Bauer Willi
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Groß und klein, Ost und West

In der politischen Diskussion wird gerne vom “Erhalt der bäuerlichen Familienbetriebe” versus “Agrarfabriken” gesprochen. Zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik wird aktuell auch eine Degression der Fördermittel vorgeschlagen, die kleine Betriebe bevorzugen, größere Betriebe dagegen schlechter als bisher stellen soll. Gerade in Westdeutschland findet dies zum Teil Anklang. Dabei wird aber nicht erwähnt, dass die großen Betriebe vor allem in Ostdeutschland zu finden sind. Hier haben sich die Strukturen, die von einem politischen System erzwungen wurde, nach dem Fall der Mauer weitestgehend erhalten. Aus einer LPG wurde meist eine Agrargenossenschaft, in der sich die Eigentümer zusammengeschlossen haben, um den Nutzen von großen Einheiten sowohl in der Pflanzen- als auch in der Tierproduktion weiter zu nutzen. Nicht alle, aber doch ein Teil der Eigentümer haben in diesen Agrargenossenschaften ihre Arbeit gefunden. Oder um es anders auszudrücken: Diese Betriebe haben sich zu Mehrfamilien-Betrieben zusammengefunden und wirtschaften – diesmal auf freiwilliger Basis – gemeinsam. Grund für diese Entscheidung war damals zum einen die fehlende Kapitaldecke um einen eigenen Betrieb und das dazu gehörige Maschinenkapital zu finanzieren, zum anderen wollte man so die Kostendegression von größeren Einheiten nutzen.

Wenn also jetzt von einer Degression der Fördermittel gesprochen wird, wird exakt deren Vorteil (der Kostendegression) zunichte gemacht. Eine solche Maßnahme wird mit Sicherheit nicht dazu führen, dass aus den großen Agrargenossenschaften wieder bäuerliche Familienbetriebe werden. Möglich wäre es zwar, diese “auf dem Papier” zu zerschlagen und zur Erlangung der Mittel in kleinere Einheiten zu überführen. An der Struktur der Landwirtschaft würde sich jedoch vermutlich nichts ändern.

Wie ja bekannt sein sollte, bin ich gegen eine Unterstützung der Landwirtschaft, die an festen Größenordnungen orientiert ist, denn die Größe (oder Kleinheit) eines Betriebes ist noch kein Garant für irgend etwas. Tierwohl und Umweltschutz können sowohl in Groß- als auch in Kleinbetrieben realisiert werden. Und umgekehrt, sie können sowohl in Groß- wie auch in Kleinbetrieben missachtet werden.

Mein Fazit: Die Diskussion von Groß und Klein, die gerade in Deutschland ja meist auch eine Diskussion um Ost und West ist, bringt nicht weiter. Im Gegenteil: sie spaltet und diese Zeit sollten wir langsam überwinden und einer sachlicheren Diskussion Platz machen.

Euer Bauer Willi

 

 

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55 Kommentare

  1. Lieber Bauer Willi,

    das grenzt an Geschichtsfälschung, wenn Sie schreiben: “auf freiwilliger Basis – gemeinsam. Grund für diese Entscheidung war damals zum einen die fehlende Kapitaldecke um einen eigenen Betrieb und das dazu gehörige Maschinenkapital zu finanzieren …” – wenn mehrere mit fehlender Kapitaldecke sich zusammen tun – was haben die dann? Immer noch eine fehlende Kapitaldecke. Auch Sie dürfen wikipedia lesen: “Kritik gab es später weniger an dem Gesetz an sich, sondern eher an der nach der Wiedervereinigung in vielen Bereichen zu beobachtenden Übervorteilung besonders der ausscheidenden Genossen durch meist schon von westlichen Beratern unterstützten Vorständen in den LPGs, die mit falschen Bilanzen, Formfehlern, Unzulänglichkeiten, halblegalen Machenschaften und massiven Betrügereien einen gerechten Vermögensausgleich verhinderten. später wurde auch das offensichtliche Eintreten der Politik, der Genossenschaftsverbände und der meisten ostdeutschen Leitmedien zugunsten der Genossenschaftsbetriebe kritisiert.”

    Und mit der Logik, wie halten Sie es damit? Was hat die Kostendegression mit den Fördermitteln zu tun? Sie schreiben: “Wenn also jetzt von einer Degression der Fördermittel gesprochen wird, wird exakt deren Vorteil (der Kostendegression) zunichte gemacht.” Mit Verlaub, das ist unlogisch. Ihre Kostenseite (Pacht, Maschinen, Saatgut, Dünger etc.) hat nichts mit den staatlichen Subventionen zu tun. Außer, daß Sie möglicherweise einen Teil der Subvention dazu nehmen, um mehr Pacht zahlen zu können und die Subvention damit an den Verpächter geht.

    Es gibt noch eine Logik, die des Steuerzahlers – und für den ist nicht “jeder Hektar gleich viel wert”. Die AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag hat schon im Herbst die Kappung der 1. Säule bei 150.000 gefordert.

    http://www.afd-fraktion-bw.de/aktuelles/706/Udo+Stein+MdL%3A+Obergrenze+bei+Fl%C3%A4chensubventionen%21

