Bauer Willi
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Insekten mögen´s unordentlich

Ein Gastartikel von Ludger Weß

Dr. Ludger Weß hat Biologie und Chemie studiert und als Molekularbiologe an der Universität Bremen geforscht. Er schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie und beriet u.a. den deutschen Bundestag, den Landtag Schleswig-Holstein sowie Greenpeace in Sachen Gentechnik. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation unterstützt. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller „Oligo“ und „Vironymous“ bei Piper Fahrenheit (https://www.piper.de/autoren/ludger-wess-4923). Seit 2016 schreibt er privat für den Blog „Salonkolumnisten“ (www.salonkolumnisten.com).

Ein Faktor, der den Insekten das Leben schwer macht, ist das Verschwinden von Lebensräumen, die Insekten gerne besiedeln: vegetationsarme Böden, die im Sommer schnell heiß werden, Überschwemmungsgebiete, Abbruchkanten, Schutthalden, Pfützen und Dreck wie Misthaufen, Kuhfladen, Aas, Müll und Dung. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Insekten Blumenwiesen, Blühstreifen und saftiges Grün lieben. Das sind Lebensräume für wenige Spezialisten. Die meisten Insekten sind Extremisten – ihre Larven lieben es karg und öde oder fett und stinkend, knochentrocken oder staunass, nicht aber die über einen Zierrasen gesäte Bienenweide oder Insektenhotels, die Städter gern für das Nonplusultra des Insektenschutzes halten. Viele sind auf Futterpflanzen spezialisiert, die auf nährstoffreichen Blumenwiesen oder Blühstreifen gar nicht wachsen. Schmetterlinge mögen blühende Pflanzen in Parks und Ziergärten lieben, ihre Raupen dagegen brauchen ganz etwas anderes.

Barbara Hendricks, Ex-Umweltministerin, brachte das insektenfeindliche Denken des deutschen Naturschutzes 2015 unkenntnisreich auf den Punkt, als sie 31.000 Hektar „an die Natur“ zurückgab. „Viele Flächen, die einst Sperrgebiet waren, brauchen wir nicht mehr für militärische Zwecke“, sagte sie 2015 in einer Pressemitteilung. „Wir haben das Glück, dass wir diese Flächen heute der Natur zurückgeben können. Wir wollen dieses Erbe der Natur für künftige Generationen bewahren.“ Das sei eine „historische Chance“. Die war es in der Tat – die historisch einmalige Chance, den Artenreichtum der früher regelmäßig durchwühlten, karstigen Truppenübungsplätze durch die „Rückkehr der Natur“ kaputtzumachen.

Zuviel Grün schadet nur

Deutschlands Artenreichtum geht zurück auf eine Zeit, in der das Land kaum bewaldet war. Bäume wurden als Brennmaterial, für die Erzgewinnung, für Kohlegruben und zum Bau von Straßen, Wegen, Hütten und Befestigungen benötigt. Wald, der übrig gelassen wurde, diente als Viehweide und hatte kaum Unterholz. Dem Vieh urbares Land als Weide zu überlassen, wäre niemandem in den Sinn gekommen – man brauchte alles verfügbare Land, um Nahrung anzubauen. Humusreicher Waldboden wurde „abgeplackt“ und auf den Äckern verteilt. Der Boden war nährstoffarm und es gab keine Pestizide – daher war die Ernte schlecht und fiel regelmäßig Schädlingen und dem allgegenwärtigen Unkraut zum Opfer. Die wiederkehrenden Hungersnöte beweisen das ebenso wie zeitgenössische Stiche und Gemälde.

Die Wälder waren licht, vorherrschend waren Offenlandschaften, geprägt durch Abbruchkanten, Felsen und Sandflächen. Es gab ausgedehnte Sümpfe und Moore. Auf solchen Flächen siedelten zahllose Insekten, die an diese Umwelt angepasst und auf sie angewiesen waren. Solche Biotope gibt es heute nur noch dort, wo die böse Industrie am Werk war: in Steinbrüchen, Tongruben, Baggerlöchern, auf Truppenübungsplätzen, Industriebrachen und Abraumhalden – alles keine Orte, die das grüne Herz deutscher Waldromantiker höher schlagen lassen.

