Bauer Willi
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Skuriller Trend

Geht es Ihnen auch so wie mir? Kaum schalten Sie den Fernseher an, sehen Sie mal wieder eine Koch-Show. Und zwar auf allen Kanälen, zu fast jeder Tageszeit. Im öffentlich-rechtlichen genauso wie auf den Privatsendern. Gleichzeitig kann man bei einem Marktforschungsunternehmen nachlesen, dass der durchschnittliche Deutsche für die Zubereitung seiner Mahlzeiten 29 Minuten am Tag verwendet. Damit liegen wir knapp hinter den Amerikanern. Die können es noch schneller, mit 27 Minuten. In 29 Minuten ist Kartoffel schälen schon drin. Sie wissen, was Kartoffeln sind? Das sind diese runden, braunen Erdfrüchte, die die Bauern aus der Erde holen…

Wir Deutsche sind schon ein komisches Völkchen. Irgendwie scheinen wir eine gespaltene Persönlichkeit zu haben. In kaum einem anderen Land ist der Einkauf von Lebensmitteln beim Discounter so beliebt, wird ein so geringer Anteil des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben. Gleichzeitig führen wir in Deutschland eine permanente Diskussion über Ernährung, lesen in den Zeitungen, wie gefährlich das ein oder andere Lebensmittel ist, dass Zucker dick macht, und dass der Fleischverzehr in seiner Gesundheitsgefährdung dem Rauchen ja schon sehr nahe komme. Und kaufen dann bei Aldi das Hähnchen für 2,79 €.

Doch jenseits der viel gescholtenen „Geiz ist geil“-Mentalität hat sich ein nicht weniger skurriler Trend herauskristallisiert: Essen ist ein neuer Kult geworden. Die, die es sich leisten können, wenden sich vom sogenannten Mainstream ab und reden gerne darüber, dass sie sich ja „ganz bewusst“ ernähren. Und sie schauen ein wenig mitleidig auf die Übergewichtigen, von denen es in Deutschland ja reichlich gibt.

Kult ums Essen ist neuer Mainstream

Schauen Sie sich doch dazu einmal aufmerksam die Talkshows an. Wenn die Rede aufs Essen kommt, überholen sich die Gäste, meist Schauspieler oder Schriftsteller, die beiläufig ihren neuen Film oder das neue Buch vorstellen, gegenseitig in der Beteuerung, dass sie sich seit kurzem vegetarisch oder vegan ernähren. Fleisch ist auf dem besten Weg, die Zigarette von morgen zu werden. Auf etwas zu verzichten ist der neue Kult beim Essen, der neue Mainstream. Essen muss nicht mehr Spaß machen, Selbstkontrolle steht im Zentrum. Nur wer entsagt, ist wirklich rein. Essen wird somit zum sozialen Abzeichen, in gewisser Weise zur Ersatzreligion. Es ist die Lust, etwas nicht nötig zu haben, die die Nahrungsaufnahme zu einer fast kultischen Handlung macht. Da ist die Rede von Entschlackung und Entgiftung des Körpers.

Wir wählen unser Essen ja sehr bewusst aus und lesen sämtliche Labels, die auf der Packung stehen. Immer wichtiger werden da die Erläuterungen, von was die Produkte frei sind: Laktose, Gluten, Cholesterin. Und wenn nicht frei, dann doch reduziert, zum Beispiel bei Fett. Doch der Griff nach Lebensmitteln, die „frei von“ etwas sind, wird heutzutage in vielen Fällen nicht mehr durch ein gesundheitliches Problem bestimmt (ich entschuldige mich bei allen wirklich Betroffenen), sondern ist Ausdruck einer inneren Haltung. Manche Zeitgenossen finden es einfach schick, sich durch den Biss in eine fleischfreie Wurst oder einen cholesterinfreien Schokoriegel selbst zu optimieren und sich von dem gedankenlos vor sich hin schlemmenden Pöbel abzusetzen.

