Wenn Anfang Oktober das Erntedankfest ansteht, erstrahlen die Altäre vieler Kirchen in sattem Gelb, Orange und Rot. Getreidegarben, holzige Zierkürbisse, frische Äpfel, Nüsse und selbst gebackenes Brot werden liebevoll arrangiert. Doch abseits dieser hinlänglich bekannten Bilder zeigt ein Blick in den Alltag der meisten Menschen eine ernüchternde Realität: Das Erntedankfest ist für den Großteil der Bevölkerung zu einer hohlen Hülle verkommen – ein Datum im Kalender, mit dem kaum noch jemand etwas anfangen kann.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Unsere Lebensmittel kommen in der Wahrnehmung unserer Mitbürger nicht mehr vom Feld nebenan, für das wir den Launen der Natur ausgeliefert sind, sondern aus dem Supermarkt. Wer Johannisbeeren im Dezember und Tomaten im Februar kaufen kann, verliert jegliches Gefühl für Saisonalität und Abhängigkeit. Warum sollte man für eine erfolgreiche Ernte danken, wenn das Ernten heute aus dem Auflegen einer EC-Karte am Selbstscanner-Terminal besteht?
Für uns Landwirte ist das Erntedankfest ein wichtiger Termin zum Innehalten und Dank für die Ernte zu sagen. Für den Städter ist die ursprüngliche Idee – danke zu sagen für das, was das Überleben sichert, – in einer Welt des Überflusses und der Überall-Verfügbarkeit schlichtweg aus der Zeit gefallen.
- Festreden
Und dann sind da noch die Reden, die am Erntedank gehalten werden. In diesem Jahr hat doch tatsächlich die Erntekönigin den Landwirten gedankt, die mit ihrer Arbeit die Mittel zum Leben – die Lebens-Mittel – erzeugen. Die Rede des Bürgermeister wurde vorgelesen, er selbst war terminlich verhindert. Irgendwie kannte ich die aber schon. Es fällt ja auch schwer, zu jedem Erntedank einen völlig neuen Text zu entwerfen. Das gilt auch für die Predigt des Pfarrers, der von der „Bewahrung der Schöpfung“ spricht und dass der Mensch sich nicht gegen die Natur stellen darf. Doch das tun wir Landwirte ja in gewisser Weise. Wenn ich mein Rübenfeld der Natur überlasse, ernte ich da nichts! Ich würde in dem Moment gerne die Kirche verlassen und nach Hause gehen. Sollen die doch ihren Erntedank alleine feiern!
- Event statt Nachdenklichkeit
Doch während der Sinn das Dankens für unsere Lebensmittel verloren geht, bleibt eine Sache dankbar erhalten: die Gelegenheit zum Feiern. Ähnlich wie Oktoberfest, Vatertag oder Halloween wird Erntedank in vielen Regionen von seiner eigentlichen Bedeutung entkoppelt und zum reinen Freizeit-Event umfunktioniert. So war es auch bei unserem Erntedankfest am vergangenen Sonntag: Beim Umzug waren zum Glück überraschend viele Jugendliche, aber nur 12 Erwachsene dabei. Es waren tatsächlich weniger Gläubige als mitfahrende Oldtimer-Traktoren, die hier -wie seit vielen Jahren – die Möglichkeit zum Ausfahren und Vorzeigen nutzten. Beim anschließenden Feiern war der Pfarrgarten dagegen voll. Bratwurst vom Grill, Kürbissuppe (von meiner Frau und somit sehr lecker) und Schweinebraten fanden reißenden Absatz. Und um 16.00 Uhr war auch die Kuchentheke (fast) leergeräumt.
Für viele ist der festliche Umzug mit aufwendig geschmückten Erntewagen weniger ein Ausdruck dankbarer Landwirtschaft als vielmehr ein Grund zum Feiern. Wer auf den Wagen mitfährt oder am Straßenrand steht, denkt selten an Dürreperioden, Bodenqualität oder globale Ernährungssicherheit – es geht um Geselligkeit, Ablenkung und preiswerten selbstgebackenen Kuchen. Den man sich auch schon mal einpacken lässt und zuhause isst. Ist ja billiger als vom Bäcker.