Diese Fakten interessieren grüne Populisten nicht. Für sie ist klar: Die Landwirtschaft ist schuld, mit ihren Pestiziden und vor allem mit Glyphosat. Es gibt zwar weder Daten, die das untermauern (ganz im Gegenteil) noch einen plausiblen Wirkmechanismus, aber solche Petitessen interessieren auch keinen Impfgegner, der nicht vorhandenes Quecksilber in Impfstoffen für die Ursache von Autismus hält. Wenn es Grünen und organisierten Umweltschützern wirklich ernst mit dem Schicksal der Tiere wäre, hätten sie z.B. längst für die flächendeckende Einführung von Natriumdampflampen gesorgt. Einer Studie der Universität Mainz zufolge sterben allein wegen der nächtlichen Beleuchtung, die Insekten desorientiert, binnen dreier Sommermonate pro Jahr in Deutschland fast 92 Mrd. Insekten. Es geht – wie im Fall des Amphibiensterbens, das durch ein Virus verursacht wird (am Pranger standen Pflanzenschutzmittel) – nicht um echte Ursachenforschung, sondern um Schuldzuweisung, die nichts anderes ist als Lobbyarbeit für die Biolandwirtschaft. Denn sobald sich zweifelsfrei herausstellt, dass es eben nicht Glyphosat ist, das Tiere sterben lässt, wird das Thema fallen gelassen. Das Sterben geht zwar weiter, aber es ist nicht mehr kampagnenfähig.

Trennung ist die Lösung

Wer die Vielfalt der Insekten wirklich erhalten will, muss zweierlei fordern. Erstens muss weiter geforscht werden, um die Frage zu klären, ob Insekten tatsächlich verschwinden und wenn ja, welche und warum. Zweitens: Vernunft statt Populismus. Weder ein Verbot aller Pestizide noch Umstellung auf 100 Prozent Bio noch Blühstreifen und Lerchenfenster werden die von unseren Vorfahren in Zeiten von Hunger und Not geschaffenen wüsten Landschaften zurückbringen, auf denen die Artenvielfalt der Pflanzen und Insekten in Deutschland beruht. Es gibt nur einen Weg: Gebt Landwirten und Landespflegern Flächen und Geld und lasst sie diese Biotope mit Hilfe ihrer Maschinen und ihrer Expertise wieder auferstehen – getrennt von intensiv genutzten Flächen.

Überlasst die Truppenübungsplätze nicht der Natur, sondern den SUV-Fahrern und, liebe Gemeindeverwaltungen, macht einfach mal nichts: Für die Artenvielfalt ist es besser, wenn ihr eure Extrembiotope – Deiche, Verkehrsinseln und die Randstreifen der Wirtschaftswege – nicht mäht und wenn ihr Brachflächen einfach so lasst, statt sie in Parks zu verwandeln. Und auf der anderen Seite fördert bitte eine Landwirtschaft, die auf geringer Fläche hoch produktiv ist – mit Hightech und allen verfügbaren Technologien. Nur so kann Raum für Insekten und andere Tiere geschaffen werden. Wenn ihr dann noch die Beleuchtung eurer Gemeinden insektenfreundlich gestaltet, gibt es auch wieder Insektenplagen.

Dr. Ludger Weß

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36 Kommentare

  1. fingerphilosoph sagt

    Bei all dem Gedöns um Wald-, Vogel-, Insektensterben geht es nicht um das Wohl von Wäldern, Vögeln oder Insekten, sondern darum, dass der Mensch die Natur vollständig unter Kontrolle bringen will. Ökosysteme bzw. die Natur als Ganzes hat nicht mehr das Recht, sich über Selbstorganisation selber zu regeln, sondern sie hat zu tun, was der Mensch will. Es dürfen nicht mehr so viele Nadeln an der Fichte wachsen, wie eben wachsen, sondern der Mensch legt fest, wieviele Nadeln eine „gesunde“ Fichte zu haben hat. Der Mensch legt fest, wieviele Vögel und wo es wieviel Insekten zu geben hat.

