Bauer Willi
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Wie lange noch Rapsanbau in Europa?

DI Helmut Feitzlmayr ist Leiter der Abteilung Pflanzenbau der LK Oberösterreich. Er hat am 29.11.2023 auf den Österreichischen Pflanzenschutztagen einen Vortrag mit dem Thema “Grenzen des Integrierten Pflanzenschutz am Beispiel Raps” gehalten. Wesentliche Inhalte dieses Vortrages sind auch auf Deutschland übertragbar. Vielen Dank für die Bereitstellung.

Die jüngsten Entscheidungen auf EU Ebene zum Thema Pflanzenschutz, sei es die 10-jährige Verlängerung der Zulassung von Glyphosat oder das Scheitern der SUR-Verordnung lassen die Hoffnung aufkeimen, dass es für die Notwendigkeit von Pflanzenschutz auf europäischer Ebene ein Umdenken gibt. Davon würde vor allem der Raps profitieren, denn durch laufende Wirkstoffverbote steigen dramatisch die Resistenzen.

International ist die Rapsproduktion massiv im Steigen begriffen und hat sich in den letzten 20 Jahren auf rd. 88 Mio. Tonnen verdreifacht.

Grafik: Globale Rapsernte 2002/03 bis 2023/24

Quelle: Statista, Daten USDA, 2023

In der Europäischen Union ist infolge des Verbots der neonicotinoiden Beize im Jahr 2013 die Rapsproduktion eingebrochen. So ist die Produktion von 24,6 Mio. Tonnen im Jahr 2014/15 auf 15,3 Mio. Tonnen im Jahr 2019/20 um knapp 10 Mio. Tonnen zurückgegangen. Allerdings gelang es die EU- Rapsproduktion die letzten 4 Jahre wieder auf über 20 Mio. Tonnen zu steigern womit auf europäischer Ebene eine Trendumkehr gelungen ist.

 Grafik: EU- Ölsaaten Erntemengen 2010/11 bis 2023/24

Damit fehlen in der EU allerdings noch immer 5 bis 7 Mio. Tonnen Raps, die jährlich neben großen Mengen an Palm-, Soja- und Sonnenblumenöl importiert werden müssen. Besonders ernüchternd ist, dass sämtliche Rapsimporte, vorwiegend aus Australien, Kanada und Ukraine ausschließlich aus Neonicotonoid gebeizter Produktion stammen. Umso unverständlicher scheint, dass die Rapsbauern der EU diesen Wettbewerbsnachteil in Kauf nehmen müssen, wo doch der Eigenversorgungsgrad bei Pflanzenölen bei nur 30 bis 40 % liegt.

Während der Rapsanbau in der EU trotz der Pflanzenschutzeinschränkung wieder gesteigert werden konnte, sind die Rapsanbauflächen seit dem Neonicverbot in Österreich weiter gesunken. Die Rapsflächen haben sich seither von 53.000 ha auf 28.000 ha halbiert und die Rapsproduktion ist noch stärker, nämlich um beeindruckende 57 % zurückgegangen. Österreich hat die Trendumkehr 2019/20 nicht geschafft und damit den Anschluss an die internationale Rapsproduktion verloren.

Grafik: In Österreich hat sich die Rapsproduktion mehr als halbiert (-57 %) und 2019/20 erfolgte keine Trendumkehr  Quelle: AMA Marktbericht

Die Ursachen für den massiven Rückgang der Rapsflächen in Österreich sind vielschichtig, wurden allerdings ganz klar mit dem Verbot der Neonicotinoidbeize am 1.12.2013 per EU-Verordnung VO (EG) Nr. 485/2013 eingeleitet. Einerseits hat sich der Sojaanbau in Österreich seit 2013/14 von 44.000 ha auf 87.000 ha verdoppelt. Soja ist im Gegensatz zu Raps eine Low-Input Kultur und die Landwirte schätzen das gute Sortenmaterial bei Soja.

