Bauer Willi, Bücher
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Bauern, Land – Ein Dialog mit der Autorin

Bücher über das Land, die Landwirtschaft und über Bauern gibt es nicht viele. Uta Ruge hat ein solches Buch geschrieben. Sie ist zwar Bauerntochter, aber ihr Beruf als Journalistin hat sie in die “große weite Welt” gebracht. Statt einer Rezension habe ich mich mit ihr unterhalten. Ich bin sicher, dass die Antworten dazu animieren werden, das Buch zu lesen.

  • Liebe Frau Ruge, wie ich im Einband Ihres Buches „Bauern, Land“ gelesen habe, haben Sie Germanistik und Politik studiert. Wie und wann, und vor allem warum sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben

Das Studium ist lange her, aber geblieben ist immer das Interesse am Schreiben und an der Politik sowieso. Ich bin Journalistin geworden und habe Jahrzehnte lang viele Rundfunkreportagen auch aus anderen Ländern geschrieben. Da war es für mich eine schöne Herausforderung, jetzt über das Dorf und die Landschaft zu schreiben, in der ich aufgewachsen bin. Es hat mich immer gereizt, den eigenen Blick und objektive Fakten so miteinander zu mischen, dass ein Text einerseits auch menschlich interessiert, andererseits die LeserInnen immer das Subjektive vom Objektiven darin unterscheiden können.

In den letzten Lebensjahren meines Vaters, der als Altenteiler auf dem Hof lebte, bin ich sehr oft ins Dorf gefahren. Ich habe miterlebt, wie die Situation in der Landwirtschaft immer schwieriger wurde und es hat mich erschreckt, wie sehr das Leben der Bauernfamilien zunehmend unter Druck geraten ist und tatsächlich immer mehr Höfe aufgegeben haben.

Da bin ich in dann ins Thema rein gesprungen. Ich habe meistens geschrieben, um mehr zu erfahren und nicht, um mitzuteilen, was ich schon weiß.

  • Das Buch handelt ja von Bauern, vom Dorf, vom Moor und das alles in einem historischen Zusammenhang. Warum dieser Rückblick?

Es ging mir darum zu erfahren, wie und warum etwas so geworden ist, wie es ist. Wie ist diese Agrar- und Kulturlandschaft entstanden? Warum wurden die Moore – die jetzt wieder vernässt werden sollen – überhaupt mal urbar gemacht? Ich habe herausgefunden: Es ging darum, eine stetig anwachsende Bevölkerung zu ernähren. Menschen sollten nicht mehr auswandern müssen, sie sollten Arbeit und Einkommen im eigenen Land finden.

Wir befinden uns bei der Gründung des Dorfes im 18. Jahrhundert, es gab ständig Kriege, und der Kurfürst von Hannover wollte die Menschen des Landes als Steuerzahler und Soldaten behalten. Die „Peuplierung“, also Besiedelung, war im 18.Jahrhundert unter aufgeklärten Monarchen sozusagen der letzte Schrei. Es setzte sich damals der Gedanke durch, dass der Reichtum eines Staates nicht in der Größe des Landes oder in seinen Bodenschätzen besteht, sondern dass es die tätigen Menschen sind.

  • Sie haben viel mit den Bauern Ihrer alten Heimat gesprochen. Ihr Bruder ist Milchbauer. Sie sind Bauerntochter und leben jetzt in Berlin. Wie ist Ihr Blick auf die heutige Landwirtschaft? Was daran gefällt Ihnen und was stört Sie?

Mein Blick hat sich durch die Recherche und die Gespräche natürlich verändert. Zuallererst einmal habe ich großen Respekt für die Landwirtschaft und die großen Errungenschaften von Ackerbau und Viehzucht in der Geschichte gewonnen. Das geradezu unglaubliche Anwachsen der Menschenmassen auf diesem Planeten wurde beantwortet mit dem noch vor hundertfünfzig Jahren ganz undenkbaren Anwachsen der landwirtschaftlichen Produktion.

Bewusst geworden ist mir, wie vollkommen selbstverständlich uns die Kulturlandschaften, die Nahrungsmittel und die Abwesenheit von Hungersnöten in Europa geworden sind, selbst mir als Bauerntochter.

Die Frage nach der heutigen Landwirtschaft ist schwer zu beantworten, denn es gibt so viele Produktionszweige. Eigentlich kenne ich nur die Milchwirtschaft. Mir gefällt eigentlich, was ich sehe. Aber ich würde mir das Ganze etwas kleiner wünschen. Die durch die sinkenden Erzeugerpreise in eine endlose Schraube der Vergrößerung, einem ständigen Zwang zur Masse getriebenen Höfe sind nicht gut für die Menschen, die da arbeiten. Das ist für mich das Wichtigste! Selbst wenn man Verbesserungen bei der Behandlung von Böden, Pflanzen und Tieren – falls und wo die nötig sind – erreicht, so ist für mich entscheidend, ob es den Bauernfamilien besser geht. Jedes Tier hat inzwischen eine Lobby in der Öffentlichkeit, und das ist in Ordnung. Aber wer sorgt sich um die bäuerliche, dörfliche Kultur, wer um die Bauernfamilien? Wer fragt sich, ob da mal Zeit für Feierabend und Familie übrig bleibt, ob es im Sommer mal einen Strandspaziergang gibt, eine Reise oder sogar Lust an Weiterbildung, wie es sie auf dem Land in der Weimarer Republik schon mal gab. Diese simplen Selbstverständlichkeiten sind für zu viele Bauernfamilie unerreichbare Ziele.