    Wenn die Natur die menschlichen Vorgaben, wie Natur auszusehen hat, nicht erfüllt, dann ist sie krank, gestört, aus dem Gleichgewicht und muss vom Menschen geheilt, entstört und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

    Wie Bauer Willi sagt, man kann die Natur nicht sich selbst überlassen, weil sonst in 100 Jahren überall Wald ist. Das geht ja gar nicht. Deshalb muss man laut Bauer Willi gewisse Zonen wieder zerstören. Dann können wieder ein paar Menschen gestalterisch tätig werden und künstlich Sandgruben, Bauschutthalden und Truppenübungsplätze anlegen.

    Wenn die Natur vollständig bis zum letzten Kieselstein und zur letzten Pfütze nach menschlichem Gutdünken durchgestylt ist, dann fängt wahrscheinlich das große Bakteriensterben an. Dieselben Diskussionen wie jetzt über Insekten werden dann über Bakterien geführt, die Bakterien gezählt, das Verschwinden der Bakterienvielfalt beklagt, Bakterienschutzverordnungen erlassen und Bakterienschutzbereiche angelegt. Und dann endlich hat der Mensch die Welt im Griff. (Ironie off)

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  2. Obstbäuerin sagt

    Vor lauter Frohsinn über die Möglichkeit, das Insektensterben zu stoppen, scheint hier mancher den letzten Satz von Dr. Weß zu überlesen. Alle diese Maßnahmen führen auch dazu, dass es »wieder Insektenplagen gibt«. Mir reicht schon die Vogelplage im Moment, die uns bis jetzt 4 Tonnen Kirschen vernichtet hat. Insektenplagen sind nicht harmlos und können ganze Ernten vernichten. Damit wäre auch bei uns die Ernährungssicherheit nicht mehr gewährleistet. Außerdem würde das Risiko für den Landwirt enorm steigen, sein Einkommen an fliegende und krabbelnde Mitesser zu verlieren. Wer ist dann noch bereit, diese Arbeit zu verrichten? Oder muss dann alles unter Netze, Glas und Folie?
    Wenn schon heute 80% der Insekten vernichtet sind und unser Ökosystem trotzdem funktioniert, reichen die verbliebenen 20% offensichtlich aus. Und bevor der Mensch vor lauter Hunger die Landschaft ausgeräumt und den Insekten mehr Raum gegeben hat, gab es ja auch viel weniger. Auch wenn ich Schmetterlinge, Bienen und Vögel mag, wünsche ich mir keine Raupenplage und keine Starenschwärme in unseren Anlagen.

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    • Hans-Günter Felser sagt

      Obstbäuerin, muss man zu einer scherzhaften Bemerkung auch noch „Scherz“/“Zynismus“ dazuschreiben? Von Insektenplagen sind wir weit entfernt und wenn die Natur aus der Balance gerät, dann hat das meist menschlich bedingte Gründe. Ihre Beschreibung apokalyptischer Hungersnöte wird sicherlich eintreten (bzw. ist woanders Alltag), aber eher wegen Kriegen, Misswirtschaft, Gier und Unverstand. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, dass Menschen beim Anblick von Schmetterlingen in Verzückung und beim Anblick von Raupen in den Kriegsmodus geraten. In vielen Gärten, aber besonders in der Landwirtschaft ist die Sprache eine Kriegssprache. Unsere Mitgeschöpfe haben aber auch eine Überlebenschance verdient, sie sind nicht beliebig entbehrlich, alles hat einen Zusammenhang. Unser Ökosystem „funktioniert“ eben ganz und gar nicht mehr. Ich freue mich aber sehr, wenn ihre Apfelblüte dieses Jahr gut bestäubt wurde. Wegen Wildbienen und Hummeln ist das in meinem Garten auch der Fall. Möge es so bleiben!