Zudem hat Österreich im Vergleich zu allen anderen EU-Mitgliedstaaten mit 26 % einen sehr hohen Bioanteil, wodurch die Bevölkerung kritischer zum Pflanzenschutzeinsatz eingestellt ist. So klagen immer öfter Rapsbauern, dass sie sich beispielsweise im Linzer Zentralraum die Konfrontation mit kritischen Spaziergängern nicht mehr antun wollen. Dabei bietet gerade der Biolandbau im Fall des Rapsanbaus keine Lösung an. Die Rapserträge erreichen im Biolandbau gerademal 30 bis 40% der konventionellen Erträge, was dazu führte, dass die Biorapsfläche mit 182 ha nur noch 0,7 % der österreichischen Rapsfläche ausmacht.

Weiters beobachten wir, dass die Rapserträge die letzten Jahre gesunken sind. Wir sind dieser These nachgegangen und haben die Arbeitskreisdaten von 544 Ackerbauern in Oberösterreich in den letzten 15 Jahren ausgewertet. Die Ertragsergebnisse sind jährlich durch mindestens 1.000 Winterweizen-, 600 Wintergersten-, 300 Sojabohnen- und 200 Rapsschläge abgesichert. Dabei zeigte der Raps von 2008 bis 2014 bei den OÖ Rapsbauern eine jährliche Ertragszunahme von + 126 kg/ha. Seit 2014 sind die Rapserträge jährlich um -36 kg/ha gesunken, während bei Weizen die Erträge jährlich um +13 kg, bei Gerste um +77 kg und bei Sojabohne um +102 kg/ha zugenommen haben. Gerade durch den Siegeszug der Sojabohne kam der Raps unter Druck. Der Mehrertrag von rund 1.500 kg/ha von Raps gegenüber Soja ist die letzten Jahre deutlich auf unter 500 kg/ha gesunken.

Trotzdem erreicht Raps im 5-jährigen Durchschnitt (2017- 2021) im Vergleich zu den oben angeführten Kulturen den höchsten Deckungsbeitrag. Auch 2023 konnte weder Getreide noch Sojabohne dem Raps das Wasser reichen. Aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen müssten die Ackerbauern Raps bauen, sie wenden sich jedoch ab.

Deckungsbeiträge ausgewählter Kulturen 2017-2023 Quelle: Arbeitskreis Ackerbau OÖ und IDB

Trotz intensivster Beobachtung und Unterstützung über den Pflanzenschutz-Warndienst wird es immer schwieriger wegen zunehmender Resistenzen und laufender Wirkstoffverbote den Raps gegen Schadinsekten zu verteidigen. Seit 2013 erfolgten in Österreich keine Notfallzulassungen mehr für insektizide Beizen, auch nicht über Neonicotinoide hinaus. Nur für Zuckerrübe gab es bis zum Anbau 2022 noch eine Notfallzulassung für eine neonicotinoide Beize, die mittlerweile Geschichte ist. Aktuell wird zur Beizung von Rapssaatgut Lumiposa (Wirkstoff Cyantraniliprole) und Buteo Start (Wirkstoff Flupyradifurone) angeboten. Beide Produkte sind in Österreich nicht zugelassen und müssen in EU-Nachbarstaaten, wo eine Zulassung besteht, für Österreich gebeizt werden. Beide Beizen wirken aber nur kurz und zeigen bereits ab dem 2-Laubblattstadium keine Wirkung mehr. Nach Überschreiten der Schadschwellen werden synthetische Pyrethroide eingesetzt, doch in Deutschland wurden hier bereits Resistenzen bestätigt.

Auch die österreichischen Rapsbauern klagen bereits über eine verminderte Wirkung, womit auch bei uns eine Resistenz aktuell abgeklärt wird. Die Erdflöhe durchlöchern die Blätter siebartig und legen 10 bis 14 Tage später die Eier in den feuchten Boden. Nach 2-3 Wochen schlüpfen die Larven und bohren sich in die Blattstiele und den Vegetationskegel ein. Durch die Eintrittspforten tritt verstärkt Phoma, Stengelfäule auf und ebenso sinkt durch eintretendes Wasser die Winterhärte. Oft müssen die Rapsbauern, vorrangig in den wärmeren Lagen, den Raps wegen massiver Schädigung wieder umbrechen.