    • Bauer Willi sagt

      Ich war im Sommer 1990 sehr oft in Ostdeutschland und habe mich mit den Menschen dort unterhalten. Ich will auch nicht abstreiten, dass die – im Nachhinein – geübte Kritik in Teilen zutreffen mag, denn die Verunsicherung der Menschen war groß: Auch ein verständlicher Grund, warum man zusammenbleiben wollte.
      Sie sollten wissen, dass die Fördermittel in jedem Betrieb auch zum Gewinn beitragen. In meinem Betrieb ist das so. Was passiert denn, wenn ich diese kürze? Ich verstehe Ihre Logik nicht. Und das Subventionen zum Teil auch an Verpächter durchgereicht werden ist allgemein bekannt. Ist Schwachsinn, aber wird gemacht. Das dem Bürger nicht jeder Hektar gleich viel wert ist: Woran macht der Bürger das denn fest? An der Größe des Betriebes? Das sollten Sie mir erläutern. Dazu ausgerechnet die AfD heranzuziehen überzeugt mich nämlich nicht.
      Dann noch eine Frage: Haben Sie auch Vorschläge zu machen???
      Bauer Willi

    • Brandenburgbauer sagt

      Moin Hansjörg Schrade, als betroffener in dieser Angelegenheit, muss ich Ihnen vehement
      wiedersprechen.Was Willi hier beschreibt, ist Tatsache und nicht Geschichtsfälschung.
      Alle ehemalige Mitglieder einer LPG hatten das Recht der freien Wahl.
      Jeder konnte für sich entscheiden welchen Weg er gehen wollte.
      Die Mehrzahl der meisten Hofstellen, die es vor den LPG Gründungen gab ,waren nicht mehr in ihrer Urspungsform vorhanden. Aus Stallungen und Scheunen wurden Wohnungen für die auf dem Grundstück gebliebenen Kinder,Enkel oder Verwanden gebaut.
      Es gab keine Grund die leerstehenden Gebäute ungenuzt zu lassen.
      Was die fehlende Kapitaldecke berifft,auch dazu eine Erklärung der Sie logisch nicht folgen können oder wollen. Jeder der Mitglied oder Gesellschafter in der neuen Rechtsform werden wollte muste Anteile, inverschiedenen Formen erbringen.
      Die Vielzahl dieser Anteile war dann eine große Kapitaldecke auf derman aufbauen konnte.

  2. Eckehard Niemann sagt

    AbL gegen ostdeutsches Landgrabbing durch LPG-Nachfolger und Investoren

    Neue Studie des Thünen-Instituts bestätigt hohe Vermögenskonzentration in Händen einzelner Personen und Agrargesellschaften. AbL fordert Ende staatlicher Privilegien für Agrarfabriken und Förderung bäuerlicher Strukturen

    Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht sich durch die aktuelle Studie des Thünen-Instituts zum Einstieg weiterer Investoren in große ostdeutsche Agrarunternehmen bestätigt im Widerstand gegen das staatlich gestützte Landgrabbing durch agrarindustrielle LPG-Nachfolgebetriebe, Ex-DDR-Kader und weitere Agrarindustrielle. Die in der DDR durch politischen Zwang geschaffene Struktur sei nach der Einheit bewusst durch Bundes- und Landesregierungen erhalten und ausgebaut worden, unter anderem durch die systematische Privilegierung der LPG-Nachfolgebetriebe bei Verpachtung und Verkauf riesiger staatlicher Flächenpools und durch massive Subventionierung. Der Aufbau einer bäuerlich strukturierten Landwirtschaft werde so bis heute systematisch verhindert – zu Lasten der ehemaligen LPG-Beschäftigten und der privaten Landwirte und infolgedessen auch von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in ländlichen Regionen. Dieser ersten Welle staatlich geförderten Landgrabbings folge nun eine zweite: Viele der so geförderten Inhaber großer Agrar-GmbHs bzw. nur scheinbarer „Agrargenossenschaften“ verkauften nun ihre Unternehmen oder Anteile an außerlandwirtschaftliche Investoren für deren Aufbau von Landbau-Konzernen, Biogas-Imperien und Mega-Tierfabriken.

    Jüngstes Beispiel sei die Übernahme eines „erheblichen Pakets von Geschäftsanteilen“ der vorpommerschen Ducherower Agrar GmbH durch den Heizungs- und Biogas-Industriellen Martin Viessmann. Dieser Deal sei offenbar eingefädelt worden durch den GmbH-Geschäftsführer Eckhard Schröderl, laut „Spiegel“ zu DDR-Zeiten LPG-Leiter und und SED-Parteisekretär, der die „Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft“ (LPG) nach der Wende „schnell und clever in Privateigentum überführt“ habe und dessen „Agrar GmbH“ nunmehr über drei Gesellschaften bürgerlichen Rechts throne, mit 6 „ehemaligen LPG-Genossen“ und rund 5.000 Hektar.

    Als bekannt gewordene Beispiele für große außerlandwirtschaftliche Agrarinvestoren liste eine frühere Studie des Thünen-Instituts auf: den Möbelkonzern Steinhoff mit 20.000 ha, die JLW Holding (Lindhorst-Gruppe) mit 24.000 ha, die KTG Agrar mit 28.000 ha, die Tonkens Agrar mit 3.000 ha, die Südzucker mit 10.000 ha in Deutschland und 7.000 ha im Ausland, die „Wimex“ mit 7.000 ha, die Osterhuber Agrar mit 7.000 ha und 24.000 Rindern, den Ex-Fleischmanager Rodo Schneider mit 6.200 ha, die Rethmann-Gruppe mit 6.500 ha, die Fiege-Gruppe mit 4000 ha und 5.500 Rindern und die AgroEnergy AG mit 4.150 ha. In letzter Zeit sind laut AbL auch die „Mac Agrar GmbH“ des hessischen Ex-Landhandels Roth oder die L.S.G.GmbH des ostholsteinischen Gutsbesitzers und Ex-Bankers Christian Heine ins Blickfeld geraten, ebenso offene oder heimliche Übernahme-Strategien großer LPG-Nachfolgebetriebe gegenüber benachbarten Agrarbetrieben. Die Thünen-Studie berichte bspw. über eine „Agrargenossenschaft“ mit 3 Führungskräften und mittlerweile mehr als 15.000 Hektar, die seit 2003 zwei Agrargenossenschaften und zehn GmbHs im Umkreis von 110 km übernommen habe.