Zurück in die Steinzeit

Getrieben vom Wunsch nach einem besseren, gesünderen Leben sind auch die Anhänger der Paläo-Ernährung. Doch hier ist es geradewegs umgekehrt: Deren Speiseplan sieht viel (rohes) Fleisch vor, Früchte der Saison und Fisch. Getreide und Milch gibt es nur ausnahmsweise. Halt genauso, wie sich unsere Vorfahren im Paläolithikum ernährt haben. Alt wurden die ja nicht, was aber auch am Säbelzahntiger liegen mag. Für dieses Problem fanden unsere Urahnen später eine recht radikale Lösung: Da Tierschutzorganisationen noch nicht erfunden waren, haben sie diesen Fressfeind einfach ausgerottet.

Doch noch einmal zurück zum „frei von“. Die Lebensmittel sollen ja auch „genfrei“ sein. Und da bekomme ich als Bauer ein wirkliches Problem. Nahrungsmittel ohne Gene erzeugen?! Da werde ich mir wohl noch ein paar Koch-Shows reinziehen müssen bis ich kapiert habe, wie das gehen soll.

Euer Bauer Willi

 

Der Artikel erschien im Original auf www.agrarzeitung.de

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9 Kommentare

  1. Sandra Harms sagt

    Willi, du brauchst dir keine weiteren kochshows ansehen und das herauszu finden…
    denn die köche wissen manchmal auch nicht so genau….
    fakt ist jedenfalls, alles was irgendwo wächst oder lebt enthält gene…. und schätzungs weise 90% der dinge die wir zu uns nehmen sind gen verändert…. jetzt wirst du wohl erst mal fast schon lachen, aber so ist es.
    gemüse : von den aller wenigsten arten essen bzw nutzen wir die naturform, zb wären karotten in der natur viel viel kleiner… da hat der mensch hand angelegt, also die natürlichen gene durch zucht und kreutzung verändert….
    Tiere : Egal ob nun rind , schwein, schaaf und ziege, überall hat der mensch verändert….
    jetzt gleich kommt Andreas und so richtig seine worte los… das wäre ja ganz etwas anderes als das was im labor gemacht wird…. usw
    stimmt teilweise, fakt ist der mensch hat in jahrtausenden sich seine nutzpflanzen und nutztiere geschaffen, daher kann niemand behaupten er würde keine gen veränderten dinge zu sich nehmen….

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  2. bauerhans sagt

    das schärfste ist ja,dass die leute ihre fertigprodukte essen,währen sie die kochshows gucken…….

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  3. Gernot sagt

    Zum Thema Kochshows fällt mir spontan einer der besten Köche Deutschlands ein.
    Eckart Witzigmann.
    Er hat einen für mich sehr treffenden Vergleich zwischen den Kochshows und Pornofilmen gezogen, bei denen der Zuschauer auf dem Sofa sitz, schaut was alles möglich ist und dann doch nur wieder die Missionarsstellung praktiziert.
    Die ganzen Shows die derart abgehoben sind und dem Verbraucher suggerieren, er bräuchte unbedingt Waggue oder besser Kobe Rind und dass die Höchstform des Kochens darin besteht einen kompletten Gang auf einem Löffel anzurichten fällt für mich lediglich in die Rubrik Entertainment und scripted reality.
    Es gibt auch Ausnahmen unter den Fernsehköchen, hier möchte ich Schuhbeck hervorheben, der sich, bevor er hauptberuflich Merchendiser und Ingwer Lobbyist wurde
    um die Wiederentdeckung der deutschen Küche verdient gemacht hat.
    Ich bleibe dabei, es wird Zeit, dass die Deutschen wieder kochen lernen.
    Nie war es so einfach Rezepte und Anregungen zu bekommen wie in Zeiten von „Chefkoch“ und co., gleichzeitig ist der Anteil von Lebensmitteln im Convenience Grad 4 (Fertiggerichte) in unserer Ernährung so hoch wie heute.
    Von dem angesprochen „function food“ ganz zu schweigen.

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