Gegen die Larven wird der neonicotinoide Wirkstoff Acetamiprid eingesetzt. Seit 3 Jahren besteht eine Notfallzulassung für Mospilan 20 SG gegen Erdflöhe und seit Herbst 2023 ist Carnadine neu verfügbar. Beide Spritzapplikationen stossen aber an ihre Grenzen. Im Frühjahr 2023 wurden noch lange die Larven des Erdflohs in Stengel und Blattstiele beobachtet, aber da ist keine Bekämpfung mehr möglich. Von Anfang Jänner bis Ende März 2023 erfolgte zusätzlich ein verzettelter Flug der Stängelrüssler. Gegen den großen Rapsstängelrüssler und den Gefleckten Kohltriebrüssler wirken ebenso nur synthetische Pyrethroide. Allerdings wurde wegen des verzettelten Flugs der Stängelrüssler die Schadschwelle laut Warndienst nie bis kaum überschritten. Damit konnte kein optimaler Bekämpfungstermin festgestellt werden. Mehrere Monate wurde bis zur Blüte ein massiver Befall von Larven des Erdflohs parallel zu Larven der Stängelrüssler festgestellt. Die Frustration der Rapsbauern wird gerade in solchen Jahren verständlich.

Beim Rapsglanzkäfer wurden bereits 2008 Resistenzen gegen die synthetischen Pyrethroide festgestellt. Nur mehr jene der Klasse I, wie Trebon 30 EC und Mavrik Vita zeigen Wirkung. Zusätzlich sind Mospilan 20 SG und Carnadine regulär gegen den Glanzkäfer als Spritzapplikation zugelassen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass zahlreiche Wirkstoffverbote, nicht nur von Neonicotinoiden, zu einem dramatischen Anstieg der Resistenzen geführt haben. Viele Rapsbauern verstehen nicht, dass sie statt eines Minimaleingriffs einer insektiziden Beize gezwungen sind mehrmals ein nicht nützlingschonendes Nerven-, Fraß- und Kontaktgift zu applizieren. Ohne einer wirksamen insektiziden Lösung wird der Rapsanbau die nächsten Jahre in Österreich weiter zurückgehen und dies trotz gutem Deckungsbeitrag und trotz umsichtiger integrierter Produktion.

Hier noch die Datei mit diesen und weiteren Grafiken des Vortrags, die sehr aufschlussreich sind:

Vortrag Raps Österreich

Gastbeiträge stellen die Meinung des Autors dar.

(Aufrufe 5.181 gesamt, 1 heute)

30 Kommentare

  1. Frikadellen piet 45 sagt

    Mahlzeit toll was für Entscheidung gefällt werden da kann man wieder nur sagen na Mahlzeit

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  2. Andreas Gerner sagt

    Man wird es schaffen, den Rapsanbau gänzlich zu vergraulen.
    Die Frage ist nur, wie schnell.

    Im Anschluss wird man erstaunt feststellen, dass man den unzähligen Arten, die man schützen wollte, die Nahrungsgrundlage entzogen hat und die Populationen ziemlich einbrechen.

    Schuld wird am Ende wieder der Bauer sein.

