Bauer Willi
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Weihnachten am Berghof

Ein Gastbeitrag von Franz Kinker, vom Berghof Kinker

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir fünf Geschwister an Heiligabend dichtgedrängt in der Küche saßen und gespannt auf die Wohnzimmertüre starrten, wann die sich den endlich öffnet und wir unsere Geschenke auspacken dürfen. Unruhig rutschten wir auf unseren Hintern hin und her, zappelten mit den Füßen und fragten uns gegenseitig, was das Christkind denn heuer wohl bringen mag. Sollte es die lange ersehnte Puppenküche für die Mädchen sein, oder die Lego- Eisenbahn, auf die wir Jungs schon ewig warteten? Egal, das Christkind wird es schon wieder recht machen, so wie jedes Jahr. Es hat unsere Wünsche meist ganz gut getroffen, und so wird es auch heuer wieder sein.

Wenn nur die nervige Warterei nicht wäre. Durchs Schlüsselloch blinzeln und beobachten, was drinnen in der Stube so abgeht, das funktionierte nicht. Das hatten wir schon getestet. Irgendjemand hat von innen Zeitungspapier oder sonst was ins Loch gesteckt. Und die Glasscheibe, mit der man sonst in den Nachbarraum schauen konnte, die war von innen mit einem Tuch abgehängt.

Uns blieb also nichts anderes übrig, als in der Küche auf Kohlen zu sitzen und abzuwarten, wann das kleine Glöckchen dreimal ertönt. Das Glöcklein, das am Christbaum hängt, das wird vom Christkind geläutet, wenn alle Geschenke unterm Baum liegen. So erzählten uns das die Eltern, und wir glaubten das. Als Kind sowieso, weil es meine Mutter sehr einleuchtend darbrachte, und später, als wir größer waren und Zweifel an dem Verfahren hatten, war es einfach schön, noch daran zu glauben.

Als Ältester und praktisch Denkender war es mit zusehend schleierhafter, wie das Christkind die zum Teil grossen Geschenke wie die Puppenküche durch das gekippte Fenster der Stube bringen sollte. Meine Mutter habe ich dahingehend des Öfteren gefragt, bekam aber keine für mich plausible Antwort. Ich gab mich dann mit ihrer Erklärung zufrieden, dass das Christkind von Gott kommt, und dass der liebe Gott alles kann.

Vor der Bescherung war meine Mutter meist noch am Küchenherd beschäftigt. Wie immer gab es an Heiligabend Wienerle mit Kartoffelsalat. Die Heiligabend- Wienerle waren übrigens die besten Wienerle, die es auf der Welt gab! Keine Würste, die es während des Jahres auf dem Speiseplan standen, waren so gut wie die, die an Heiligabend im Kochtopf lagen. Das empfinde ich auch heute noch so, obwohl ich schon auf die 60 zugehe.

Vater saß indes bei uns am Küchentisch und beobachtete seine fünf Sprösslinge. Wenn die Unruhe am Tisch zu groß wurde, und er von seiner Frau das heimliche Signal bekam, es könne bald losgehen, stand er auf und ließ uns wissen, dass er nochmal in den Stall zu den Kühen schauen müsse. Dass er das als guter Bauer jeden Abend tat, das war uns bekannt. Von daher schöpften wir in den Kinderjahren keinen Verdacht, dass an dieser Story etwas faul sein konnte. In Wahrheit ging er zur Küche hinaus, bog statt rechts zum Stall, nach links ab und schlich so leise es ging bei der zweiten Stuben-Eingangstüre im Dunkeln zum Christbaum.

Als wir das dreimalige Klingeln vernahmen, waren wir nicht mehr zu bremsen. Alle sprangen auf, eilten zur Wohnzimmertüre und konnten es kaum erwarten, die Geschenke zu erblicken. Umständlich kramte Mutter in ihrer Schürze nach dem Schlüssel der Türe, fummelte ewig umher bis der Papierstopfen auf den Boden fiel, und drehte dann endlich den Schlüssel um.

Vater nutzte die Zeit, in der Mutter mit dem Schlüssel rumtrödelte, um aus der Stube zu entwischen. Nach ein paar Minuten, die er wartend im Hausgang verbrachte, kam auch er wieder in die Küche und konnte miterleben, wie wir Kinder mit großen Augen und freudestrahlend nach unseren Geschenken suchten.

