Bauer Willi
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Urban Farming: der Gegner ist die Physik

Ich habe ja kürzlich über das viel diskutierte Thema „Essbare Insekten“ geschrieben, von dem heute niemand mehr redet. Ein ähnliches Thema ist „Urban Farming“. Einst als wichtiges Standbein für die Ernährung diskutiert, redet heute kaum einer mehr davon. Was sind die Gründe?

Das Thema Urban Farming ist ein Paradebeispiel für die Schere zwischen technischem Enthusiasmus und ökonomischer Realität. Während die Vision von begrünten Hochhäusern faszinierend ist, zeigt ein Blick auf die harten Fakten, dass Urban Farming aktuell eher eine Ergänzung als eine Revolution der globalen Ernährungssicherung ist.

Hier ist eine Analyse der Realisierbarkeit und Wirtschaftlichkeit:

1. Die ökonomische Hürde: Energie und Fläche

Der größte Endgegner des Urban Farmings (speziell des Vertical Farmings) ist die Physik.

  • Energiekosten: In geschlossenen Systemen ersetzt LED-Licht die Sonne. Das ist extrem energieintensiv. Selbst bei sinkenden Strompreisen für Erneuerbare bleiben die Betriebskosten pro Kilogramm Ertrag oft deutlich über denen des Freilandanbaus.

  • Investitionskosten (CapEx): Die Errichtung einer hochtechnisierten Farm in einer Metropole kostet Millionen. Diese Fixkosten müssen über den Verkaufspreis wieder eingespielt werden.

  • Flächenkonkurrenz: In Städten konkurriert Urban Farming mit Wohnraum und Gewerbe. Die Mieten sind dort am höchsten, wo die Menschen leben – das treibt die Produktionskosten nach oben.

2. Was ist realistisch? (Das Sortiment-Problem)

Urban Farming eignet sich derzeit nur für eine sehr spezifische Gruppe von Lebensmitteln:

  • Profitabel: Kräuter, Microgreens, Salate und Nischenprodukte (z. B. essbare Blüten oder Pilze). Diese haben einen hohen Wasseranteil, wachsen schnell und verderben leicht, weshalb kurze Transportwege ein echter Vorteil sind.

  • Utopisch: Kalorienlieferanten wie Weizen, Mais, Reis oder Kartoffeln. Um die Weltbevölkerung satt zu machen, brauchen wir Kohlenhydrate. Diese in vertikalen Farmen anzubauen, wäre energetischer Wahnsinn. Für ein Kilo Brot bräuchte man eine enorme Menge an künstlichem Licht, was das Brot unbezahlbar machen würde.

3. Urban Farming kann die hocheffiziente ländliche Landwirtschaft nicht ersetzen.

Ist es eine sinnvolle Ergänzung? Ja. In einer Welt, in der 2050 etwa 70 % der Menschen in Städten leben werden, ist jede Salatpflanze, die nicht 1.000 Kilometer weit transportiert werden muss, ein Gewinn. Die Zukunft liegt wahrscheinlich in einer Hybrid-Lösung: Hightech-Anlagen für Frischware in der Stadt und flächenbasierte Landwirtschaft auf dem Land für die Grundversorgung.

Das „Sterben“ von Urban-Farming-Start-ups (insbesondere im Bereich Vertical Farming) war in den letzten Jahren fast so regelmäßig zu beobachten wie die Ankündigungen neuer Rekord-Investitionen. Sogar Branchenriesen wie Infarm oder AppHarvest mussten massive Rückschläge oder Insolvenzen hinnehmen.

Die Gründe für das Scheitern sind oft eine Mischung aus falschem Optimismus und der harten Realität der Betriebswirtschaft:

Was sind die Gründe für das Scheitern vieler Start Up´s?

1. Die „Tech-Falle“: Zu viel Silicon Valley, zu wenig Landwirtschaft

Viele Gründer betrachteten ihre Farmen wie Software-Unternehmen. Sie glaubten, man könne Skaleneffekte durch Algorithmen und Automatisierung erzwingen.

