächsten 20 Jahren nochmals einen Kredit brauchen. Der Chef von unserem Bankberater war dabei “er verstehe nichts von Landwirtschaft” aber stellte mich selber als völlig dämlich hin. Die Zeiten würden noch viel schwieriger werden, es gäbe da kostenlose Beratungsangebote für Milchviehbetriebe.
      Jedenfalls haben wir ihn zu uns eingeladen und wir zeigen ihm den Betrieb.

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    • Ja, der obengenannte Personenkreis hätte das wohl gern?
      Die Diskussion um eine sinnvolle Weiterentwicklung der Landwirtschaft sollte man ihr deshalb nicht überlassen.

      Steht davon nichts in unseren GG?
      An Stromkreisen dürfen doch auch keine unerfahrenen wie dieser Personenkreis rumwerkeln, oder?

      An der Gesetzgebung für Autos auch nicht,
      denn man stelle sich mal vor
      die Leute könnten demokratisch darüber entscheiden, ob die Gurtpflicht oder Katalysator eingeführt werden sollte.
      Hätten wir sie dann?
      Da haben die Fachleute mehr Mitspracherecht, warum?

      Ist das Auto mehr wert als der Umgang mit der Natur, bzw. verantwortlich Landwirtschaft zu betreiben?

    • Dann wird das Buch bekannt und es wird weiter über das Thema in den Massenmedien neutral diskutiert.

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    • Reinhard Seevers sagt

      Interessantes Gespräch….was mir aufstößt ist:
      Tagelöhner*innen……..
      von da an hab ich alles anders gehört.🥴

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      • Arnold Krämer sagt

        Das habe ich dazu gerade bei der FAZ kommentiert! Eigentlich hätte die Dame das nicht nötig.

        “Der Gendersprech entwertet das Gespräch. Schade. Ansonsten hat Frau Settele ein “blitzsauberes” Buch geschrieben, dem umfangreiche Verbreitung zu wünschen ist. Endlich mal eine wissenschaftlich fundierte Veröffentlichung zum Thema der Entwicklung der Nutztierhaltung und seinen Hintergründen. Meine umfassende Rezension dazu wurde heute auf der Internetseite von “Bauer Willi” veröffentlicht..

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      • Sie ist halt modern,
        aber ohne Vorurteile genüber Bauern.

        Die haben die Leute vor ihrer Geburt aufgebaut.

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    • Pälzer Buh sagt

      Im Übrigen gibt es auf dieser Website noch sehr viel mehr zulesen :
      siehe Veröffentlichungen

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    • Typisch Pollmer,
      das wußte ich doch schon immer, das der landwirtschaftsfreundich ist.

      Er hat auch so sine eigenen Ansichten zur veganen Ernähruing.

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    • Wenn das von der EU gefordeterde Licht für die Schweine schweineunatürlich ist,
      Kann man den Erlass icht wieder fallen lassen?
      Warum haben früher die alten Schweineställe kleinere Fenster gehabt als Kuhställe?

      Weil die Leute wussten, dass sie die Dämmerung lieben.

  3. Dr. Rita Kappert sagt

    moin. man sollte meinen, wenn es schon um “Mengen” also “Massen” geht, dann sollte dem eine Zahl oder meinetwegen mehrere (je nach Situation) zugrunde liegen. auch historisch. Leider. hab noch keine gelesen. Beim wort Massentierhaltung sehe ich Grüne und Klimagläubige geifern… sorry.

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    • Reinhard Seevers sagt

      Am Ende des Tages geht es um die Geschichte der Gesellschaft, einer Wohlstandsgesellschaft, die ihren Wohlstand der Produktivität der hiesigen Landwirtschaft verdankt. Die dann irgendwann um sich greifende Globalisiering hat die Erzeugung von Agrarrohstoffen aufgrund bei uns bestehenden höheren Standards in fast allen Bereichen so unter Druck gesetzt, dass sie eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähig sein konnte oder kann. Die Lösung über eine Ökologisierung mit höheren Kosten und Preisen funktioniert dann aber nur, wenn dem Käufer auch genug Geld zur Verfügung steht, und er den “Mehrwert” des Produktes auch honoriert. Wenn dazu noch Klima- und Energiekrise mit der Landwirtschaft verknüpft werden und etisch- moralische Argumente draufgesattelt werden, dann ist eben irgendwann Schluss mit hiesiger Landwirtschaft. Und der Begriff Massentierhaltung ist einer der Hebel zur Abschaffung der hiesigen Tierhaltung, da hilft keine Aufklärung oder Relativierung mehr, der Drops ist gelutscht.

