Bauer Willi
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Strukturwandel ist nicht nur ein Wort

Ein Gastbeitrag von Paul, der nachdenklich macht. Was wird eigentlich aus den Höfen?

Wir hatten am vergangenen Wochenende unser traditionelles Nachbarfest in unserer Nachbarschaft. Unsere Nachbarschaft besteht aus sechzehn landwirtschaftlichen Hofstellen, die aber nicht mehr alle bewirtschaftet werden. Von den ehemals sechszehn Betrieben werden zurzeit noch drei landwirtschaftlich genutzt. Die restlichen dreizehn Betriebe wurden über die Jahre im Rahmen des Generationswechsels aufgegeben. Es handelte sich dabei teilweise um kleine Gemischtbetriebe mit 10-15 ha LF und einigen Kühen und Schweinen, teilweise aber auch um fürstliche oder kirchliche Höfe. Die Flächen dieser fürstlichen oder kirchlichen Höfe werden dann an andere Fürsten- oder Kirchenhöfe weitergegeben. Wenn es in anderen Bereichen der Wirtschaft Möglichkeiten gab, seine Brötchen zu verdienen, dann wurden sie, meist im Generationswechsel, genutzt. Die jüngere Generation in unserer Nachbarschaft hat sich ordentlich entwickelt. Wir haben darunter einen Geschäftsführer, verschiedene Industriemeister und Ingenieure. Ehrlich gesagt, stehen diese Leute häufig besser da, als die drei Landwirte, die noch ihre Betriebe bewirtschaften.

Einer dieser drei Betriebe wird von einem Landwirt bewirtschaftet, der Anfang des Jahres seinen Flächenbestand soweit verringert hat, dass er Rente beziehen kann. Er hat vier Töchter, die alle anderen Berufen nachgehen und vom Hof weggezogen sind.

Der zweite dieser drei Betriebe ist ein Milchviehbetrieb mit 60 Kühen und einer 180 KW Biogasanlage. Der Landwirt ist 52 Jahre alt und hat zurzeit noch keinen Hofnachfolger.

Den dritten Betrieb bewirtschaften wir als Familienbetrieb. Meine Frau und ich sind 55 und 53 Jahre alt. Wir haben rund 500 Mastbullen mit 55 ha LF. Auch bei uns ist die Hofnachfolge völlig offen.

Auf den anderen dreizehn Hofstellen sind zum Teil die jungen Leute auch auf den Höfen geblieben und haben sich Arbeitsstellen im Umland gesucht. Auf einigen sind sogar mehr als eine junge Familie wohnen geblieben. Durch teilweise sehr großzügige Umbauten der Altgebäude sind dort schicke Wohnungen entstanden. Alle jungen Familien haben mehrere (überdurchschnittlich viele) Kinder, unsere Nachbarschaft stirbt nicht aus.

Nun war am Samstag unser Nachbarfest. Das Fest wird immer auf einem Hof gefeiert. Die Bewohner mit den nächsten Nachbarn müssen das Fest vorbereiten. Diesmal war Heini (Name geändert) dran. Heinis Betrieb war ein ehemaliger Fürstenhof. Vor 20 Jahren, im Zuge des Generationswechsels, hatte die Familie die bewirtschafteten Flächen an den Fürst zurückgegeben und die Hofstelle gekauft. Dementsprechend war und ist der Gebäudebestand groß. Auf dem Betrieb wurden damals 35 Kühe im Anbindestall gehalten.

Die Eltern von Heini sind vor einigen Jahren gestorben und Heini ist unverheiratet geblieben. Er wohnt jetzt alleine auf seiner großen Hofstelle. Da er ganztägig arbeiten geht, ist die Zeit für den Unterhalt und die Pflege dieser Gebäude begrenzt. Und das sieht man leider auch. Aus einem ehemals sehr gepflegten Anwesen – die Familie legte immer Wert darauf – ist eine Hofstelle geworden die vernachlässigt wirkt. Ich mache Heini keinen Vorwurf, er kann´s alleine eben nicht. Aber bedauerlich ist es schon.