    Der ostdeutsche AbL-Sprecher Jörg Gerke verwies darauf, dass etliche dieser Investoren ihre Flächen ebenso wie die LPG-Nachfolger von der staatlichen Treuhand bzw. BVVG erhalten hätten. Beim Verkauf an externe Investoren hätte die von der Politik kontrollierte BVVG zudem mühelos eingreifen können, wenn sie denn gewollt hätte – z.B. durch die Kündigung der Pachtverträge.

    Die Folgen dieser Förderung alter und neuer Agrarindustrieller seien dramatisch: Laut Thünen-Institut seien die Agrargesellschaften in den neuen Ländern je nach Region zu 20 bis 50% in der Hand nichtlandwirtschaftlicher Investoren. Aber auch viele LPG-Nachfolgebetriebe sind demnach „hochgradig auf wenige Personen konzentriert“, auch „unterstützt durch staatliche Regelungen (z.B. Altschuldenregelung, Flächenprivatisierung, Vermögens-auseiandersetzung)“, „einzelne ortsansässige Personen“ verfügten inzwischen über „sehr große Vermögensanteile“. „Der vor allem in Mecklenburg-Vorpommern geäußerten Befürchtung einer Rückkehr zu Strukturen, die sich dem Großgrundbesitz im 19. Jahrhundert annähern“, könne man – so die Autoren der Studie – „nicht gänzlich widersprechen“.

    Die aktuell geäußerte Besorgnis der Bundesregierung und der Bauernverbandsspitze, so Gerke, beziehe sich aber nicht auf diese laufende Agrarindustrialisierung, sondern sei lediglich eine weitere Lobby-Politik zugunsten großer LPG-Nachfolgebetriebe, die auf „ihren“ Pacht- und Bodenmärkten keine Konkurrenz durch außerlandwirtschaftliche Investoren haben wollten. Auch zu Zeiten niedrigerer Bodenpreise habe dieses Landgrabbing ungehemmt stattgefunden.

    Die AbL forderte Bundes- und Landespolitiker auf, ihre bisherige Stützung von Agrarindustrie-Konzernen in Ost- und auch in Westdeutschland zu beenden und den Aufbau bäuerlicher Strukturen voranzubringen – bei der Vergabe von Flächen sowie durch die Kappung von Flächenprämien oberhalb von 150.000 Euro pro Betrieb und die gezielte Förderung von Arbeit und ökosozialen Leistungen auf Bauernhöfen. Dafür setzten sich mittlerweile in vielen ostdeutschen Regionen starke Bürgerinitiativen des Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ ein. Gerade die ostdeutschen Dörfer bräuchten keine regions-schädliche Agrarindustrie, sondern vielfältige bäuerliche und mittelständische Strukturen mit artgerechter Tierhaltung und mit vielen sinnvollen Arbeitsplätzen.
    21.07.2013

    • Brandenburgbauer sagt

      Moin Herr Niemann.In meinen gestrigen Kommentaren in diesem Blog,habe ich ausdrücklich darauf hinggewiesen,
      das es für uns Bauern und Landwirte der schleichende Tot
      ist, wenn wir uns gegenseitig auseinander dividieren.Nun haben Sie in 4 nacheinanderfolgenden Meinungsäuserungen ein Paradebeispiel geboten. Ihre Beiträge sind exenplarisch dafür geeignet das das zur Tatsache wird.
      Die rießigen staatlichen Flächenpools wie Sie es bezeichnen haben zu 90% Leute aus dem Westen nach der Revolution 1990 erhalten. Ostdeutsche Landwirte hatten Null Chancen.
      Zu den Deals, die Sie hier so umfangreich beschreiben kann ich wenig sagen.
      Ich weis nur eins es ist in Ostdeutschland nicht flächendecken was Sie hier darlegen.
      Es ist meines Wissens kanns stark regional begrenzt. Meck-Pom, und auch hier sehr begrenzt ist so ein Beispiel. Herr Niemann, das 20-50% derAgrargesellschaften in den Neuen Ländern in der Hand nichtlandwirtschaflicher Investoren seien, ist schlicht falsch und durch nichts bewiesen.Die Studien des Thüneninstitutes kenne ich nicht.
      Meine Vermutung geht dahin das die Untersuchungen dieser Einrichtung genau so schlampig geführt wurden, wie bei den Behauptungen die der Landwirtschaftsminister von Meck-Pom. Backhaus bei seinen Darstellungen verwendet.

  3. Eckehard Niemann sagt

    Das ostdeutsche Agrarkartell

    „Nirgends haben die Führungskader der DDR die Wende so unbeschadet überstanden wie auf dem Lande. In vielen Dörfern herrschen noch immer die Chefs der alten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die kleineren Bauern wurden ausgetrickst und ausgenommen, mit Hilfe und zugunsten alter Seilschaften. … Mitglieder der alten Bauernpartei besetzen auch heute noch Schlüsselpositionen, vor allem in den Landwirtschaftsministerien der neuen Länder. Tatkräftig haben sie mitgeholfen, dass die alten LPG-Chefs sich riesige Güter aneignen konnten: Warnungen werden ignoriert, Kritiker gefeuert.“ (DER SPIEGEL 24/1995, Titelgeschichte „Bauernland in Bonzenhand – Die neuen und alten Herren im Osten“)

    Was der SPIEGEL in einer umfangreich recherchierten Titelstory schon 1995 andeutete, hat sich bis 2008 zu einem absurden System an Subventionen gesteigert. Zweistellige Agrarmilliarden-Beträge sind seit der Wende an wenige tausend Leiter von unrentablen ostdeutschen Agrargroßbetrieben verteilt worden, während bäuerliche Betriebe und die Beschäftigten in den LPG-Nachfolgebetrieben bei der Land- und Subventionsvergabe systematisch benachteiligt, betrogen und ausgegrenzt wurden – von einem ostdeutschen Agrarkartell unter aktiver Mithilfe der westdeutschen Regierungspolitik. Dabei hat diese Agrarpolitik nicht zu prosperierenden Regionen in Ostdeutschland geführt. Tatsächlich finden aufgrund dieser Agrarpolitik immer weniger Menschen Arbeit auf dem Lande, sie wandern ab, die Regionen veröden.