  • Wenn Sie gefragt würden, ob der Beruf des Landwirts ein „schöner Beruf“ ist, wie würden Sie antworten? Würden Sie einem jungen Menschen raten, diesen Beruf zu ergreifen? Antworten Sie bitte ganz ehrlich.

Wenn es wäre oder wird, wie oben geschildert, dann wäre meine Antwort ein kräftiges JA.

Wenn nicht, dann nicht.

Und ich habe dabei vor allem die Frauen im Blick.

  • Bauern werden in den Medien oft nicht gut „behandelt“. Sie haben für eine Tageszeitung gearbeitet, die auch kritisch über die „industrielle Landwirtschaft“ schreibt. Hat ihr Bruder einen Industriebetrieb? Unser Ackerbaubetrieb mit 40 ha ist ganz bestimmt keiner. Sie verstehen, was ich meine?

Sie spielen sicher auf die „taz“ an, für die ich vor 30 Jahren geschrieben habe.

An der „taz“, sofern ich ihre Arbeit in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen habe, irritiert mich, wie selbstzufrieden sie inzwischen den grünen Mainstream repräsentiert und Widersprüche glattbügelt.

Nein, der Betrieb meines Bruders ist meiner Auffassung nach ganz bestimmt kein Industriebetrieb. Wo ist da die Grenze? Ein Aspekt wäre für mich – da bin ich sicher auch etwas altmodisch gestrickt –, ob die Hofeigentümer selbst anfassen, oder ob sie nur noch Angestellte arbeiten lassen.

  • Wenn Sie den deutschen Bauern einen Rat geben wollten, was würden Sie ihnen sagen? Welchen Rat würden Sie deutschen Politikern geben? Welchen den NGOs?

Ich würde mir nicht anmaßen, den deutschen Bauern einen Rat zu geben, solange nicht die Existenz ihrer Betriebe durch höhere Erzeugerpreise gesichert wäre. Dann würde ich ihnen vor allem wünschen, dass sie die Zeit haben, sich mit Alternativen zum Immer-Größer-Werden-Müssen zu beschäftigen – am besten zusammen mit Nachbarn. Die Frage ist ja, ob es auch innerhalb einer auf Nachhaltigkeit verpflichteten Wirtschaft noch eine Möglichkeit gibt, als Familienbetrieb in Deutschland Lebensmittel zu produzieren und davon zu leben. Sicher bin ich mir da nicht.

Die Politiker würde ich fragen, ob sie es mit ihrem sozialen und ökologischen Gewissen vereinbaren können, den bäuerlichen Betrieben zuhause die Luft abzudrehen und gleichzeitig ihren Wählern Lebensmitteleinfuhren aus Ländern zuzumuten, in denen weder ökologische noch soziale noch gesundheitliche Standards überprüfbar sind.

Die NGOs würde ich dasselbe fragen. Und was sie von Menschenwürde für Bäuerinnen und Bauern halten.

Liebe Frau Ruge, vielen Dank für ihre sehr klugen und empfindsamen Antworten. Ich denke, dass die Leser alles nachempfinden können

Wer Uta Ruge kennenlernen möchte, hier der Link zur Sendung (ab etwa Minute 1:30)

https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/sendung-vom-31012021-102.html

Von Besserstädtern und Bauernlümmeln….

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9 Kommentare

  1. Ludwig sagt

    Das ist ein gutes Buch für unseren Bundespräsidenten. Nach dem Amtsantritt wollte der sich doch um die Landbevölkerung und das Land kümmern. Haben wir davon irgendetwas gehört oder gesehen. Die Berliner Regierenden haben doch Angst vorm Volk. Die einen wollen einen breiten Sicherheitsgraben um den Reichstag bauen , damit den Abgeordneten das Volk nicht zu nahe kommt und der Bundespräsident stellt für die Coronatoten eine Kerze ins Fenster. Auch will er so mit dem Volk nicht in Kontakt treten. Da sind sich alle Medien , Parteien und die Regierung einig. Das konnten unsere heldenhaft demonstrierenden Bauern in den letzten 14 Tagen selbst erleben. Fast keiner dieser Organisationen war zum Gespräch bereit . Überall blieben die Türen verschlossen. Das Volk stört halt. Das Volk ist dann aber wieder zu den Wahlen gefragt und dort wird das Volk den Regierenden das Dankeschön aussprechen. Die Unruhe ist heute schon in den Regierungsparteien zu spüren. Ich bin gespannt.

    • bauerhans sagt

      unser Herr Bundespräsident hatte sich neulich zu Nordstream 2 geäussert,obwohl er sich aus der politik raushalten muss,aber keiner hatte das bemängelt.