Dieser Strukturwandel in unserer Nachbarschaft ist aber beispielhaft für den Strukturwandel im Land. Aber bisher war es eben so, dass die Höfe im Rahmen des Generationswechsels in den Zu- oder Nebenerwerb wechselten. Die ganze Geschichte verlief einigermaßen nach Plan. Die meisten Höfe konnten ohne große Substanzverluste an die nächste Generation weitergegeben werden.

Schaffen wir das noch?

Aber das, was in den nächsten Jahren auf die Landwirtsfamilien zukommt, ist mit dem bisher Geschehenen nicht mehr zu vergleichen. Landwirte müssen sich heute mit Themen auseinandersetzten bei denen sie von der Politik getrieben und dann im Regen stehen gelassen werden.

  • Für Schweinehalter:

Kastenstand, Freilauf, Ferkelschutzkäfig, Ringelschwanz, Kastrationsverbot

  • Für Rinderhalter:

JGS-Verordnung für Silo- und Festmistlagerstätten

  • Für alle:

Die neue Düngeverordnung, Verbot ganzer Wirkstoffgruppen, Anfeindungen der Landwirtsfamilien durch die Gesellschaft

Die Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann beliebig erweitert werden. Einige dieser Punkte haben das Potential, einen betroffenen Betrieb sofort zur Aufgabe zu zwingen. Zum Beispiel die JGS-Verordnung: ein Betrieb in der Nachbargemeinde hatte im Frühjahr CC-Prüfung. Die Siloanlage wurde beanstandet. Jetzt gehen 60 gute Herdbuchkühe weg. Der Landwirt hat für seine Kühe gelebt…

Aber ebenso zum Nachdenken gebracht hat mich die Tatsache, dass die Betriebe, die jetzt die Bewirtschaftung einstellen immer größer werden. Wenn in der Vergangenheit bei Aufgabebetrieben eine oder zwei Wohnungen für die junge Familie/n eingerichtet wurde nebst Stellplätze für ein paar Autos und Pferde, vielleicht noch eine Werkstatt für´s Hobby, dann waren die Gebäude oft schon genutzt. Das wird bei den Betrieben, die in Zukunft die Bewirtschaftung einstellen, so nicht mehr möglich sein. Da wird man ganz neue Lösungen suchen müssen damit am Ende nicht der Bagger die Lösung ist.

Von Leidenschaft wird man nicht satt

Was bringt die Zukunft? Beim Nachbarn mit dem Kuhbestand und der Biogasanlage ist die weitere Bewirtschaftung völlig offen. Der 19jährige Sohn des Hauses hat seinen Weg in der Landwirtschaft noch nicht gefunden. Der Vater dachte schon mal über die Kooperation mit einem anderen Milchviehbetrieb im Ort nach, man wollte gemeinsam einen Stall für 300 Kühe bauen. Aber dann muss der Sohn und mögliche Betriebsnachfolger auch voll hinter dieser Maßnahme stehen. Es ist also schwer für die jungen Leute, denn als junger Landwirt kann man oft beim Freizeitverhalten und Urlaub mit den anderen Kollegen außerhalb der Landwirtschaft einfach nicht mithalten. Dazu kommen dann noch Anfeindungen und Beschimpfungen aus dem Umfeld und den Medien. Nicht jeder hat da das Gemüt einer Teflonpfanne. Wenn man dann die Möglichkeit hat, an anderer Stelle eine gute Ausbildung zu machen und mit geregelter Arbeitszeit sein Geld zu verdienen, geht der Weg häufig von der Landwirtschaft weg. Leidenschaft ist zwar schön, aber man wird nicht satt davon.

In unserem Fall ist es so, dass unsere drei Kinder alle das Abitur gemacht haben bzw. machen werden. Zwei Kinder stehen kurz vor dem Masterabschluss an der Uni. Der Dritte wird voraussichtlich auch eine außerlandwirtschaftliche Ausbildung machen. Ich kann es den Kinder nicht verübeln. Wir sind sogar stolz darauf, dass sie ihren Weg mit sehr guten Ausbildungen und Abschlüssen machen. Auch unser Betrieb ist von der JGS-Verordnung betroffen. Bei einer Kontrolle durch die unter Wasserbehörde oder bei einer CC-Überprüfung wären wir zum ´´Abschuss´´ freigegeben. Dabei verfügen wir schon über eine Fahrsiloanlage, halt ein bisschen in die Jahre gekommen, aber immer besenrein.

