Bauer Willi
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Liebe Flüchtlinge…

…jetzt seid ihr also angekommen in Deutschland. Und ihr werdet euch über vieles wundern, was ihr aus eurer Heimat nicht kennt. Angefangen mit den Ampelmännchen an den Straßenkreuzungen und dem Erlebnis, dass sich die Deutschen sogar daran halten.

Was ihr nicht wissen könnt, ist, dass wir hier bis zu dem Zeitpunkt, als ihr zu Tausenden gekommen seid, hier über ganz andere Dinge diskutiert haben und zum Teil noch heute diskutieren. Ich hoffe, ihr seid gut untergebracht und müsst nicht mit 8 Personen auf 10 qm in doppelstöckigen Betten in einer Turnhalle mit mehreren Hunderten Menschen und nur wenigen Sanitärräumen leben. Wir diskutieren hier nämlich gerade, wieviel Hühner pro Quadratmeter artgerecht leben können. Da wird um jeden Quadratzentimeter gefeilscht. Ihr seid froh, dass ihr ein Dach über dem Kopf habt? Bei unseren Hühnern ist das anders, die sollen möglichst viel draußen herumlaufen. Freilandhaltung nennt man das. Für uns ist Tierwohl sehr wichtig. Ihr versteht das nicht? Das verstehe ich.

Ihr müsst noch in Zelten leben? Wenn die jetzt, in der kalten Jahreszeit beheizt werden, wird das wohl ökologisch nicht korrekt erfolgen können, weil die Brenner mit Benzin, Diesel oder Gas betrieben werden. Das sind fossile Brennstoffe. Durch die fehlende Isolation wird viel von der Wärme in die Luft gehen. Das ist nicht gut für die CO2-Bilanz, und die ist uns Deutschen sehr wichtig. Falls die Heizlüfter mit Strom betrieben werden, solltet ihr darauf achten, dass das kein Atomstrom ist, sondern aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Ihr versteht das nicht? Das ist euch egal? Das verstehe ich.

refugee-944768_640Irgendwann wollt ihr eine feste Wohnung haben. Doch das wird so schnell nicht gehen, denn dazu braucht man erst einmal ein Grundstück, und das muss erst mal als Bauland ausgewiesen werden. Das kann dauern. Wenn man das hat, braucht man eine Baugenehmigung. Das kann dauern. Wenn die dann da ist, muss das Bauvorhaben europaweit ausgeschrieben werden. Das kann dauern. Bei euch in Syrien oder Afrika ging das wahrscheinlich viel schneller und ihr versteht nicht, warum das bei uns so lange dauern muss? Das verstehe ich.

Wahrscheinlich wollt ihr euch erst einmal sattessen nach dem langen Marsch. Wir haben hier gerade diskutiert, ob ein Veggie-Day für alle nicht das richtige wäre. Das liegt aber nur daran, dass wir immer satt sind. Und oft noch mehr als satt. Das könnt ihr nicht verstehen, ihr seid nur froh, dass ihr dem Chaos in euren Ländern entkommen seid. Das verstehe ich.

Wir reden hier gerade über die Agrarwende und ob 100% Ökolandbau uns das Heil bringt. Wahrscheinlich habt ihr in den Lagern im Libanon, Jordanien oder der Türkei von europäischem oder sogar amerikanischem Getreide gelebt. Habt ihr gewusst, ob das frei von Gentechnik war? Ihr versteht die Frage nicht? Das verstehe ich.

Kennt ihr die Vorzüge von regionalen Möhren, Kartoffeln und Gemüse? Ihr wisst nicht, was regional ist? Wisst ihr, ob die Milch, die ihr trinkt, von Kühen in Anbindehaltung kommt? Die ist hier nämlich nicht erwünscht. Ihr habt eure Kühe, Schafe und Ziegen auch angebunden? Das ist eigentlich nicht korrekt.

goats-909330_640Ihr wollt Schafe und Ziegen demnächst nach euren religiösen Riten schlachten, also bei lebendigem Leib die Kehle durchschneiden? Da werdet ihr aber ganz schön Ärger mit unseren Tierschützern bekommen, denen wird das nicht gefallen. Hier regen sich die Leute schon auf, wenn man die Ferkel nicht betäubt, wenn man ihnen ein Stück vom Schwanz abschneidet. Das der IS bei euch zuhause Menschen köpft und es in vielen Ländern Afrikas nicht anders zugeht und ihr deshalb geflohen seid? Ja, da verschieben sich Relationen. Aber nur für uns, die das lange verdrängt haben. Ihr versteht das nicht? Das verstehe ich.