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      • Brötchen sagt

        jau ist nur noch der süsse Geschmack!

        früher standen in jedem Dorf Tiere. diese sind heute in spezialisierten Anlagen konzentriert und sind weniger, weil effektiver gehalten.
        weil auch die entsprechenden ak besser zu organisieren waren.
        heute stehen in einem Dorf in Westfalen 2000 Sauen….wer dafür keinen Blick hat weiss nicht Mal das dort soviel Tiere stehen.

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        • Hans Gresshöner,Landwirt sagt

          “heute stehen in einem Dorf in Westfalen 2000 Sauen”

          Hier nicht!
          Meine Ferkel kommen aus Niedersachsen.

        • Reinhard Seevers sagt

          Es ist völlig egal, wer die “Massentierhaltung” wie definiert. Der Begriff ist emotional belegt und steht für alles, was die negative Agrarwirtschaft angeht.
          Keine Erklärung wird irgendetwas zurück in die Flasche zaubern können.

          Kurze Geschichte:
          Alle kämpfen für die Bienen, Bienen seien für 75% der Nutzpflanzen notwendig….Bienen, Bienen, Bienen….
          Nun haben einige Bienchen dazu beigetragen, dass die Apfelbäume viele Früchte tragen.
          Die Altländer investierten seit Jahren Millionen für die Frostschutzberegnung, die auch in diesem Frühjahr für die Sicherstellung einer guten Ernte beitrug.
          Im Sommer nutzten sie diese Beregnung, um die Äpfel vor Sonnenbrand zu schützen. Viel Wasser, viel Strom, viel Diesel wurde genutzt, um die reiche Ernte zu ermöglichen.
          Nun ist die Ernte 2022 da, hohe Erträge, sehr gute Qualität.
          Die Bauern lassen die Äpfel aber an den Bäumen hängen, weil die Ernte teurer ist, als der Markt als Erlös verspricht. Die Energiekosten und der Mindestlohn führen dazu, dass die Arbeit der fleißigen Bienchen unwichtig geworden ist.
          Wenn man jetzt noch nicht erkennt, wie dämlich die Menschen sind, wenn sie die Bienen als Überlebens-notwendig und den Mindestlohn als notwendige Gerechtigkeit fordern. Alles hängt miteinander zusammen, aber am Ende ist alles nur eine Frage des Geldes.

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          • Brötchen sagt

            ja das ist egal framing funktioniert nicht so mit Definition und erklärung.

            es wird einfach ein Begriff mit einer Bedeutungszuweisung laufend wiederholt, das übernehmen die Medien und dann ist das etabliert und nicht mehr rückholbar.

            dazu muss man sich die Deutungshoheit sichern…..

            und fertig ist das ganze…..als Waffe dagegen hilft nur Schaffung eines eigenen framingbegriffes

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          • Thomas Bröcker sagt

            Ich steck da grad mittendrin, das Geld, was wir mit dem Steinobst verdient haben (Mengen und Preise waren passabel), versenken wir gerade mit der Apfelernte und den zu erwartenden Preisen. Deflationäre Erzeugerpreise, gekoppelt mit inflationären Entwicklungen bei den Betriebsmitteln sind tödlich.
            Ich habe voriges Jahr sechsstellig beim Apfel eingebüßt (95 % erfroren), passiert das diesen Winter trotz guter Ernte und Qualität nochmal, ist einfach “Ende Gelände”. Wie gesagt, bei der Apfelverteilaktion im September hatte ich eine Befragung installiert, nach welchen Kriterien Kaufentscheidungen beim Apfeleinkauf fallen. Öko oder Konvi spielte KEINE Rolle, absolut dominant war die Sorte, auch Regionalität war dem gegenüber weit abgeschlagen. Das zeigt einfach, dass die jahrelange Werbestrategie des Handels, nämlich die Herkunft in den Hintergrund zu drängen um frei und billig weltweit einkaufen zu können, zu 100 % aufgegangen ist. Genau das sieht man in den Auslagen des LEH: 70 % Clubsorten und Sorten aus südlichem Anbau, deutsche Äpfel (fast) nur im Ramschangebot. Die Schlacht ist verloren, wenn es nicht gelingt individuelle Absatzwege am LEH vorbei zu finden.