Nun, wie geht´s weiter? Ich weiß es nicht. Wenn wir gesund bleiben, würde ich den Betrieb gerne noch zehn Jahre weiter führen. Wenn man uns lässt! Und danach? Der Gebäudebestand ist groß, man könnte in den Altgebäuden zwar 15 Wohnungen einrichten. Aber gibt es einen Markt dafür? Und damit sind die neueren Hallen immer noch nicht genutzt. Aber leer stehen lassen und dem Verfall übergeben ist auch keine Lösung. Und damit bin ich wieder bei Heini, meinem Nachbarn, da scheint es in diese Richtung zu gehen. Und bei vielen anderen Höfen, auf denen derzeit noch gewirtschaftet wird, genauso.

75 Jahre haben gereicht, um aus unserer Nachbarschaft, in der 16 landwirtschaftliche Betriebe existierten, eine Nachbarschaft zu machen mit irgendwann vielleicht noch einem, dann sehr großen, landwirtschaftlichen Betrieb. Und ich glaube, dass diese Entwicklung auch für andere Regionen beispielhaft ist. Will unsere Gesellschaft das so?

Ein nachdenklicher Paul

(Name und Anschrift ist uns bekannt)

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34 Kommentare

  1. Thomas Apfel sagt

    Zur besseren Erklärung des Strukturwandels und seiner Gesetzmäßigkeiten muß man einfach mal in das (jährlich erscheinende ) Statistische Jahrbuch über Landwirtschaft und Forsten sehen. In der Ausgabe 2016 (Grafik XLIX) ist der angebliche auch von Prof. Taube und dem Wissenschaftlichen Beirat behauptete Anstieg der Bruttowertschöpfung in der LW konterkariert. Der leichte Anstieg der Bruttowertschöpfung in 2013 wird als Trend zu steigender Wertschöpfung interpretiert, fällt aber 2014 und 2015 unter den Durchschnitt der Jahre 1991 – 2012.
    Der bessere Ansatz ist die Betrachtung der Nettowertschöpfung (d.h. nach Abzug der Abschreibungen Tab. 178). Die Nettowertschöpfung je ha Nutzfläche stagniert seit 25 Jahren ( um 900 bis 1.100 €/ha) Der Subventionsanteil an der Nettowertschöpfung liegt bei ca. 50 % (Schwankungsbreite 68,2 % 2015 und 38,4 % 2013).
    Im Klartext heißt das: der Bauer „verdient“ seit 25 Jahren die gleiche Summe je ha.
    Inflationsbereinigt hat sich die Nettowertschöpfung in 20 Jahren halbiert.
    Genau aus diesem Grund lag die durchschnittliche Betriebsgröße 1992 noch bei rund 32 ha und liegt heute bei ca. 68 ha. 1992 bis 2013 sind 192.000 Betriebe über 5 ha aufgegeben worden. Dies ist die Logik des wachstumsbasierten Wirtschaftssystems in dem wir leben.
    Die kleinen Bäuerlichen Betriebe werden nicht wieder in die Dörfer zurückkehren.
    Nebenerwerbsbetriebe die weitermachen und auch zivilgesellschaftliche Initiativen können das Leben in den Dörfern wieder bunter machen. Die eigentliche Produktion der 96 % Nahrungsmittel, die unsere Ernährungssicherheit gewährleisten wird weiter in wachsenden und sich spezialisierenden Betrieben stattfinden.
    Dies sollten auch all die schönen bunten Initiativen zur Kenntnis nehmen und den Dialog und nicht den Streit aus der Position „Derer von Geistes Gnaden“ führen.

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  2. Es ist höchste Zeit, dass dieser Beitrag erschienen ist. Ich will nur hoffen, viele Entscheidungsträger in Berlin und Brüssel lesen diesen auch bzw. werden in Kenntnis gesetzt. Die nächste „Agrar-Reform“ wirft ihre Schatten voraus.
    Wenn die Agrar-Kommission das Heil beim Weltmarkt sieht, bekommen wir in Deutschland blühende Landschaften im Sinne Naturschutz. Geplant ist auch großere Unternehmen, wie sie im Osten Deutschlands aber auch in anderen EU-Staaten bestehen wegen deren „Größe“ zu bestrafen. Es muss doch niemand annehmen, dass dann wieder kleienere Strukturen entstehen, wo schon mal größere bestanden haben.

