Bauer Willi
Kommentare 23

Die Sache mit der Erntegut-Bescheinigung…

Das ist jetzt nicht unbedingt ein Thema für den normalen Bürger. Oder vielleicht doch. Es geht nämlich um Kontrolle und um Bürokratieaufbau.

Doch der Reihe nach: In den letzten Jahren habe ich im Frühjahr eine Meldung an die STV (Saatgut-Treuhand) gemacht. Das ging digital und dauerte rund 3 Minuten. Ich habe angegeben, dass unser Betrieb zu 100% zertifiziertes Saatgut gekauft hat. Das machen wir seit Jahrzehnten so. Es gibt aber auch Berufskollegen, die sogenannten „Nachbau“ betreiben, d.h. ihr eigenes Getreide wieder aussäen. Auch diesen Nachbau muss man der STV melden und dafür eine Nachbaugebühr bezahlen. Soweit, so gut.

In diesem Jahr gibt es eine Neuerung: vor wenigen Tagen erhielten wir ein Schreiben unserer Genossenschaft, dass wir vor der Anlieferung (die hat hier in der Region seit zwei Tagen begonnen) die Erntegut-Bescheinigung schicken sollen.

Eine Erntegutbescheinigung ist im Grunde ein digitaler Herkunftsnachweis für Getreide und andere Feldfrüchte. Sie sorgt dafür, dass der Landhändler die Ernte rechtlich überhaupt annehmen darf. Der Hauptgrund für diese Bescheinigung ist ein wichtiges Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH).

Hinter der Bescheinigung steckt das Sortenschutzrecht. Pflanzenzüchter stecken Arbeit und Geld in die Entwicklung neuer, robusterer Getreidesorten.

Der BGH hat entschieden, dass Agrarhändler haftbar gemacht werden können, wenn sie illegal erzeugtes Getreide (z. B. aus Schwarzhandel oder nicht angemeldetem Nachbau) aufkaufen. Nimmt ein Landhändler unwissentlich illegal erzeugtes Getreide an und mischt es in sein großes Silo, infiziert er damit quasi seine gesamte Ware. Ihm drohen dann massive Schadensersatzforderungen der Züchter.

Um sich abzusichern, fordern viele große Landhändler und Genossenschaften vor dem Abkippen der Ernte diese Bescheinigung. Der Landwirt weist damit nach, dass er zertifiziertes Saatgut gekauft oder die Nachbaugebühr bezahlt hat.

  • Muss man das Formular der STV benutzen oder geht es auch anders?

Es gibt keine direkte gesetzliche Pflicht, genau das offizielle Formular der STV zu nutzen. Aber weil die Händler das rechtliche Risiko tragen, nutzen sie ihr Hausrecht: Viele Betriebe und Genossenschaften nehmen schlichtweg keine Ware mehr an, wenn der Nachweis fehlt. Teilweise wird auch das Flächenverzeichnis aus dem EU-Antrag angefordert. Neben dem Portal der STV akzeptieren manche Händler auch alternative Selbsterklärungen (z. B. von den Bauernverbänden), solange die Rechtmäßigkeit der Sorten nachgewiesen wird.

  • Warum Bürokratieaufbau?

Bisher reichte eine kurze digitale Mitteilung, jetzt muss man – kurz vor der Ernte – viele Angaben machen, die nur dazu dienen, den Landwirt zu kontrollieren (und Betrug zu verhindern) Mich persönlich ärgert diese Einstellung, dass man meint, dass der Landwirt betrügen will. Und dass diese Aktion wenige Tage vor der Ernte stattfindet, ärgert mich auch.

 

 

 

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23 Kommentare

  1. Jürgen, Ancler sagt

    Ich als 70 järiger Stadtmensch der nur in den 70ern Erfahrung auf dem Land habe, staune immer mehr was den Landwirten so an Bürokratie u. sonstigen Auflagen u. Zertifizierungen auferlegt wird. Eigentlich höre ich hier vor allem Resignation u. Wut heraus, und wenn ich ein Fazit ziehen würde… M.E.S.A. Macht Euern Scheiss Alleine!
    Allerdings geht das aus Sicht der Landwirte nicht weil 1. Das überleben daran hängt. 2. Die grossen Konzerne schon darauf lauern auch noch die letzten 60 ha Privatbesitz für ein Appel und ein Ei zu übernehmen. Und 3. und meiner Meinung nach Entscheidend es hängt jede Menge HERZBLUT daran. Es wird intensiv daran gearbeitet auch noch den letzten unabhängigen Landwurt zu knechten

