Palla
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Milchvermarktung aus der Sicht einer Bäuerin – ein gescheiterter Versuch

Der Hauptgrund, warum wir die Milchviehhaltung aufgegeben haben, war ohne Frage der schlechte Milchpreis. Wir wollten aber schon vor Jahren das bestehende Milchablieferungssystem so nicht akzeptieren und wollten etwas ändern. Leider ohne wirklichen Erfolg!

Wir hatten früher, wie allgemein üblich, einen Vertrag mit der nächstgelegenen Molkerei, die sich damit verpflichtete die gesamte Milchmenge abzunehmen. Im Gegenzug mussten wir der Molkerei unsere gesamte Milch, soweit sie nicht auf dem Hof benötigt wurde, dieser Molkerei zur Verfügung stellen. Das nennt man Andienungspflicht. Zudem wurden wir über leider unverzinste Geschäftsanteile an der Molkerei beteiligt. Preisvereinbarungen gab es keine, es war lediglich vom jeweils gültigen Auszahlungspreis zum frühestmöglichen Zeitpunkt die Rede. Als Kündigungsfrist waren 18 Monate zum Jahresende vorgesehen. Die Milch wurde also abgeholt und alles andere bestimmte die Molkerei.

Vor ein paar Jahren waren wir so unzufrieden mit dem niedrigen Auszahlungspreis und unserer schwachen Position gegenüber der Molkerei, dass wir den Vertrag gekündigt haben und diese lange Kündigungszeit auf uns genommen haben. Wir sind zum Glück in einer Region, in der noch eine Vielzahl von Molkereien als mögliche Vertragspartner vorhanden ist. Konkurrenz belebt das Geschäft! Das ist in Deutschland leider nicht mehr überall der Fall und vor allem die Kollegen in Nord- und Ostdeutschland können davon ein Lied singen. Was vielleicht wie ein normaler Vorgang klingt, war und ist für viele andere Milcherzeuger in unserer Gegend nach wie vor schlicht undenkbar und man hat uns Vorwürfe gemacht. Man lässt seine Molkerei nicht im Stich! Ich verstehe bis heute nicht, warum wir von den Berufskollegen so kritisiert wurden und warum Eigeninitiative schlecht sein soll!

Aber was nun tun? Wohin mit der Milch?

Einen Milchautomaten aufstellen? Die Milch selbst weiterverarbeiten? Auf Bio umstellen? Auf den ersten Blick lauter gute Ideen. Wir konnten uns aber weder vorstellen, dass genügend Leute nur wegen der Rohmilch aus dem Automaten auf den Hof kommen würden, noch hätten wir freie Arbeitszeitkapazitäten für die tägliche Verarbeitung der Milch gehabt, zumal in beiden Fällen nicht die gesamte Milch hätte vermarktet werden können. Die Umstellung auf Bio war uns wegen der Umstellungsphase finanziell zu riskant und wir wären mit einem Vertrag mit einer Biomolkerei wieder in der gleichen schwachen Position gewesen.

Was haben wir also mit unserer Milch gemacht?

Wir haben uns mit Milcherzeugern in der gleichen Situation zu einer Liefergemeinschaft zusammengeschlossen, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark! Damit hatten wir eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Molkereien. Im Vergleich zu den anderen Milcherzeugern hatten wir nun über Jahre ein paar Cent für den Liter Milch mehr. Die jeweilige Molkerei profitierte davon, dass sie mit unserer Gruppe mehrere größere Betriebe auf einmal hatte und somit die Milch nicht bei vielen kleinen Betrieben zusammensammeln musste. Auch haben wir den Molkereien, trotz der höheren Produktionskosten bestimmte freiwillige Verpflichtungen, wie Gentechnikfreiheit angeboten, mit der sie eine höhere Wertschöpfung erreichen konnten. Wenn der Vertrag, der sich ansonsten nicht so sehr von den herkömmlichen Verträgen unterschied, nach einem Jahr auslief wurden auch Verhandlungen mit anderen Molkereien gemacht. Für uns war das immerhin ein besseres Modell als vorher. Bis der Milchpreis ab Mitte 2014 immer weiter fiel. Der Rest ist bekannt!

Mir ist es ein Rätsel, warum so viele Kollegen in den Regionen in denen sie noch Alternativen zur angestammten Molkerei haben, die alten Verträge mit dieser langen Kündigungsfrist akzeptieren, ohne zu kündigen. Für mich ist das der erste Schritt zu mehr Selbstbestimmung. Jeder Milcherzeuger muss seine Unzufriedenheit mit dem Auszahlungspreis über eine Kündigung des Liefervertrages ausdrücken! Man bleibt erfahrungsgemäß nicht auf seiner Milch sitzen, denn das ist die größte Angst der Milcherzeuger.

