Alois
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B(r)auer…

Könnten die Milch-Bauern von den Bier-Brauern lernen?

Als ich neulich wieder zum Bier holen zu meiner Lieblingsbrauerei nach Rettenberg gefahren bin, ist mir der Gedanke gekommen, dass es diese kleinen Brauereien – nach Betriebswirtschafts- und Globalisierungslehre – eigentlich nicht mehr geben dürfte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Letztes Jahr kam sogar noch eine Neugründung dazu. Wir haben in Rettenberg (bei 4000 Einwohnern) jetzt 3 Brauereien. Stark! Und alle leben, verdienen Geld, schaffen Arbeitsplätze und die Gemeinde wirbt ganz offiziell mit dem Titel „Brauereidorf Rettenberg“!

Wie passt das zusammen, frage ich mich als Bauer? Wo doch auch beim Bier die Marktkonzentration der Großbrauereien ähnlich hoch ist wie bei den Molkereien. Es gibt Bierkonzerne, die auf dem Weltmarkt mitmischen und mancher Discounter verramscht  massenweise Billigbier. Also wie bei der Milch. Doch warum hören diese kleinen Brauereien nicht einfach auf? Und eine neue Kleinbrauerei? Die braucht doch nun wirklich keiner! Oder doch? Wenn ich so darüber nachdenke, dann fallen mir schon ein paar Unterschiede zwischen Bauer und Brauer auf:

  1. Immer eine Biermarke: Es gibt keinen Brauer der einfach nur „Bier“ macht und es dann einem Abnehmer anbietet. Der Brauer überlegt vor dem ersten Sud, wie der das Kind nennt und wie er es am besten mit einem Alleinstellungsmerkmal anpreisen kann.
  2. Immer ein Bierauto: Der Brauer fährt sein Bier selbst zum Kunden, den er nicht hergibt: Kunden sind dem Brauer “heilig”. Er hilft seinen Kunden erfolgreich zu sein (z.B. Gasthöfe) und verkauft aktiv. Er wartet nicht bis jemand vorbeikommt um Bier abzuholen.
  3. Immer ein Mindestpreis: Der Brauer hat eine Schmerzgrenze für seinen Bierpreis. Darunter geht gar nichts. Weil mit diesem Mindestpreis auch die Wertschätzung für sein Bier allen Beteiligten eindeutig gezeigt wird. Vor ein paar Jahren hatte ein Getränkemarkt eine Sonderaktion mit einem guten Allgäuer Bier. Als Aktion zum Einkaufspreis. Der Brauereichef gab daraufhin einigen Mitarbeitern ein paar Geldbündel in die Hand und schickte sie nacheinander zum Getränkemarkt um sein gutes Markenbier dort wegzukaufen. Als der Getränkemarktleiter nach einer Stunde nachbestellen wollte, wurde ihm vom Chef mitgeteilt, dass er nie wieder von der Brauerei beliefert würde. So haben alle kapiert, dass man mit dieser Marke keine Schleuderpreise macht!
  4. Die Biermenge ist immer begrenzt: Der Brauer kocht nur die Menge Bier die er auch verkaufen kann. Wenn er merkt, dass der Absatz sinkt, fährt er die Produktion herunter und umgekehrt. Die Menge legt der Brauer nach eigenem Ermessen fest – ohne Weltmarktgedanken.
  5. Ehrenkodex Reinheitsgebot: Die Brauer sind keineswegs technikfeindlich mit rückwärtsgewandten Ideologien, sie optimieren laufend ihre Betriebe und sind hochmodern und effizient. Sie haben aber einen naturverbundenen Ehrenkodex geschaffen, an den sie sich zu 1000% freiwillig halten. Und den sie – der Wertschätzung ihres Lebensmittel verpflichtet – sehr stark kommunizieren.
  6. Brauer und Bier sind eins: Unsere Brauer stehen höchstpersönlich für „ihr Bier“. Sie gehen aktiv auf ihre Mitbürger und Kunden zu. Sie sind authentisch, haben Empathie für Ihre Kunden. Sie stehen zu Ihren Mitarbeitern und für die Region, in der sie das Bier verkaufen. Und sie sprechen immer sehr wertschätzend über „Mein Bier“.