  • Das Problem: Eine Pflanze wächst nicht schneller, nur weil man mehr Code schreibt oder mehr Risikokapital verbrennt. Die biologische Wachstumsrate setzt dem Umsatzwachstum eine harte physikalische Grenze.

  • Wartungskosten: Hochkomplexe Sensoren, Roboterarme und Nährstoffsysteme in einer feuchten, warmen Umgebung sind extrem anfällig. Die Instandhaltungskosten fraßen oft die durch Automatisierung eingesparten Lohnkosten wieder auf.

2. Die Energiepreis-Falle

Dies war der Genickbruch für viele europäische Start-ups.

  • Abhängigkeit: Während der traditionelle Bauer die Sonne kostenlos nutzt, ist die Vertical Farm eine „Strom-Maschine“.

  • Kalkulationsfehler: Viele Businesspläne wurden in einer Niedrigenergie-Phase geschrieben. Als die Strompreise stiegen, wurden die Produktionskosten pro Salatkopf plötzlich höher als der maximale Verkaufspreis im Supermarkt.

3. Das Margen-Dilemma im Einzelhandel

Start-ups müssen gegen die effizienteste Lieferkette der Welt antreten: den modernen Lebensmitteleinzelhandel.

  • Preisdruck: Kunden sind nur bedingt bereit, für einen „lokalen“ Salat das Dreifache zu zahlen.

  • Logistik-Paradox: Obwohl die Farm „in der Stadt“ steht, ist der Vertrieb an hunderte kleine Supermärkte oft teurer und logistisch aufwendiger als die Anlieferung durch einen Großhändler, der ohnehin mit dem 40-Tonner-LKW kommt.

4. Fehlende Diversifizierung der Produkte

Die meisten Start-ups haben sich auf Blattsalate und Kräuter gestürzt, weil diese schnell wachsen.

  • Marktsättigung: Plötzlich gab es in einer Stadt fünf Anbieter für „Premium-Basilikum“. Der Markt für teure Nischenprodukte ist jedoch begrenzt. Sobald der Markt gesättigt ist, sinken die Preise, und die hohen Fixkosten der High-Tech-Farmen lassen sich nicht mehr decken.


Die „Unit Economics“ des Scheiterns

In der Start-up-Welt spricht man von Unit Economics (Profitabilität pro Einheit). Bei vielen gescheiterten Firmen sah die Rechnung vereinfacht so aus:

Kostenfaktor Realität bei Start-ups
Produktionskosten ~ 1,50 € pro Salatkopf (Strom, Miete, Technik-Abschreibung)
Verkaufspreis (Großhandel) ~ 0,80 € pro Salatkopf
Ergebnis 0,70 € Verlust pro Einheit

Die Hoffnung der Investoren: „Wenn wir 100 Mal größer bauen, werden wir profitabel.“

Die Realität: Bei negativen Unit Economics führt Wachstum nur zu größeren Verlusten, nicht zur Gewinnschwelle.

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17 Kommentare

  1. Ina Körner sagt

    Vor Jahren hatte ich mal ne Konferenz organisiert. Am letzten Tag hatten wir noch ein paar kleine Workshops und einer lief unter dem Begriff Urban Farming. Ich war da skeptisch, weil nicht mehr gemacht werden sollte, als Kräuter in ein komposthaltiges Substrat einzupflanzen. Aber dann war ich total begeistert. Es kamen hauptsaechlich Studenten, die noch nie im Leben irgendetwas eingepflanzt hatten. Und die waren so unheimlich begeistert dabei. Das war eine wirkliche Freude.

