Bauer Willi
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Leseprobe: Das globale Dorf – wo ist mein Konkurrent?

Weil es ganz gut zur Getreideernte passt, hier mal wieder eine Leseprobe aus meinem Buch “SAUEREI!”

Schon mal was von MATIF, Eurex, Liffe oder CBoT gehört? Böhmische Dörfer? Für mich und meine Kollegen gehören diese Begriffe zum Alltag. Fast täglich schaue ich dort nach, wie sich die Preise entwickeln. Online, mit fünfzehnminütiger Verzögerung. Die beiden für mich wichtigsten Marktplätze möchte ich Ihnen kurz vorstellen.

MATIF (Marché à Terme International de France)

An dieser Börse mit Sitz in Paris werden vor allem Weizen, Mais, Raps (inklusive Rapsschrot und Rapsöl), Braugerste und Milchpulver gehandelt. Der Schwerpunkt der Händler auf diesem Marktplatz sitzt in Europa. Ein Chart sieht dann zum Beispiel so aus wie im Titelbild. (Quelle: www.kaack-terminhandel.de)

Für mich interessant ist die Spalte „Settlement“, denn das ist der aktuelle Preis des Tages. Um zu sehen, wie die Preisentwicklung der letzten Monate war, schaue ich mir noch die Chartkurve an. Für Weizen, der im August geerntet wird, ist für mich der Septembertermin von Bedeutung. Das ist aber nicht der Preis, den ich bekomme, sondern lediglich die Basis, auf der ich mit meinem Händler (bei mir die Genossenschaft) einen Vertrag machen kann. In der Regel liegt der Erzeugerpreis, also mein Preis, zwischen 20 und 30 Euro darunter, da der Händler ja noch die Kosten für die Erfassung, Reinigung, Qualitätskontrolle, Lagerung und Verluste hat. Denn ich liefere Rohware an, die er so nicht direkt vermarkten kann.

Ich könnte auch jetzt schon einen Vorkontrakt auf September 2016 machen! Das ist dann der Weizen, den ich im Herbst 2015 ausgesät habe, der aber erst im Sommer 2016 geerntet wird. (Hinweis: ich habe das Buch in 2015 geschrieben) Ob ich das machen soll? Das ist Spekulation. Ich habe es aber mit einer kleinen Menge trotzdem gemacht. Warum? Die Getreideernte 2015 war weltweit trotz des Hitzesommers gut, Weizen, Gerste und Mais haben sich prächtig entwickelt, die Vorräte auch.. Während ich diese Zeilen schreibe wird erneut von allen Ländern auf der Nordhalbkugel ein guter bis sehr guter Zustand der Kulturen berichtet. Somit steht zu erwarten, dass auch das Jahr 2016 eine große Ernte einbringen wird. Wenn das so käme, würden die Vorräte weiter wachsen. Das ist für Sie als Verbraucher eine gute Sache, denn wenn es eine Missernte gäbe, müsste man auf die Vorräte zurückgreifen. Allgemein ist man bemüht, mindestens 20 Prozent eines Jahresverbrauchs als Vorräte vorzuhalten. Alles was darunter ist, wäre als kritische Versorgung anzusehen. Bei mehr als 40 Prozent Vorrat gilt der Markt als überversorgt, was sich dann in sinkenden Preisen niederschlagen würde. So die allgemeine Meinung, und so denken die, die mit den Produkten handeln. Ob das richtig ist oder nicht, interessiert nicht. So denkt der Handel eben, und so handelt er auch.

Ob ich das nun gut finde oder nicht, spielt keine Rolle. Ich muss froh sein, dass ich mir per Mausklick zumindest eine grobe Orientierung darüber verschaffen kann, was für meine Produkte zu erwarten ist.