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  3. Thomas Bröcker sagt

    Die Ablehnung der Neo Nic´s als Beize und Insektizid sind rein Ideologie – getrieben. Sie basieren auf der unzulässigen Extrapolation der Krefelddaten und anderer Erzählungen der Naturschützer und Öko-Aktivisten.
    Der Integrierte Pflanzenschutz ist die moderne Medizin im Pflanzenanbau. Er entwickelt sich ständig weiter. Öko-Anbau ist eine Nische, die viel Erkenntnisse bringt, was alles eigentlich nicht geht. Mir ist gestern beim Aufräumen gerade “Der Obstbau” von Hilkenbäumer ( Redaktionsschluss 1944 … Ausgabe 1953) in die Hände gefallen.
    Das liest sich wie die Beschreibung des Bio-Anbaus von heute. Die selben Mittel (außer Arsen), die selben Probleme im Bekämpfungserfolg.
    Mit Nostalgie und Rückgriff auf die Vergangenheit lassen sich die Probleme des modernen Pflanzenbaus nicht lösen. Die Verbesserung der Biodiversität durch “Bio-Pflanzenschutz” ist widerlegt … abgesehen von nahezu ertagslosen Schlamperparzellen und -Betrieben ist kein Unterschied in der Artenzahl und Zusammensetzung festzustellen.
    Pflanzenschutz gehört in seiner Weiterentwicklung überwacht, schon weil man ehrlicherweise als Anbauer erstmal nach Mitteln sucht, die aktuelle Probleme lösen … und dann, wenn es funktioniert, gern dabei verharrt.
    Problematisch ist, wenn als Gegenpol auf der Forschungs- und Überwachungsebene Geschichten mit ideologischem Einfluss und politischen Absichten die Oberhand über ergebnisoffene Forschung gewinnen. Genau in diesem Zustand verharrt Europa im Moment.
    Wir müssen uns die Ergebnisoffenheit zurückholen … es sind auch viele Wissenschaftler von den gegenwärtigen Vorfestlegungen genervt … Dazu müssen solche Ergebnisse , wie die Studie der Uni Würzburg, die Willi hier verlinkt hatte, aber auch durch unsere Verbände massiv in die Öffentlichkeit getragen werden.
    Die Daten sind da, es kann nicht den Ausschlag geben, dass sie den behaupteten Benefit des Bio-Abbaus nicht belegen. Dazu (für die “einfachen” Antworten des Bio-Anbau´s) ist das Thema Ernährungssicherheit zu wichtig und das Thema Pflanzenschutz zu komplex

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    • Bauer Willi sagt

      Mir fällt zur Komplexität immer ein Satz ein: „Einfache Lügen haben es leichter als komplizierte Wahrheiten“.
      Trifft eigentlich auf die gesamte Landwirtschaft zu.

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    • Die Forschungs- und Überwachungsebene darf sich von irgendwelcher Ideologie nicht beeinflussen lassen.
      Wo kommen wir denn da hin?
      Deshalb sind
      echte Wissenschafter von der Vorfestlegung der Ergebnisse genervt.
      Sie verlangen nach Ergebnisoffenheit, ohne die es keinen Fortschritt gibt.
      Auch Ideologen sind Nutznießer davon.

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    • Marian E. Finger sagt

      Zwei scheinbar identische Studien in der Medizin bringen nicht dieselben Ergebnisse, bisweilen unterscheiden sie sich sogar ganz erheblich, was, abgesehen von den Kosten, mit ein Grund ist, warum medizinische Studien höchst selten wiederholt werden.

      Lebende Systeme verhalten sich nun mal nicht wie Sonnenfinsternisse, deshalb kann man in gewissem Rahmen die gewünschten Ergebnisse erzeugen, und das verträgt sich nun mal nicht mit der sog. “Ergebnisoffenheit”. Tatsächlich wünschen sich die Bauern ja auch nicht “Ergebnisoffenheit”, sondern die Ergebnisse, die es ihnen erlauben, gewinnbringend zu wirtschaften.

      In Sachen Forschung sind die Landwirte nicht “ergebnisoffener” als die Naturschützer. Jeder hat zunächst seinen eigenen Vorteil im Auge und nennt “ergebnisoffen”, was ihm halt gerade in den Kram passt.