    Jörg Gerke, Agrarwissenschaftler und Landwirt in Mecklenburg, untersucht in seinem Aufsehen erregenden Buch diese bisher weitgehend verschwiegenen Prozesse und dokumentiert detailliert und anschaulich dieses Bauernlegen für neue Großgrundbesitzer und Agrarindustrie.

    Jörg Gerke, Nehmt und euch wird gegeben – Das ostdeutsche Agrarkartell, 1. Auflage 2008, 336 Seiten, AbL-Verlag, Bahnhofstr. 31, 59065 Hamm, Tel. 02381-492221, http://www.bauernstimme.de, ISBN 978-3-930413-34-8

  4. Eckehard Niemann sagt

    “Genossenschaften” nur in der Propaganda:

    Die meisten dieser LPG-Nachfolgebetriebe in der Rechtsform der GmbH, der AG und auch der e.G. sind Lohnarbeitsbetriebe: Die meisten der übriggebliebenen und nicht billig “abgefundenen” Genossen arbeiten gar nicht in der e.G., – die meisten, die darin arbeiten, sind keine Genossen. Und bei vielen sind insgeheim schon Investoren eingestiegen.

  5. Eckehard Niemann sagt

    Hier die Stimme von jemand vor Ort, der sich mit der Realität in den ostdeutschen Landwirtschaft wirklich auskennt:

    Klamroth kritisiert Begriff „Mehrfamilienbetriebe“ (AgE – 19.09.2011)
    Positiv zu den Brüsseler Plänen für eine degressive Ausgestaltung und Deckelung der EU
    -Direktzahlungen hat sich der Deutsche Bauernbund (DBB) geäußert. Eine Kürzung der
    Prämien für Großunternehmen sei berechtigt, sagte DBB-Präsident Kurt-Henning Klamroth
    vergangene Woche in Quedlinburg. (…) Klamroth sprach von „notwendigen Schritten, um bäuerliche Strukturen zu stärken und den Ausverkauf der ostdeutschen Landwirtschaft an Geldanleger zu bremsen“. Gleichzeitig kritisierte er die Bezeichnung der Nachfolge-unternehmen als „Mehrfamilienbetriebe“. „Das Kunstwort Mehrfamilienbetriebe ist eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, weil es suggeriert, hier hätten sich Bauernfamilien freiwillig zusammengeschlossen“, so der Bauernbund-Präsident. Tatsächlich handle es sich bei den agrarindustriellen Großbetrieben um die Nachfolger der durch Zwangskollektivierung entstandenen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), „die nach der Wende durch politische Begünstigung und oftmals auch durch Unkorrektheiten in die Hände weniger Genossen gelangt sind und heute vielfach von Finanzinvestoren übernommen werden“.

  6. Thomas Stintzing sagt

    Groß oder Klein, eigentlich nicht das Problem!
    Sondern wenn ein großer Betrieb mit ca. 1000 ha, nicht ohne ha Ausgleichzahlungen aus Brüssel, fähig ist am Weltmarkt ist zu bestehen.
    Dann ist die ganze Agrarpolitik der EU nichts wert!
    Wie sind unsere ökologischen und sozialen Standarts am Weltmarkt gewichtet?
    Nämlich gar nicht! Die Produkte der Landwirtschaft sind beliebig austauschbar, innerhalb des Weltmarktes!
    Gibt es dafür eine Lösung?

    • Ulrich Steul sagt

      Eine Möglichkeit würde es geben – den Zoll!

      Vorschlag:
      Projekt200%
      100% Bio Produktion in Europa, alle Staaten machen ausnahmslos mit, sagen wir mal ab 2020 – wir sind alle so Biodiverisfiziert wie es nur geht.
      Einfuhr aller Produkte (Nahrung, Bekleidung, etc.) die nicht (zertifiziert durch die EU) nach europäischen Umwelt- und Sozialstandards produziert? +200% Zoll.
      Wer hat davor Angst? Nicht ein Bauer! Nur wer erklärt dem Verbraucher das er wieder über 40% seines Einkommens für Nahrung ausgibt, Wer erklärt VW z.B. das der Michel kein Geld mehr für ein neues Auto hat, und keines fürs Handy, Urlaub, Häuschen im Grünen…. ??

    • Obstbäuerin sagt

      Mir würde es schon reichen, wenn die Bedingungen für die Produktion (Löhne, PSM, Düngevorschriften, Kontrollen usw.) innerhalb der EU gleich wären. Denn der größte Preisdruck kommt für unsere Produkte aus den osteuropäischen Ländern.