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  2. Andreas Remmelberger sagt

    Bis vor 30 Jahren galt in Deutschland für uns Bauern das Landwirteprivileg und für die Züchter das Züchterprivileg
    Das Landwirteprivileg war das über tausende Jahre alte Recht der Bauern, einen Teil ihrer eigenen Ernte als Saatgut für die nächste Aussaat verwenden zu dürfen.
    1994 „verkaufte“ der Bauernverbandspräsident das Eigentum der Bauern an der eigenen Ernte an die Saatgutkonzerne, ohne das die Bauern darüber informiert wurden.
    Heute kann kein Landwirt seine Ernte verkaufen, ohne dass er seinen „Zehent“ an Bayer, BASF, KWS und Syngenta abgedrückt hat. Kein Lagerhaus, keine Mühle oder Brauerei darf Getreide von Bauern abnehmen, der sich auf das tausende Jahre alte Landwirteprivileg berufen.
    Mehr Enteignung geht gar nicht !
    Obwohl gegen das Urteil vom LG Düsseldorf Widerspruch eingelegt wurde, versucht die Treuhand den Erfassungshandel massiv unter Druck zu setzten, nur noch die Erntegutbescheinigung der STV zu akzeptieren. Damit verbunden ist eine Ausforschung der praktizierenden Landwirte , die in einen Rechtsstaat bespiellos ist.
    Gerade im Biobereich kaufen viele Bauern ihr Saatgut von Züchtern die bei der http://www.biosaat.eu zusammengeschlossen sind. Dass diese Züchter nicht von der STV-Bonn vertreten wird, wird von den Gerichten völlig ignoriert.
    Trotzdem einen schönen Sonntag

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    • Andreas Remmelberger sagt

      Meine Winterbraugerste ist jetzt auch gedroschen. Mähdrescherfahrer meint, nach seiner Anzeige waren es 60 dt/Hektar. Ich schätze nach dem, wie voll die Wägen waren, dass der Ertrag bei gut 50 dt/Hektar liegt, bei 12,2 Feuchtigkeit.

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      • Peter sagt

        Klingt gut, dann einfach die Waagen und Sensoren weglassen, dem Drescherfahrer frei geben, Sense und Dreschflegel selbst schwingen…

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        • Andreas sagt

          Danke !
          Mit der Sommerbraugerste schauts in unserer Region (Chiemgau) sehr mau aus.
          Die Sommergerste geht grad voll in die Notreife, Vollgerstenanteil und Keimfähigkeit wird jetzt auch der angekündigte Regen nicht mehr retten können.
          Die Wintergerste hat heuer hervorragende Werte, dadurch ist die Bierherherstellung in Bayern vorraussichtlich gesichert.

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      • Bauer Willi sagt

        Ich war gestern an der Genossenschaft. Ein Berufskollege hat konventionelle Wintergerste (Lagergetreide) gedroschen und war enttäuscht. Nur 96 dt/ha.
        Hab ihn gefragt, ob ihm die Hitze schon zugesetzt hat….

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  3. Farmer Billy alias Stefan Michel sagt

    Na, dieses Mal sind jedenfalls nicht „die Politiker“ schuld und ausnahmnsweise haben auch „die Grünen“ nicht dazu beigetragen. Wie wär’s mit einer Trecker-Demo zu einem großen Saatgut-Hersteller?

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    • Stadtmensch sagt

      Hab gerade mal geschaut, wie hoch der Dokumentationsaufwand diesbezüglich für Landwirte im Land der „Freiheit“ und unbegrenzten Möglichkeiten, im Land des von Milliardären gekaperten „Nachtwächterstaats‘ ist, um sich rechtlich abzusichern: exakt die gleiche Bürokratie, nur dass der Monopolist prüft und durchsetzt. Fragt sich was besser ist.

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    • Bauer Willi sagt

      @“Farmer“ Billy
      Ihre Kommentare waren schon mal geistreicher. Haben Sie eventuell inhaltlich etwas beizutragen oder bleibt es beim Trollen?

