Alois
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Alles richtig gemacht…*

Heinrich war beim Arzt. Der hatte ihn jetzt an einen Psychotherapeuten überwiesen. Er spürte es mittlerweile selbst, dass sein „Kopfkino“ den immer gleichen Film abspulte: Seine Kindheit auf dem Hof, seine Freude an der Arbeit, seine „Bärenkräfte“, die Landwirtschaftsschule und die Meisterausbildung. Wie stolz auch seine Eltern waren als er heiratete und der „Stammhalter“ zur Welt kam.

Dann die Hofübernahme. Mann oh Mann, hatte er sich damals stolz gefühlt. Endlich der Bauer zu sein, endlich das Sagen zu haben. Und wie er anpackte. So wie er es in der Landwirtschaftsschule gelernt hatte. Wachsen oder Weichen? Für ihn war das keine Frage, sondern ein Auftrag, den er von seinen Eltern und Vorfahren angenommen hatte. Er wollte es allen zeigen.

Er baute als erster im Dorf den neuen Laufstall. Die Rechnung ging auf. Nacheinander gaben in der Nachbarschaft mehrere Betriebe die Landwirtschaft auf. Sie waren froh, dass er Flächen und Milchquote pachtete. Obwohl er nur zähneknirschend für die Milchquote etwas zahlen wollte. Denn wenn er ein bisschen rechnete, dann verdienten diese „Sofamelker“ sehr gut an ihm.

Doch er wusste, wenn er nicht pachtete, schlagen andere zu. So war es dann auch in den Folgejahren. Das lag vor allem an den neuen Fendt-Schleppern. Die fuhren 50 km in der Stunde und ermöglichten es den finanzkräftigen Landwirten aus dem Unterland hier, vor seiner Haustüre, ihm die Felder weg zu pachten.. Das machte ihm Angst. Darum kaufte er sich auch so einen großen und schnellen Fendt. Dann ging es ihm schon wieder besser. Jetzt pachtete er selbst in 30 Kilometer Entfernung einen kompletten Hof samt Gebäude und Güllegruben. Der Verpächter dort übernahm sogar seine Jungviehaufzucht, worauf er daheim wieder mehr Kühe aufstocken konnte. Und mit seinem neuen 15.000 Liter Güllefass war das Güllefahren der reinste Spaß.

Doch ein paar Jahre später platze sein Laufstall schon wieder aus allen Nähten. Also baute er nochmals. Diesmal aber für 250 Kühe. Der Stallbau war ja eigentlich nicht das Problem, aber die verdammten Sofamelker verlangten ein Vermögen für die Milchquote. Damals muckte seine Frau erstmals auf. „Für Urlaub haben wir nie Geld, aber für die Quote schmeißt Du es raus“, hielt sie ihm vor.

Er ließ seine Frau schimpfen. Denn es packte ihn das „Biogas-Fieber“. „Die Landwirte sind die Energiewirte der Zukunft“ verkündete die damalige Ministerin Renate Künast. Deren Gesicht mochte er zwar nicht, dafür aber ihre Vision. In der Folge unterschrieb er erstmals einen mehrere Millionen schweren Kreditvertrag. Für seine gigantische Biogasanlage! Das war meine beste Zeit“, dachte er lächelnd zurück.

Viele Besuchergruppen kamen zu ihm und stolz erzählte er, dass alles ja nur eine Frage des Managements sei. Obwohl ihm der Stress immer mehr zusetzte. Notgedrungen stellte er Personal ein. In dieser Größenordnung Milchkühe und Biogasanlage unter einen Hut zu bringen war einfach nicht mehr zu packen. Aber das trieb die Kosten immer weiter nach oben. Dabei lief die Biogasanlage selten rund – die stattlichen Tilgungen aber schon. „Nochmal einen Zwischenkredit“, sagte er zum Bankberater. Er bekam ihn. Einen zweiten Zwischenkredit wollte er ihm dann nicht mehr geben, da der Milchpreis immer weiter sank.

Dann wurde es richtig mies, als sich seine Frau zur Furie entwickelte. Sie wollte nicht mehr mitspielen. Anstatt das Häuschen ihrer Eltern als Pfand für den neuen Zwischenkredit zu geben, zog sie mitsamt den Kindern aus.