Im Radio lief derweil in Bayern 1 das Glockenläuten aus aller Welt. Uns störte das nicht, denn wir Kinder waren so im Eifer, dass uns das Gebimmel völlig egal war. Was jetzt zählte war die Tatsache, ob der neue Pulli passte und cool war, ob der Lego- Baukran stabil erschien, und ob die neue Lok kräftig genug war, um die Güterzüge auf der Modelleisenbahn zu bewegen.

In all den Jahren hatte Mutter mehrmals versucht, gemeinsam mit uns Weihnachtslieder zu singen. Daran war nicht zu denken. Mit ihrem Gesang stand sie alleine im Wohnzimmer. Und nachdem Vater auch keinen Bock darauf hatte, ließ sie von ihrer Gesangseinlage ab. War auch ganz gut so, denn wir hatten ja noch das Glockengeläut von Bayern 1.

Als dann alle Geschenke ausgepackt waren und jeder wusste was ihm gehörte, rief uns Mutter zu Tisch damit es nicht alle Wienerle vollständig zerriss. Die geplatzten Wiener musste meist Vater essen. Dem war es egal, und er kam mit den Platzwürsten gut zurecht. Wir Kinder nutzten die Gelegenheit und stopften uns mit den allerweltsbesten Wienerle so voll, bis uns schlecht wurde. Das gehörte an Weihnachten einfach dazu. Sonst war es nicht Weihnachten.

Diese Traditionen haben meine Frau und ich von meinen Eltern übernommen und wir pflegen sie noch heute. Klar, das mit dem Glöckchenklingeln ist aufgrund des Erwachsenseins unserer Kinder weggefallen, und auch vieles andere. Aber die Heiligabend-Wienerle, die sind noch immer die allerweltsbesten Wienerle.

Der Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder

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5 Kommentare

  1. Annegret Coordes sagt

    Lieber Franz, auch bei uns lief es alles sehr ähnlich ab, nur, dass es der Weihnachtsmann war, wir vorher in die Kirche gingen (eine für mich große Herausforderung, so aufgeregt war ich immer), dann Bescherung und dann Kartoffelsalat und Wiener Würstchen. Und wir haben es mit unseren Kindern ebenso gemacht und die machen es nun auch wieder so!
    Schönen 2. Weihnachtsfeiertag! Annegret

  2. Edakteur sagt

    Schöne Weihnachtsgeschichte Franz Kinker!
    Die Erinnerungen sind es wert, immer wieder aktiviert zu werden…

  3. Herwig Scholz sagt

    Danke Franz Klinker für die schöne Erinnerung.
    Bei mir zu Hause war es fast 1 zu 1 das gleiche. Die Spannung und auch das mit den fünf Kindern. Nur anstatt Wienerle gab es an Heilig Abend in schlesischer Tradition in Essig eingelegte gebratene grüne Heringe mit Brötchen.

    • Ja, überall ist das Traditionelle anders, eben regional verschieden. Das habe ich als Kind in den Radiogeschichten von Weihnachten schon gehört!
      Überall gibt es andere Sitten und Gebräuche und eben auch Essen am Heiligen Abend!

      Es hat sich bestimmt auch vieles durch die Industrialisierung verändert.
      Ich möchte mal wissen, ob dadurch der Kirchenbesuch an Heilig Abend auch abgenommen hat!

      Ach ja, wie glänzten da die Augen, auch von Erwachsen, die zu Hause bestimmt alles vorbereitet und Geschmückt hatten, vielleicht den Kartoffelsalat fertig im Kühlschrank und die Wiener mußten nur noch warm gemacht werden.

      Vielleicht wurde der Weihnachtsbaum vor dem Essen angezündet (vielleicht Vaters Aufgabe, während Mutter die Würstchenwarm machte) und um die Spannung zu steigern, durften die Kinder erst nach dem Essen unter den Baum und Geschenke öffnen?

      Bei vielen spielten auch noch Großeltern und die Tiere im Stall eine Rolle!

      Aber es ist gut, wenn das Glöckchen zum Eintritt in das Weihnachtzimmer ruft!

      Dann war das Christkind da,
      kommt heutzutage nur noch sein Beauftragter der Weihnachtsmann, den man leicht mit dem Nicolaus verwechseln kann?

      Früher kam ja im Norddeutschen Raum eher der Weihnachtsmann und im Süddeutschen eher das Christkind, aber heutzutage kommt Dank der Massenmedien überall nur noch der Weihnachtsmann, oder?

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