Es ist für mich absolut nicht das Problem der Bauern, wie die Molkereien wirtschaften! Ich kann das Gejammer der Molkereien über ihre schlechte Verhandlungsposition gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel nicht mehr hören. Dann lasst euch doch was einfallen!

Ich bin überzeugt, dass wir auch heute noch Kühe hätten, wenn es uns gelungen wäre Verträge mit den Molkereien auf Augenhöhe abzuschließen. Die Verträge mit Molkereien beinhalten nach wie vor viel zu wenig Details und sind darauf ausgelegt den Molkereien möglichst lange billigen Rohstoff zu verschaffen. Ich wünsche meinen Kollegen, dass sie es schaffen, in Zukunft gemeinsam mindestens die bereits bestehenden Möglichkeiten wahrzunehmen und mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten, um in Zukunft bessere Preise zu verhandeln!

Eure Palla

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17 Kommentare

  1. fleckviehzüchter sagt

    Bei den 2 GV/ha bin ich sofort dabei.

    Für alle die nicht wissen was eine Großvieheinheit ist, das ist mal wieder eine theoretische Größe und soll den Futterverbrauch ausdrücken. So entspricht in Bayern ein Kalb einer GV von 0,3 und eine ausgewachsene Kuh einer GV von 1,0 und eine Legehenne einer GV von 0,004 das heißt 1000 Legehennen entsprechen 4 Kühen.

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  2. Gerhard Langreiter sagt

    Also bei uns sind alle bei einer Milcherzeugergemeinschaft. Die beliefert mehrere Molkereien und wechselt auch. In welcher Gegend machen Bauern direkt mit der Molkerei Verträge?

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  3. Walter Parthon sagt

    Im letzten Quotenjahr 2014/2015 stand den deutschen Milcherzeugern für ihre Lieferungen an Molkereien eine Lieferquote in Höhe von 30,225 Millionen Tonnen zur Verfügung. Die Milchlieferungen der Milchviehhalter betrugen einschließlich Fettkorrekturmengen 31,335 Millionen Tonnen.

    Ohne Not wurde die Quotenreglung aus der Hand gegeben, die hat dafür gesorgt das Milchseen und Butterberge abgebaut wurden. Über eine jährliche Senkung oder Erhöhung hätte ein ein ordentlicher Milchpreis erreicht werden können.
    Im Fall der Milch finde ich die Vorschläge von Andreas recht vernünftig.
    Die Milcherzeugung sollte hauptsächlich in von der Natur benachteiligten Gebiete und Weidegang statt finden und besonders gefördert werden

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    • Gast sagt

      man reiche mir einen Rotstift und den Kalender, „jemand“ findet meine Vorschläge recht vernünftig 🙂

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      • Bauer Willi sagt

        Andreas hat einen Freund!!
        Walter, ich danke Dir. Diese Nacht kann unser Bio-Bauer gut schlafen. Und übermorgen geht es wieder auf den Wochenmarkt, da muss er ja fit sein.
        Bauer Willi

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  4. Stephan Becker sagt

    Hallo Palla,
    ich denke auch, dass gemeinsames Handeln am ehesten zum Ziel führt. Allerdings sind Verbände, so wie Sandra Harms es schreibt, scheinbar schon wieder zu groß und unbeweglich, so wie die Politik.

    Hier ist ein toller Vortrag von einem Mitbegründer der Solidarischen Landwirtschaft in Deutschland, Mathias von Mirbach, der mehrmals kurz vor der Aufgabe stand und auf verschiedenste Art und Weise einige Jahre die Direktvermarktung probiert hat, bis es endlich mal geklappt hat:

    Mathias von Mirbach: Solidarische Landwirtschaft: Stadt-Land-Beziehung auf Gegenseitigkeit (26min05)

    Hier ist ein Bericht über eine Milchbäuerin aus dem Kinzigtal bei Offenburg, die früher bei der Schwarzwaldmilch abgeliefert hat, aber inzwischen ihre Milch an eine andere Molkerei liefert, wo sie dann später zu Milchpulver für den asiatischen Markt verarbeitet wird:

    Keine Milch mehr
    Von Anna Hunger, Datum: 29.01.2014

    http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/148/keine-milch-mehr-1996.html

    Es gibt wohl nur die Möglichkeiten entweder den deutschen oder europäischen Markt abzuschotten oder eben möglichst direkt an den Verbraucher zu liefern und so „die Märkte“ zu umgehen bzw. links liegen zu lassen.
    Diversifizierung ist vielleicht auch noch ein Weg, also nicht nur Milch sondern auch Fleisch sowie Gemüse und vielleicht auch Obst in kleinem Umfang zu produzieren.
    Man muss an die Öffentlichkeit gehen, vielleicht mit einem regelmäßigen Infostand auf dem Wochenmarkt, um zu schauen wieviele Verbraucher bei den Milchautomaten der umliegenden Bauren kaufen würden und dazu auch Obst und Gemüse kaufen würden (Hofladen).

