Bauer Willi
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Erntedank

„Erntedank-Fest? Ach ja, das ist der Sonntag, wo die Bauern und andere in der Kirche Obst und Gemüse so dekorativ um den Altar stellen. Ich gehe ja nicht oft in die Kirche, aber da gehe ich manchmal hin, weil man da günstig an Lebensmittel kommen kann. Weil die Bauern das ja spenden. Ist  billiger als beim Aldi und auch richtig frisch. Weiß zwar nicht, ob das auch Bio ist, aber dafür ist es halt günstig.

Ansonsten stehe ich ja mit den Bauern eher auf Kriegsfuß. Ist ja schon schlimm, wie die mit ihren Pestiziden unsere Nahrungsmittel verseuchen. Und in den letzten Wochen sind sie wieder mit den großen Güllefässern über den Acker gefahren. Das hat vielleicht gestunken und die schwarze Brühe ist bestimmt nicht gut für unser Trinkwasser. Da ist jetzt bestimmt Nitrat drin, drum trinke ich auch lieber Cola oder Sprudel.

Und dann quälen die ja auch die Tiere. Sieht man ja im Fernsehen, wie die armen Schweine und die Hühner da in riesigen Ställen zusammengedrängt leben müssen. Furchtbar, müsste man eigentlich sofort abschaffen.“

So, oder so ähnlich würde wohl ein Mitbürger antworten, wenn man ihn auf das Erntedankfest anspricht. Doch woran denke ich, der Bauer, in diesem Jahr am Erntedankfest?

Es war eine gute Getreide- und Rapsernte, die wir dieses Jahr eingefahren haben. Nach der langen Trockenheit hatte keiner damit gerechnet, dass sie noch so gut ausfallen würde. Auch die Zuckerrüben werden gut. Und die Kartoffeln vom Nachbarn wohl auch. Da hat es wohl jemand gut mit uns gemeint und uns gezeigt, dass wir Menschen nicht alles in der Hand haben. Wir haben allen Grund, dankbar zu sein. Wir haben unseren Teil dazu beigetragen, sind aber davon abhängig, dass ein anderer es wachsen lässt, damit alle satt werden.

SATT. Ein Wort, dass wir Wohlstandsbürger nur noch benutzen, wenn wirklich nichts mehr reingeht. „Nein, danke, ich bin wirklich satt, lieb von dir, aber ich kann nicht mehr.“

SATT. Ein Wort, das im Frühjahr auf zwei Demonstrationen in Berlin im Zentrum stand. Auf der einen Seite standen Landwirte mit dem Spruch „Wir machen euch satt“, auf der anderen Seite waren die Kritiker der modernen Landwirtschaft mit dem Slogan „Wir haben es satt“. Hier hatten sich sowohl Tierrechts-Organisationen als auch Umwelt- und Naturschutzverbände zusammengefunden, um gegen eine industrielle Agrarwirtschaft zu demonstrieren. Mit dabei waren auch Misereor und Brot für die Welt, zwei kirchliche Organisationen. Im Frühjahr 2016 wird es diese Demonstration wieder geben, wohl wieder mit Misereor und Brot für die Welt, die gegen die meine Art der Landwirtschaft demonstrieren.

Das macht mich nachdenklich, denn gerade wir Bauern sind es doch, die oft noch die Gottesdienste besuchen, uns im Pfarrgemeinderat oder im Presbyterium engagieren und die beim Pfarrfest aktiv sind. Haben wir diese Kritik wirklich verdient?

SATT. Ein Wunsch, den viele Flüchtlinge, die jetzt nach Europa strömen, haben: Satt zu werden. Diese Menschen interessiert es nicht, ob die Nahrungsmittel frei von Gentechnik, lactosefrei, glutenfrei, cholesterinfrei oder kalorienarm sind. Nur jeden Tag satt werden ist ihr Wunsch. Und keine Angst mehr um ihr Leben haben zu müssen. Deshalb kommen sie zu uns. Doch wir jammern: Hilfe, mein Handy ist kaputt! Wie soll ich jetzt weiterleben?

