Bauer Willi
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GREENPEACE – noch ein paar Fragen…

Ich habe mir das „Kursbuch Agrarwende“ aufmerksam durchgelesen und Zahlen gefunden, die ich nicht verstehe, weil staatliche Quellen zu anderen Ergebnissen kommen. Darauf bin ich in einem vorherigen Artikel eingegangen und da haben wir ja schon fleißig diskutiert. Ist doch schon mal ein guter Anfang.

Jetzt  habe ich mal mit dem Fazit (Seiten 93 und 94) das „Kursbuch Agrarwende“ von hinten aufgerollt und auch dazu ein paar Fragen:

  • Zitat: „Wie die Ernährungswende (Anmerkung: mindestens halber Fleischkonsum von heute!) und wie die Halbierung der Lebensmittelabfälle umgesetzt werden können, war nicht Gegenstand dieser Studie.“

Aber wäre das nicht die Voraussetzung für das Gesamtkonzept? Wir Bauern können alles, wenn der Konsument mitspielt. Und der muss ja erst noch für eure Ideen „begeistert“ werden. Habe übrigens das Buch „Food-Crash“ von Felix zu Löwenstein zweimal gelesen. Er kommt ja zu der gleichen Schlussfolgerung, dass wir alle unsere Ernährungsgewohnheiten umstellen müssten, bleibt aber (leider auch) die Antwort schuldig, wie das gehen soll. Aber ich treffe ihn demnächst und werde ihn fragen. Bei den Lebensmittelabfällen sind wir im Übrigen der gleichen Meinung und ziehen am gleichen Strang.

  • Zitat: „Der Umbau der Landwirtschaft in Deutschland kann nicht losgelöst von den Rahmenbedingungen der internationalen Politik gesehen werden. Auch ist es wichtig, dass benachbarte EU-Länder vergleichbare Standards etablieren.“

Wie soll das in Polen, Rumänien, Frankreich, Italien oder Spanien erreicht werden? Wollt ihr das auch den Engländern vorschlagen? (Brexit) Und warum eigentlich nur in der EU? Was ist mit den aufstrebenden Entwicklungsländern? Habt ihr schon mit Putin gesprochen? Was meint Donald Trump dazu? Und wie werden Indien und China mit über 2 Mrd. Menschen reagieren? Wie erreicht ihr, dass die auch weniger Fleisch essen, wo doch deren Verzehr gerade explodiert? Und was ist, wenn die sagen: „Prima, lass die mal Öko machen, wir machen billig und können exportieren“? Wie wollt ihr den Weltmarkt draußen vor lassen? Ganz konkret…bitte…

  • Zitat: „Welche möglichen Mehrkosten die Ökologisierung der Landwirtschaft in Deutschland verursacht…konnte im Rahmen dieser Studie nicht ermittelt und damit nicht berücksichtigt werden.“

Es dürfte allen klar sein, dass Lebensmittel dann teurer werden. Ist ja bei Bio-Lebensmittel heute schon so und ist ja auch vollkommen in Ordnung. Wie werden wohl die Niedriglohnempfänger darauf reagieren? Die müssen dann einen noch höheren Anteil ihres knappen Einkommen für Lebensmittel ausgeben. Befürchtet ihr nicht, dass es dann zu einem Aufstand der Armen kommt? Gibt es dann wieder Lebensmittelkarten? Wird der Hartz IV-Satz erhöht? Was ist mit den Renten? Wer übernimmt die Verantwortung? Man sollte auch mal über ein solches Szenario nachdenken. Bevor wieder etwas passiert, was man vorher so nicht bedacht hat…

  • Zitat: „Deutlich wird auch, dass Maximalziele wie die vollständige Minderung der THG-Emission in der Landwirtschaft oder der vollständige Verzicht auf Importe nicht nur unrealistisch, sondern auch kontraproduktiv sein können.“