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      • Bauer Willi sagt

        Das mit den Raupen stimmt. Die sind unerwünscht. Aber das ein Zusammenhang zwischen Raupen und Schmetterlingen besteht ist vielen unserer Mitmenschen wirklich nicht mehr gegenwärtig! Da hilft nur (Fort-)Bildung. Und dann könnte man noch über Spinnen reden, aber das sind ja keine Insekten und trotzdem extrem wichtig. In diesem Jahr übrigens jetzt schon sehr zahlreich zu beobachten, in unserem Weizen zum Beispiel. Möge es so bleiben.
        Bauer Willi

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs, das Landkärtchen oder der Admiral sind zwingend auf die Brennnessel angewiesen, wer hat schon Brennnesseln in Garten, wenn dann noch der Bauer von nebenan Brennnesseln auf seinem Gelände stehen hat, dann ist er ein Brennnesselbauer.

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          • Sabine Norbisrath sagt

            Ich, ich hab echt viele Brennnesseln, ich find die nicht schlimm. Wo die Zwerge zu sehr scharren, kommen halt Brennnesseln. Wo sie mir anfangen auf den Nerv zu gehen, zieh ich sie aus, Deck es eine Weile ab und säh neu ein.

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          • bauerhans sagt

            hier,ich auch!
            ich hatte letzte woche nen neuen rasenmäher gekauft (ztrak) und gehe jetzt stufenlos gegen die brennesseln vor.

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      • Obstbäuerin sagt

        Herr Felser, für mich ist das keine scherzhafte Bemerkung sondern bitterer Ernst. Wir haben durch die Starenplage, die sich natürlich nur entwickeln kann, wenn genügend Insekten vorhanden sind, schon Verluste in diesem Jahr in Höhe von mehr als 10.000 €. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mit der Kriegssprache haben sie nicht ganz unrecht. Wir verteidigen unsere mit viel Arbeit verbundenen Kulturen zusätzlich zu Schädlingen gegen Wildschweine, Hirsche und Vögel. Wahrscheinlich werden wir den Anbau von Süßkirschen reduzieren und den Rest einnetzen, wenn wir uns das noch leisten können. Was die Bestäubung der Apfelblüten betrifft ist es in drei von vier Jahren so, dass die Befruchtung viel zu hoch ist und das Problem der Ausdünnung gelöst werden muss. Mit Gier hat unsere Arbeit absolut nichts zu tun. Wir sind froh, wenn wir alle Rechnungen bezahlen können.

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        • Lieschen Müller sagt

          Ich mag die Beschreibung deiner Arbeit, denn im Grunde wollen alle an die schmackhaften Früchte: Würmer, Läuse, Fliegen, Vögel, Marder, Wildschweine, menschliche Diebe.
          Bis man da was verkauft, bzw. geerntet und eingeweckt hat für den Winter, muss man sich ganz schön anstrengen.

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  3. Friedrich sagt

    Toller Artikel, aber die Politik hat die Gesetze falsch verabschiedet. Die Abdeckung der Misthaufen und Güllebehälter muß danach wieder rückgängig gemacht werden. Auch die bodennahe Ausbringung der Gülle ist zu überdenken. Man kann eben nicht alles haben. Da muß ein Kompromiss zwischen Nitrat und Insekten gefunden werden ? Daran kann man sehen das unsere grünen Ideologen keine Ahnung haben . Alles hängt mit allem zusammen. Wir Bauern wissen das seit Generationen und unsere grünen Naseweise wollen uns was erzählen und machen in ihrer Blindwütigkeit Gesetze die absolut negativ für die Umwelt sind. In Zukunft ist es besser erst einmal mit den Bauern zu Reden, als immer alles gleich als Gesetz zu verabschieden.