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      • Arnold Krämer sagt

        Studien in der Medizin sind gänzlich anders zu beurteilen als Studien in der Pflanzenproduktion oder der Tierproduktion. In landw. Versuchen können die Bedingungen sehr weitgehend standardisiert werden, insbesondere was das „Versuchsmaterial“ ( Tiere und Saatgut) und die Haltungs- bzw. Standortbedingungen angeht. Und Wiederholungen sind einfacher. Insofern sind ihre Bedenken weitgehend unbegründet.

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      • Andreas Gerner sagt

        Für uns, die wirklich wirtschaften müssen, zählt das echte Ergebnis.

        Wenn daran geforscht wird, ob sich der Erdfloh am besten mit einer synthetischen Beize, einem “biologischen” (nicht nützlingsschonenden) Insektizid, einem biologischen Gegenspieler, einem Repellent oder einer Ablenkungsfütterung am besten bekämpfen/umgehen lässt, drücke ich nicht der synthetischen Beize die Daumen, sondern will ehrlich wissen, was zuverlässig und wirtschaftlich funktioniert. Und das beste will ich dann auch anwenden und anwenden DÜRFEN. Ich will nicht, dass ich mit den nicht funktionierenden Kandidaten klar kommen muss, weil das funktionierende ideologisch einkassiert wurde.

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        • Marian E. Finger sagt

          Es gibt keine Medikamente ohne Nebenwirkungen. In medizinischen Studien erfahren Nebenwirkungen zwar große Aufmerksamkeit, aber immer wieder rutschen Medikamente durch Studien, auch sorgfältig durchgeführte Studien, die nach Zulassung und Markteinführung nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen werden müssen, weil sich Verdachtsmomente hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Schädlichkeit häufen. Schon allein der Umstand, dass Medikamente wieder vom Markt genommen werden müssen, zeigt, dass es mit dem Verweis auf Studien und angebliche “Ergebnisoffenheit” nicht getan ist.

          Nun ist es aber alles andere als leicht, Nebenwirkungen ursächlich auf das Medikament zurückzuführen. Das dürfte bei landwirtschaftlichen Versuchen nicht viel anders sein, evtl. sogar noch schwieriger, weil das Mittel in die Umwelt ausgebracht wird. Ich weiß nicht, inwieweit “Nebenwirkungen” von Pflanzenschutzmitteln systematisch geprüft und erfasst werden und wo man da, weil ja die gesamte Umwelt betroffen ist, überhaupt beginnt und aufhört.

          Auf jeden Fall ist es nicht damit getan, den Blick bloß aufs “zuverlässige und wirtschaftliche Funktionieren” eines Mittels/einer Methode zu lenken. Es gehört immer auch die Untersuchung der Nebenwirkungen dazu sowie wie bei jeder Technologie eben die Folgenabschätzung. Bei der Untersuchung von Nebenwirkungen und mehr noch bei der Folgenabschätzung gibt es im Grunde keinen wirklich “objektiven” Standpunkt. Da geht es nicht allein um Daten, sondern immer auch um deren Interpretation. Und da fließen eben immer auch eigene Interessen mit ein bzw. man kann dem anderen leicht “ideologische Verblendung” vorwerfen.

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          • Arnold Krämer sagt

            Jetzt geht die sonst bei Ihnen so bekannte Klarheit der Argumentation verloren. Sie können doch nicht Nebenwirkungen von Medikamenten beim Menschen mit Nebenwirkungen von PS- Mitteln auf Umwelt und Biodiversität vergleichen, die übrigens in Zulassungsverfahren auch untersucht werden.

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            • Marian E. Finger sagt

              Es ist doch Thomas Bröcker, der integrierten Pflanzenschutz mit Medizin vergleicht.

              Und warum soll man die Nebenwirkungen von Medikamenten beim Menschen nicht mit Nebenwirkungen von Medikamenten beim Pflanzenbau vergleichen können? Klar kann man das!

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              • Arnold Krämer sagt

                Nebenwirkungen beim behandelten Menschen entsprechen Nebenwirkungen bei der Pflanze, aber nicht bei dem Umfeld der Pflanze. Ist doch logisch oder ?