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  3. Sabine sagt

    Wenn es an der Ruhr brennt, dann kann das ganze Wasser des Rheins das Feuer nicht löschen, haben sie gesagt…. damals in Rheinhausen, da waren sie alle da, Pfarrer, Politiker, Gewerkschaftler. Und dann? Der viel besungene Pulsschlag aus Stahl, das Grubengold, das stolze Glückauf der Kumpel… Dienstleistungen und Handel, neue Hochtechnologie sollten die Industriearbeitsplätze ersetzen und Grün sollte alles werden. Neue Mitte, Einkaufszentren, Outlets, Gründeroffensiven, Umschulungen, Renaturierungen… Grün ist es, sauberer bestimmt, aber auch Millionen von Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, in Dauerbefristung und mit Einkommen, die Altersarmut nicht zum Risiko, sondern zu Gewissheit werden lassen. Wer gehen konnte, ist gegangen und nicht nur Mitten im Ruhrgebiet. Städten wie Herne oder Wuppertal sieht man es an, Ein-Euro-Shops, Handy- und Dönerbuden und Spielhallen, wo man früher Fachhändler fand. Man sieht es den Leuten an. Armut trägt Jogginghose, auch im Winter. Manche Städte haben es zur Hälfte geschafft wie Essen. Die Stadt und ihre Bewohner sind geteilt. Die A 40 als Sozialäquator. Auf der einen Seite der Autobahn, die, denen der Strukturwandel Wohlstand gebracht hat und dann die Viertel, wo die Leben, die nicht mithalten konnten.
    Dass gerade in den alten Arbeiterviertel politische Rattenfänger punkten wird von Berlin überrascht festgestellt, aber dass da was brennt, das wird nicht wahrgenommen. Sicher die offene Flamme fehlt, aber der soziale Schwelbrand ist da und da ist keine Feuerwehr nicht vom Rhein und nicht von der Spree.

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Wärent nach 45 im Schwabenland die Industriebauten in die Höhe schossen, waren wir in Baden durch die Grenznähe ein Armenhaus. Damals machen die Kohlekumpels bei uns einen Zwischenstopp auf der Urlaubsfahrt nach Italien, natürlich mit dem Hinweis, dass bei uns nur Bauern wohnen.
      Erst in den 70igerjahren wurden Firmen ansässig mit internationalen Ruf, die Zahl der Arbeitslosen liegt zum Teil unter 3%, was eigentlich Vollbeschäftigung bedeutet. Diese Entwicklung hat man im Kohlenpott verschlafen, manche Kommunen verließen sich auf die Dividende von RWE, was für manche in einer finanziellen Katastrophe endete.

      Bei uns gibt es Gemeinden, in der es keine hauptberuflichen Landwirte mehr gibt, ob das auf die Dauer gut ist, mag dahingestellt bleiben, zumindest verdienen die in der Industrie so viel, dass sie sich noch eine Nebenerwerbslandwirtschaft leisten können. 😉

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    • Paulus sagt

      Sabine, die Beschreibung des Dilemmas ist Ihnen ja ganz gut gelungen. Sie haben nur geflissentlich die wahren Ursachen nicht benannt. Wo soll ich anfangen …? Ich hab da so bestimmte Ortsvereine, in Verbindung mit Gewerkschaften und vielen Pöstchen im Hinterkopf. Und jetzt versuchen Sie mal, immerhin im Jahr 2018, mit der Straßenbahn von Mülheim nach Essen oder Bochum zu fahren. Ich meine jetzt nicht an einem Sonntag, da ist es eh nicht zu schaffen.