Das mit dem „unrealistisch“ kann ich sehr gut nachvollziehen, dass es kontraproduktiv sein könnte verstehe ich nicht so richtig. Da hätte ich gerne Nachhilfe, ich bin interessiert und lernfähig, auch mit 62 Jahren. 🙂

Was mir bei dieser Studie durchgehend auffällt: Hier wird sprichwörtlich „das Pferd von hinten aufgezäumt“. Ihr macht euch Gedanken, wie ihr die Landwirtschaft umbaut, aber keine Gedanken, wie ihr die Kunden der Landwirte, die Konsumenten „umbaut“.  (Den LEH wie REWE, Edeka, Lidl und Aldi habt ihr schön außen vorgelassen. Warum? Der steuert ja die Verbraucher.)  Der Vorschlag mit dem einen Veggie-Day in der Woche ist ja schon mal in die Hose gegangen. Und mit eurem Vorschlag der Halbierung des Fleischkonsums wird der eine Tag nicht reichen.

Es ist ja nicht so, dass ich euren Ansatz nicht verstehe. Es ist ja auch vollständig in Ordnung, dass ihr euch um den Klimawandel sorgt. Wir Bauern können und wollen ja auch unseren Beitrag zur „Verbesserung der Umweltleistungen“ bringen. Aber das „Kursbuch Agrarwende“ lässt doch noch viele Fragen offen. Lasst uns mal gemeinsam darüber sprechen. Vielleicht haben wir Bauern ja auch ein  paar kluge Ideen und finden einen gemeinsamen Weg? Der Anfang ist ja gemacht…

Euer Bauer Willi

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20170105_agrarwende_2050_lf.pdf

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20 Kommentare

  1. Sabine sagt

    Nun, unsere Ernährungsgewohnheiten haben auch was mit unserem Arbeits- und Familienleben zu tun. Wo früher Muttern den Henkelmann befüllte und die Kinder durchgehend alle Mahlzeiten zuhause bekamen, sehen wir eine Zerfaserung der Familie auch weil jeder einen eigenen Tagesplan hat und gemeinsame Mahlzeiten kaum Zeit da ist. Kantinen wurden überwiegend abgeschafft oder kochen auf finanziell ganz kleiner Flamme. Das Schnitzel-To-Go ist auf dem Vormarsch und wenn es schon nicht schmeckt, soll es doch wenigstens billig sein. Traditionelle Familien oder meinetwegen Mehr-Generationen-WGs mit Food- und Health-Manager sind einfach nicht flexibel genug für reibungslose Produktionsprozesse und Rund-um-die-Uhr-Dienstleistungen. Alleine die langfristigen Bindungen, die solche Lebensformen fordern, ist in einer modernen Gesellschaft unvorstellbar…. sich für 20 Jahre oder mehr verpflichten, da kann man ja gleich zum Bund gehen.
    Unsere vereinzelte Gesellschaft verarmt zwar inzwischen wieder kräftig, trotzdem wird Vollzeit-Berufstätigkeit als Lösung all unserer Probleme weiterhin propagiert und jeder, der anmerkt, dass es nicht nur Vorteile hat, ist inzwischen automatisch Rechts-Außen.
    Aber man könnte ja z.B. Lebensmittelläden nicht nur über den Umsatz zu besteuern, sondern auch darüber wie viel sie in die Tonne kloppen. Wobei es schon merkwürdig ist, dass auf der einen Seite viel weggeschmissen wird, aber irgendwie das falsche… ich mein das mit dem Gammelfleisch gibt es ja nicht nur
    in Brasilien.
    Man könnte Betriebsverpflegungen stärker fördern, aber ob das Rewe-To-Go so klasse findet?
    Es gibt sicher viele kleine Stellschrauben, die große Auswirkungen hätten. Man muss aber beim Verbrauch anfangen.