      • Brandenburgbauer sagt

        Moin Obstbäuerin, Du triffst den Nagel mit Deiner Meinung, ” Voll auf den Kopf”

  7. Brandenburgbauer sagt

    Die Stellung der Landwirtschaft in der Gesellschaft und der Wert ihrer Arbeit für diese, gehen schon lange zu unrecht. nicht mehr konform.
    Es herrscht doch eine doppelte Moral in der Gesellschaft. Alle wollen zurück zur Natur, “aber keiner zu Fuß”. In der öffendlichen Wahrnehmung kommt doch nur noch die romantische Idylle oder der Skandal vor, nich aber der Normalfall.
    Hinzu kommt, das die Medien die Meinungsführerschaft übernommen haben und auch die Moral vorgeben. Bei all den vielen Gesetzen und Vorschriften die wir Landwirte, besonders in Deutschland einhalten müssen,stellt sich für mich die Frage.Betreiben die Bauern ein Atomkraftwerk oder tun Sie nur das was Ihre Aufgabe ist,die Versorgung des Volkes mit hochwertigen kontrollierten Nahrungsmittel und die Wirtschaft mit Rohstoffen.
    Nach der politischen Wende konnte jeder Landwirt in Ostdeutschland frei entscheiden wie er wirtschaften möchte. Es wurden verschiedene Betriebsmodelle eingerichtet.
    Es entstanden Agrargenossenschaften, GmbHs,Gbr also Mehrfamilienbetriebe. Einige gründeten auch Ihren eigenen bäuerlichen Familienbetrieb. Auf das wie und warum ist ja Willi sehr verständlich eingegangen
    Mir liegt es besonders am Herzen das wir uns nicht gegenseitig auseinander dividiere. Das machen schon genug andere. Wenn das immerstärker eintritt haben wir als Berufsstand keine großen Chancen. Ein Großteil der Gesellschaft will uns Landwirte nicht mehr.
    Das ist Tatsache,

    • bauerhans sagt

      in umfragen geniessen bauern hohes ansehen in unserer gesellschaft,egal ob gross oder klein.

      • Brandenburgbauer sagt

        Moin bauerhans, Umfragen sind das eine.Die Realität sieht aber oft ganz anders aus.
        Beispiel: Umfrage, würden Sie mehr für die Butter und andere landwirtschaftliche Produkte bezahlen? Antwort zu 90% ja.
        Sie gehen dann nicht auf den Wochenmarkt wo es ja etwas mehr kostet sondern zu Aldi, Reve und Konsorten.
        Einer Bevölkerung die satt ist brauch man nicht mit Argumenten kommen.
        Wichtig ist nur,billig,billig und von feinster Qualität.

  8. Wilfried Furchert sagt

    Auch in den von der Politik nicht geliebten LPG-Nachfolgeunternehmen verrichten tagtäglich Menschen ihre Arbeit, von der sie und ihre Familien leben wollen. Nimmt man diesen Betrieben mittels Kappung der Direktzahlungen viele tausende Euro weg, bestaft man die Menschen und nicht die Betriebsgröße. Allerdings ist es sicher auch nicht zielführend, die Höhe der Direktzahlungen nur an die Anzahl der Vollzeitarbeitskräfte im Unternehmen fest zu machen, vor allem dann nicht, wenn es für ganz Europa gelten soll.

    • Ottmar Ilchmann sagt

      Nach den Vorschlägen der Kommission sollen Arbeitskosten zu 100 % angerechnet werden, d.h. der Steuerzahler bezahlt dem Großbetrieb seine Arbeitskräfte zu 100 %! Da sollte man sich nicht beklagen über mangelnde Zuneigung der Politik!

      • Bauer Willi sagt

        Das musst Du mir jetzt aber erklären. Das verstehe ich nicht. Gilt das nur für den Großbetrieb? Vorher hat man doch auf 60.000 € gekappt. Also steht der Großbetrieb (was immer das ist!) anschließend besser da?
        Bauer Willi

      • Brandenburgbauer sagt

        Moin, an dieser Stelle muß ich genau so nachfragen wie Willi. Das Argument ist für mich nicht nachvollziebar.

  9. Philipp sagt

    Mir als Verbraucher ist es völlig egal, wie groß die Betriebe sind, von denen meine Nahrung stammt. Wichtig ist mir, dass die Betriebsleiter und Mitarbeiter fair bezahlt werden und das höchst mögliche Maß an Tierschutz bzw. gesundheit und Umweltschutz umgesetzt wird. Den meisten Verbrauchern wird es ähnlich gehen. Für viele ist die Nahrungsaufnahme eine Nebensache, welche möglichst schnell, billig und lecker sein sollte. Die Produktionsweise bzw. die Betriebsgrößen interessieren da weniger. Kleinbäuerlich hört sich zwar romantisch an, aber die Forderungen nach Kleinbäuerlichen Strukturen kommt, so würde ich behaupten, eher von einem kleinen Teil der Bevölkerung.

  10. Bauer Martin sagt

    Sicher macht es Sinn, die kleineren Strukturen mehr zu fördern, denn hier wird, nachhaltiger gewirtschaftet, ist erwiesen.
    Der Großbetrieb hat doch weniger Kosten je ha, als der Kleinbetrieb.
    Allein aus dem Grunde sollte man die Kleineren höher fördern.
    Des Weiteren garantiert man so eine Landwirtschaft flächendeckend in Deutschland.
    Bei den Großbetrieben werden Arbeitsplätze berücksichtigt.
    Die Gesellschaft möchte ehr kleinere Betriebe, die Akzeptanz ist hier gegeben, beim Großbetrieb nicht.
    Ein Regelwerk dazu gibt es ja schon, Förderung der ersten Hektare.

      • Ehemaliger Landwirt sagt

        Da hast Du sicher Recht, aber Landwirtschaft ist mehr als Lebensmittelerzeugung.

        Man denke nur an die Mittelgebirgslagen, das ist da wo kein von dem viel gescholtenen Mais steht.

        Ich glaube kaum, dass die Bevölkerung erahnt, was auf uns zukommt, wenn diese Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden.