  2. bauerhans sagt

    wenn ich Tanja Busse und Uta Ruge auf die schnelle vergleiche,dann versucht Uta Ruge eine umfassende Gesamtbeurteilung,während Tanja Busse Vorwürfe raushaut,die zum mainstreem passen.

  3. Reinhard Seevers sagt

    Wer es in den Jahren aus Neubachenbruch als junge Frau aufs Gymnasium schafft, der hat Ehrgeiz und evtl. gute Eltern…..
    Ich sehe eine nickende Leserschaft, die aus der gleichen Generation stammt. Seufzend und rückblickend stimmt die Mehrheit der Leser dem Inhalt des Buches zu. Es ist eine Darstellung des Lebens, das nur wenige nachempfinden werden können. Ich befürchte es folgt auf so ein Buch eine neue Welle neuer “Landleute” , die die beschriebenen Emotionen nachempfinden möchten, um dann ein Selfi auf ihrem Instagram Account zu posten. 😉

    • Von welcher Zeit sprichst du, Reinhard?

      Zu meiner Zeit gab es hsocn Autos und einige aus dem Dorf, die keine Landwirtschaft hatten, mußte ihr Geld wo anders verdienen.
      also ist deren vater atägflihc mit dem auto inj die Stadt gefahren.
      SeineKinder udn wir mit.

      Am Mittag war er noch nicht zu Hause,
      da war er froh, wenn meine Mutter die Bäuerin alle Kinder, di eer am Morgen im Auto hatte, wieder aus der Stadt abholen konnte.

      Du erzählst von noch früher,
      und Nina Ruge ist bestimmt jünger als ich!

      Es gab auch Dörfer, die hatten eine regelmäßige Linienbusanbindung in die Stadt, oder war gar die ganze Mittelpunktshcule und später Gesamtschule dort.

      also fuhr auch ein Schulbus dahin.

      Und die Landwirtschaftliche Faschschule ist nun fast 130 Jahre in der Stadt, wo die angehenden Jungbauern hingingen.

      “Ich befürchte es folgt auf so ein Buch eine neue Welle neuer „Landleute“ , die die beschriebenen Emotionen nachempfinden möchten, um dann ein Selfi auf ihrem Instagram Account zu posten. ”

      Das hoffe ich auch.

  4. Brötchen sagt

    “man müsste ein populär-wissenschaftliches Buch mit guten Bildern und Grafiken zu den Land-Wirtschafts Zusammenhängen erarbeiten. ”

    Wo sollen sich interessierte Laien sonst informieren?

    Ich denke ein gutes kurzes Video macht es auch. Ich informieren mich und lerne zur Zeit nur noch über Videos. Da gibt es recht gute Sachen z.B, Elektroinstallation oder Schweißen. Oder Obstbaumschnitt, gibt es eine sehr gute Reihe aus Österreich.
    Kann man da ja ständig erweitern.
    Heute gibt es ja ganz andere Möglichkeiten.

    • schlaue Leute lernen und sind interessiert an Zusammenhängen

      dumme Leute machen Dummgeschwätze!

      Unsere Welt ist eben zu kompliziert, um über alles Bescheid zu wissen und deswegen muß man vor alles Respekt haben, und nicht neidisch dumm rüber reden.

      Mein Opa zeigte mir als Kind viel vom Obstbau auf unserer Wiese, besonders von Äpfeln.

      Jahrzehnte später sah ich “Planet Wissen” ,

      Da wurde es auf die gleiche Weise erklärt, wie mein Opa das bei mir machte.

      Auf die gleiche Art wurde der Apfel mit dem Taschenmesser durchgeschnitten, um das Gehäuse zu sehen.

      Meine Opa sagte Häuserchen dafür, wo die braunen Samen drin wohnen, woran man erkennen konnte, wann der Apfel reif ist.

      Meine Oma meinte dazu,
      da sind die meisten Vitamine drin, die sollte man mitessen.
      Das ist kein Abfall.

  5. Thomas Apfel sagt

    Ohne das Buch gelesen zu haben, wünsche ich der Autorin Erfolg beim Verkauf. Es ist genau das, das wir in der Vergangenheit zu wenig getan haben: die Kentnis der Zusammenhänge und Zahlen in einen emotional fassbaren Rahmen zu bringen. Ich war vor einigen Jahren der Meinung, man müsste ein populär-wissenschaftliches Buch mit guten Bildern und Grafiken zu den Land-Wirtschafts Zusammenhängen erarbeiten. Heute denke ich, das macht keinen Sinn, auch da haben uns in der Qualität der Aufbereitung (nicht bei den Inhalten) und Verbreitung Böll-Stiftung und Co. längst um Längen überholt. Es sind einfach schon zu viele Fakten, Halbwahrheiten und Lügen am Markt. Das Interesse an Zahlen geht gegen Null.
    Vielleicht ist gerade so ein Buch, wie das Von Uta Ruge, das Hintergrundwissen mit der Fähigkeit die Menschen emotional zu erreichen verbindet, die einzige Möglichkeit überhaupt noch etwas unter die “Leute” zu bringen.

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