CBoT

Das ist ein globaler Marktplatz, an dem sich fast alle Händler und Erzeuger orientieren, weil hier, am Chicago Board of Trade, riesige Mengen an fast allen agrarischen Rohstoffen gehandelt werden. Oft laufen die Preise an der MATIF und des CBoT gleichsinnig, aber nicht immer. Für meine Überlegungen, etwa beim Weizen, gibt es deshalb auch hier interessante Ansatzpunkte. Wenn der Preis in Chicago zum Beispiel steigt, hat das Hintergründe, die es herauszufinden gilt. Denn es könnte sein, dass sich diese Hintergründe auch auf den Preis an der MATIF auswirken. Und dann heißt es: wachsam sein! Und warten, um hoffentlich den gewünschten Preis zu erzielen.

In Chicago wird aber nicht nur Getreide gehandelt, sondern auch Soja, Reis und Palmöl. Auch Rinder, aber das soll hier keine Rolle spielen. Soja ist deshalb für mich wichtig, weil aus Soja Sojaöl gewonnen wird, das mit Rapsöl konkurriert. Gleiches gilt für Palmöl. In welchem Produkt das Öl landet, ist der Börse egal. Öl ist Öl, und das kann in Lebensmitteln oder auch im Biodiesel landen. Das entscheiden der Preis und der Käufer. Spezialisten und Fachleute werden jetzt vielleicht sagen, „das hat er aber etwas einfach dargestellt“, aber hier soll es ja um die große Linie gehen und für mich als Erzeuger sind die großen Trends von Bedeutung.

Wenn zum Beispiel Brasilien eine knappe Sojaernte einfährt, weil es dort nicht geregnet hat, steigt der Preis für Soja. Jetzt versuchen die Käufer von Pflanzenöl auf Alternativen auszuweichen, und da kommt mein Raps im Rheinland ins Spiel. Wenn jetzt noch in Malaysia meine Berufskollegen weniger Palmöl ernten und der Preis auch hier steigt, wird das Interesse an meinem Raps und dem daraus gewonnenen Rapsöl noch größer. Deshalb schaue ich auch auf die Meldungen bestimmter Agenturen, die über das Wetter in Brasilien und Südostasien berichten. So makaber es klingen mag: Ein tropischer Wirbelsturm kann meinen Rapspreis steigen lassen. Doch nicht nur das. Auch ein Streik der LKW-Fahrer oder der Hafenarbeiter in Übersee kann Auswirkungen haben. Zumindest kurzfristig. So funktioniert das globale Dorf, und deshalb muss ich mich informieren, um für meinen Betrieb richtige Entscheidungen treffen zu können.

Nur der Vollständigkeit halber: An der Eurex werden unter anderem Kartoffeln, Schweine, Ferkel, Butter und andere Produkte aus Milch gehandelt, an der Liffe Zucker und Futterweizen, aber das interessiert mich nur am Rande, da ich ohnehin einen festen Vertrag mit meinem Zuckerunternehmen habe, in dem der Preis bereits festgelegt ist.

Und noch ein Wort zur Spekulation mit Lebensmitteln. Wenn ich an der Börse Vorkontrakte mache, also quasi spekuliere, so steht bei meinem Geschäft dahinter immer Ware, mein Weizen. Nun gibt es aber Menschen, die machen Geschäfte damit, dass sie Vorkontrakte kaufen, nur um diese anschließend weiterzuverkaufen. Sie haben keinen Weizen, sie sind auch keine Bauern. Das war ursprünglich nicht so gedacht, und das ist für mich wirkliche Spekulation. Bei allem Zwang zur Wirtschaftlichkeit – diese Form von Spekulation ohne Ware, nur auf dem Papier, gehört aus meiner Sicht endlich reguliert. Hier sind die Regierungen gefordert. Doch die regulieren lieber anderes.

So, jetzt ist Ihnen vielleicht klar geworden, warum auch wir Bauern in einem „globalen Dorf“ wohnen.