      • Brandenburgbauer sagt

        Moin bauerhans, wo Du Recht hast, hast Du Recht. Bei dieser Thematik sollte man die “Kirche im Dorf lassen”

  11. Es soll Kleinbetriebe geben die größere Feldblöcke haben als manche sogenannte Großbetriebe und auf größeren Flächen läst es sich mit weniger Aufwand produzieren, daß sieht man schon alleine bei uns in NRW, wenn ich in der Eifel, im Bergischen oder am Niederrhein wirtschafte sind die Anforderungen und Flächenstrukturen vollkommen unterschiedlich aber die Auflagen und auch die Fördermittel die selben.
    Die meisten sogenanten Kleinbetriebe sind in Gegenden mit nicht so günstigen Topografichen Strukturen zu finden und das in Ost oder West, Süd oder Nord und jeder versucht das Beste daraus zu machen, welches aber nicht unter gleichen Bedingungen zu realisieren ist und die Erträge sind auch nicht die selben aber die Verkaufserlöse pro Kilo oder Liter…..
    Gruß Klaus Weber

  12. Ottmar Ilchmann sagt

    Es geht nicht darum, kleine Betriebe zu bevorzugen, sondern deren bisherige massive Benachteiligung abzubauen! Und sind es nicht genau diese sogenannten “Mehrfamilienbetriebe”, die zur Zeit massiv ins Eigentum außerlandwirtschaftlicher Investoren übergehen? Zum Beispiel beim Fall “Bördegrün”, wo ausgerechnet eine Zuckerfabrik der neue Besitzer ist!

    • Brandenburgbauer sagt

      Moin Ottmar IIchmann. Mit dem Fall “Bördegrün” kann,” Der Brandenburgbauer” nichts anfangen. Kanst Du kurz den Vorgang erklären?

  13. Heinrich Steggemann sagt

    Man könnte sich aber über eine Staffelung nach der durchschnittlichen Parzellengrösse pro Betrieb unterhalten.

    • Bauer Willi sagt

      Was ist, wenn ich in einem Jahr eine Parzelle teile? Das gibt doch ein bürokratisches Monster.
      Viel besser fände ich persönlich es, mit der Sä-Richtung Blühstreifen oder ähnliches anzulegen. Das ist heute mit GPS sehr einfach möglich. Wenn z.B. alle 200 m ein solcher Streifen angelegt wird, bringt das nach meiner Einschätzung mehr, weil es ein geeignetes Rückzugsgebiet für Insekten (Nützlinge!) und Kleintiere (Hasen, Fasanen etc.) ist, die dort fast ein ganzes Jahr ungestört sind. Mit der Teilbreitenschaltung der Spritze lässt sich das auch prima bewerkstelligen. Beim Düngerstreuer könnte es ein Problem werden, es sei denn, der Streifen ist die halbe Streubreite.
      Diese Streifen müssten dann aber auch richtig angerechnet werden. Nur den entgangenen Ertragsverlust zu vergüten ist zu wenig, denn es erfordert ja schon einigen Aufwand, bis hin zur Ernte und auch danach.
      Bauer Willi

      • Hartmut Keller sagt

        Wenn man den Abstand der Blühstreifen an die Spritzenbreite anpasst, kann man doch die nächste Fahrgasse um die Breite des Blühstreifen versetzen. Dann gibt es beim Streuen mit einer Randstreueinrichtung auch keine Probleme. Die erlaubten Abstände müssen nur etwas variabel sein.

      • fingerphilosoph sagt

        Nehmen Insekten und Kleintiere besagte Blühstreifen denn an? Ich habe auch mal so eine “Insektenmischung” im Garten ausgebracht, aber die Insekten haben der Mischung mehr oder weniger eine Absage erteilt und eindeutig den wilden Fenchel bevorzugt, der ganz ohne mein Zutun wächst. Kaninchen und Kröten sind da zu finden, wo ich mich nicht einmische. Und die Singvögel geben ganz klar dem Gammelschuppen den Vorrang vor dem Nistkasten. Die Viecher in meinem Garten haben ihre eigenen Vorstellungen und richten sich gar nicht nach dem, was Grüne und Umweltschützer für sie so alles empfehlen.

        • Mark sagt

          @f….ph
          Von folgender Blühmischung haben wir dieses Jahr mehr als 3 ha auf 8 Schlägen angebaut:
          Sonnenblume, Phacelia, Öllein, Inkarnatklee, Ramtilkraut, Ringelblume, Kornblume, Sommerwicke, Perserklee, Koriander, Fenchel, Esparsette, Borretsch, Dill, Klatschmohn. Diese Mischung wurde vergangenes Jahr von den Insekten und der Bevölkerung sehr gut angenommen.

          • fingerphilosoph sagt

            Ja, so ähnlich war auch meine Blühmischung zusammengesetzt, die ich auf nicht mal 100 qm angebaut habe. Bloß ist sie gar nicht richtig aufgegangen. Da sind ein paar mickrige Pflänzchen gekommen und nach ein oder zwei Stürmen waren nur noch Ringelblumen, Borretsch und Klatschmohn übrig. Dass diese drei Pflanzen von Insekten jetzt besonders häufig besucht wurden, ist mir nun allerdings nicht aufgefallen, während das beim wilden Fenchel, der hier über ein Meter fünfzig hoch wird, ja schon eine richtig beeindruckende Show ist.

            Was für ein hübscher, der menschlichen Sentimentalität schmeichelnder, eine gesunde Natur vortäuschender Anblick ist doch so eine herrlich bunte Verkehrsinsel oder so ein herrlich bunter Blühstreifen. Besonders beliebt an Ortseingängen: leuchtend orange Ringelblumen, leuchtend blaue Kornblumen, leuchtend roter Klatschmohn, sonnengelbe Sonnenblumen, zartblauer Borretsch: da geht dem Naturfreund, und das sind wir doch alle, das Herz auf. Erst recht, wenn wir nicht nur Naturfreund, sondern auch noch Tourist oder Wanderer mit Devisen in den Taschen sind.