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                • Marian E. Finger sagt

                  Nein, das ist nicht logisch, wenn mit dem Medikament das Umfeld der Pflanze behandelt wird, also der Boden oder die Insekten.

                  Selbst beim Beizen von Saatgut kann man, wenn ich das richtig verstanden habe, drüber streiten, ob jetzt der Keim oder nur die Hülle des Keims behandelt wird und ob die Hülle des Keims das “Medikament” wiederum in die Umwelt abgibt.

                  Die ursprünglichen, sich innerhalb der Pflanze befindlichen Abwehrmechanismen sind den Nutzpflanzen ja weggezüchtet worden, weil wir die nicht mitessen wollen, Bitterstoffe oder Savonide oder was weiß ich. Erstens weil sie nicht schmecken und zweitens weil wir sie nicht vertragen oder doch nur geringe Mengen davon.
                  .
                  Deshalb wird mit Pflanzenschutzmitteln ja meist das Umfeld bzw. die Pflanze von außen behandelt, eben damit wir die entsprechenden Mittel nachher nicht oder doch möglichst wenig davon auf dem Teller haben.

                  Das ist, überspitzt gesagt so, als würde man zuerst das Immunsystem des Menschen zerstören, um ihn danach auf der Intensivstation zu päppeln und am Leben zu erhalten. In jeder Intensiveinheit wird strikt drauf geachtet, dass möglichst wenig schädliche Viren, Bakterien, Pilze, sonstige Keime mit dem Patienten in Berührung kommen, deshalb werden sämtliche Flächen permanent desinfiziert. Der Acker ist für die Pflanze so eine Art Intensivstation.

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                • Smarti sagt

                  Herr Finger, Ihrem Vergleich mit der Intensivstation kann ich nicht mitgehen. Ja, man hat z.B. Kartoffeln und andere Pflanzen züchterisch verändert, so dass sie sich weniger gegen Frassschädlinge wehren können und deshalb vielleicht noch schneller weg schnabuliert sind. Aber das ging nie so weit, diese Pflanze als “kurz vor Tod” – also Intensivpatient zu sehen. Sondern es liegt in der Natur der Landwirte, diese Pflanzen in grossen Mengen ( einmal innerhalb eines Ackers, dann auch innerhalb einer bestimmten Gegend und nochmals regelmässig jedes Jahr ). Diese Anbauweise vermehrt aber jetzt nicht nur die Pflanzen, sondern genau so auch die ganzen Mitesserchen, welche sich deshalb toll vermehren und zahlenmässig explodieren.
                  Vielleicht kann man die Pflanzen mit Zimmerpflanzen vergleichen, mit Haustieren oder modernen Menschen. Sie brauchen alle ein bestimmtes Mass an Pflege ( ackern, striegeln ), Nahrung ( Dünger, Mist, Gülle ), und manchmal auch Medikamente ( Läusemittel, Fusspilzmittel, Mäusegift,- je mehr Menschen auf einen Haufen, desto häufiger ).
                  Für die Pflanzen selber wäre es kein grosses Problem, angefressen, von Pilzen und Viren angegriffen zu werden- sie braucht um ihre Art zu erhalten ja nur wenige “Nachkommen”. Das Problem ist der Hunger der Menschen, die geben sich nicht mit zuschauen zufrieden, sondern wollen die “Nachkommen”, die Samen, Früchte, Wurzeln… essen. Und der moderne Käufer will dabei keine Früchte mit Narben und Macken, sondern alles in makellos und billig.
                  Aber damit eine Pflanze zum sterbenskranken Intensivpatienten zu degradieren finde ich nicht richtig.