Euer Bauer Willi

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26 Kommentare

  1. Friedrich sagt

    Die Agrarbörsen halte ich grundsätzlich einmal für gut, kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, daß hier auch politische Einflußnahme stattfindet. Die Zahlen basieren ja meistens
    auf den Schätzungen des USDA. Mir wäre es lieber wenn auch z.B. die EU auch die Schätzzahlen monatlich veröffentlichen würde. So stützt sich alles nur auf das USDA . Diese Zahlen sind Weltmarktpreise, also alle Bauern/Farmer dieser Welt orientieren sich an diesen Preisen. Auf der Erde haben die Bauern aber unterschiedliche Erzeugungskosten. Wir hier in Deutschland kommen mit unseren hohen Standards schlecht weg, weil mit dem hohen Standard auch höhere Kosten anfallen. Dies sollten die Hektarprämien ausgleichen. Tun sie aber schon lange nicht mehr. Mit dem Greening sind wieder Mehrkosten entstanden. Ein Hundert Hektarbetrieb hat somit wieder 9.000 Euro weniger Einkommen. So geht das schon lange. Immer neue kostenträchtige Vorschriften , aber keinen Ausgleich. Mit 190 Euro/ha z. Zt. würden wir uns ohne Betriebsprämie und ohne Vorschriften der letzten zehn Jahre besser stehen. Doch unsere Traumtänzer von Politikern haben das Rechnen nur für ihre Diäten gelernt. Hier einige Beispiele für Weltmarktpreise : Monatslohn 200 Euro/Arbeiter, Diesel 30 ct/ltr., 10 ct/KW Strom usw. . Allein diese wenigen Punkte würden auf der Kostenseite die Betriebe in Deutschland massiv entlasten. Heist entweder die Betriebsprämie auf 1000 Euro/ erhöhen , ohne weitere Verschärfungen, oder Prämie und Vorschriften weg. Weltmarktstandard einführen. Alles was mehr als Weltmarktstandard ist , muß zu 100%ausgeglichen werden. Die Mitbürger haben die Wahl ?!

  2. Preisabsicherung ist bei so schwankenden Märkten sehr wichtig für mich als landwirtschaftlicher Unternehmer. Ich arbeite mit der KS Agrar zusammen, auch einem sehr guten Broker.

  3. Schweinebauer Piet sagt

    Von Kaack bekommen wir auch Info Mails über Getreide und Schweine, das ist immer sehr informativ.

  4. Stadtmensch sagt

    „Öl ist Öl, und das kann in Lebensmitteln oder auch im Biodiesel landen. Das entscheiden der Preis und der Käufer.“

    Ich finde es immer schade, wenn sich jemand so bereitwillig mit den „ehernen Markgesetzen“ abfindet.
    Den Status als „zivilisatorische Meisterleistung“ will ich den Börsen und anderen Institutionen zur Organisation der
    globalen Warenströme nicht absprechen, aber meiner Meinung nach ist diese Form des Wirtschaftens nur um den Preis der
    latenten Übernutzung von Ressourcen bzw. des permanenten Wirtschaftens am Limit zu haben. Ohne Chance, alternative Wege
    probieren zu können. Meiner Meinung nach ist es heute und in der Zukunft wenig hilfreich, eine Horde von 20 Zwischenhändlern
    zu „mästen“, deren „Leistung“ allein darin besteht, über Preisunterschiede Bescheid zu wissen. Die könnten ihren Grips auch in sinnvollere Sachen stecken.