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  2. zmp_nachfahre sagt

    Mal eine allgemeine Frage: Wieso werden solche neuen Ideen so oft als alleinige Lösung angepriesen? Hat sich niemand das Umfeld, die bisherige Entwicklung und den aktuellen Stand angesehen? Hat niemand eine realistische Schätzung gemacht (statt nur den Idealfall zu betrachten)?
    Braucht man das, um Investoren oder „Entscheider“ zu beeindrucken? Oder glaubt man tatsächlich an seine Sprüche?
    Beispiele gibt es ja genug: Alles nur noch „erneuerbar“, alles nur noch elektrisch (inklusive wirklich hirnrissiger Ideen wie „grüner Stahl“), alles nur noch Wärmepumpe, alles nur noch „Bio“, alles nur noch „digital“,…
    …und immer wieder kommen unweigerlich die saublöde Physik oder andere Aspekte der Realität dazwischen.
    Als Ergänzung mit „mal sehen, wie es läuft“ könnte man das eine oder das andere ja schon brauchen, aber es muß ja immer gleich das Ganze sein.

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    • Bergamasca sagt

      „Wieso werden solche neuen Ideen so oft als alleinige Lösung angepriesen?“
      Gute Frage. Mein Eindruck ist, dass das ein ziemlich deutsches Phänomen ist. Je moralischer der Anspruch, desto messianischer die Erwartungen.

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  3. Frikadellen piet sagt

    moin ich bin mal sehr gespannt wie und ob das umgesetzt wird im großen Stil und ob es dann auch viele Schlaumeier gibt die den Landwirten sagen wie sie es machen sollen!? schönen Tag

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  4. Polymesos sagt

    Beim Patentamt laufen jährlich ca 100 Anträge für Patente auf Perpetua Mobilia ein.

    Die Urban Farming Phantasien kann man auch da einordnen.

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  5. Limes sagt

    immer die gleiche Fragestellung eigentlich banal.
    Viele Menschen mit hohem Einsatz produzieren wenig oder wenige Menschen mit wenig Einsatz produzieren viel. Welches System ist wohl effizienter und Ressourcenschonender?
    Bsp für Profis mit Produktion von frischer Ware 365 Tage im Jahr unmittelbar in der Nähe eines Ballungszentrums.
    https://www.rheinlandgemuese-hydro.de/
    https://unternehmen.kaufland.de/presse/kaufland-corporate-blog/die-salat-revolution
    https://www.gruenewoche.de/de/blog/gastbeitrag-die-salat-revolution.html

    Seit letzter Woche wird in dieser Region der erste Freilandsalat (unter Folienanbau) geerntet und Flächen werden wohl bald für die nächste Kultur freigemacht.
    Was die Vielzahl der Geräte in den Supermärkten produzieren und liefern ist schwer einschätzbar, vor allem auch wie hoch der Ressourceneinsatz (Mensch, Energie, Nährstoffe, Aufwand Wartung, Unterhaltung) im Vergleich zu den Profis ist sowie wieviel Abfall (nicht verwertbare Ware) anfällt. Mein Eindruck es werden nicht mehr eher weniger Geräte in den Märkten.
    der Trend hin zu großen Einheiten und modernen Gewächshäusern trifft für alle Produktionssysteme auch für die idyllischen Formen.
    https://www.jungpflanzenbetrieb.de/index.php/produktion-2

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  6. Lieschen Müller sagt

    Ich denke, noch ist alles billig, weil der LKW-Transport billig ist und weil die Erntehelfer in Südeuropa billig sind. Ich denke weiterhin, der Mensch braucht Kohlenhydrate (Aufgabe der Landwirte), Protein (Aufgabe der Landwirte) und Vitamine (Aufgabe der Gärtner). Die Versorgung mit Vitaminen kann kleinteilig erfolgen, ein Grundwissen im Gärtnern ist für jeden Menschen sinnvoll. Es ist aber kein Geschäftsmodell Basilikum anzubauen. Früher gab es in meiner Stadt tatsächlich Gärtnereien, die im Sommer Tomaten und Gurken verkauften. Da ist man hingegangen, das kam nicht in die Kaufhalle. Überschuss aus dem Kleingarten wurde in Form von Marmelade, Kompott und Tiefkühler haltbar gemacht.

