Bauer Willi
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Macron, Le Pen und die Landwirte

Der Ausgang der Wahl in Frankreich hat nicht nur für Europa eine große Bedeutung. Ich habe deshalb Marian E. Finger (“Fingerphilosoph”) mit Wohnsitz in Frankreich gefragt, ob sie uns aus ihrer Sicht erläutern kann, wie die Franzosen denken und warum Marine Le Pen einen solch starken Zulauf hat. Und wie immer: Der Text stellt die Meinung der/der Autor/in dar.

Macron oder Le Pen?

Eins muss man Marine Le Pen lassen: Sie hat sich mit dem Wahlkampf viel mehr Arbeit gemacht als der Titelverteidiger Emmanuel Macron. Das kann man auch von Jean-Luc Mélenchon, Valérie Pécresse, Anne Hidalgo und den anderen aus der 1. Wahlrunde sagen. Emmanuel Macron hatte schließlich anderes zu tun. Zuerst musste er die Pandemie bekämpfen und die Ungeimpften wahlweise “in die Scheiße reiten” oder ihnen “auf die Eier gehen”, je nachdem, wie man seinen viel diskutierten Ausspruch nun übersetzen will. Und danach hatte er auch keine Zeit für den Wahlkampf, weil er ständig mit Putin telefonieren musste. Das ging so weit, dass wir hier schon Wetten abgeschlossen haben, ob er seine Kandidatur für das Präsidentenamt überhaupt noch rechtzeitig einreicht oder den Termin verpennt. Während sich der Präsident also vornehm zierte, waren die Anhänger von Eric Zémmour schon fleißig dabei, Straßenlaternen und Garagentore mit dem grinsenden Konterfei des Noch-rechter-als-rechts-Kandidaten zu bekleben.

Ein einsamer Planet

Die Republikaner und die Sozialisten, also die gemäßigten Parteien, haben in den letzten Jahren in Frankreich eine erstaunliche Talfahrt hingelegt. Sie spielen im Roulette um die Macht kaum noch eine Rolle. Es ist, als hätten CDU und SPD mit der AfD und den Linken die Positionen getauscht. Olaf Scholz zwischen Alice Weidel und Sahra Wagenknecht. Emmanuel Macron ist ein einsamer Planet in einem parteipolitisch leeren, von extremen Kräften begrenzten Kosmos.

In der ersten Wahlrunde ging es darum, ob Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen von der extremen Rechten oder Jean-Luc Mélenchon von der extremen Linken antreten wird. Der Wettlauf um die Teilnahme am Finale war ziemlich knapp. Marine Le Pen brachte es auf 23,1%, Jean-Luc Mélenchon auf 22%. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mélenchon-Wähler in der Stichwahl für Marine Le Pen stimmen werden, obwohl es in den Wahlprogrammen der beiden durchaus Überschneidungen gibt. Schon eher, dass Macron hier abräumen wird. Dafür wird Marine Le Pen die Stimmen des Populisten Eric Zémmour einheimsen. Aber das waren ja nur schlappe 7,1%.

Der einsame Planet hat einen Namen: Jupiter. So wird der Präsident hierzulande genannt. Wenn man, typisch deutsch, nachfragt, ob damit der römische Hauptgott oder der größte Gasplanet in unserem Sonnensystem gemeint ist, erntet man ein indigniertes Lächeln. Die französische Höflichkeit verbietet es, hier ins Detail zu gehen. Doch ob Hauptgott oder aufgeblasenes Gestirn am Nachthimmel, eigentlich sollte Emmanuel Macron mit der Wiederwahl keine Probleme haben. Leider ist es nicht ganz so einfach.

Die Erfolgreichen und die Abgehängten

 In Frankreich klafft die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf, als man sich das in Deutschland vorstellen kann. In der Stichwahl wählen die Erfolgreichen Emmanuel Macron. Die Abgehängten und Unzufriedenen wählen Marine Le Pen. Es gibt viele, die unzufrieden sind, und das oft sogar zu Recht. Und es werden immer mehr. Die Gelbwesten sind nicht mehr so laut, aber verschwunden sind sie deshalb noch lange nicht.

Zu den Abgehängten gehören die Bewohner ländlicher Gegenden, vor allem dort, wo der Tourismus keine Rolle spielt. Leer stehende Läden mit blinden Fensterscheiben mitten im Dorfkern sind schon ein trauriger Anblick. Zu den Abgehängten gehören auch viele Landwirte. In Frankreich spielt die Landwirtschaft eine größere Rolle als in Deutschland. Fast 30 Millionen Hektar Land werden von rund 400.000 Landwirten bewirtschaftet. Sie haben dieselben Probleme wie die Landwirte in Deutschland. Laut einer Studie der Mutualité Sociale Agricole, einer Art Sozialversicherung, beträgt das jährliche Durchschnittseinkommen eines Landwirts 15.000,- Euro. Das ist nicht gerade viel.