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  4. Hans-Günter Felser sagt

    Gratuliere, lieber Bauer Willi/ lieber Herr Kremer-Schillings, für diesen Beitrag. Es geht in die richtige Richtung, wiewohl die daraus gezogenen Interpretationen noch zu diskutieren sind. Darauf komme ich gerne zurück. Aber erstmal ein freundliches Dankeschön, dass Sie diesem Thema in Ihrem Forum Raum geben. Ich wünsche einen schönen Tag!

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    • Bauer Willi sagt

      Danke für dieses Lob aus Ihrem Mund. Das freut mich. Da kommt noch mehr…
      Bauer Willi

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    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Sind sie sicher, das sie den Beitrag richtig gelesen haben?

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  5. Stadtmensch sagt

    Ich stimme dem Text voll zu. Erreicht wird damit leider nur, dass der Keil zwischen Befürwortern und Gegnern alternativer Landbewirtschaftungsformen ein Stückchen tiefer getrieben wird. Gartenplaner die Steinwüsten gestalten werden sich bestätigt sehen und Konvi-Bauern, die auf Bodenbedeckung, Gehölzhecken und sonstige Strukturen verzichten ebenfalls. Entlang des „Grünen Bandes“ (ehemalige deutsch-deutsche Grenze), hat man auch „Nichts“ getan und was ist das „schön“ da. Intensiver als jetzt auf ca. 95%
    der Agra-Nutzungsfläche, kann man nicht wirtschaften. Das Ende der Fahnenstange ist sowohl bei der Nutztierzucht als auch beim Nährstoffertrag der Feldfrüchte erreicht.
    Mehr. Geht. Nicht. Unter den gegenwärtigen Umständen (Chemielandwirtschaft) verlieren die Ökosysteme von denen wir leben, jedes Jahr mehr an „Erzeugungskapazität“, als sie selbst neu bilden können.
    Diese Debatte müssen wir führen. Wie können wir mit dem was wir haben besser wirtschaften. Wie können wir uns wo es nur geht von der Fossilenergienutzung befreien und wieder zu kürzeren Kreisläufen zurück kommen und trotzdem ein passables Leben führen.

    4+
    • Inga sagt

      Um die Kreisläufe besser zu verstehen müssen wir aufhören auf Kindergartenneveau zu denken:
      „nicht Ursachenforschung, sondern um Schuldzuweisung“

      machen das erst zunehmende erwachsene Menschen?

      Gut dass mal der Prof. aus Bremen zu Wort kommt!
      Die verschiedenen Insekten sind so vielseitig, wie die verschiedenen Umbegungen, bzw. Lebensräume, wo sie sich entwickelt haben und wohl fühlen, und diese müssen erhalten bleiben, das ist Ökologie.

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    • Heinrich Steggemann sagt

      „Wie können wir mit dem was wir haben besser wirtschaften?“ Der landwirtschaftliche Bereich wird sich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen. Zum Beispiel wenn man sich gesamtgesellschaftlich auf weniger Import und Export in allen Wirtschaftsbereichen einigen würde, um die Kreisläufe zu verkürzen. Nur soweit wird man gar nicht erst kommen, weil dann der grösste Teil der ausserlandwirtschaftlichen Wirtschaft am Boden liegen würde.

      4+
    • Bauer Willi sagt

      @Stadtmensch
      Ich habe etwas über einen Hektar bestes Ackerland an die Gemeinde verpachtet. Als Naherholungsgebiet. Da darf alles wachsen wie es will. Das Gras wird einmal gemulcht, damit das Gras nicht die Kräuter überwächst. Als Pacht und für die Pflege zahlt mir die Gemeinde einen vierstelligen Betrag, der so hoch ist, dass es keine Ackerbaukultur schafft, den erzielten Gewinn aus dieser Fläche zu toppen. Gerne würde ich der Gemeinde meine gesamte Ackerfläche für diese Zwecke zur Verfügung stellen.