Wir Landwirte hier in Deutschland werden kritisiert, weil wir Weizen exportieren. Viel davon geht in den Nahen Osten und Nordafrika, also eure Heimat, weil die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft in euren Heimatländern nicht reichte, um das Volk zu ernähren. Auch deshalb seid ihr gegangen. Ein Teil der Nahrungsmittel, die wir bisher exportiert haben, können jetzt im Land bleiben, denn ihr seid ja zu uns gekommen.

Neulich habe ich einen Satz gelesen, über den es sich lohnt, nachzudenken: Viele kleine Probleme lösen sich bei einem großen Problem. Und bitte nicht falsch verstehen, wenn ich eure Zuwanderung jetzt als Problem bezeichne. Aber wir Deutsche müssen uns als Gesellschaft jetzt neu justieren, müssen für uns selbst erst herausfinden, ob die Mehrheit von uns euch als Bedrohung oder als Bereicherung empfinden. Und das wird dauern. Ich hoffe, ihr versteht das. Aber ich hoffe, dass wir das schaffen. Denn was wäre die Alternative?

Euer Bauer Willi

 

Den Brief „Liebe Flüchtlinge….“ wird wohl kaum je ein Flüchtling lesen. Er ist auch mehr an uns, die satten Deutschen, gerichtet, die glauben, Probleme zu haben. Probleme unter anderem auch mit Lebensmitteln und deren Herstellung. Glauben Sie, dass ein Syrer oder Afghane unsere Diskussion um Veggie Day, Anbindehaltung bei Kühen oder die Besatzdichte bei Hühnern verstehen kann? Ist das nicht eine sehr elitäre Diskussion einer Wohlstandsgesellschaft?

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77 Kommentare

  1. Eva-Maria sagt

    Angesichts der Flüchtlingswelle ist es höchst an der Zeit, dass sich alle unsere Politiker zusammensetzen und auf diplomatische Weise Frieden auf dieser schönen Erde schaffen.
    Beendet endlich die Kriege, die Armut und den Hunger dieser Welt!
    Dem Volk kann keiner weis machen, dass das nicht möglich ist. Oder haben es die großen Weltpolitiker zum Ziel, als abschreckendes Beispiel in die Geschichte einzugehen?

  2. Walter Parthon sagt

    Heimat los
    „Heimat ist nicht dort, wo ich herkomme. Heimat ist dort, wo ich satt werde.“ Das ist das Leitmotiv vieler Flüchtlinge und manch einer spricht es aus. Robert Habeck erklärt: „Das wilde Schleswig-Holstein ist Heimat.“ Und: „Die besondere Schönheit und Ästhetik dieser Landschaft prägen das Heimatgefühl der hier lebenden Menschen.“ Was wohl ein Flüchtling bei solchen Worten empfindet? Ist es tatsächlich so, dass vor allem Ästhetik unser Heimatgefühl prägt? Sollte es nicht anders sein?
    Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen Millionen von Euro, die auf den Kompensationskonten für Baumaßnahmen liegen und den drängenden finanziellen Problemen selbiger Landkreise bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms. Aber sollte es? Fragen wir doch einmal den Flüchtling aus Syrien, ob er einen Zusammenhang sieht.
    Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen der politischen und medialen Schelte über Massentierhalter, „Vermaiser“ und „Pestizid- Anwender“ und dem Welthunger – aber sollte es? Fragen wir doch einmal den Flüchtling aus Afghanistan, ob er einen Zusammenhang sieht.
    Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen einem Landesnaturschutzgesetz, das Eigentum und Eigenverantwortung immer weiter einschränkt und Flüchtlingen, die ihr Eigentum im Stich lassen müssen – aber sollte es? Fragen wir doch einmal den Flüchtling aus dem Irak, ob er einen Zusammenhang sieht.
    Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Landgrabbing des Naturschutzes in Deutschland und dem Welthunger – aber sollte es? Fragen wir doch einmal den Flüchtling aus Somalia, ob er einen Zusammenhang sieht.
    Es gibt aber einen Zusammenhang zwischen dem Gunststandort Deutschland und dem Flüchtlingsstrom.
    Es gibt einen Zusammenhang zwischen deutscher Ernährungssicherheit und der Wanderungsbewegung.
    Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Massenerzeugung von Lebensmitteln bei uns und der Massenwanderung zu uns.
    Seit Jahrhunderten gilt auch in Schleswig-Holstein: Heimat ist dort, wo ich leben kann. Der Landschaft und der Natur hat dieses über Generationen nicht geschadet. Und heute soll das anders sein? Es ist wohl eine Frage, wer die Bewertung abgibt…
    Manchmal hilft ein Blick über den eigenen Tellerrand. Wer das macht, der sieht, dass es noch viel mehr Teller gibt – und viele davon sind leer.