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  4. Hans-Georg Meyer sagt

    Der Bericht berührt mich sehr da ich auch vor über 35 Jahren den weggegangen bin. Wir waren in meiner Altersgruppe damals noch knapp 10 Betriebe die als Zukunftsbetriebe gehandelt wurden 20 bis 60 ha Eigentum, von denen sind jetzt noch zwei aktiv. Ich selber habe zwei Gebäude abgerissen und baue jetzt das letzte Wirtschaftsgebäude auch noch zum Wohnhaus um, Altenteiler. Statt Kühe Mieter! sind aber eigentlich genauso anspruchsvoll.

    Ich denke das wird so weitergehen bis irgendeiner sagt das haben wir nicht gewollt, dann ist es zu spät. Das vom Alois beschriebene Phänomen kann ich zwanzig Kilometer weiter auch bewundern, nur dieser Zustand setzte hier schon in den Neunzigern ein. Je weiter man von den Ballungszentren wegkommt desto weiter ist der Verfall zusehen.

    Wir hatten doch vor kurzem den ein Interview mit jemanden, der so genau wusste wie es gehen soll, was sagt der dazu? Am meisten stören mich daran die Forderungen ohne selber etwas zu tun. „Musik bestellen aber nicht bezahlen wollen“

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    • bauerhans sagt

      „Statt Kühe Mieter!“

      einer hier machte das in den 1960er jahren und der brauchte dazu 160000DM kredit,unerhört für die hiesigen bauern:“der hat ja 160000DM SCHULDEN!!“
      später baute der noch ein mehrfamilienhaus aus dem erlös eines geerbten hofes.
      heute hat seine tochter 33 wohnungen und lebt einen entsprechenden lebensstil.

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  5. Paulus sagt

    Nachdenklich an dem Artikel von Paul machen mich eher die nostalgische Veranlagung mancher Bauern und die Aussage, dass er stolz auf die außerlandwirtschaftlichen akademischen Wege seiner Kinder ist.
    Ich habe die Aufgabe des elterlichen Hofes als Schüler miterlebt und bin heilfroh, dass es dank meiner sehr resoluten Mutter so gekommen ist. Die hatte die Zeichen der Zeit erkannt und nachdem sie einen Job und den Führerschein hatte und das Rückepferd zum Schlachter musste, kurzen Prozess gemacht. Die Ländereien wurden bis auf den Wald an die Nachbarn und ein paar bauwillige jüngere Dorfbewohner verkauft; die Hofstelle zunächst als Auslieferungslager verpachtet und dann auch ganz schnell an den Pächter verkauft. Der Erlös spielte dabei eher eine untergeordnete Rolle. Während meine Eltern, relativ gut situiert, in einer angenehmen Mietwohnung in der nahegelegenen Kleinstadt lebten, kamen die restlichen ca. 10-12 Bauern, bis auf einen, nach und nach unter die Räder. Die, die sich zuvor das Maul zerrissen hatten, fanden in der eher ungünstigen Mittelgebirgsregion weder Käufer noch Pächter, zumindest nicht zu den Preisen die sie sich so vorstellten.
    Um auf den im Artikel genannten „Heini“ zurückzukommen. Wenn ich mich nicht in der Lage sehe einen Gebäudebestand zu bewirtschaften muss ich mich rechtzeitig davon trennen, bevor mir das Ding hoffnungslos über den Kopf wächst oder gar über mir zusammenfällt.
    Noch etwas anders fiel mir auf: wenn ich 500 Mastbullen bei einer verfügbaren LF von 55 ha halte und noch nicht einmal ein Fahrsilo so unterhalten kann, das es den Anforderungen der JGS-AnlagenV entspricht, scheint mir da so einiges im Argen zu sein. Nee, lieber Namensvetter, das geht nach hinten los.
    Jetzt können mir alle Bauern gerne Unwissenheit und Arroganz vorwerfen.