      Ich denke, Sie verstehen, was ich damit sagen will. Demnächst kommt ein Video dazu.

      Bauer Willi

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      • Stadtmensch sagt

        Ich weiß 😉
        So ähnlich mache ich es auch, allerdings will die Stadt trotzdem Grundsteuer haben. Ich zahle also drauf für die Weltrettung. Stellplätze für PKW werden im Wohngebiet dringend gebraucht und wären sicher „wirtschaftlich“.
        Noch etwas ist mir zu den Insekten eingefallen: Sie sind doch ein prima Indikator zur Beurteilung von Veränderungen im landwirtschaftlichen Produktionssystem. Je geringer die Artenvielfalt ist, um so schlechter kann man „messen“ was los ist.
        Außerdem habe ich gerade auf meiner täglichen Joggingrunde den Kuckuck gehört. Kein Witz. Neben der Autobahn aus einem kleinen Wäldchen am Feldrand…

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Schön dass sie den Kuckuck gehört haben, wenn man als Bauer nicht aufpasst, dann sieht man ihn als Aufkleber, manche nennen die auch Pfandsiegel. 😉

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        • Bauer Willi sagt

          Und ich habe massenhaft Spinnennetze bei uns im Weizen. Zu dieser Zeit ein seltener Anblick. Freut mich, weil dann die Blattläuse „biologisch“ kontrolliert werden. Das massenhafte Auftreten von Kartoffelkäfern ist mir aber auch aufgefallen. Kommt jetzt jemand, der mir hilft die jetzt von Hand abzulesen? So wie früher…

          Bauer Willi

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    • Obstbäuerin sagt

      Stadtmensch, ich will nicht überheblich sein aber wenn Sie fragen wie können wir mit dem was wir haben »besser« wirtschaften, höre ich eher wie müsst Ihr Bauern die Landwirtschaft umstricken, damit die Kriterien für das, was wir für »besser« halten von Euch erfüllt werden..

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  6. Heinrich Steggemann sagt

    Je unordentlicher es in und rund um ein Wohnhaus ist, um so mehr Insekten bzw. Ungeziefer hat man. In gewissen Bereichen ist ein Grundmass an Ordnung und Hygiene nötig, um als Bewohner nicht zu erkranken ( z.B. das Zusammenspiel von Küchenhygiene und Fliegen etc. ). Wie auf dem Acker stellt sich die Frage, wieviel Insekten kann man tolerieren, ohne das Schäden entstehen.

    3+
  7. Berthold Lauer sagt

    Man wird sicher genügend Gründe finden, um den Autor dieses Beitrags zu diskreditieren.
    Wer will sich schon sein einfach gestricktes Weltbild kaputt machen lassen.

    8+
    • Thomas Müller sagt

      Wieso? Der Artikel geht doch trotzdem gegen die gegenwärtige Landwirtschaft ( zu viel Grün, zu wenig Brache etc.)…

      1+
      • Inga sagt

        Wie so?

        Im Schlußwort steht doch:
        “ Und auf der anderen Seite fördert bitte eine Landwirtschaft, die auf geringer Fläche hoch produktiv ist – mit Hightech und allen verfügbaren Technologien. Nur so kann Raum für Insekten und andere Tiere geschaffen werden. Wenn ihr dann noch die Beleuchtung eurer Gemeinden insektenfreundlich gestaltet, gibt es auch wieder Insektenplagen“.

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Was Insektenplagen in der Gemeinde?

          Nicht doch, die Insekten sollen sich doch auf landwirtschaftlichen Flächen summen, na ja vielleicht noch in Hintertupfingen, dort wohne ich ja nicht. 😉

          1+
          • Inga sagt

            Der Wissenschaflter aus Bremen meinte doch Insktenzahlen weltweit und wenn da die Bauern mit ihren Kulturen auf den großen Ackerflächen angeprangert werden, dann bittschön auch die insektenvernichtenden Beleutungen in Megacities Großstäden.
            Die in Hintertupfingen tragen auch ihren Beitrag dazu bei.
            Die haben evetuell schneller umgebaut als die Großstädter, weil da der Verwaltungsweg näher und kürzer ist, oder?