            Beim Anblick einer solch überbunten Blühstreifen- und Verkehrsinsel-Natur muss ich nicht an die Wiesen meiner Kindheit, sondern an die Bildchen in den Wachturm-Heftchen der Zeugen Jehovas denken. Das sind übrigens die Heftchen, wo auch der Wolf friedlich neben dem Lamm liegt.

            Ich denke, dass es sich beim derzeitigen “bäuerliche Kleinstrukturen- und bunte Blühstreifen”-Kult um die versuchte Umsetzung einer religiösen Vorstellung handelt, die in diesen Heftchen der Zeugen Jehovas auf fast schon rührend-naive Weise zum Ausdruck kommt, jedoch inzwischen in den meisten Religionen eine wesentliche Rolle spielt.

            War das erste Paradies, das der frühe Ackerbauer verloren und nach dem er sich zurückgesehnt hat, die unberührte Natur, so ist das zweite Paradies, das der nunmehr industrialisierte Mensch verloren hat und nach dem er sich zurücksehnt, der bäuerliche Familienbetrieb mit bunten Blümchen und friedlichen Tierlein.

            Just in dem Moment, wo etwas für immer vergangen und zerstört ist, wird es idealisiert. Die unberührte Natur war nie das Paradies, als das die Bibel sie vorstellt. Ebensowenig war die Subsistenzwirtschaft je das agrarische Paradies, zu dem sie nun erhoben wird.

            Der derzeitige “bäuerliche Kleinstrukturen- und Blühstreifen-Kult” ist in meiner Lesart der beste Hinweis darauf, dass es mit der Agrargesellschaft, die 10.000 Jahre lang das menschliche Leben bestimmte, vorbei ist.

            • Mark sagt

              Im vergangenen Jahr kam ich mit Spaziergängern ins Gespräch, welche an einem meiner Blühmischungsäcker standen. Sie freuten sich überschwänglich angesichts der Farbenpracht und der Insektenvielfalt. Sie fragten mich warum ich das angebaut habe. Ich habe ihnen einen größeren, gerade abreifenden E-Weizenschlag von mir in 200m Entfernung gezeigt und ihnen gesagt, dass ich beobachtet habe, dass sie soeben an diesem achtlos vorbei gelaufen sind, ob wohl dieser Weizen zur Herstellung besten Brotes dient. Ich sagte ihnen, wenn die Gesellschaft Blümchenfelder höher schätzt als Weizenfelder, dann baue ich eben Blümchenfelder. M.E- sind dies ertse Anzeichen von Dekadenz…

            • Ehemaliger Landwirt sagt

              Das ist das Ergebnis einer gesättigten Gesellschaft, ist auch nicht verwunderlich wenn ständig negativ über die Landwirtschaft in den Medien berichtet wird.

              Bei uns in der Nähe möchte man Kies ausbaggern, auf gutem Ackerland, alleine das Betriebsgelände soll 5 Hektar groß werden.

              Die Planer haben 50.000 Ökopunkte errechnet.

              Dieses Vorgehen hat selbst bei NGOs massive Proteste ausgelöst, die ÖKO Punkte sind jetzt vom Tisch.

            • Obstbäuerin sagt

              fingerphilosoph. Da spielen aber auch handfeste finanzielle Interessen der NGOs mit rein.

            • fingerphilosoph sagt

              Als ich das erste Mal unterhalb der Wolkendecke quer über Europa geflogen bin, war ich schon überrascht. Bis auf die Alpen und ein paar wenige und doch verhältnismäßig kleine Waldgebiete sieht Europa von oben wie Ritter-Sport-Schokolade aus: quadratisch, praktisch, gut.

              In diese beinahe wie mit dem Lineal gezogene Patchwork-Landschaft aus Feldern und Wiesen fressen sich die Städte und deren Ausläufer, die Autostraßen. In ihrer gewachsenen Unregelmäßigkeit wirken die Städte, von oben betrachtet, “natürlicher” als das, was wir als “Natur” bezeichnen, nämlich die ländlichen Gegenden. Dasselbe Bild, als ich von Vancouver nach Toronto geflogen bin, mit dem Unterschied, dass die Felder in Canadas Süden sehr viel größer als in Europa sind. Tausend kleine viereckige Felder sind jedoch genauso unnatürlich wie ein großes.

              Diese Felder mit Blühstreifen zu umrahmen, das ist ungefähr so, wie in einem unnatürlichen Autoinnenraum die unnatürliche Klorolle in einem selbstgehäkelten und deshalb als natürlich empfundenen Täschchen zu verstecken, wie das in den 60er Jahren in manchen bürgerlichen Kreisen üblich war.

            • Mark sagt

              Nix mit Blühstreifen umrahmen, die Schläge werden komplett zum “blühen” gebracht. Sie entsprechen daher nicht dem gehäckelten Klorollendingens, sondern eher dem Wackeldackel auf der Hutablage :-).

              Von oben aus dem Flugzeug senkrecht nach unten betrachtet kann man nur “zweidimensional” sehen, Länge und Breite. Tiefen und Höhen sind kaum auszumachen, daher erscheint alles eben und auch etwas monoton. Beim Flug nach Vancouver ging mir das Herz auf, als wir Saskatchewan überflogen, endlose Felder, schön groß und rechteckig, der Traum eines Landwirts. Die anderen Passagiere interessierten sich nur für die Rockys, ich weniger. In so fern bin ich näher bei Coccia: “Ich mag grundsätzlich Pflanzen lieber , die angebaut werden. Ich liebe alles was auf den Feldernwächst und gedeiht, Nutzpflanzen also.”