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    • Mark sagt

      In der Tat haben diejenigen, die den Sektor Landwirtschaft rechtzeitig verlassen haben alles richtig gemacht, ich kenne niemanden, der es bereut hat. Das kann man jetzt gut heißen, so wie Paulus es tut, vorallem aus Sicht derjenigen, die vom sinkenden Schiff abgesprungen sind. Aber was heißt dies für den Sektor und diejenigen die verblieben sind. Für den Sektor Landwirtschaft heißt dies doch nichts anderes, als dass er schon seit Jahrzehnten vor sich hin darbt und von der allgemeinen Entwicklung, zunächst wirtschaftlich, mittlerweile auch gesellschaftlich und sozial, abgehängt wird. Den Bauern hat man erzählt, der Strukturwandel würde ihre Probleme lösen, und sie haben es geglaubt haben fleissig investiert und sind gewachsen. Die Probleme wurden dadurch nicht kleiner, sondern größer, sie sind quasi mitgewachsen. Nicht dass man mich falsch versteht, ein gewisser Strukturwandel muss es schon aufgrund des technischenb Fortschritts geben (ca. 1-2%/Jahr), was jedoch abgelaufen ist und noch abläuft wird in einem Strukturbruch münden. Die Folgen davon werden erst nach und nach offensichtlich, bisher hat die Gesellschaft und die Wirtschaft davon exorbitant profitiert. Paulus, es ist einfach (und diesmal durchaus arrogant), einem Bauern Unfähigkeit, eine JGS_Anlage vorschriftsmäßig zu unterhalten, vorzuwerfen, Die Gewinnmargen der Bullenmast war in den vergangenen Jahren, bis auf wenige kurze Phasen misserabel. Wenn dann quasi durch Behördenwillkür (verursacht durch Umweltpaniker) die Auflagen so verschärft werden, dass bestehende JGS-Anlagen die Auflagen auch durch technische Nachbesserungen nicht mehr erfüllen können, sondern einen Neubau erfordern würde, dann macht dieser Landwirt doch das einzig richtige und schmeisst hin.

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    • Obstbäuerin sagt

      Paulus, in den nächsten 10 Jahren werden mit den 11% übrig gebliebenen Bauern ganz neue Probleme auftauchen. Da wird dann noch mehr im Argen liegen.

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    • Heinrich Steggemann sagt

      Wie gross ist die jährliche Umweltbelastung von einer alten funktionsfähigen JGS-Anlage, die nach bestem Wissen bewirtschaftet und mit überschaubaren Kosten in Schuss gehalten wird? Wieviel Umweltbelastung erzeugt der Abriss einer solchen Anlage und deren Neubau?Umgelegt auf zum Beispiel 20 Jahre, welche Variante hat die bessere Gesamtbilanz?

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      • Mark sagt

        Die Ökobilanz des Neubaus mag fraglich sein. Er kurbelt jedoch sicher die Wirtschaft und den Strukturwandel an. Beides ist erwünscht.

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    • Alois Wohlfahrt sagt

      In der Tat schwingt beim Wort Strukturwandel die Nostalgie mit. Dabei ist nichts beständiger als der Wandel, wie schon das alte Sprichwort sagt. Das große Problem dabei ist, dass viele Landwirte diesen Wandel einfach mitmachen, ohne sich selbst klare Ziele zu setzen. „Wachsen oder Weichen“ hat es geschafft der Glaubenssatz von ganzen Bauerngenerationen zu werden. Das Jammern hinterher nützt nichts.
      Dass dabei auch größtenteils die „Bauernkultur“ auf der Strecke blieb, ist ein gesellschaftlicher Verlust. Vielleicht ist das aber sogar eine unternehmerische Chance.

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  6. Brötchen sagt

    im Osten ist das alles schon ewig Geschichte. mir wird bei der Schilderung deutlich, das bei uns bald noch mehr Leute von der lw. in den Dörfern leben, als bei dem Bsp. ist alles nicht schön, aber eben lauf der Welt. wie ich letztens schon schrieb, ich war in einem Betrieb, da melkte eine junge Frau allein ca. 300 Kühe. der betrieb hat bestimmt ca. 15 mitarbeiter. mir macht das Mut, das wir hier gut aufgestellt sind, obwohl das für die betroffenen in dem Artikel nicht so toll ist. kann nur raten sich vielleicht im Osten mal umzusehen und eine Strategie zu entwickeln.

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    • bauerhans sagt

      „….da melkte eine junge Frau allein ca. 300 Kühe.“

      die wird im schichtdienst das karussel überwachen,mehr geht nicht.