    Beim Infostand könnte man wenigstens Name+Ort sammeln, um wenigstens einigermaßen belastbare Daten zu haben.

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    • Bauer Willi sagt

      Vom Prinzip her eine gute Lösung, auch wenn sie nicht neu ist. Diese Diversifizierung und Verkauf über den Hofladen und Wochenmarkt machen dann 285.000 Betriebe in Deutschland. Das wird eine ganz schöne Fahrerei für die Konsumenten…
      Bauer Willi

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      • Stephan Becker sagt

        Bei den Solawi-Höfen funktioniert dies ganz unterschiedlich. Bei manchen fahren die Mitglieder zum Hofladen vor Ort, statt zum Supermarkt, bei anderen gibt es die Sachen auf dem Wochenmarkt zum Abholen,und es gibt welche wo die Sachen einmal pro Woche vom Hof zu Verteilzentren in den Städten gefahren werden, wo sich die Verbraucher dann die Sachen abholen können (s. http://www.kartoffelkombinat.de oder http://www.kattendorfer-hof.de ).
        Die Produkte sind meistens glaube ich Bio und ein ganz großer Vorteil ist, dass die Produkte keine(!) Normen einzuhalten brauchen. So können auch krumme Gurken oder unförmige Kartoffeln verkauft werden, die normalerweise auf dem Feld zurückbleiben und nicht verkauft werden können.
        Noch ein paar Vorteile: Der Kontakt zwischen Landwirt und Verbraucher wird sehr intensiv, die Verbraucher arbeiten auf dem Feld einige Stunden pro Jahr mit und die Produkte sind alle lokal, kommen also nicht aus Argentinien oder Neuseeland, d.h. es würde sehr viel an Lkw-Verkehr in Deutschland eingespart, wenn dies in großem Maßstab gemacht würde.
        Man denke an die griechische Initiative „Kinima choris messasontes“ (Initiative ohne Zwischenhändler), die es seit 2011 gibt. Das Ganze, der Verkauf von Produkten von Bauern und Produzenten direkt an Verbraucher funktioniert über das Internet mit Hilfe von selbstgeschriebener Software. Wenn die Griechen das können, können wir das auch.

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  5. Gast sagt

    Ich gebe zu mit Milchvermarktung im grossen Stil kenne ich mich nicht aus, ich wusste bis vor kurzem nicht mal, dass es eine „Andienungspflicht“ gibt und was die soll. Das klingt schon dem Namen nach eher nach einem Folterinstrument aus dem Mittelalter für Leibeigene.

    In Zeiten, wo jeder kurzfristig seinen Strom- und Gasanbieter wechselt und auch moderne Gaststätten seltener eine Brauereibindung haben, passt das nicht mehr.

    Ich verstehe auch nicht, warum Bauern als Eigentümer von vielen grossen Molkereigenossenschaften zusehen, welcher Blödsinn da teilweise vermarktungstechnisch angerichtet wird.

    Positive Beispiele muss man lange suchen, selbst die vielgepriesene Upländer Bauernmolkerei, die heute sehr erfolgreich ist, war wegen mußmasslichem Grössenwahn schon fast insolvent.

    Letztlich ist die Sache ganz einfach: kostendeckend kann man auch mit guter Werbung langfristig nur das vermarkten, wofür es eine Nachfrage gibt.

    Und da können sich Milchbauern nur selber helfen, nämlich mit der Einsicht, das weniger produzieren allen helfen wird.

    Wenn jetzt nach Politik gerufen wird, meinetwegen. Sollen sie mal alle Betriebe mit mehr als 500 Kühen von Amts wegen zumachen, dann wär schon mal was gewonnen.

    Meines Erachtens brauchen wir langfristig sowohl eine Obergrenze für Tierbestände (mit Ausnahmen bei guter Tierhaltung) und auch eine Flächenbindung (2 GV/ha Grünland/Ackerfutter) und vor allem eines : Weidepflicht!

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    • bauerhans sagt

      du wiederholst dich ständig und ziemlich ARROGANT.
      wie willste den bauern das so schmackhaft machen,dass sies auch umsetzen??