Marine Le Pen macht nicht den Özdemir, sondern sucht den Kontakt mit den Bauern. Wenn irgendwo eine Landwirtschaftsmesse ist, hat man gute Chancen, sie dort anzutreffen. Ich habe ein paar Punkte aus ihrem Wahlprogramm, die Landwirtschaft betreffend, zusammengestellt:

Die Chefin der Rassemblement National sieht die französische Landwirtschaft durch drei Faktoren bedroht:

  1. von der Realität abgekoppelte Umweltpolitik
  2. zu große Konkurrenz
  3. überbordende Bürokratie

Bei der Wahl 2017 hat Marine Le Pen noch vom Frexit geträumt, doch davon ist inzwischen keine Rede mehr. Der European Green Deal und “Farm to Fork” ist in ihren Augen allerdings eine “folle stratégie” (irrwitzige Strategie), die sie durch ein nationales Maßnahmenpaket unterlaufen will. Die Landwirtschaft soll aus Freihandelsabkommen (wie CETA) herausgenommen und durch staatliche Maßnahmen geschützt werden. Für landwirtschaftliche Importe aus Nicht-EU-Ländern sollen dieselben Qualitätsstandards und Normen wie für EU-Erzeugnisse gelten. Die Herkunftsbezeichnung soll obligatorisch werden. Kantinen sollen verpflichtet werden, 80% der Produkte aus dem Inland zu beziehen. Landwirtschaftliche Flächen dürfen nicht für urbane Projekte herhalten.

Und weiter: Der Einsatz von Pestiziden darf nicht verboten werden, wenn kein gleichwertiger Ersatz zur Verfügung steht, sowohl was die Wirksamkeit als auch die Wirtschaftlichkeit betrifft. Wo Pestizide verboten sind, bspw. in der Nähe von Wohnsiedlungen oder Wasserläufen, soll es für die Landwirte Entschädigungen geben. Der Handel soll verpflichtet werden, Mindestpreise für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu bezahlen. Staatlich unterstützen will sie besonders die Tierhaltung, die Erzeugung pflanzlicher Proteine (Bohnen, Erbsen) sowie den Gemüse- und Obstbau.

Bis zum Ukraine-Krieg war Emmanuel Macron voll auf der Linie der europäischen Klimaretter. Die Transformation der Landwirtschaft in eine nachhaltig-ökologische zur Rettung des Klimas war ihm ein Anliegen. Die landwirtschaftliche Produktion sollte insgesamt um 13% schrumpfen. Jetzt will er, dass die Produktion gesteigert wird.

Und nun die Gretchenfrage: Wen würdet ihr denn wählen als Landwirt in Frankreich? Emmanuel Macron oder Marine Le Pen?

Ich glaube allerdings nicht, dass Marine Le Pen  die Stichwahl gewinnen wird. Dass es in Frankreich zwei Wahldurchgänge gibt, wurde mir von Einheimischen seinerzeit so erklärt: Der 1. Wahlgang ist dazu da, dass die Wähler ihre Wut rauslassen und ungeliebte Politiker abwatschen. Da wählt der Franzose emotional. Der 2. Wahlgang dient dazu, die Politik für die nächsten fünf Jahre festzulegen. Da wählt der Franzose rational. Wenn Le Pens Programm hinsichtlich der Landwirtschaft für einige hier auch vernünftig klingen mag, wäre ihre Wahl gesamtpolitisch wohl trotzdem unvernünftig. In der jetzigen Situation können wir uns eine Schwächung der europäischen Position schlichtweg nicht leisten. Deshalb dürfte nach der Wahl vor der Wahl sein. Mit demselben Präsidenten wie bisher: Emmanuel Macron.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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17 Kommentare

  1. Eckehard Niemann sagt

    Bauern in Frankreich offenbar verantwortungsbewusster als manche Kommentatoren auf dieser Web-Seite:
    ——-
    Stichwahl in Frankreich
    Landwirtschaftsverbände tendieren zu Macron —–
    Zwischen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und seiner rechtsextremen Herausforderin Marine Le Pen geht es am Sonntag in die Stichwahl. Französische Landwirtschaftsverbände tendieren zu Macron. ——–
    TOP AGRAR – 23.04.2022 08:00 von Agra Europe (AgE) ——-

    https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/landwirtschaftsverbaende-tendieren-zu-macron-13079244.html

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  2. Daniel Wegener sagt

    In Frankreich geht es – entgegen der Stimmungsmache von Le Pen- trotz Corona-Pandemie aufwärts. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand seit 2015, die Kaufkraft ist über alle Schichten hinweg gestiegen.
    Klar, die Zukunft in ganz Europa wird nicht einfacher. Immer mehr Rentner, weniger Arbeitnehmer ( Le Pen will das Rentenalter trotzdem auf 60 senken – nicht finanzierbar) , Konkurrenz aus Asien, ein verbrecherischer Angriffskrieger im Kreml – da ist viel zu tun.
    Mit Le Pens nicht finanzierbarem Populismus würde Frankreich nicht zukunftsfähig sondern starr und rückwärts gewandt.