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      • Brötchen sagt

        Bauerhans, sie muss ansetzen und einiges kontrollieren, saubermachen usw. Karussells die selber ansetzen gibt es wohl schon auch.

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  7. bauerhans sagt

    ich bin hier der letzte bauer im ort,eine nachbarschaft gibts hier nicht,weil wir abseits des dorfes leben und z.b. ein hof von einem schausteller bewohnt wird,ein anderer an bedienstete einer uni vermietet ist.
    der betrieb existiert noch,weil er in den zurück liegenden 60 jahren durch baulandverkäufe immer wieder saniert werden konnte.
    eine betriebsgemeinschaft erledigt feldarbeiten für mich,die per maschinenringliste abgerechnet werden.
    meine nachfolgerin wird sicherlich den betrieb mal verpachten,hat sich aber schon vor jahren dafür entschieden,auf dem hof zu wohnen.
    für die zukunft erhoffe ich mir gesundheit,was für mich das wichtigste ist!

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    • Inga sagt

      Ja bauerhans,

      „der betrieb existiert noch,weil er in den zurück liegenden 60 jahren durch baulandverkäufe immer wieder saniert werden konnte.“

      Der Betrieb extitiert noch als landwirtschaftlicher Betrieb oder nur als Gebäude?

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      „“der betrieb existiert noch,weil er in den zurück liegenden 60 jahren durch baulandverkäufe immer wieder saniert werden konnte.““

      Wenn ein Betrieb nur durch Baulandverkauf am Leben erhalten wurde, da muss der Betriebsleiter ab und zu den Mathe-Unterricht geschwänzt haben.

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      • bauerhans sagt

        na,die gingen zur jagd,waren im reiterverein aktiv,hielten gross haus,da war keine zeit zum organisieren,da das arbeiten damals andere machten.

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Der Grundstücksverkauf hat auch mal ein Ende, dann kommt das große heulen und wehklagen.

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          • bauerhans sagt

            wenn man beweglich ist,gehts so: das baulandgeld wird wieder in bauerwartungsland investiert und nach jahren hat man wieder bauland.
            dafür muss man aber sehr gut vernetzt sein und als erster informationen aus den bauämtern bekommen.
            der grossvater von s.klatten,günter quandt,hatte so nach dem krieg ein vermögen gemacht.

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            • Ehemaliger Landwirt sagt

              Das ist ein gewaltiger Unterschied zu dem von dir genannten Betrieb. 🙂

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  8. Günter Reichard sagt

    Für mich sind Bilder von verlassenen Höfen grausam, nirgendwo ist der
    Spiegel der Gesellschaft sichtbarer wie auf den Dörfern. Analog zu den immer mehr schwindenden bäuerlichen Anwesen sieht man auf den umgebenden Fluren die Ausbreitung der industrialisierten Landwirtschaft, mit all den Monokulturen, verschwindende Vielzahl von Tieren und Vögeln.
    Aufgewachsen bin ich in einem fränkischen Dorf, damals gab es an die 25 Bauern, mit Sonderkulturen Hopfen und Obstbau. Heute ist kein Bauer mehr am Ort. Die „Alten“ halten den Obstbau noch etwas aufrecht, die Felder werden von Bauern bewirtschaftet die tw. 40 km Anfahrt haben. Die meisten Jungen haben am Dorfrand in der „Siedlung“ ein Haus gebaut und die Hofstelle verfällt oder ist vermietet.
    Wenn ich Eure Blogs so lese, scheint das mehr oder weniger überall so zu sein.
    Ich wäre gerne Bauer geworden, aber die Landwirtschaft gab mein Vater auf, als ich 18 war.
    Einen engeren Bezug zur Landwirtschaft erhielt ich erst wieder als ich vor 10 Jahren einen Bergbauernhof kaufte und dadurch wieder sehr engen Kontakt zur
    Landwirtschaft bekam.
    Aber je mehr ich mich damit beschäftigte, umso mehr wurde mir bewußt, dass es ohne ein gegensteuern in 30, 40 Jahren keine Bauern im herkömmlichen Sinn mehr geben könnte. Ich denke je nördlicher in der Geographie, umso wahrscheinlicher.
    Es ist auch wahrscheinlich ein Glück, dass bei uns die Felder begrenzter und meist sehr steil sind und große Maschinen nicht so eingesetzt werden können, sprich nicht soviel Profit für die Landmaschinenhändler.
    Das wichtigste aber glaube ich, dass viele junge Bauern eine Liebe zur Heimat leben, die den Bergen eigen ist.
    Nur dadurch ist für mich erklärbar, dass es hier soviel junge Bauern im Nebenerwerb gibt.
    Und mit Heimatliebe wächst auch wieder das Bedürfnis Strukturen zu bewahren.