    @ Fendt schreibt von Saubauer, dann ist er wohl auch einer?

  3. Walter Parthon sagt

    Sehr geehrter Bauer Willi

    Dein Artikel ist sehr gut geschrieben dem kann ich uneingeschränkt zustimmen.
    Er beschreibt genau die Situation in Deutschland.
    Fendt ist außer sich und macht die üblichen diffamierte Äußerungen.

    Fendt sollte mehr Empathie zeigen und nicht so Rechthaberisch sein.

    Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.

    Ich wünsche uns alle das der Religionskrieg bei uns nicht weiter geführt wird.
    Heute in Köln war ja schon der Anfang.

  4. Jens Albrecht sagt

    Offensichtlich scheinen Bauer Willi die komplexen Zusammenhänge zwischen z. B. ökologischer Landwirtschaft, Veggie Day etc. und Flüchtlingen nicht klar zu sein?

    Es sind nicht nur Kriege, die Flüchtlinge verursachen, sondern industrielle Landwirtschaft, die Böden degradiert und pervertierter Fleischkonsum der Wohlstandsgesellschaft, der Flächen für Tierfutter raubt.

    Das was als “unsere Probleme” bezeichnet wurde, ist die Grundlage für Armut, Hunger und in der Folge Flucht von Menschen. Diskussionen über Veggie Day etc. können daher gar keine sehr elitäre Diskussion einer Wohlstandsgesellschaft sein, sondern eine, die endlich an die Ursachen der Probleme herantritt.

    • Bauer Willi sagt

      Sehr geehrter Herr Albrecht,
      – Ich bin Katholik und habe daher schon seit 60 Jahren meinen Veggie Day. Das ist der Freitag. Von daher benötige ich dazu nicht die Bevormundung durch die Grünen.
      – In den letzten 35 Jahren hat sich Boden in unserem Betrieb immer weiter verbessert, der Humusanteil steigt langsam aber stetig. Von einer Degradierung kann also keine Rede sein.
      – Was verstehen Sie unter “industrielle Landwirtschaft”
      – Wie und mit welchen Mitteln lösen Sie das Problem des “pervertierten Fleischkonsums”?
      – Wie und wo haben die westlichen Länder in den Staaten Syrien oder Afghanistan mit ihrer landwirtschaftlichen Produktionsweise als Fluchtursache beigetragen?
      Ich bitte höflich um Beantwortung dieser Fragen.
      Bauer Willi

    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Hauptursache ist der Krieg in Syrien, der seit 2011 das Land verwüstet und rund elf Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Und ein Ende dieser Tragödie ist nach wie vor nicht absehbar, im Gegenteil. Dieser Tage droht sich das Gemetzel sogar noch zu erweitern.
      Moderne Kommunikationsmittel wie Mobilfunk und Internet verbreiten die “Willkommenskultur” und wer wundert sich noch, dass auch die Menschen daes Balkans in Richtung des vermeintlichen Paradieses laufen.
      Gerne würde ich denen mal mitteilen, wie ich zu meinem “Reichtum” gekommen bin.
      Der Tag hatte durchschnittlich 12 Stunden, die Woche 6 Tage und wenn es die Buchführung erlaubte, konnte ich am Sonntag zu Frühschoppen gehen.
      Will mich aber nicht beklagen, ich hatte es nur so gut, weil ich keine Tiere im Betrieb hatte.

    • bauerhans sagt

      alle aktuellen kriegerischen auseinandersetzungen,die im augenblick stattfinden,haben einen religiösen hintergrund.

  5. schröder michael sagt

    Hall bauer willi ich bin ein fleissiger leser deiner gut formelierten briefe ud finde sie manchmal zum schmunzeln aber auch regt mich das manchmal zum nachdenken auf in welcher gesellschaft wir leben hier .Wir haben alles aber alles zuviel im überfluss und manche nicht mal was zu essen oder ein dach über den kopf zum schlafen in deutschland .wir sollten uns erstmal besser um unsete eigenen leute bessr in deutschland kümmern und unsr sozialsystem umstellen dann würde es besser laufen .gruss ein leser aus den schönen Duisburg am Rhein

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