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    • Rainer sagt

      Das heute viel zu viel weggeschmissen wird ist der eigentliche Skandal. Habe heute an der Kasse mitbekommen, wie die Kassiererin den Kunden darauf aufmerksam gemacht hat, dass seine Butter eine kleine Beschädigung in der Verpackung hat, und ob er eine neue möchte. Die 250g Butter blieben da und wurden vermutlich weggeworfen. Rechne das mal in Milch um! Skandal! Das mit dem Verarmen der Bevölkerung ist aber statistisch nicht nachgewiesen. Habe gestern einen Artikel gelesen, dass es so wahrgenommen wird, weil so viel darüber gesprochen wird, in Wirklichkeit hat sich da die letzten 10 Jahre nichts geändert. Der Anteil der „Armen“ beträgt ca. 3%. Wer Lebensmittel wegwerfen kann, ist meines Erachtens nicht arm. Von einem angegessenen Schnitzel oder einem gerade abgelaufenen Joghurt geht keine Gesundheitsgefahr aus.

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  2. Eva-Maria sagt

    Wenn man über weniger tierische Lebensmittel für Menschen nachdenkt, muss man auch darüber nachdenken, ob es richtig ist, dass von sogenannten Tierschützern (man müßte sie richtigerweise Raubtierschützer nennen) ausschließlich Raubtiere ausgewildert werden. Bär, Luchs, Wolf, Raubvögel und Fischotter, Kormoran, etc. verbrauchen enorme Mengen an für den Menschen wertvollen tierischen Nahrungsmitteln.
    Man muss ebenso nachdenken, ob man weiterhin die Menschen dazu animiert, sich fleischfressende Haustiere zu halten.
    Ich halte nichts von der Doppelmoral unserer Umweltaktivisten, die wird schneller durchschaut, als man meint.

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    • Martin Gork sagt

      Falsche Frage, denn Bär, Wolf und Co sind Lebewesen die in der Hamburger Hafen City vor 2000 Jahren vielleicht rumgestreunt.
      Heute clickt ein Greenpeacler dort am PC und macht mal eben eine Millionen Währungsspekulation mit den Spendengeldern, 5 Minuten später beleidigt er Landwirte und unterstellt diesen Mon-Schergen zu sein.
      Man darf diese Konzerne nicht mehr als Weltenretter sehen, wie kleine Mädchen, sonder als Konkurrenten zur heutigen Landwirtschaft.
      Greenpeae lebt nicht von Lebensmitteln, die leben von Hysterie.

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  3. Also ich bin kein Rethoriker sondern ein Handwerker der Natur und ich weiß was ich mache (glaube ich zumindest) und mich kot..
    das große Weltverbessernde BLABLABLA der Oberen Wortverdreher nur an….
    Mein Vater sagte zu diesen Menschen immer
    Vill Studiert und nix Jeliert ( Rheinisches Platt)
    Es fängt in der Schule schon an Haupt- oder Realabschluhlabschluss zählt nicht mehr, obwohl die Mädchen und Jungen doch eher auf das Reale Leben vorbereitet werden, nein heute muß Studiert werden „ohne jegliche Berufserfahrung“ werden die dann nicht mehr ganz so jungen Berufsanfänger auf die restliche Menschheit losgelassen….und sehr viele dieser Berufsanfänger sagen uns dann wo es lang gehen MUß aber nicht WIE.
    Die Welt muß immer wieder neu Erfunden werden, allerdings nur fürs eigene Denkmal.

    MFG Klaus Weber

    PS: Ich habe nichts gegen Studierende, es gibt Berufe die fast nur übers Studium zu erlangen sind…..aber Schuster bleib bei Deinen Leisten.

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  4. Schweinebauer Piet sagt

    Moin Willi , gut zusammengestellt. Den ganzen Zusammenhang sehen glaube ich die wenigsten Menschen, sie fordern nur Dinge, die nicht gehen.