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          • Hans Gresshöner,Landwirt sagt

            “Wenn man jetzt noch nicht erkennt, wie dämlich die Menschen sind”

            Ich hatte Weizen nach Erdbeeren gegenüber der Siedlung gedrillt und ein Anwohner machte sich an seinen 30m2 Rasen zu schaffen.
            Als ich die Vorwand drillte,bemerkte ich,dass frisches Gras drauf gestreut war.
            Der Vollpfosten von gegenüber hatte seinen Rasen entsorgt,ist doch guter Dünger.

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            • Hatte er ihn wenigistens auch gleichmäßig verteilt?

              Man muß den Herrn als Landwirt aber darauf aufmerksam machen, dass er vorher hätte fragen können/müssen, denn das artet in Hausfriedensbruch aus.

              Warum, weil er ja nicht weiß wieviel der Herr Landwirt gedüngt hat, der hat bestimmt optimal gedüngt und jegliche Überdüngung geht als als Nitrat ins Grundwasser.
              Weiß das der Herr Nachbar mit 30m³ Rasenfläche?

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    • Christian Bothe sagt

      Interessant wie meine Koll. von agrarmarketing.de mir der „Massentierhaltung“ und deren Stigmatisierung umgehen!

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    • Pälzer Buh sagt

      “man sollte meinen, wenn es schon um “Mengen” also “Massen” geht, dann sollte dem eine Zahl oder meinetwegen mehrere (je nach Situation) zugrunde liegen.”

      Herden,- oder Gruppen,- Haltung (je nach Tierart(,Rudel,Schar,Schwarm und Haufen gibt es auch noch)) sollte es heißen, dafür gibt es keine Nenngröße(n). Von 2 bis ???

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    • Alles, wo die Individuen nur noch maschinell oder durch Nummerierung verwaltet werden, ist Massentierhaltung. Zudem kommt etwa bei Hühnern hinzu, dass die Tiere nicht endlos viele Kameraden unterscheiden können. 100 Hühner auf engem Raum sind purer Dauerstress.

      • Peter sagt

        Genau. Darum sind Steuernummern und Versichertennummern wichtiger als (austauschbare) Namen. Werden beide nicht ordentlich “bedient”, geht`s sehr schnell dorthin, wo mehr als 100 Kameraden mit dir “wohnen”. Der Stresslevel wird auch messbar sein.

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        • Der Unterschied ist aber, dass ich trotz Steuernummer meine Individualität ausleben kann und nicht eingesperrt werde. Außerdem wird mein Todeszeitpunkt nicht von außen festgelegt und man nimmt sich meiner Probleme individuell an und werde nicht notgeschlachtet, wenn ich mit meinen Wehwechen unrentabel werde.

          • Reinhard Seevers sagt

            Nils, Glückwunsch, du hast den Endpunkt der Infantilität erreicht. Die Gleichstellung von Mensch und Tier! 👍😉

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          • Arnold Krämer sagt

            Ist das wirklich so, wie sie beschreiben, “Individualität ausleben”. Das wird nicht nur gefühlt in diesem Lande immer weniger. Bei den Nutztieren dagegen wird es umgekehrt immer mehr. Schauen sie sich die Entwicklung der Stallhaltungssysteme in den letzten Jahrzehnten doch einmal an, bevor sie solche Behauptungen “raushauen”. Die Kühe z. B. gehen zum Melken, wenn sie “Lust dazu haben”. Der Melkroboter machts möglich.