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  9. Obstbäuerin sagt

    In Europa sind nur 11% der Bauern unter 40 Jahre alt und 35% schon über 65. In Deutschland sieht es da sicher ähnlich aus. Von 19 Bauern bei uns sind 15 über 55 und 4 unter 40 Jahre. In den Sonderkulturbetrieben, die besonders handarbeitsintensiv sind, wird der steigende Mindestlohn in Verbindung mit niedrigen Preisen zum Crashbeschleuniger. Dazu kommen zunehmende Extremwetterlagen, wie jetzt die anhaltende Dürre. Wir können zwar z.T. beregnen aber auch das treibt die Kosten weiter in die Höhe. Da es sich um einen schleichenden Prozess handelt und die Auswirkungen nicht sofort zu bemerken sind, wird auf mahnende Worte von uns keiner hören. Es glaubt uns eh keiner.

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  10. Ehemaliger Landwirt sagt

    Pauls Schilderung ist der Gang der Zukunft seit Jahren. Mahnende Worte wurden doch immer als das Jammern der Bauern abgetan und dieses Bild schwebt noch immer in den Köpfen der Bürger.
    Wenn man sich überlegt, dass in manchen Köpfen noch der Wahn von Verkleinern größerer Betriebe schwirrt, das ist ein Zeichen völliger Unkenntnis über die Zustände in der Landwirtschaft.

    13+
  11. Kirsten wosnitza sagt

    Wenn in der Landwirtschaft ausreichend verdient würde,
    Dann könnten Ställe und Anlagen den Auflagen entsprechen und Freizeit durch Einkauf von Arbeitskraft für die Nachfolger realisiert werden.
    In einem System in dem es immer nur um Kostensenkung geht ist das natürlich nicht möglich. Immer billiger und immer mehr erhält keine lebendige und nachhaltige Landwirtschaft.

    12+
    • Paulus sagt

      „Dann könnten Ställe und Anlagen den Auflagen entsprechen …“
      Frau Wosnitza, sind Sie sich der Qualität bzw. Tragweite Ihrer Aussage bewusst? Ich verbinde dies z.B. mit dem sogen. Tierwohl. Insofern geht der Schuss nach hinten los, oder soll ich es als klassisches Eigentor bezeichnen? Und das von einer Vertreterin der Milchwirtschaft. Vielleicht sollte man in diesen Workshops doch nicht nur viele bunte Zettelchen irgendwo hin kleben.

      1+
      • Harald Müller sagt

        „Dann könnten Ställe und Anlagen den Auflagen entsprechen …“ ist ein Trugschluss:
        Wenn Ställe und Anlagen allen Auflagen entsprechen würden, kämen sofort die nächsten Auflagen.

        Das ist ja das Perfide: Ganze Heerscharen an Bürokraten, Politikern, Spendensammlern und Journalisten leben davon, immer neue Auflagen einzufordern. Also ist Das Ganze ist zu einem Selbstläufer geworden.

        Und die Landwirtschaft schafft es nicht, sich gemeinsam auf die Hinterbeine zu stellen und dem Irrsinn Einhalt zu gebieten.

        9+
        • Der Brandenburgbauer sagt

          Ein alter Arbeiterführer hat einmal folgenden Satz geprägt. “ Wenn Dein starker Arm es will stehen alle Räder still“.
          Wir Landwirte sind kein starker Arm, sondern viele kleine zerbrächliche Ärmchen.Groß gegenKlein, Konventionell gegen Bio,Familienbetrib gegen Mehrfamilienbetrieb, West gegen Ost und die Beispiele könnte man fortführen.
          Einigkeit macht stark und die gibt es nicht.

          2+

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