    So, und jetzt noch etwas Häme aus berufenem Munde:

    “Während der einem zynischen Realismus verfallene Marktmensch sich einbildet, das aufgeklärteste Wesen der Welt zu sein, läßt er nahezu alles mit sich machen, nimmt die unglaublichsten Zumutungen fatalistischer hin als ein orientalischer Mystiker und läßt sich größeren Unsinn einreden als ein mittelalterlicher Bauer. Weil er jeden Maßstab verloren hat, kann er weiß und schwarz nicht mehr unterscheiden; und ob ihm etwas weh tut, muß er den Diagnosen von Experten oder der Statistik entnehmen. Erst dieser komplette, seiner kritischen Vernunft beraubte und entmündigte Idiot ist reif für eine flächendeckende Marktwirtschaft, an deren »Gesetze« er glauben darf wie der feudale Hintersasse an die Realexistenz von Hölle und Fegefeuer.”

    http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf

  5. BerndK sagt

    Gibt es auch globale Märkte für Bio Nahrungsmittel? Wenn ja, wie funktionieren die?

    • Bauer Willi sagt

      Meines Wissens gibt es solche Märkte nicht. Die Supermärkte kaufen Bio-Produkte meist direkt beim Erzeuger und machen dort Verträge. Sicherlich gibt es auch Bündler für solche Produkte (Großhändler), aber Börsen wie MATIF oder CBot sind mir nicht bekannt.
      Bauer Willi

  6. Sabine sagt

    Ich trau mich ja fast gar nicht, …aber der Derivathandel ist per se nicht schlecht. Er löst das Risiko vom gehandelten Gegenstand und entstand als eine Art “Versicherung des Handels” gegenüber Kursschwankungen etc.
    Wenn man den Analysen der Ermittler in der Bankenkrise trauen darf, ist der eigentliche Grund der Krise die sich immer weiter ausdehnende Einkommensungleichheit in den Industrieländern. Statt auf die Spekulanten zu schimpfen und die Banken wegen ihrer Kreditvergabepolitik zu schelten, sollten wir vielleicht mehr über Einkommensgerechtigkeit reden.
    Gerechtigkeit ist kein Nice-To-Have in einer Gesellschaft, sondern ein Must-Have, nicht weil es moralisch wichtig wäre, sondern weil langfristig nur so gute Geschäfte in stabilen Volkswirtschaften gemacht werden können. Und Gerechtigkeit ist nicht Sache von Industrie und Handel, sondern von Politik.
    … hab ich jetzt gerade die ganz fetten Katzen verteidigt? Ups, sorry.
    Dann vielleicht vereinfacht und für alle Bereiche:
    Zu viel Raffzahn nagt den Ast ab auf dem der Gewinn wächst.
    Da darf sich dann auch der Spekulant angesprochen fühlen.

    • Bauer Willi sagt

      Du musst Dich nicht entschuldigen. Ich persönlich bin froh, dass ich einen Teil des Risikos über Vorkontrakte mildern kann. Denn meinen Vorkontrakt kauft ja auch irgendwer, der meint, dass der Preis in Ordnung ist. Ich muss mir den halt nicht suchen, sondern der findet mich auf der Börse. Und Börsen sind ja was uraltes. Und alles “von früher” ist ja immer gut 😉

      Bauer Willi

  7. Christian sagt

    Der Handel mit reinen Papieren ohne Bezug zur Ware gehört wirklich verboten. Dies war ja auch der Grund für die Krise 2008. Irgendwo ganz zum Schluss standen schon richtige Immobilien, aber dazwischen lagen xx Stufen nur Papier mit Aufschläge.
    Genauso ist es mit Agrargütern. Diese werden ja x-male öfters gehandelt als sie produziert werden.
    Willi, stimmt die Zahl die ich im Kopf habe, dass die Agrargüter rund 20mal öfters gehandelt werden als sie produziert werden?

    • Bauer Willi sagt

      Die Zahl stammt von der CBot und bei Mais ist das wohl auch so. Und ob es 18 mal oder 20 mal ist, spielt da auch keine Rolle. Schon pervers, und wir Landwirte haben nichts davon.

  8. bauerhans sagt

    die landwirtschaft weltweit hat jetzt mehrere jahre sehr gute ernten eingebracht und es gibt überschüsse!
    zwar nur geringe,aber damit lässt sich das preisgeschehen beeinflussen.

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