Bauer Willi
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Ich bin Ihr Bauer

Ich bin Bauer. Der Bauer, der Ihre Lebensmittel macht. Und ich habe ein Problem mit Ihnen. In unserer Beziehung von Erzeuger und Verbraucher stimmt was nicht mehr. Und vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt.

Dass Sie die Lebensmittel möglichst billig einkaufen wollen, weiß ich ja. Vielleicht können Sie auch nicht anders, weil Ihnen sonst zu wenig zum Leben bleibt.  Aber Deutschland hat ja nicht nur Niedriglohnempfänger. Wenn Ihnen Lebensmittel etwas wert wären, würden Sie auch nicht so viel wegwerfen. Und das Sie immer auf alles mögliche achten? Im Zweifelsfall entscheiden Sie sich dann doch für das billigere Produkt. Gut, die Discounter verkaufen jetzt auch Markenprodukte. Dafür gehen die Supermärkte mit ihren Eigenmarken jetzt auch in Richtung Billigware, um ihre Marktanteile nicht zu verlieren. Alles nichts Neues, alle drücken den Preis beim Erzeuger so weit wie es geht. Macht ja jeder so und wer da nicht mitkommt,  muss halt aufhören und ist selber schuld.

Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört: Das ist für mich als Bauer nicht das ganz große Problem. Womit ich nicht mehr zurechtkomme sind die Ansprüche, die Sie, lieber Verbraucher und Mitbürger an mich stellen. Sie wollen keine Massentierhaltung, oder? Ihr Discounter-Hähnchen kostet 2,79 Euro. Und das Würstchen, das Sie auf Ihren 800 Euro teuren Grill legen, soll nicht mehr als 79 Cent kosten. Was glauben Sie denn, wie das anders gehen soll als mit großen Einheiten? Wenn 100 Gockel auf der Wiese hinter dem Haus laufen, sieht das zwar schön aus und erregt Wohlgefallen – aber so ein Biohuhn kostet auch mal gut und gern 24 Euro. Und das ist Ihnen dann doch zu viel. Nun gut, vielleicht alle paar Monate mal eins. Um das Gewissen zu beruhigen.

Schizophren

Sie, lieber Verbraucher, sind schizophren. Klingt hart, ist aber so. Natürlich nicht im klinischen Sinn. Doppelte Moral würde es wohl besser treffen. Sie werfen uns Bauern Massentierhaltung vor, aber dann kneifen Sie den Schwanz ein, wenn sie für eine andere Form der Tierhaltung mehr bezahlen sollen. In Umfragen wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Wenn es stimmen würde, was da so von Ihnen ins Mikrofon gesagt wird, würde mindestens jeder vierte nur noch Biofleisch kaufen. In der Realität ist es kaum mehr als ein Prozent. Und der Anteil steigt kaum, obwohl die Kritik an der Tierhaltung immer weiter zunimmt.

Sie sagen: Warum soll ich mehr bezahlen, wenn ich es auch billiger bekommen kann. Das kann ich nachvollziehen, aber mit dieser Einstellung drehen Sie die Preisspirale wieder ein Stück nach unten, so dass uns Bauern für die von Ihnen gewünschten Veränderungen überhaupt kein finanzieller Spielraum mehr bleibt.

Und ähnlich ist es doch mit Ihrem Einkaufsort: in der Woche schnell zum Discounter, am Wochenende dann mal im Bauernladen 2 kg Kartoffeln kaufen. Und dann den Freunden erzählen, „ich kaufe ja vorwiegend bei meinem Bauern in der Nachbarschaft, das ist ja regional“. Und vielleicht noch den Zusatz „dass ich ja die heimischen Bauern unterstützen möchte“. Danke, aber da sind 2 kg Kartoffeln dann doch etwas wenig. Aber gut, es ist immerhin ein Anfang.

Ansprüche

Was mich ärgert, ja schon fast zornig macht: Dass ich mich mit Ihren Vorwürfen und Ansprüchen ständig auseinandersetzen muss. Weil Sie mich darauf ansprechen und ich mich rechtfertigen soll. Wofür eigentlich? Dafür, dass Sie alles nur billig haben wollen? Eigentlich wissen Sie ja, wie es produziert wurde. Ja, ich weiß, bei bestimmten Textil- und Schuhketten kauft ja angeblich auch niemand ein, genauso wie niemand die „Bild“-Zeitung liest. Doch diese Läden sind voll und jeder weiß, dass das T-Shirt für 5 Euro in Bangladesch produziert wurde. Und die Bild-Zeitung hat eine Millionen-Auflage.