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  3. Ludwig sagt

    Aus rein ldw. Sicht wäre natürlich Le Pen vorzuziehen. Ein Europa der Vaterländer war eh die Sicht der Eurogründer , während heute meint die EU-Kommission die Macht zu haben und das ohne Legitimation der Wähler , also fast eine Diktatur. Das hätte natürlich der Sozialist Timmermann gerne , aber dieser Weg führt nachhaltig in die Irre. Das aufgebaute Bürokratiemonster von der EU wird die EU eher sprengen als einigen. Deshalb sehe ich hier
    Le Pen als besser an , weil sie sich von “Unten”die Wählerstimmen erarbeitet hat, während Macron alles mit Sprüchen und Weltläufigkeit von “Oben” versucht zu erreichen. Le Pen schaut dem “Volk aufs Maul”und alles was sie heute sagt läst sich sowieso nicht durchsetzen. Für uns Bauern ist ihr Ansatz zur Landwirtschaft unseren Vorstellungen näher als Macrons. Warum sollte sie keine Chance eingeräumt bekommen ? denn die nächste Wahl kommt bestimmt. Dort würde sich der Erfolg ihrer Politik ja zeigen.Für uns Bauern ist jedenfalls die jetzige EU-Politik vernichtent und ohne Perspektive.

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    • Bauer Willi sagt

      Nur weil sie uns Bauern nach dem Mund redet, ist sie keine Alternative zu Macron. Ebenso wenig, wie die AfD eine “Alternative für Deutschland” ist.
      Es zählt ja nicht nur die Agrarpolitik.

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      • Am Ende des Grünen Regenbogens sagt

        Macron ist eine Marionette Klaus Schwabs. Genau wie z.B. Scholz, Merkel, von der Leyen, Lagarde, Juncker, Draghi, Trudeau, Spahn, Sebastian Kurz, Jennifer Morgan, Baerbock, Sarkozy, zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Cem Özdemir, Thomas de Maizière, Magdalena Andersson, Wolfgang Schäuble, Philipp Rösler, Altmaier, Sigmar Gabriel, Helge Braun, Alexander Schallenberg, Söder, Andrzej Duda, Boris Johnson, Tony Blair, Kyriakos Mitsotakis, Jean Claude Juncker, Gordon Brown, David Cameron, Theresa May, Jacinda Ardern, Mark Rutte und etwa 4000 andere Mitglieder des “WEF” in Davos.

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    • Christian Bothe sagt

      @Ludwig.Sehe ich ähnlich insbesondere was die EU und ihr Alleinvertretungsanspruch gegenüber den Nationalstaaten betrifft! Die Gründungsväter des EWG haben es sicher nicht so gewollt wie sich dieses Bürokratiemonster etabliert hat, und insbesondere unsere LW „massakriert!“Und sie will sich immer noch vergrößern mit solchen Staaten wie Ukraine u.a., obwohl H.Schmidt einmal sagte,was diese in der EU verloren haben…Vieles erinnert bei diesem Verein mittlerweile an den RGW…Bin gespannt wie man in Frankreich wählt.

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      • Inga sagt

        Um das zu beurteilen, müsste man die Mentalität von dort kennen.
        Und wissen, ob die sich seit Schmidts Zeiten verändert, bzw. In unserem Sinne modernisiert hat.

  4. Hans Gresshöner,Landwirt sagt

    1975 war ich in der Ille de France auf einem 300ha Betrieb,der zusammen mit seinen zwei Nachbarn 1000ha mit 300ha Zuckerrüben bewirtschaftete.
    In der Küche gabs eine Köchin,die “blutiges” Rindfleisch zubereitete,bedient wurde man von einer Dame mit Spitzenhäubchen.
    Die Landarbeiter (Chaffeur Tracteur) hausten in herunter gekommenen Kotten hinter dem Betrieb.
    Ich war damals geschockt.

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    • Inga sagt

      Noch 1975
      und wie alt war der Betriebsleiter?

      Bei uns gab es damals oder etwas früher wohl auch noch so einen Betrieb, der Sohn ist vom Studieren nie nach Hause gekommen. Hat seine Karriere auf einer Landwirtschaftskammer gemacht und der Betrieb wurde verpachtet..

  5. Mark sagt

    Macron könnte Le Pen ja zur Landwirtschaftsministerin machen. Auf europäischer Ebene als Gegenpol zu Chem wäre dies sicherlich nicht das Schlechteste 🙂

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    • Bauer Willi sagt

      Na, ich weiß nicht, ob die sich vertragen. Da würde ich gerne mal erleben, wie Diskussionen ablaufen. Zwei Fundamentalisten.

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    • Marine Le Pen hat keine Ahnung von der Landwirtschaft.

      Und Julien Denormandie boxt in des Schwergewichtlerkategorie.

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