            • fingerphilosoph sagt

              Um dem Paulus an dieser Stelle seinen üblichen Kommentar zu ersparen, erlaube ich mir zu erwähnen, dass der Blick eines Philosophen vielleicht nicht nur vom Flugzeug aus zweidimensional ist, sondern sogar nur eindimensional, vor allem, wenn es sich um fingerphilosoph handelt 🙂

              Was Saskatchewan angeht, bin ich nicht nur mit dem Flugzeug drüber, sondern auch als Wackeldackel mit dem Auto durch. Aus der Straßenperspektive sieht das allerdings keinen Deut weniger monoton als von oben aus, von wegen Höhen und Tiefen und so.
              Mann, war das eine Erleichterung, endlich in die Semi-Wüste kurz vor den Rockies zu kommen. Nach Manitoba und Saskatchewan war der Dinosaur-Park DAS absolute Highlight.

              Als eingefleischter Misanthrop liebe ich nicht nur nicht die Menschen, sondern noch weniger das Menschengemachte, wozu neben Technik auch Nutzpflanzen und Nutztiere gehören.

              Wenn ich die Antilope oder den Alpensteinbock mit dem Holstein-Rind vergleiche oder den Wolf mit dem Pekinesen oder ein monotones Weizenfeld in Saskatchewan mit arider Semiwüste oder gar Urwald, dann tun mir all die Nutzpflanzen, Nutztiere und Menschen, die einander immerzu nützlich sind, schon irgendwie Leid, auch wenn ich sie nicht mag. Dann frage ich mich schon, was da schiefgegangen ist.

            • fingerphilosoph sagt

              Trotz allem sind mir die riesigen Weizenfelder in Saskatchewan immer noch lieber als der Blühstreifen-Kult hierzulande. Wenn wir als Menschheit schon die Erde kahl fressen, können wir uns auch offen dazu bekennen. Die Erde kahl fressen und sich dabei hinter Blühstreifen verstecken, ist irgendwie – ich weiß nicht – würdelos?

            • Stadtmensch sagt

              @fingerphilosoph: In ca. 30 Jahren wirds noch viel würdeloser (aus Sicht eines der Natur entrückten Menschen wie ich es bin). Dann ist die Erde nämlich kahl und dann stellen sich neue Gleichgewichte ein. Aus Sicht eines Naturliebhabers wie du es bist, sicher ein großartiges Schauspiel. Erste Anzeichen für die kommende Dezivilisation kann man jetzt schon auch hier in den Wohlstandszentren, mit gefüllten Supermärkten und medizinscher Rundumversorgung, erkennen: Oben schreibt der Herr Schrade, ein “Kämpfer” für die Redefreiheit von Leuten wie Akif Pirinci, die aus purer Lust an der Selbsinszenierung Sätze fallen lassen wie: “Aber die KZ´s sind leider derzeit außer Betrieb”.
              Ich befürchte, wir Misanthropen sind ganz schön viele…

            • fingerphilosoph sagt

              @ Mark

              Meine Art von Philosophie besteht darin, die kursierenden Ideen nach Möglichkeit in der Realität auszuprobieren. Dann erlebe ich hautnah, ob die Ideen was taugen oder nicht. Die Blühmischung habe ich als Pseudo-Maßnahme abgeheftet, ähnlich wie den Verzicht auf die Plastiktüte beim Einkauf. Das sind Maßnahmen, die ergriffen werden, wenn man an den bestehenden Verhältnissen gar nichts ändern will.

              Ich habe auch real ausprobiert, wie weit ich im Alltag auf Technik verzichten kann. In diesem Selbstversuch bin ich drauf gekommen, dass Wohnraum mit Grundausstattung wie Bett, Schrank, Tisch, Spültoilette, fließend Wasser, Licht, Herd bzw. Kochplatte und Waschmaschine für mich unverzichtbar sind. Alles andere, inklusive Heizung, brauche ich nicht unbedingt. Der Selbstversuch hat ungefähr drei Jahre gedauert, dann habe ich gemerkt, dass die Welt nicht zu retten ist, weil die NGOs gar nicht ernst nehmen, was sie predigen. Ich war wohl einer der wenigen Deppen, die denen geglaubt haben. Nach diesem AHA-Erlebnis musste ich dann über mich selbst lachen, und deshalb bin ich jetzt Philosoph 🙂

              @ Stadtmensch

              Ja, das wird so kommen, wie Du sagst, aber ich habe keine Lust mehr, mir in die Tasche zu lügen, dass wenn nicht ich, dann doch wenigstens die Menschheit als solidarische Gemeinschaft diesen Prozess aufhalten kann. Das kann sie nicht und das will sie auch nicht.

              Stattdessen lautet die Herausforderung, mit diesem Szenarium der in 30 Jahren kahl gefressenen Erde trotzdem ein gutes Leben zu führen. Das geht.

    • Mark sagt

      Hier bin ich bei Herrn Steggemann, das Argument des bürokratischen Monsters zieht in diesem Fall nicht, Blühstreifen säen ist doch nichts anderes als Schlagteilung! Traditionell kleine Flurstücke sind meist auch ein Hinweis auf eine strukturierte Landschaft, dies sollte in der heutigen Diskussion um die GAP stärker berücksichtigt werden, da dies für die Bewirtschaftung deutliche Nachteile gegenüber den großen Strukturen bringt!

      • Heinrich Steggemann sagt

        Genau das waren meine Gedanken. Den grossen Schlag kann ich freiwillig im Fahrgassenraster pro Blühstreifen teilen, aber ansonsten sehr effizient mit einer Kultur bewirtschaften. In kleinstrukturierten Gebieten kann man meist nicht noch weitere Zusammenlegungen von Schlägen durchführen, um kosteneffizienter wirtschaften zu können.

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