Klar, Atomkraft wollen Sie nicht, Windkraft ja, aber bitte nicht vor Ihrer Tür. Mit Autobahnen und Umgehungsstraßen ist es das Gleiche. Organischer Dünger aus Biogasanlagen: stinkt Ihnen – buchstäblich. Monokulturen, Pestizide, Gentechnik – nein danke. Ja, ist schon klar. Immer schön egoistisch und nur nicht daran denken, wie der Bauer das hinkriegen soll. Sympathisch wird der erst wieder dann, wenn Sie billiges Bauland bei ihm kaufen können. Und wenn Sie dann aus der Stadt ihr Häuschen im Grünen gebaut haben, stören die Landwirte wieder nur. Die großen Trecker verdrecken die Wirtschaftswege, spät am Abend laufen noch die Mähdrescher und machen Krach und Staub, während Sie auf der Terrasse sitzen. Schnell mal das Ordnungsamt anrufen, oder doch besser gleich die Polizei. Sollen die sich doch darum kümmern. Sie haben ja schließlich Feierabend und wollen ihr Leben auf dem Land genießen.

Jammern

Sie meinen, ich jammere? Nein, das ist für mich Realität und das belastet mich seelisch. Für Sie ist es einfach, mit dem Chor der Kritiker mitzusingen. Ob es Umwelt- oder Naturschützer, Tierschützer oder diverse Parteien sind: Alle erklären uns Bauern, was wir aus deren Sicht falsch machen. Das mag in dem ein oder anderen Fall vielleicht nachvollziehbar sein, aber haben wir die eine Anforderung erfüllt, wird die nächste aufgestellt. Da macht jetzt auch der Lebensmitteleinzelhandel mit. Teils sind die Forderungen auch widersprüchlich: Ein Verbot der Anbindehaltung bei Rindern führt zwangsläufig zu größeren Ställen – und dann betreiben wir wieder Massentierhaltung. Das Verbot der Käfighaltung bei Hühnern hat dazu geführt, dass ein Teil der Eier jetzt aus dem Ausland kommen, wo die Käfighaltung weiter erlaubt ist. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Fazit: Alle neuen Verbote, Vorschriften und Regelungen führen in der Konsequenz dazu, dass der bäuerliche Familienbetrieb ausstirbt. Weil er die Auflagen nicht mehr erfüllen kann oder will. Und die Jugend oft „keinen Bock“ mehr hat und einen anderen Beruf ergreift. Dann werden die Betriebe, die übrig bleiben, eben größer.

Bauernhöfe oder Agrarfabriken

Ob es schlimm ist, wenn es statt Bauernhöfen schließlich wirklich nur noch Agrarfabriken gibt? Das müssen Sie entscheiden. Wenn Sie statt Agrar-Managern lieber Menschen haben wollen, denen die Natur noch etwas wert ist, die das seit Generationen machen, sollten Sie das zum Ausdruck bringen. Und eben nicht mitschimpfen, wenn alle schimpfen. Sie sollten sich selbst informieren, anstatt Vorgekautes einfach so zu glauben.  Es gibt ja genug, die genug, die aus allen Bauern Tierquäler und Umweltverpester machen wollen. Ich will nicht behaupten, dass es die nicht gibt, aber vielleicht sollten Sie einfach mal rausfahren aufs Land und in einem Hofladen einkaufen. Da bekommen Sie Lebensmittel „mit Erklärung“. Und können fragen, wie und warum wir so produzieren, wie wir es machen. Antworten aus erster Hand.

Der Blick nach vorne

Aber vielleicht sind wir Landwirte auch nicht ganz unschuldig an der Misere. Wir haben Ihnen lange Zeit nichts von unseren Produktionsweisen erzählt und gezeigt. Wir sind von Natur aus auch nicht besonders kommunikativ. Das wollen wir ändern. Am 1. Oktober soll es in Deutschland, Österreich und Südtirol den ersten Regio Day geben, also den Tag der heimischen Lebensmittel geben. Es wäre schön, wenn viele Erzeuger und viele Konsumenten sich dann begegnen würden. Zum Beispiel Sie und ich.

Vielleicht bekommen wir dann wieder ein wenig mehr Verständnis füreinander. Ich bin dazu bereit. Darum schauen Sie mal rein bei www.regioday.com, vielleicht gibt es ja auch in Ihrer Nähe jemanden, mit dem Sie reden können.