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  5. Ich seh das so sagt

    Es wird spannend sein, ob man heute auch Erklärungsversuche für die von Willi geschilderten „Phänomene“ lesen wird.
    Es ist zu vermuten, daß man sich wesentlich schwerer tut, die Hände, die einen füttern zu beißen (Mitglieder, Konsumenten, LEH …) als die Bauern, denen man leicht und unter öffentlichem Applaus alles was einem nicht paßt in die Schuhe schieben kann – wissentlich, daß sie die schwächste Stelle in der Kette sind und zudem in den seltensten Fällen monetäre Unterstützer.

    Und Anderen was vorzuschreiben ist halt allemal leichter als wenn einen diese Vorschreibung auch selbst betreffen.

    Danke an Willi u. Alois für die viele Arbeit die da dahintersteckt.

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  6. Friedrich sagt

    Sehr gut recherchiert Willi. Ich habe so den Eindruck , daß einige unserer Politiker in Deutschland die Landwirtschaft aus der EU rauslösen , also renationalisieren wollen. Davor kann ich nur warnen. Die deutsche Flüchtlingspolitik der offenen ,unkontrollierten Grenzen hat mit dazu beigetragen , daß die Engländer aus der EU austreten. Die hatten richtig Angst , daß die Leute alle nach GB kommen. Wenn wir jetzt die Landwirtschaft aus der EU rausnehmen , ist das einzige wirtschaftlich verbindende Band in Europa weg. Nur die Landwirtschaft ist in Europa gleichgeschaltet. Ohne diese Verbindung zerbricht Europa. Wir sollten also diesen „Deutschen Sonderweg“ gleich wieder vergessen. Landwirtschaft geht nur europäisch !! Wenn unsere NGOs die THGs runter bekommen wollen , müßen sie , wie neulich dargestellt , bei Gebäudeheizung und Verkehr anfangen. Dort werden rd. 80% der THGs produziert und das mit steigender Tendenz. Wo soll die Land- und Forstwirtschaft bei 80% der Gesamtfläche in Deutschland und rd. 7% der THGs , also rd. 2 Tonnen/ha , noch sparen. Die grüne Energieproduktion steht doch auf den Landflächen. Leider werden uns auch die Biogasanlagen i. S. Methan nicht angerechnet.
    Auch die Tierhaltung kann nur europäisch geregelt werden. Wir sollten uns von dem z. Zt. laufenden Wahlkampf nicht beeindrucken lassen. Da hauen alle Parteien richtig auf die Pauke, vor allem die abstiegsgefährdeten Parteien. Bei allen Parteien fehlt mir der Plan für die Zukunft , eben wie auch bei den NGOs. Es gibt immer nur Forderungen , aber keine machbaren Problemlösungen. Aber mit Politikern , die einen Wasserschlauch i , statt eine Stahlstange im Rücken haben , läßt sich halt kein Staat machen. Das ganze rumgeeiere wird uns noch teuer zu stehen kommen.

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    • Thomas Müller sagt

      „Nur die Landwirtschaft ist in Europa gleichgeschaltet.“
      Ohne jetzt auf die Bedeutung von „Gleichschaltung“ herumzureiten – schon mal was vom europäischen Binnenmarkt und der Harmonisierung nationaler Rechtsordnungen gehört?
      Wie weit man mit der Geschmeidigkeit einer Stahlstange im Rücken kommt, zeigt Trump derzeit sehr anschaulich. Wie weit man mit der Stahlstange in der Hand kommt, zeigt Erdogan sehr anschaulich: sehr weit; aber auch nur er selbst und sein Clan – Wirtschaft und Kultur – Lebensqualität und Freiheit der Menschen – gehen den Bach runter.

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  7. Rainer sagt

    Lieber Bauer Willi, danke für diesen sehr objektiven Beitrag. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktion, wenn wir die denn zu Gesicht bekommen.
    Die Aussagen bestätigen, dass Greenpeace nichts anderes betreibt, als Öko-Populismus! Da ist nichts wirklich konsistent aber alles sehr öffentlichkeitswirksam. Außer Acht gelassen wurde meiner Meinung nach noch der Einfluss auf die Volkswirtschaft. Es würden Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Bereichen wegfallen.

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