Ab da ging es nur noch bergab. Ganz besonders schmerzte ihn, dass keines seiner Kinder den Hof weitermachen wollte. „Ich bin doch nicht blöd Tag und Nacht für nichts zu schaffen“, bekam er zu hören. Da war es ihm klar, dass er wohl der letzte in der Ahnenreihe war, der diesen Hof bewirtschaftet hat. Mit dieser Gewissheit fiel es ihm dann auch nicht mehr ganz so schwer, der Liquidierung des Hofes durch die Bank zuzustimmen. Immerhin blieb noch Geld für eine Eigentumswohnung. Doch er war jetzt einsam und allein mit seinem Grübeln, wie denn alles so weit kommen konnte. Dabei hatte er doch eigentlich alles richtig gemacht….oder richtig machen wollen…

* Die Geschichte ist frei erfunden.

Alois

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36 Kommentare

  1. W. Toft sagt

    Auch wenn es frei erfunden ist, ähnliche Beispiele gibt es genug. Man kann sich auch tot wachsen, der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben! Es gibt ja auch noch die, die erneuerbare Energien in die Bewirtschaftung mit einfließen lassen können. Denen wird aber auch gerade schlecht, weil es vielleicht nicht ganz reicht. Man kann nur hoffen, dass zuerst der Verstand eingesetzt wird, bevor das Heil in immer mehr gesucht wird. Die Psychologen haben Hochkonjunktur! Die Frage, hab ich alles richtig gemacht, treibt uns doch alle irgendwie um. Man muss aber auch an sich selber glauben und ehrlich analysieren, bevor man einen großen Schritt geht. Vor allem, immer die Familie mitnehmen, bei den Überlegungen!!!

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  2. Landwirt ist ein Beruf den man nur ausüben kann wenn eine gewisse Leidenschaft da ist.man muss auch akzeptieren wenn sich die Strukturen geändert haben und der Betrieb beim Nachfolger nur noch im Nebenerwerb läuft……. Ist aber immer noch besser wenn die Eltern den Lebensabend nicht bis zum Anschlag mit Arbeit bis über die Ohren verbringen und es geht alles den Bach hinunter …..

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  3. Andreas Schmid sagt

    Kommt ein deutscher Urlauber an den Strand und sieht einen Fischer in der Sonne liegen. Sagt der zu ihm: „Auf geh Fischen dann kannst mehr Fische verkaufen und dir ein größeres Boot kaufen.“ „Und dann?“ fragt der Fischer? „Dann kannst du dir auch Angestellte leisten.“ „Und dann?“ fragt der Fischer weiter? „Hm, dann kannst Du ja an den Strand liegen und dich sonnen.“ Der Fischer sagt dem nachher verdutzten Urlauber:“Mach ich schon.“

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  4. Altbauer Jochen sagt

    * die Geschichte ist frei erfunden ???
    Aber nein , höchstens einige Details !
    Eine Entwicklung die wir in unserem Nachbarland Dänemark
    mit ihren „modernen “ und Investitionsfreudigen Landwirten
    verfolgen können. (auch ohne Biogas)
    Dort bestimmen längst die Banken wer Hofnachfolger wird !
    Es wird nur immer schwieriger überhaupt welche zu finden.
    Ein einstmals schmuckes Ländchen verödet auf dem Lande !

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  5. Andreas sagt

    Gefährliches Thema.
    Ich war noch nie beim Psychologen und habe es auch nicht vor. Gesunder Menschenverstand bedeutet, ein gesundes Verhältnis oder gesunde Bewertung zu Geld und Betrieb zu haben. Nur das Menschliche zählt im Leben, also Familie, soziale Umfeld und Gesundheit.

    Zwei Dinge stören mich an dem Artikel. Hier wird ein Täter zum Opfer gemacht. Solche „Fendt-Betriebe“ sind und waren rücksichtslos und haben Berufskollegen möglicherweise platt gemacht. Deren Geschichte wird nicht erzählt.