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          • Smarti sagt

            Nils, käme heute ein Zauberer daher und ich müsste mich entscheiden:
            soll ich verwandelt werden in eines meiner Nutztiere (Huhn, Schwein, Kuh) oder in einen anderen Menschen…. die Antwort wäre klar. Bestimmt will ich mit keinem anderen Menschen tauschen.
            Das Problem ist, wahrscheinlich kennen Sie Tierhaltung nur auch Tierhaltungsgegner-Info. Ein mehrmonatiges Praktikum täte Ihnen gut. Bestimmt kann man fast jede Tierhaltung noch ein bisschen toller machen – so wie jede Wohnung noch ein wenig mehr renoviert werden könnte oder in ein Haus/ Villa/ Schloss eingetauscht werden könnte… trotzdem ist die Mehrheit der Menschen froh, eine saubere, geheizte Wohnung zu besitzen. Sich Umbringen oder keinen Nachwuchs kriegen, nur weil man nicht “Allerhöchste Stufe des Wohlstandes erreicht” will doch niemand. Man kann ebenso schöne Momente erleben, wenn nicht immer “die Sonne scheint”. So geht es auch den Tieren ! Fragen Sie diese doch mal, ob sie lieber aussterben wollen oder aber für ihren Nachwuchs ein Leben (wenn auch manchmal kurz und manchmal mit Abstrichen) haben wollen. Sie wollen ein Nutztier nicht fragen – dann fragen sie halt ein Wildtier ! Ein Gnu hat jedes Jahr ein Kalb, obwohl 6 von 7 Kälbern gefressen werden. Bei den Mäusen ist es noch viel krasser… Trotzdem setzt das Muttertier notfalls sogar ihr Leben ein, um den Nachwuchs zu ernähren. Würde ein Tier das machen, wenn es sein Leben als nicht lebenswert ansehen würde ? Warum entscheiden Sie, ob ein Tier sich weiter vermehren darf oder nicht ? Wo ziehen Sie die Grenze ?

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  4. Christian Bothe sagt

    Klingt interessant das Excerpt zum Buch, lieber B.Willi.Scheint ja auch unsere LW in der DDR bewertet zu haben. Für mich als ein Fan der industriellen LW mit Massentierhaltung und deren Richtigkeit auch heutzutage, vielleicht lesenswert…Hatte ja selbst 10000MS als Durchschnittsbestand,und war als VEG Chef an der Planung einer 18000er Bullenmastanlage als VVB Betrieb beteiligt…

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  5. Jochen Böhrer sagt

    Eine interessante Sichtweise dazu hatte schon vor 9 Jahren die Hamburger Kommunikationsexpertin Kerstin M. Molthan in der Rubrik “Der Blick von außen” bei top agrar.

    https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/die-bauern-muessen-massentierhaltung-neu-definieren-9578035.html

    Hut ab vor dem positiven Grundtenor. Aber die Kernaussage teile ich trotzdem nicht. Solange es die ideologischen Stimmungsmacher nicht schaffen, den Begriff „Massentierhaltung“ klar zu definieren, brauchen wir Landwirte es auch nicht.

    Dennoch hat Frau Mol­than Recht: Wir betreiben „Massentierhaltung“. Aber wir brauchen diese, um die gewaltige Masse von über 80 Mio. Menschen in Deutschland, über 500 Mio. in Europa und 7 Mrd. auf der Welt mit Fleisch zu versorgen.

    Der Begriff „Massentierhaltung“ kann nichts für die Negativ-Definition, den ihm seine „Erschaffer“ verpasst haben. Es wäre deshalb für die Landwirtschaft durchaus interessant, die Defini-tionshoheit für das Wort zu übernehmen. Wie wäre es mit der folgenden Botschaft:

    „Ja, wir betreiben Massentierhaltung. Wir halten Massen von Tieren, um Massen von Menschen mit gesunden und bezahlbaren Produkten zu versorgen. Moderne Massentierhaltung steht für lichtdurchflutete Kuhhallen mit allem Komfort für das Tier und bestem Klima. Moderne Massentierhaltung steht für hygienische Schweine- und Geflügelhaltungsformen und gesunde Tiere. Moderne Massentierhaltung hat geringere Verlustraten als Freilandhaltungen und ist bei sachgerechtem Gülle­management wesentlich umweltfreundlicher als nitratbelastete Ausläufe. Moderne Massentierhaltung ist ressourcenschonend und effizient.“

    Diese Aussagen sind die Wahrheit und trotzdem eine ganz heiße Nummer. Eben weil das Wort schon negativ besetzt ist und von Medien, Interessenverbänden, den meisten Politikern und zum Teil auch von Berufskollegen so verwendet wird, um aus der Verunglimpfung der Landwirte eigenen Nutzen zu ziehen.

    Bestimmt hat auch Frau Molthan Interessen. Sicher würde Sie gerne ein Konzept für die positive Neudefinition der Massentierhaltung ent­wickeln. Das ist durchaus legitim. Wenn das gelingen würde, wäre das die genannten 3 bis 5 Mio. € wert. Allein mir fehlt der Glaube.