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  7. Reinhard Seevers sagt

    „Es wächst „wie blöd“…

    DAS ist ebenfalls ein Problem….zu viel, zu schnell, zu feucht….der Markt hat auch nur begrenzte Aufnahmekapazitäten. Ich passe mal auf, wann Mählmann anfängt den Salat zu mulchen. 😎

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    • Arnold Krämer sagt

      …..und der gedüngte Stickstoff nicht über die Nahrungskette Mensch in den Kläranlagen sondern im Grundwasser landet. Die bösen Massentierhalter sind nicht für alles verantwortlich zu machen.

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    • Bauer Willi sagt

      @R.S.
      Was für Salat nicht ungewöhnlich ist. Im Studium in Bonn wurde in der Gemüseregion Vorgebirge regelmäßig Salat untergepflügt.

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  8. Jek sagt

    Guten Morgen
    Ich würde ja eher so sagen, daß man mit Geräten mit denen man das Grünzeug anbaut, mehr Geld verdienen kann, wenn sie in der Größe für den Familien Haushalt herstellt.
    Ich habe so ein Wachstumschrank im Keller, chinesisches Produkt, bis jetzt hat es mir noch kein Elektriker angeschlossen.
    Gekauft habe ich diesen Schrank um im Winter für Pferde Grünfutter zu erzeugen.
    Man kann damit aber natürlich auch Salat und andere Grünpflanzen zum menschlichen Verzehr anbauen.
    Leider bin ich ein Bauer der so gut wie kein Grünzeug ißt, höchstens es wurde schon von mehreren Mägen verdaut und kommt in Form von Milchprodukten und Fleisch auf den Tisch.
    Das Gerät würde voll automatisch laufen wenn der Strom und Wasser Anschluss realisiert wäre.
    Vom Platzbedarf des Schrankes, ca ein Meter tief ca zwei Meter breit und zwei Meter hoch kann man den fast in jeder Wohnung unter-bringen. Dazu empfiehlt sich bei den hohen Strompreisen gleich ein entsprechendes Solarpanel an der Hausfassade zu installieren.
    Das wäre meine Empfehlung für die Stadtbewohner, weil wenn die Zerstörung der Landwirtschaft so weiter geht und die Frachtschiffe öfters mal festgehalten werden, die eigene Ernährung zu sichern unabdingbare ist.
    Schönen Tag allen.

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  9. Reinhard Seevers sagt

    Wie sagte einst ein Kollege: jeder hat das Recht auf seine eigenen Fehler.
    Die Verbraucher, der Kunde, der Bürger….schaut gelassen zu und sagt sich: ja schön dein Produkt, aber wenn es so teuer ist, achnö.
    Mählmann hat letzte Woche begonnen den ersten Salat im Freiland zu ernten. Wer die Erntekette und die Logistik sieht, der wird sogar als Privatmann erkennen, wie effizient große Mengen tagesfrisch erzeugt und vermarktet werden können. Und Salat ist ja wirklich nur Wasser in grünem Blatt verpackt…..

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    • Bauer Willi sagt

      @R.S.
      Bin gerade an einer Parzelle mit 10 ha Petersilie vorbeigefahren. Der wird in ein paar Tagen maschinell geerntet und dann in 100g-Schälchen verpackt an die Supermärkte geliefert. Da geht jeden Tag mindestens ein LKW vom Feld.
      Im letzten Jahr gab es 5 Schnitte. Geerntet wurde bis in den November. Das war nur möglich aufgrund des Klimawandels.
      Wir hatten bisher im Mai über 80 mm Regen. Schön verteilt in Landregen. In Niedersachsen örtlich bis nahe 100 mm. Es wächst „wie blöd“ 🙂

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      • Inga sagt

        im Mai u. Juni fallen hohe Niederschlagsmengen, damit die Wurzel (Möhren, Rüben Kartoffel) dick werden.
        Die anderen Pfanzen wachsen auch wie verrückt.

      • Lieschen Müller sagt

        Bei uns wächst es nicht – es ist zu kalt. Die Nächte bisher bei 0 – 3°C.

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