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  4. Rolf Sieling sagt

    Das eigentliche Problem sind die zusätzlichen Kosten, die selbst Berufskollegen in der EU nicht zahlen. In Osteuropa sind auch klimatisch bedingt doppelte Saatstärken erforderlich. Da gibt es Berge von eigenem Nachbau. Simultan handeln hier ausländische Unternehmen die Börse runter und der Preis ist am schwarzen Meer massgebend. Schamlos wird mit den Erntemengen in Russland argumentiert, soll doch die STV dort mal Gebühren eintreiben.

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  5. Kemetbauer sagt

    Bei der Terminierung wurde auf Druck gesetzt. Die Landwirte haben kurz vor der Ernte alle Hände voll zu tun und sie sich dann schnell bereit, ohne sich weiter zu informieren, den Wisch komplett auszufüllen und zu unterschreiben. Schlimm, wenn man mit solchen Unternehmen arbeitet/arbeiten muss.

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  6. Simon sagt

    In den letzten Jahren nimmt das immer größere Ausmaße an. Fast überall soll man sich registrieren und persönliche Daten preisgeben. So erhält auch die Saatgut-Treuhandverwaltungs-GmbH (STV) direkt Daten der Landwirte, wenn diese sich auf ihrer Internetseite registrieren, um eine Erntegutbescheinigung zu erhalten. Zum Glück gibt es dafür noch alternative Wege. Denn Daten sind sehr wertvoll geworden.

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  7. Tom sagt

    Ich würde auch gerne jährlich neues Z- Saatgut zukaufen und habe dass auch lange so betrieben. Doch was da z.T. als Z-Saatgut geliefert wird ist nicht mehr akzeptabel!
    Sorten bzw. Artenvermischungen beim Getreidesaatgut, Keimlingskrankheiten bei Leguminosen wie Soja und Erbsen, Keimprobleme bei Kartoffelpflanzgut und Gemüsessaten! Meiner Meinung nach „läuft da bei der Annerkennung was schief“ um es jetzt mal vorsichtig auszudrücken. Bei Reklamationen stellen sich die Züchter bzw. Vermehrer oder Vermarkter dann meist immer stur! in den allermeisten Fällen ist mein eigener Nachbau aus eine gute Z-Vorpartie immer deutlich besser. Vielleicht auch weil sich die Pflanze an die örtlichen Bedingungen schon angepasst hat.

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  8. Jek sagt

    Guten Morgen
    Ich mache meine Meldung seit Jahren immer auf Anforderung der STV mit der Rückmeldung per Mail. Weil ich wie BW seit Jahren keinen Nachbau mache.
    Verkaufen werde ich mein Getreide auch nicht, da ich es für meine Milchkühe brauche.
    Der Preis für Kraftfutter liegt bei 50 und mehr Euro, da werde ich mein Getreide nicht für 15,-€ verkaufen.
    Das schroten meines Getreides kostet etwa 300,-€ bei 8 Tonnen plus 120 kg Mineralfutter Beimischung.
    Wenn das Kraftfutter pro Kilo dann beim melken nur 1,5 Liter Milch ergibt dann rechnet es sich bei einem Milchpreis von 35 Cent nur knapp. Wenn ich ein höher wertiges Kraftfutter das 2 Liter Milch mehr ergibt, ist der Preis dementsprechend höher und es geht wieder nicht auf.

    Was ich zu den Kontrollen anmerken will, für Kontrollöre eignen sich nur solche Menschen die sich überlegen wie kann ich betrügen. Deshalb werden wir mit immer mehr Kontrollen geflutet.

    Allen ein schönes Wochenende.

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    • Reinhard Seevers sagt

      „Was ich zu den Kontrollen anmerken will, für Kontrollöre eignen sich nur solche Menschen die sich überlegen wie kann ich betrügen. “

      DAS hat der Staat bei digitalen Problemen auch so gemacht, und ehem. Hacker eingestellt. 😎

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  9. Promberger Konrad sagt

    Der Begriffserklärer Gerald Huber des Br. hat bei seinen Erläuterungen einmal gesagt: Bis
    vor 150 Jahren 85% der Bevölkerung mit landw. Rückbindung. Da hat es eine Entfremdung
    gegeben. Die Enkelgeneration von Betrieben die in 80gern aufgegeben haben zählt manch-
    mal auch dazu. Bilder aus Schlachthöfen, Tierhaltungen oder eines Roundupgebindes
    lösen mehr Betroffenheit aus als die derzeitigen Nachrichten. Dies bemächtigt NGOs
    und andere ein periodisches Haberfeldtreiben (Femengericht) gegen uns zu veranstalten.

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