Übrigens ist Anfang Oktober Erntedank…

Ihr Bauer Willi

 

 

 

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24 Kommentare

  1. Der Artikel ist gut. Tut mir auch leid, und klar bin ich fuer kleine Familienbetriebe .. Corporates, das bring doch gar nichts, ausser Arbeitslosigkeit fuer alle, am Ende.
    Aber .. ich bin Vegetarier. Ich haette es lieber, wenn Sie einfach gar keine Tiere haetten .. vielleicht Pferde, aber da gehe ich in ein Gestuet. Wie waere es mit Soja, Gemuese, Obst? Klar kaufe ich gerne beim Bauern.
    Tiere .. ja sind nett, falls die einfach so da sind, oder vielleicht fuer Wolle .. ansonsten, ist mir, das eigentlich egal, ob da schon wieder ein Kuh-Zuechter den Betrieb verliert (sorry 🙂 .. auch der Kaese, mit Kunstlab, bitte, ja, und ich trinke nur Sojamilch .. gibt ja inzwischen auch Schokolade damit .. also Milch, braucht es, eigentlich, auch nicht. – Ja also wenn es um solche Betriebe geht? gerne, unterstuetze gerne, kaufe dort gerne, falls erreichbar, nur dort. Aber, um Tier-Zucht (und nicht Pferdehaltung fuers Reiten) .. tut mir, einfach, leid .. ist vielleicht generell keine zeitgemaesse Ernaehrung und „Produktion“ (hahaha .. produzieren Sie Tiere?) .. mehr.

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      „Tiere .. ja sind nett, falls die einfach so da sind, oder vielleicht fuer Wolle .. ansonsten, ist mir, das eigentlich egal,“

      Tiere sind nicht einfach da, selbst im Zoo kosten die Geld und nur für Wolle?

      Die Wolle des Schafes bringt nicht einmal das ein, was die Schur kostet, was glauben sie, wer ihrem Wunsch nach, Schafe halten würde?

      Dann kommen wir noch zu den Pferden, am meisten landet der Gaul im Schlachthof, wenn er nicht mehr zu reiten gebraucht wird.

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  2. Michael Schweller sagt

    Das Problem dürfte wohl etwas umfassender sein, wenn ich das richtig verstehe.
    In unserem System wird einfach alles und jeder in Abhängigkeiten getrieben, aus denen er sich nicht mehr befreien kann. Anschließend ist es einfach, Beschuldigungen gegen einzelne Teilnehmer oder Gruppierungen innerhalb des Systems auszusprechen.
    Wenn man sich dagegen zur Wehr setzt, ist man schnell draußen, wenn man mitmacht, ist man irgendwann im Netz gefangen und absolut verloren.

    Ich habe leider nicht den Beruf des Landwirts erlernt und versuche jetzt mühsam mir Wissen anzueignen, um mich notfalls auch alleine durchbringen zu können, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich merke Tag für Tag, wie dumm ich doch eigentlich gehalten wurde.

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  3. Rolf Bauer MV sagt

    Lieber Willi, liebe Kommentatoren/innen ich bin auch Ldw. der konventionellen Fraktion und habe nie ein schlechtes Gewissen im Umgang mit meinen Tieren , dem Acker und der Umwelt gehabt. Nach allem Regeln der Ethik, der Ökologie aber auch der Ökonomie betreibt meine Familie seit 12 Generationen in Holstein und durch Betriebswechsel (Verkauf ) seit 16 Jahren als Familiebetrieb mit 4 Angestellten in Meck- Pom: Rinderhaltung Milch 220 Kühe und Ackerbau 400 ha .
    Die unreflektierte, ungeprüfte und diffamierende Allgemeinkritik an unserem Wirtschaft und unseren Absichten ( siehe auch Frau Busse “ die Wegwerfkuh ) macht mich seit einiger Zeit traurig, wütend und auch krank. Bei den Rindern haben wir immer in Haltungsverbesserung, Lauställe und Komfort investiert statt in Wachstum. Meine Qualitätsauszeichnungen der DLG an der Wand haben aber keinen Cent mehr gebracht.
    Seit 2016 Februar sind alle Rinder verkauft und produzieren nun Milch in Thüringen und im Libanon. 4 Leute sind entlassen. Der Ökonomie und dem Erhalt meines Betriebes geschuldet. Dem Verbraucher glaube ich seine Absichten und höre sie oft persönlich auf dem Hof. Aber die Unwissenheit ( auch immer erlebt) öffnet alle Türen für alle uns bekannten Anschuldigungen. Meine Mähdrescher laufen gerade um Weizen für einen vollen Weltmarkt zu dreschen für 15,50 Eur/100kg. Bitte habt Verständniss: dies ist kein Kommentar sondern mein Versuch, mal etwas öffentlich zu schildern. Danke fürs lesen.