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  8. Thea S sagt

    Ein hervorragender Beitrag, der endlich einmal die ökologischen Grundlagen zusammenstellt: es geht im wesentlichen um die veränderten Lebensräume. Offene Frage ist hier, wie solche Beiträge breitere Beachtung in der Presse finden könnten. Die Forderung nach „Überschwemmungsgebieten, Abbruchkanten, Schutthalden, Pfützen und Dreck“ findet vermutlich keine Mehrheit; Blühstreifen sind halt „schöner“ und wir „wissen“ ja warum „die Insekten“ verschwinden.
    Danke für den Artikel!

    6+
  9. Bauer Willi sagt

    @AdT
    Toll recherchiert. Wenn es dieses Gesetz zur Zeit der Römer in Deutschland schon gegeben hätte, gäbe es Düsseldorf (ja, auch Köln) wahrscheinlich nicht. Und auch keine Landwirtschaft…
    Der Mensch ist nach Ordnung bestrebt, und da passen viele dieser oben angegebenen Stellen nicht in sein Bild.

    Habe kürzlich gelesen, dass in den alten Rheinarmen mit dem Hubschrauber BT-Granulat gegen Mückenlarven gestreut wird. Und das die hessischen Staatsforste im zertifizierten Wald jetzt Insektizide gegen den Borkenkäfer einsetzen dürfen. Ausnahmegenehmigung der grünen Umweltministerin Hinz.
    Staatlich verordnetes Insektensterben…

    Bauer Willi

    8+
    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Bauer Willi,
      derzeitig sind sie daran, das BT zu streuen,
      zum Teil auch mit der Rückenspritze und alle sind voll des Lobes,
      aber Wehe ein Bauer spritzt das Zeugs auf den Acker, dann ist es ein schlimmes Gift.

      4+
    • AdT sagt

      Hätte es keine Industrialisierung gegeben, gäbes es die Vorschrift des BNatSchG in der Form auch nicht. Denn es gäbe das geschützte Schwermetallrasen-Biotop nicht, das eine Folge von Erzabbau ist.

      Oder nehmen wir die Bruch-, Blockhalden- und Hangschuttwälder. Die wollen doch viele Menschen sicherlich aufräumen. Daher sind sie geschützt.

      Was ich sagen will: Im staatlichen Naturschutz ist die Botschaft von Ludger Weß längst angekommen, jedenfalls Teile davon. Es gibt Naturschutzgebiete, die sich (fast) komplett überlassen werden und solche, wo gewisse „Zerstörungen“ – wie Abtragungen nährstoffreicher Böden und die Herstellung offener sandiger Böden (als Brutstätten bestimmter Wildbienen) – bewusst herbeigeführt werden. Dass eine Göring-Eckhard oder eine Peter sowie andere Grüne, die sich mehr für gesellschaftspolitische als für Ökologie-Themen interessieren, davon keine Ahnung haben, ändert daran nichts.

      3+
      • AdT sagt

        Was ich mich gerade frage, ist, ob die Kieselsteingartenbesitzer in Wirklichkeit informierte Biodiversitäts-Pioniere-/Guerillos sind und Schutt- und Geröllhalden-Biotope im Sinne von Paragraph 30 Abs. 2 Nr. 3 BNatSchG schaffen?

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      • Bauer Willi sagt

        @AdT, das ist ja das Plädoyer (juristischer Ausdruck!) von Ludger Weß. Aber das bedeutet eben auch, dass man die Natur sich nicht selbst überlässt, weil dann dort in 100 Jahren überall Wald ist. Gewisse Zonen muss man tatsächlich wieder „zerstören“, damit die Landschaft wieder offener und nährstoffärmer wird. Aber so ähnlich hast Du es ja auch gesagt. Wollte ich nur noch mal unterstreichen.
        Bauer Willi

        1+
  10. fingerphilosoph sagt

    Ein Artikel, der das Wesen von Insekten besser erfasst als vieles, was sonst so in den Zeitungen steht, aber nicht das Wesen des Menschen.