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    • Sandra Harms sagt

      oder aber, der handel macht alle produkte um 10 cent teurer und reicht diese zu den landwirten durch ! es ist doch völliger quatsch, wenn jemand behauptet es würde bei teureren preisen weniger gekauft, die leute kaufen milch, egal ob die nun 69cent kostet oder 79. genauso kaufen sie zucker egal ob 49cent/kilo oder 59 cent. und bei allem anderen ist das ganz genau so. bestes beispiel sind doch die spritpreise ! im moment freuen sich alle, das tanken billig ist, aber auch wie ein liter diesel 1.35€ und mehr gekostet hat wurde getankt und auto gefahren. das müsste von oben herab verordnet werden, aber die politik hat kein interesse daran, lieber satte bürger die an der richtigen stelle ihr kreutz machen… quasi brot und spiele wie im alten Rom.

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    • Weshalb soll es eine Grenze von 500 Kühen richten? Gibts dafür Gründe, oder ist das eine Zahl aus dem Kaffeesatz?

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  6. Sandra Harms sagt

    Ich kann mit jedem mitfühlen, der unter der jetzigen situation leidet, ich kann auch jeden vestehen, der in den sack haut und dicht macht. dafür habe ich vollstes verständnis. wofür ich allerdings kein verständnis habe ist die tatsache, das uns unsere verbände zum größten teil im regen stehen lassen. ich frage mich manchmal, für was bist du eigentlich mitglied im landvolk, und früher im bdm…. geholfen haben die mir noch nie. der bdm zb schingt reden, kennt die situation und macht aber nichts, ich versteh nicht, warum ein verband, seine mitglieder die probleme haben mit einer molkerei nicht sammeln kann und den betroffenen dann hilft. wir wissen doch alle, einer allein wird nicht gehört, aber wenn plötzlich die mehrheit der landwirte die an eine molkerei liefern sich gehör verschaffen, dann steigt auch die chance etwas zu verbessern.
    es mag aber auch an uns selbst liegen, jeder ist sich selbst der nächste, keiner denkt daran das wir „nur gemeinsam Stark sind“….. aber wohin man auch blickt, überall nur egoismuß. Unsere Kollegen in Frankreich sind da viel viel weiter als wir.die lassen sich nicht auf der nase rum tanzen, wenn denen etwas nicht passt, gehts rund…. Da steht einer für den anderen ein, wärend hier bei uns jeder sein versucht süppchen selbst zu kochen….

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    • Bauer Willi sagt

      Und genau das habe ich beim MIV auch gesagt. Jeder ist sich selbst der nächste. Darwinismus wie aus dem Lehrbuch. Und deshalb wird sich nichts ändern. Doch: der bäuerliche Familienbetrieb alter Prägung ist ein Auslaufmodell, Und alle wissen es , keiner sagt es. Doch, einer:
      Bauer Willi

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  7. Eine gute Verhandlungsposition hat man leider nur in Zeiten, in denen die Milch knapp ist. Diese Zeiten sind momentan definitiv nicht.
    Allerdings darf man die Flinte nicht ins Korn werfen. Wir Bauern produzieren beste Qualität. Daraus sollen die Molkereien beste Erzeugnisse herstellen, und bitteschön auch innovative Produkte mit höherer Wertschöpfung. Und an dieser gehobenen Wertschöpfung müssen auch die Bauern teilhaben. Da muss man halt mal experimentieren und fragen, was der moderne Kunde wünscht.

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  8. W. Toft sagt

    Palla, Du hast das System verstanden! Ich bin schon eine Zeit lang dran an den Molkereien, Verbänden und der Politik. Die hohe Wertschöpfung aus unserer Milch nehmen alle gerne mit, nur der Erzeuger soll mit dem Restgeld klar kommen. Dafür nehmen sie uns alle Milch ab. Es ist einfach unanständig, dass es nicht einmal einen bescheidenden Mindestpreis hier in EU und D für unsere gute hochwertige Ware gibt. Selbst die Auflagen werden immer weiter erhöht, aber nicht dementsprechend vergütet. Der jetzige Rohstoffpreis führt alle Betrieb in den Ruin, aber jeder denkt, ich überlebe es, und dann geht es mir besser. Nur wann kommt das nächste Milchpreistal? Der Weltmarkt ist nicht verlässlich, man muss aber darauf reagieren, und nicht umgekehrt noch mehr erzeugen.

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  9. bauerhans sagt

    bauern sind arbeitsmässig ausgelastet und entscheiden konservativ.
    wachsen oder weichen ist nach wie vor das prinzip.
    interessant ist für mich die beobachtung,dass beim maschinenkauf sehr viel zeit zum handeln aufgewendet wird.
    über zusammenarbeit mit dem nachbarn wird nur theoretisch nachgedacht.
    der staat soll es richten.

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