Dass Traditionen sich wandeln, ist völlig normal. Doch beim Erntedankfest ist der Kontrast zwischen Ursprung und Gegenwart besonders scharf. Was einst ein Überlebensfest der Demut war, ist heute für die einen eine eher altmodische Kirchenveranstaltung und für die anderen eine willkommene Möglichkeit, um am Sonntagmittag das erste Bier aufzumachen. Achten Sie mal in der Berichterstattung darauf, wie oft Begriffe wie „Kirche“ oder „Glaube“ fallen…
Vielleicht bräuchte es gerade heute – in Zeiten von Klimawandel, Dürren und gestörten Lieferketten – wieder ein echtes Verständnis von Erntedank. Doch solange die Regale voll sind und das Bier im Festzelt fließt, wird Erntedank für die meisten wohl genau das bleiben: ein Fest ohne Gedanken, aber mit viel Feierlaune.


Dem Erntedank geht es nicht anders wie anderen Gedenkfeiern die bei vielen nicht mehr im Gedächnis präsent sind.
Wir haben am Freitag abend plötzlich im Fernsehen aufgeschnappt am Samstag den 3 Oktober sind die Geschäfte zu und dann die Sorge haben wir noch genug im Kühlschrank oder muß ich noch schnell zu Rewe. Wir hatten noch genug aber anderweitige Planungen spontan geändert. Keine Fahrt Richtung Westen zur holländischen Grenze um dem Stau der Shopper die den „Feiertag“ zum Einkaufen nutzen bzw Urlauber zu umgehen.
Auf meine Frage was ist eigentlich besonders am 3 Oktober antwortete meine Frau na unser Hochzeitstag hast du den vergessen. Natürlich nicht das ist doch ein Feiertag aber müßen deshalb die Geschäfte schliessen.
@Limes
Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Hochzeitstag! 😍
Danke wir hatten einen schönen Tag
Das ist eine schöne Anekdote! Glückwunsch, unbekannterweise…..wenn die Frauen nicht währen gelle?😁
moin der Beitrag ist gutgeschrieben und gerade komme ich aus der Kirche, dort war Erntedank Gottesdienst. was mich an dem Beitrag ein wenig stört ist das zusammen über den Klimawandel, dieses Jahr schon immer gab, es würden nur so getan als wenn er neu ist! im Jahr 2003 war es z.B viel wärmer in Deutschland! zur Zeit befinden wir uns in einer kleinen Eiszeit. Peter werde ich noch einen sehr interessant Artikel über dieses Thema einfügen. schönen Sonntag
https://www.achgut.com/artikel/dekarbonisierung_waermer_ist_besser_als_kaelter
Der übliche Klimawandelleugner-Schwachsinn, wissenschaftlich verbrämt. Demnächst müssen wir uns wohl auch wieder mit der These auseinandersetzen, dass die Erde eine Scheibe sei und keine Kugel.
Nicht ganz unbebrechtigt…manche „Dorfgemeinschaft“ hat seit 1933 noch „manche Leiche im Keller“, über die man nicht spricht.
Ist aber auch „Geschichte“…
Moin,moin,
Ich mache gerade eine ähnliche Erfahrung in „meinem Dorf“. Nach 40 Jahren sporadische Abwesenheit durch Seefahrt/Beruf hab ich grösstenteils den Bekanntschaftskontakt verloren, bzw. ist inzw. weggestorben.
Von meinem „alten Kaff“ ist inzw. nicht mehr viel übriggeblieben, als „Nobelzuzüge“ des HH-Fettgürtels und ein entsprechenden „Dorfverein“…alles digital(?!).
Nicht einmal mehr ein Strassen-Gasthof mit einladenen Aussen-Bänken gibt es noch, nur Reiterhöfe und Pferdeweiden.
Die Felder werden grösstenteils nur noch mit Futtermittel für „Stallhaltung“ bepflanzt und Kühe auf Weiden hab ich schon länger nicht mehr gesehen (ausser am Feuerwehrteich im Nachbardorf/2 Bauern)
Sogar die Milch wird inzw. südlich v. HH hier hochgekarrt und lokal „via Hofladen“ verkauft.
Die einzige explodierende Population durch „Futterfelder“ sind unsere Wildschweine…
Unsere lokale „Jagdgemeinschaft“ besteht haupts. aus Städtern, die hier als „Tagesjäger“ dann ihre eigene Gemeinschaft bilden.
Dafür haben wir jetzt eine „toll ausgebaute Säuferpiste“, die uns von HH Richtung Autobahn einen herrlichen „Durchgangsverkehr“ beschert hat. Da stört ein Trecker nur…Kühe offen treiben …verboten!
Das zum Thema „alte Traditionen“, es ist nur noch dekorierte Landromantik für Wohlbetuchte, die hier Resthöfe kaufen und mit SUV,s vollparken.
Tja, wenn auf guten fruchtbaren Boden Zuckerrüben und Weizen besser wachsen, als Gras für die Kühe, dann weiss ein geschulter Bauer, was er da anbaut.