    Dann habe ich selbst in einem Internet Forum Bekanntschaft mit so einem „Psycho“ gemacht. Es ist keineswegs so, dass Leute mit burnout sich in die Ecke verkriechen, nein, die können auch aggressiv werden und wollen andere mit hinein reißen. In den Äußerungen des besagten Bauern kann man durchaus von: versuchter „seelischer Körperverletzung“ sprechen. Und er bekam noch Unterstützung vom populärsten Bauern Deutschlands. Zum Glück ist mein Fell dick genug.

    Ich habe die Befürchtung, dass burnout zur Modeerscheinung verkommt mit vielen falschen Trittbrettfahrern. In einem Satiremagazin wurde mal gesagt, dass man um Bundeskanzler zu werden weiblich oder schwul sein muss. Auf Satiremodus könnte man sagen, dass man einen burnout gehabt haben muss um Bauernpräsident zu werden in Zukunft.

    Mein Fazit:
    Das oben beschriebene „Fendtsyndrom“ erledigt sich von allein. Die echten Gefahren lauern im Internet.

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  6. bauerhans sagt

    das könnte die (etwas unglaubliche) geschichte aus einem anderen forum sein,nur zuende gedacht.

    1+
    • bauerhans sagt

      die geschichte aus dem anderen forum ist anders ausgegangen:

      ein investor mit 2100000€ hilft dem betrieb,indem er die flächen kauft und dem betrieb verpachtet und die bankkredite ablöst.
      alles gegen kleines geld.
      modernes landwirtschaftsmärchen.

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  7. kai schleyerbach sagt

    Die erfundene Geschichte könnte real sein. Sie enthält auch keine Schuldzuweisungen, was gut ist. Denn letztlich geht es nicht um Schuld sondern um Verantwortung für eingegangenes Risiko. Jede der beschriebenen Entscheidungen in der Geschichte ist mit Risiken verbunden. Wer sie eingeht, muss bereit sein die Folgen ihres Eintritts zu tragen. Wer sie nicht einschätzen kann, sollte sie nicht eingehen.

    3+
    • Alois Wohlfahrt sagt

      „Wer Augen hat der sehe – wer Ohren hat der höre.“
      Im Durchschnitt ist inzwischen 465.000 Euro Kapitalbedarf* notwendig um einen Arbeitsplatz in der Landwirtschaft einzurichten. Um dann vielleicht – wenn es gut geht – soviel wie ein Facharbeiter zu verdienen.
      Heute ist Aschermittwoch. An so einem Tag darf man ruhig mal in sich gehen und sich selbst kritische Fragen stellen. Das hat nichts mit Schwarzmalerei und Resignation zu tun, sondern mit der eigenen Verantwortung.
      Wie sagte Palla in ihrem ersten Artikel „Milch – eine Krise mit Folgen“:

      Besser ist, man trifft die Entscheidungen selbst, sonst entscheiden sich die Dinge ohne das eigene Zutun!

      *Quelle: Situationsbericht 2014/15 des DBV

      1+
      • „in der Mitte ist der Strom am schnellsten“

        es kann ja jeder für sich entscheiden ob er sich in der Mitte vom Durchschnitt mitreissen lässt oder am Rand sogar gegen den Strom schwimmt und nur so zur Quelle kommt…

        2+
  8. Obwohl die Geschichte erfunden ist, werden die Tatsachen bei dem einen oder anderen Landwirt ähnlich sein. Viele meiner Kollegen bürden sich zu viel auf. Im Alter sinkt dann die Leistungsfähigkeit, und wenn dann der Hofnachfolger nicht unterstützend eingreift, bricht das ganze Kartenhaus in sich zusammen.
    Die freudestrahlenden Nutznießer dieser Situation sind dann die Banken, die sich Grundstücke unter den Nagel reißen. Die Verbraucher freuten sich auch über die billigen Nahrungsmittel, die dieser vom kostendruck getriebene Bauer erzeugte. Und schließlich die Verpächter, die meinen Kollegen über die Jahre mit den hohen Pachtforderungen aussaugten.

    4+
    • bauerhans sagt

      “ ….mit den hohen Pachtforderungen aussaugten.“

      pacht heisst bringschuld, der pächter hatte sich freiwillig verpflichtet.

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Mein Fendt läuft nur 35, gehört aber mir und der Hof ist Schuldenfrei. 🙂

      Na ja, beim Psychotherapeuten und beim Stallbau hätte ich noch Nachholbedarf. 😉

      1+

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