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                • Marian E. Finger sagt

                  Die Zivilisation hat sich inzwischen zu einer Art “Intensivstation” entwickelt, in der das Überleben von Maschinen abhängt, von Pflege, Nahrungszufuhr, Medikamenten. Der Mensch auf der Intensivstation ist abhängig von Geräten und kann nicht mehr für sich selber sorgen. Der zivilisierte Mensch kann auch nicht mehr für sich selber sorgen, sondern braucht im Schnitt 100 sog. “Energiesklaven”, d.h. die Energie von 100 Menschen, und die gewinnen wir aus fossilen Brennstoffen, Sonne, Wind, Wasserkraft, wie auch immer. Würden die Energiesklaven dauerhaft abgeschaltet, würde ein Großteil der Menschen in der zivilisierten Welt sterben. Marc Elsberg hat das in “Blackout” sehr eindrücklich beschrieben.

                  Es ist ein Jammer, dass die meisten Menschen keine Vorstellung davon haben, dass sie in einer Intensivstation leben und schon lange nicht mehr für sich selbst sorgen können.

                • Reinhard Seevers sagt

                  Man muss ja keine Nahrung zu sich nehmen, man kann auch weiterhin Influencen bis der Arzt kommt oder Gamen, oder Kunst schaffen, oder Medienarbeit machen, oder einfach nichts tun. Aber man darf sich nicht wundern, wenn man dann einfach irgendwann stirbt.

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          • Andreas Gerner sagt

            Die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Nichtzielorganismen wird natürlich mitgeprüft.
            Nicht nur bei Zulassung, sondern auch während der Anwendung.
            Meines Wissens fiel so das Ralon super weg, weil es (annähernd wirkungsgleich zu Axial) etwas stärkere Auswirkungen auf aquatische Arten (Algen, Krebstiere, Fische etc) hat, als das sich rasch abbauende Axial.

            Bei Medikamenten wird wohl nicht mitgeprüft, welche Auswirkungen die Ausscheidungen der behandelten Personen auf die Umwelt haben.
            Hormone (u.a. Verhütungspille) und Antibiotika sind in Flüssen auch nach Kläranlagen nachweisbar und werden dort nicht ohne Auswirkungen bleiben.
            Ein Fisch, der Krankheiten trägt, welche aufgrund der ständigen niedrigdosierten Anwesendheit von AB aller Arten (inkl Reserve-AB…) multiresistente Bakterien trägt, ist potentiell ein Risiko, wenn er in die Küchen kommt. Weniger durch Verzehr (Fisch wird ausreichend erhitzt). Aber wenn roher Fisch mit dem gleichen Werkzeug (Messer, Schneidbrett…) zerlegt wird, wie dann der Salat und dieser dann roh verzehrt wird, “hat man den Salat”.

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      • “Tatsächlich wünschen sich die Bauern ja auch nicht “Ergebnisoffenheit”, sondern die Ergebnisse, die es ihnen erlauben, gewinnbringend zu wirtschaften.” Das riecht jetzt aber schon ordentlich nach “Unterstellung”. Und das ist sicher nicht das, was Thomas Bröcker unter “Ergebnisoffenheit” verstanden wissen will. Ergebnisoffenheit heist, das es bei wissenschaftlichen Studien keine ideologischen Vorfestlegeungen (egal welcher Couleur) geben darf. Genau dies geschieht mittlerweile ganz unverholen in wissenschaftlichen Studien zu populären Themen wie z.B. chemischer Pflanzenschutz, Biodiversität, Artensterben oder auch Klimawandel etc. Forscher, die hier nicht von vorneherein bereit sind, Ergebnisoffenheit durch Ergebnissorientiertheit zu tauschen, bekommen weder Forschungsaufträge noch eine Chance der Beguachtung oder gar eine Veröffentlichung in namhaften Wissenschaftsmagazinen (z.B. Nature). Im Bereich populärere Themen ist die WIssenschaft mittlerweile gleichgeschaltet.