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  4. Friedrich sagt

    Dies ist eine Wohlstandsdebatte. Ich gebe unserem Willi 100% Recht ! In der warmen Wohnung sitzen und kluge Sprüche machen. Man hat es nicht nötig ! Gibt ja genug zu Futtern und wenns nicht schmeckt halt in die Tonne. Über 30% des produzierten Fleisches
    muß exportiert werden , weil man Das ja nicht essen kann, sich aber über die Exporte aufregen. Und so gehts immer weiter. Wir haben eben viele Besserwisser, Schlauberger usw.
    in unserem Lande. Es ist doch besser ein teures Auto zu kaufen , als sein Geld für Essen und Trinken zu verschleudern. Jetzt gehen wir mal auf Stop ! Ernte ausfall durch Vulkanausbruch . Wir haben nur für 20 Tage Vorräte. Plus zwei Tage in den Kühlschränken.
    Was passiert dann ? Das wäre doch einmal eine Diskussion wert oder ??

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  5. Ella sagt

    nunja..uns Metzger hat man auch erledigt. Ein paar Exoten halten noch die Fahnen hoch, aber in 10 Jahren ist dann endgültig Schicht im Schacht. Wer hätte gedacht, dass es einmal ohne die Schuster gehen würde? Und ohne den Hufschmied? USW. Das Einzig beständige ist der Wandel, so weh es einer ganzen Branche inkl. den Zulieferern auch tut..the show goes on ¯\_(ツ)_/¯

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    • Mein Hufschmied kommt heute 10.30Uhr um das Kaltblut auszuschreiben und im Wildwurstladen werden traditionell gemachte Lebensmittel verkauft. Wenn meine Kunden es wollen, auch noch in 10Jahren.

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  6. Bauer Willi, ist doch mit uns Forstleuten et selbe, Billy und Co. dürfen nix kosten, aber Holzvollernter und Rückezüge will auch keiner im Wald sehen. Der Verbraucher hat sich zu stark von Produkt entfernt.
    Gruß von nem Forstkind mit Landwirtschaftlichem Migrationshintergrund 😉

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    • Inga sagt

      Klar ist es mit den Forstleuten das selbe.

      Nun nimm mal den Preis von Holzvollernter, Rückezuf, Mähdreschern und andere landw. Maschinen in dne Anschaffungskosten.
      Was kostendie in der Reparatur?

      Passt der Anschaffungs- und Reperaturpreis der Maschinen zu unseren Erzeugerpreisen?

      Und wenn das nicht hinkommt, dann gieren die Banken an dem Erbe unserer Kinder!

      Gerade in der Aktuellen Stunde WDR wird berichtet, wir leben über unsere Verhältnisse, wir nutzen unsere ERDE aus.

      Wem wird die Schuld dafür zugewiesen?
      Dem, der sich nicht wehren kann!

      Die anderen haben ein gutes Gewissen, Hauptsache sie können billig ung gut einkaufen und den Feierabend genießen!

      Ein Problem der Bildung???

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      • Andreas Schmid sagt

        „wir leben über unsere Verhältnisse, wir nutzen unsere ERDE aus.“

        Da kommen die Naturschützer wieder kostenlos in die Nachrichten und haben dadurch eine kostenlose Spendensammelwerbung.

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  7. Björn Scherhorn sagt

    Ja, Lücken los auf den Punkt gebracht! Ich wohne selbst zu weit vom Endverbraucher Weg, würde gerne, wie von Politik und Verbraucher gewollt, auf Bio umstellen. Das ist gar nicht einfach und verursacht reichlich Kopfschütteln? Ich will nicht der sein, der mit der über 700 jährigen Familien Tradition bricht! Nur diese Masse statt Klasse Misere, ist ein Graus. Die Masse an billig Produkt, die hier ohne die Ausgleichszahlerei gar nicht möglich wäre, macht uns erpressbar! Banken und Investoren schielen auf das Erbe unserer Kinder! Es gab mal einen 30 jährigen Krieg, in dem Bauern Freiheit erlangten, seid geraumer Zeit, haben wir diese Freiheit aus Bequemlichkeit wieder abgelegt. Und erhalten Beratung, Förderung, Kredite usw. usw. Rechnungen zu schreiben, über unserer voraus gegangene Leistung am Produkt, haben wir komplett aus der Hand gelegt! Nennen uns aber die größte Unternehmergruppe der Welt!? In Schule, Berufsschule, Studium und Meisterkurs müssen die Prioritäten anders gesetzt werden! Mit freundlichen Grüßen aus Niedersachsen. Ps. Ihr bringt eine Tolle Leistung! Weiter so!!

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    • bauerhans sagt

      „haben wir diese Freiheit aus Bequemlichkeit wieder abgelegt. “

      nein,wir produzieren unflexible güter,schaffen das mit der zusammenarbeit nur bedingt und rennen den stückgewinnen hinterher.

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