    Der Mensch bringt es nicht fertig, „einfach mal nichts zu machen“. Manche zwingen sich dazu, indem sie in Zenkursen stundenlang aufs Kissen sitzen, aber das machen sie höchstens ein paar Tage lang, dann stürzen sie sich kopfüber wieder in ihre Aktivitäten.

    Ein Bauer ernährt heute 155 Menschen. Anders ausgedrückt: er nimmt 155 Menschen die Arbeit ab. Diese 155 Menschen wollen sich an der Gestaltung der Welt ebenso beteiligen wie der Bauer. Deshalb gehen sie in die Verwaltung und denken sich Gesetze aus, die genau regeln, wie der Bauer seine Arbeit zu machen hat. Je mehr Menschen ein Bauer ernährt, desto mehr wird er mit Vorschriften von denen überflutet, die er von der Arbeit des eigentlichen Broterwerbs freigestellt hat.

    Es hat seinen guten Grund, warum Schauspieler und Regisseure heutzutage am meisten verdienen. Oder warum sich das Internet in Windeseile verbreitet hat. Virtuelle Welten lassen die Menschen vergessen, dass es in dieser hochtechnisierten und bereits verteilten Welt nichts mehr zu gestalten gibt außer ein paar Schutthalden. Und ausgerechnet die soll der Mensch jetzt den Insekten überlassen?

    Was den Menschen antreibt, ist, Natur in Technosphäre zu verwandeln. Parklandschaften mit Blühwiesen sind die Designermöbel im Wohnzimmer dieser Technosphäre.

    11+
  11. AdT sagt

    Zum Teil entspricht das Gesagte dem Biotopschutz nach Paragraph 30 BNatSchG. Skurril finde ich den Schwermetallrasen; auch vorhanden: Block-, Schutt- und Geröllhalden: 🙂

    30 Abs. 2 BNatSchG:

    „Handlungen, die zu einer Zerstörung oder meiner sonstigen erheblichen Beeinträchtigung folgender Biotope führen können, sind verboten:
    1.
    natürliche oder naturnahe Bereiche fließender und stehender Binnengewässer einschließlich ihrer Ufer und der dazugehörigen uferbegleitenden natürlichen oder naturnahen Vegetation sowie ihrer natürlichen oder naturnahen Verlandungsbereiche, Altarme und regelmäßig überschwemmten Bereiche,
    2.
    Moore, Sümpfe, Röhrichte, Großseggenrieder, seggen- und binsenreiche Nasswiesen, Quellbereiche, Binnenlandsalzstellen,
    3.
    offene Binnendünen, offene natürliche Block-, Schutt- und Geröllhalden, Lehm- und Lösswände, Zwergstrauch-, Ginster- und Wacholderheiden, Borstgrasrasen, Trockenrasen, Schwermetallrasen, Wälder und Gebüsche trockenwarmer Standorte,
    4.
    Bruch-, Sumpf- und Auenwälder, Schlucht-, Blockhalden- und Hangschuttwälder, subalpine Lärchen- und Lärchen-Arvenwälder,
    5.
    offene Felsbildungen, Höhlen sowie naturnahe Stollen, alpine Rasen sowie Schneetälchen und Krummholzgebüsche,
    6.
    Fels- und Steilküsten, Küstendünen und Strandwälle, Strandseen, Boddengewässer mit Verlandungsbereichen, Salzwiesen und Wattflächen im Küstenbereich, Seegraswiesen und sonstige marine Makrophytenbestände, Riffe, sublitorale Sandbänke, Schlickgründe mit bohrender Bodenmegafauna sowie artenreiche Kies-, Grobsand- und Schillgründe im Meeres- und Küstenbereich.“

    1+

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