Bauer Willi
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Zielkonflikt: Hagelschaden oder Hagelschutz?

Vor 10 Tagen hat es in Südtirol, im Gebiet um den Kalterer See, gehagelt. Da ich dort zwei Freunde habe, Toni Ortler und Klemens Kössler, habe ich mir das angesehen und den beiden ein paar Fragen gestellt.

Die Hagelschauer dauerte nur rund 15 Minuten, die Hagelkörner waren nicht mal kirschgroß, aber die Dauer reichte, um im Zentrum des Hagelgebietes beim Wein sämtliche Blätter zu zerstören und auch Schäden am Holz zu verursachen. Die Trauben sind nicht mehr verwertbar. Totalschaden

Bei den Äpfeln sieht man den Schaden auf den ersten Blick nicht. Zwar haben die Blätter auch Löcher und Risse, aber dies sieht man erst, wenn man sich die Bestände genauer ansieht. Die Früchte haben etwa die halbe Endgröße, aber durch die Einschläge überall Druckstellen, die natürlich nicht wieder auswachsen. Die fertigen Früchte sind zur Ernte nur noch für die industrielle Verarbeitung (Saft, Kompott) zu gebrauchen, denn der Kunde mag nur optisch lupenreine Früchte.

Im Gebiet sieht man einige Flächen mit Hagelschutznetzen. Ich habe Toni und Klemens gefragt, warum sie bisher noch keine solchen Netze haben. Antwort: „wir sind keine Freunde von sowas, aber wir werden wohl nicht mehr darum herum kommen“ Die Investition von rund 25.000 €/ha ist nicht gerade billig sind, auch wenn sie 20 Jahre halten sollen. Wie beide bestätigen, verändern die Netze auch das Kleinklima (Temperatur und Einstrahlung) und haben auch, woran man erst einmal nicht denkt, auch Einfluss auf das Tierleben. So können Greifvögel beispielsweise nicht mehr ihre Beute greifen. Aber auch andere Vögel können nicht mehr in den Bestand. So fühlen sich Mäuse unter dem Schutz der Netze besonders wohl. Die Vogelschutznetze sind aus Kunststoff, müssen also nach Gebrauch entsorgt werden. Auch das hat die Beiden bisher davon abgehalten,  Hagelschutznetze anzuschaffen. Schließlich gibt es in Südtirol gesetzliche Vorgaben, welche Farbe die Netze haben dürfen. Die meisten sind schwarz. (Anders im Bodenseegebiet, wo diese weiß oder schwarz sind.)

Das schwierigste Thema beim Hagelschutz ist etwas anderes. Südtirol wird nicht nur durch Obst- und Weinbau geprägt sondern eine wichtige Einnahmequelle ist der Tourismus. Von daher gibt es eine Reihe von Zielkonflikten: Die Obstbauern müssen ihre Ernte sichern, die Landschaft soll für die Urlauber attraktiv bleiben und nicht durch die Kunststoffnetze geprägt werden und schließlich sollen auch die Einflüsse auf die Ökologie möglichst gering bleiben.

Von daher finde ich das Verhalten von Toni und Klemens sehr verantwortlich, dass sie bisher auf den Hagelschutz verzichtet haben. Da sich aber die Hagelereignisse in immer kürzeren Intervallen wiederholen, habe ich auch Verständnis dafür, dass sie nicht weiter mit der Angst vor dem Verlust leben wollen. Schließlich ist ihre Werkstatt nicht überdacht…

Euer Bauer Willi

(P.S.: Wir haben auch über die Hagelversicherung gesprochen. Die entschädigt zwar den größten Teil eines Schadens, aber ist keine Lösung des Problems)

 

Hagelschutznetze: Bild vom Bodenseegebiet

 

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3 Kommentare

  1. Obstbäuerin sagt

    Wir können uns weder die Hagelversicherung noch die Netze leisten. Es ist jedes Jahr ein bisschen wie Negativ-Lotto. In den letzten zwei Jahren waren wir – zum Glück – nicht betroffen.

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Die Universitätsprofessoren Hirschhauer(Halle-Wittenberg) und Mußhof (Göttingen) haben in einer Analyse festgestellt, dass eine steuerliche Risikoausgleichsrücklage wesentlich effektiverer wäre, als eine subventionierte Versicherung, bei der ein Teil der Gelder in der Versicherungswirtschaft hängen bliebe.

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  2. Ehemaliger Landwirt sagt

    Bei uns in Mittelbaden kommt man eigentlich nicht um Hagelnetze herum. Ein Tal weiter gibt es Betriebe die hatten 3 Jahre hintereinander Hagelschaden. Anders als in Italien und anderen EU Ländern beteiligt sich der Staat nicht an den Kosten einer Hagelversicherung, das bedeutet, eine Hagelversicherung im Obstbau ist nicht bezahlbar. Dazu kommt noch, dass das Finanzministerium nicht bereit ist steuerfreie Rücklagen für die Betriebe zu bilden. Jahrelang wurde mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister Schäuble darüber verhandelt, er hat immer abgelehnt.

    Für Fachfremde, steuerfreie Rücklagen heißt nicht, dass keine Steuern bezahlt werden müssen, sondern bei sehr guten Erlösen könnte man ein Teil in die Rücklage geben und erst bei schlechten Ernten aus der Rücklage entnehmen und versteuern.

    Im Weinbau ist die Hagelversicherung noch bezahlbar.

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