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        • Marian E. Finger sagt

          Naja, wenn eine Studie je ergebnisoffen war, dann die Krefeld-Studie. Eine Gruppe von “Laien”, die aus Spaß an der Freude beschlossen haben, mal über mehrere Jahre hinweg Insekten zu zählen. Ich hab aber noch keinen Landwirt getroffen, der diese Studie je als “ergebnisoffen” gewürdigt hat. Klar hat die Studie Mängel, das ist unbestritten, aber die Diskussion über die Mängel legt offen, dass Wissenschaft eben nicht so objektiv ist, wie sie vorgibt zu sein.

          Und dann gibt es in jedem Fachbereich inzwischen Hunderttausende von Studien, die sich regelmäßig in ihren Ergebnissen widersprechen. Da findet jeder Naturschutzverein oder jeder Landwirt oder jeder Politiker, was er braucht und was ihm gerade in den Kram passt. Es gibt eben nicht nur ideologische Vorfestlegungen, sondern auch wirtschaftliche, persönliche, soziale, politische, wie auch immer. und eben genau das ist der Punkt, auf den ich hier mal hinweisen wollte. Das ist nicht nur bei Studien zu populären Themen so, das ist ein generelles Problem.

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          • Reinhard Seevers sagt

            Wenn schon die Methodik einer Studie in Frage steht, und dies von einer RWI z.B. mit dem Titel “Unstatistik des Monats” versehen wird, dann würde ich diese Studie schon mal nicht als Studie bezeichnen, sondern als laienhafte Sammelschrift.
            Sie passt allerdings zu der von Prof. Dr. Engbers als Gefälligkeitsarbeit für politische Entscheidungsfindung bezeichnete wissenschaftliche Studie.

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          • “Und dann gibt es in jedem Fachbereich inzwischen Hunderttausende von Studien, die sich regelmäßig in ihren Ergebnissen widersprechen.” Dies gilt eben immer weniger, immer mehr rückt der sog. wissenschaftliche Konsens (99% aller Wissenschaftler sagen dies, wer etwas anderes sagt ist ein Leugner) in den Vordergrund, und dieser “Konsens” wird dann vorgegeben wenn die behandelte Thematik von hoher gesellschaftlicher oder auch wirtschaftlicher Relevanz ist. Wissenschaftler und Wissenschaft werden hierbei einerseits zur Rechtfertigung missbraucht, um wie auch immer geartete Narrative zu bestätigen, andererseits bedienen nicht wenige dies auch gerne, um so selbst an (zweifelhafter) Reputation respektive Popularität zu gewinnen. (siehe auch o.g. link min 23-35) Die Grundlagenforschng ist davon weit weniger betroffen als Fachbereiche, die aus welchen Gründen auch immer, plötzlich aus einem Schattendasein in den öffentlichen Focus geraten.

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            • Reinhard Seevers sagt

              Es ist schon merkwürdig, wenn Leute wie Meyen oder Guerot auf Wikipedia mit einer Querbewegung, Verschwörungsmythen oder crash-Propheten in Verbindung gebracht werden.
              Man wird zunehmend zu einem Verschwörungstheoretiker…..😯

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            • Marian E. Finger sagt

              Ja, Mark, aber schon immer hat sich ein Konsens herausgebildet, an dem die Wissenschaftler festgehalten haben und den sie dann mit Zähnen und Klauen verteidigt haben. Das ist eben wissenschaftsimmanent. Man sagt ja nicht ohne Grund, dass immer erst eine Generation von Wissenschaftlern wegsterben muss, bevor sich eine neue Erkenntnis in den Wissenschaften überhaupt durchsetzen kann.

              Lies doch mal nach, wie die etablierten Wissenschaftler bspw. Alfred Wegener das Leben zur Hölle gemacht haben, als der mit seiner Kontinentaldrift daherkam. Als endlich akzeptiert wurde, dass die Kontinente auf glutflüssiger Masse schwimmen, war Wegener schon 30 Jahre lang tot. Wenn Wissenschaft wirklich so objektiv wäre, wie immer behauptet wird, hätten die Wissenschaftler Wegener zugehört und sich nicht über ihn lustig gemacht, indem sie ihm “Polkrustenkrankheit” oder so was attestiert haben.

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