Wir Menschen in der ersten Welt haben so viele Probleme, die keine sind. Wir leben im absoluten Überfluss, jeder von uns wirft jährlich über 80 kg Lebensmittel weg. Lebensmittel, die wir Bauern mit großem Aufwand produziert haben, landen in der Tonne. Lebensmittel, die nur deshalb so billig sind, weil wir sie mit Pflanzenschutzmitteln behandelt, mit Gülle gedüngt und die Tiere in großen Ställen gehalten haben. Nur mit Bio-Landwirtschaft wären die Lebensmittel  teurer und es gäbe weniger davon. Und Bio-Bananen im März kann ich auch nicht liefern, die wachsen hier bei mir nämlich nicht.

Und so bete ich:

Du da oben, ob Du nun Gott, Allah, Adonai oder wie auch immer heißt: Du hast uns auch in diesem Jahr wieder mit einer unglaublichen Fülle gesegnet. Du hast es wachsen lassen, wir haben Dir dabei ein wenig geholfen.

  • Gib mir die Demut, zufrieden zu sein, mit dem was ich haben.
  • Gib mir die Erkenntnis, dass mein Wohlstand nicht selbstverständlich ist
  • Gib mir die Entschlossenheit, andere an meinem Reichtum teilhaben zu lassen

Darum bitte ich Dich.

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16 Kommentare

  1. sibylle sagt

    Unter swrmediathek.de/player.htm?show=9049e020-6204-11e5-b5db-0026b975f2e6
    kann man in der Mediathek einen Bericht in der Reihe odysso aufrufen: „Wie wollen wir uns künftig ernähren?“ Länge 44:45 min. Übrigens pflege ich die Etikette der Produkte zu lesen und finde bei Kartoffeln und Zwiebeln oft „RV Bank“ als Lieferant und dies bei Aldi, REWE, Netto und Lidl. Welcher Bauer ist denn das? Und im Raiffeisenladen kann man Kartoffeln für den doppelten Preis kaufen – mit Erde.
    Mein Vater stammte vom Land und konnte an keinem Pferd vorbei gehen. Ich wuchs in der Stadt auf, aber Kartoffeln habe ich auch ausgebuddelt – im Beisein des Bauern. Der brachte nicht mal ein „danke“ für die kostenlose Hilfe zustande. Wahrscheinlich hat er sich das für den Ernte-Dank aufgehoben.

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  2. bauerhans sagt

    erntedank bedeuted für mich,dass ich auf meinem kleinen betrieb(der grösste im dorf bz. eigenland,aber der kleinste im vergleich bz.bewirtschafteter fläche)auch dieses jahr wieder gut zurecht gekommen bin,dank bester böden und sparsamer wirtschaftsweise.
    mit dem „lieben gott“ hab ich schon seit 30 jahren nix mehr am hut,weil ich „sein bodenpersonal“ hier vor ort als allzu gierig kennen gelernt hatte…….

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  3. Ich danke von Herzen für meine tolle, gesunde Familie!
    Nicht selbstverständlich und das Wichtigste auf der Welt!

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  4. Gib allen die Erkenntnis, dass das GUTE nicht im Kritisieren, Stören, Beherrschen, Verordnen, Gesetzemachen, Stehlen, Verbieten, Rauben und Zerstören ist, sondern im SELBST-GUTES-TUN, also im Lieben, Vergeben, Friedenmachen, in der Befreiung von allen Vorurteilen und in der Herzensintelligenz. Amen.

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  5. Danke, sehr schön geschrieben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wieviele Bauern ich wirklich in der Kirche treffe. Vielleicht nehmen wir das als Aufruf, als die jüngere Generation an Bauern, uns wenigstens mal zu Erntedank in der Kirche blicken zu lassen. Auch das ist eine Art der Öffentlichkeitsarbeit.
    Ich wünsche, dass wir uns da jeden Tag auch dran erinnern, dankbar zu sein.

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Es kann nicht die alleinige Aufgabe der Bauern sein, für die Ernte zu danken. Jeder Verbraucher, und der Verbraucher profitiert inzwischen mehr von einer guten Ernte, als der Bauer selbst.

      Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich der Landwirt noch dafür entschuldigen muss, dass er noch Lebensmittel produziert, wo man bei ALDI & Co. doch alles kaufen kann.

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