Mit Tradition kann man kein Geld verdienen.
„es ist nur noch dekorierte Landromantik für Wohlbetuchte, die hier Resthöfe kaufen und mit SUV,s vollparken“
Meine Vorurteile komplett durch Edelsarkasmus bestätigt. Danke!
Da muss ich gleich wieder an die „Argumente“ der Hamburger Wohlbetuchten denken, wie sie sich damals 2010 gegen sechs- statt vierjähriges gemeinsames Lernen der Kinder gewehrt haben (Hamburger Schulreform). Genau mit diesem Mindset zerstört man hierzulande alles was es braucht, um gemeinsame Ziele formulieren zu können. Und deshalb wird dieses Mindset und dieser „Standort“ von der Evolution aussortiert.
Wären sie nur im Dorf geblieben, wäre das alles anders verlaufen. In unserem Dorf gibt es sicherlich noch Rindviecher, wie in der Stadt auch, aber keine auf 4 Beinen.
Ich sehe es heute etwas entspannter. Wir haben 1987 ( oder war 1988?) Das dörfliche Erntefest mit Festumzug neu initiiert. Es war über 15Jahre nicht mehr organisiert worden. Nun kam die Dorfjugend (die heutigen Boomer) auf die Idee, diese verloren zu drohende Tradition wieder aufleben zu lassen.
Unterstützt wurden wir u.a. von den Kyffhäuser -Kriegerkameraden, dessen Vorsitzender ein ehem. SS- Mitglied war. Tradition ick hör dir trapsen….
Der Festumzug und die anschließende Feier auf dem Festzelt schlugen ein wie eine Bombe und zog über einige Jahre weitere Feste nach.
Das Fest war eigentlich eher ein Dorfgemeinschaftsfest, weniger eine regionale Sache. Religion spielte auch keine Rolle, Stimmung, Freude, Gemeinschaft, Beisammensein, „eine wiedergewonnene“ Tradition, die ein Gefühl der Erdung gab……aber bereits damals war für die Meisten nicht der Dank an die Ernte und seine Erzeuger der Antrieb. Man muss dazu sagen, dass es zwischen protestantischen Regionen und katholischen Regionen einen Unterschied gibt, was den Bezug zu „der Göttlichkeit“ gibt, denke ich.
Was ich bemerke ist, dass aufgrund des anhaltend guten Wetters und des großen Angebotes von Kürbissen auf regionalen Märkten, speziell Hofläden, die Menschen länger gebunden sind an dieser Frucht, deren Vielfalt und Farbenpracht. Es kommen Familien mit ihren Kindern, Fahrradfahrer, Stammkunden……und es ist ein Hang zur wohltuenden Kommunikation vernehmbar ( ich glaube das ist wirklich dem genialen Wetter geschuldet)
Alles in Allem habe ich heute ein gutes Erntedankfest- Gefühl……jetzt noch ein schöner Abschluss mit der Hubertusmesse, dann ist’s perfekt.👍🌻
Mich würde interessieren, welchen Sinn und Zweck dieser Satz im beschriebenen Zusammenhang hatte:
„Unterstützt wurden wir u.a. von den Kyffhäuser -Kriegerkameraden, dessen Vorsitzender ein ehem. SS- Mitglied war. Tradition ick hör dir trapsen….“
@Hans Berlic
Danke. Die Frage lag mir auch auf der Zunge…
Ach kommt Mädel`s…wenn im Zelt „Alte Kameraden“ ertönt, fliegen die Gehhilfen weg und die Textsicherheit gewinnt. 😁
(KI): „Während des Nationalsozialismus gehörte der Marsch wie viele andere traditionelle deutsche Militärmärsche zum Standardrepertoire fast aller Musikkorps. Er wurde auch von Kapellen der Waffen-SS oder der Leibstandarte SS Adolf Hitler bei Paraden und auf Schallplatten eingespielt…“
@Peter
Was für ein selten geschmackloser Kommentar.
Nö…knapp formulierte Beobachtungsgabe…
Heißt dass, das alle Bauern Nazis sind?
Gibt es dieses alte Vorurteil noch?
oder sind sie einer von gestern, Peter?
Irgendwie sind die meisten hier dialegtisch schwach unterwegs, finde ich.
https://www.dokumentation-bueckeberg.de/ns-reichserntedankfeste/info-5/undquotreichserntedankundquot-und-christlicher-erntedank.html
Erntedankfest- christlicher Glaube, Bauern, Blut und Boden……
Die Kameraden fühlten sich in die Jugendzeit zurückversetzt. Ist das jetzt ausreichend erklärt, oder soll noch eine soziologische Studie folgen…? 🫤