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    • firedragon sagt

      Herr Bohrer,

      diesen Satz “… Wir halten Massen von Tieren, um Massen von Menschen mit gesunden und bezahlbaren Produkten zu versorgen. …”, setze ich, leicht abgeändert, anders zusammen.

      Um die Massen von Menschen mit nährstoffreichen und gut verwertbaren Produkten zu versorgen, hält die LW Massen von Tieren.

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        • firedragon sagt

          Herr Gresshöner,

          das habe ich extra weggelassen … Tod ist nicht preiswert – er kostet das Leben

          Dessen muß man sich immer bewusst sein, wenn ein Stückchen Wurst im Müll landet. Es ist weder günstig, noch billig. Es ist wertvoll.

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    • Reinhard Seevers sagt

      Schön zu sehen, wie sich die Frau Settele der Journalistin gegenüber neutral positioniert, die sie andauernd versucht in die “böse” Ecke zu führen, aber nicht den Kontext des Buchinhaltes zu verstehen scheint. Journalistin*nen halt.

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      • Es war ja ihre wissenschaftliche Diplomarbeit!

        Da muß man schon sachlich bleiben.

        Deswegen werden Wissenschaftler vielleicht nicht gefragt, weil sie nur die Wahrheit saghen.

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    • Arnold Krämer sagt

      Mark, das SWR- Interview kannte ich bisher nicht. Es bestätigt mich aber voll und ganz in meinem Urteil. Danke für den Link.

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  6. Frikadellen piet 44 sagt

    moin das ganze hört sich sehr interessant an sollte also jeder mal gelesen haben ich bin gespannt wie hoch der Verkauf des Buches ist und ob auch Entscheidungsträger in der Politik davon mal was lesen werden mach’s gut

  7. Hans Gresshöner,Landwirt sagt

    Massentierhaltung ist böse,ganz böse!
    Da hilft auch kein Buch,auch wenn es noch so gut recherchiert ist.

    Die Ampelkoalition ist am Ende! Urteilt die NZZ heute.
    Aber was kommt danach?

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  8. Reinhard Seevers sagt

    Aus der Beschreibung zum Buch bei Amazon:

    “Ihr vorzüglich recherchiertes Buch macht unmissverständlich deutlich: Was immer auch im Stall geschieht, ist eine Reaktion auf das, was die Gesellschaft, was wir alle von der Landwirtschaft erwarten.”
    Veronika Settele ist Historikerin an der Universität Bremen. Ihr Buch “Revolution im Stall” wurde mit dem Förderpreis Opus Primum der Volkswagen-Stiftung für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation 2020 ausgezeichnet.

    Na, dann los, 18 € sind machbar!
    https://www.amazon.de/Deutsche-Fleischarbeit-Veronika-Settele/dp/3406790925/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=2HKD5ERFLPG6E&keywords=veronika+settele&qid=1666330028&qu=eyJxc2MiOiIxLjEwIiwicXNhIjoiMC42NCIsInFzcCI6IjAuMDAifQ%3D%3D&s=books&sprefix=veronika+settele%2Cstripbooks%2C351&sr=1-1

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    • Stadtmensch sagt

      Vielen Dank Herr Krämer für den tollen Lesetip. Agrargeschichte ist immer gut, um zu erkennen wo wir hingeraten sind. Werd ich dann gleich mal bestellen (aber nicht bei Amazon, diesen grausamen Steuervermeidern)

      Aus irgendwelchen Gründen kann ich bei der Massentierhaltung Emotionen nicht ausblenden und ich würde es nicht infantile Wohlstandsverwahrlosung nennen.

      Kuh, Schwein, Schaf, Ziege und Huhn sind mir bauartbedingt eben näher als Insekten, Mikroorganismen und überzüchtetes Gras in der Massengrashaltung. Auch wenn ich weiß, dass ich ohne meinen Bakterienzoo und Sauerstoff viel eher in den ewigen Kreislauf zurückkehren würde als durch Fleischverzicht.

      Soll heißen, ich lehne Forschung zu Proteinsynthese (Fleischersatz) nicht prinzipiell ab.
      Das ist einfach nur konsequent, wenn man mit Züchtung und Haltungsform an Grenzen stößt, die furchtbar viel Entfremdung zwischen Mensch und Warmblüter-Nutztier erfordern.

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