Unsere Rettenberger Dorf-Brauereien sind seit Jahrhunderten im Familienbesitz. Früher, in meiner Kindheit, da hatten sie noch Landwirtschaft dabei. Wenn ich so erinnere, werden mir ihre bäuerlichen Wurzeln klar. Für mich sind bis heute die „bäuerlichen Werte“ in ihrem Tun sichtbar. Der Familienbesitz verpflichtet. Wie bei den Bauern auch. Hof oder Brauerei zusammenhalten um, sie an die nächste Generation weiterzugeben.

Und zum Schluß fällt mich noch ein Unterschied auf: Es gab und es gibt bis heute kein „Amt für Brauereiwirtschaft“. Die Brauer sind daher nie von einer staatlichen, „beamteten Intelligenz“ beraten und gefördert worden. Vielleicht ist dies ja auch noch ein ganz entscheidener Unterschied. 😉

In diesem Sinne: Prost

Euer Alois

 

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55 Kommentare

  1. Alois Wohlfahrt sagt

    Die Newcomer und der Kleinste der Rettenberger Brauereien, der “Bernardi Bräu” wurde am 13. Januar 2017 im Bayrischen Fernsehen dargestellt.

    Zitat aus dem BR-Archiv:
    Bier aus der höchstgelegenen Privat-Brauerei Deutschlands

    In einer stillgelegten Seilbahnstation auf 1.000 Metern Höhe liegt Deutschlands höchste private Braustätte. Hier tüfteln Brauer Bernhard Göhl und der befreundete Biersommelier Hans-Herrmann Höss an ihren Allgäuer Craft-Beer-Kreationen. Zwischen Kühen und Almhütten entwickeln sie unter anderem das spezielle Winterbier „Hüttenzauber“. Zwei Mal pro Woche wird gebraut und noch von Hand abgefüllt – aber nicht in herkömmliche Bierflaschen, sondern in Champagnerflaschen. Denn auch ihr Bier ist nicht herkömmlich: Die Beiden brauen naturtrübes Craft-Bier, das mit reinem Alpenquellwasser und fast vergessenen Hopfen-Sorten hergestellt wird – und das natürlich nach dem deutschen Reinheitsgebot.

    Preise: 5 € für die 0,33 ltr. Flasche und 10 € für die extra 0,75 ltr. Bierflasche im Champagner-Look. Wie wir sehen: Es kommt nicht auf die Masse an. Marketing und verkaufen ist das Gebot der Stunde – auch für die Bauern!

    http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/heimatrauschen/13-januar-lederhosenkunst-regionale-gitarren-hoechste-privatbrauerei-rollentausch100.html

  2. Ulrich sagt

    Von denen hier kaufen wir (mitten in der “bösen” Stadt) regelmäßig auf dem Markt Milchprodukte:
    http://www.milchhof-reitbrook.de/
    Warum wir das machen? Es schmeckt deutlich besser als alles, was wir im Discounter kaufen können.

    Liebe Landwirte, ihr stellt ein tolles Produkt her. Also verkauft es auch zu einem angemessenen Preis. Denkt regional, oder auch global (Käse kann man auch versenden), denkt quer, denkt weiter. Wenn euch die Discounter nicht mal den Preis bezahlen wollen, der eure Produktionskosten deckt, dann verkauft ihnen die Milch nicht. Würde ich auch nicht machen. Wenn ich zu euch komme, und frage, ob ihr mir ein schlachtreifes Schwein für zwanzig Euro verkauft, dann jagt ihr mich doch auch vom Hof. Warum lasst ihr euch das von den Discountern gefallen? Weil sie euch riesige Mengen abkaufen? Dadurch maximiert ihr doch nur euren Verlust und ihr seid schneller pleite als wenn ihr mir das Schwein für zwanzig Euro verkauft hättet. Aber wem sag ich das …

    Und erwartet bitte nicht von Verbrauchern, dass sie euch erklären, warum euer Produkt besser ist und dafür aus lauter Menschenliebe mehr bezahlen als im Pupsi-Markt. Das ist euer Job und wenn ihr ihn gut macht, dann wird der Verbraucher den Mehrpreis gern bezahlen. Mehr noch: Er wird den höheren Preis als Privileg begreifen, denn er hat Qualität gekauft.

    Und erwartet bitte nicht, dass euch die Politik rettet. Selbst wenn die euch die Milchproduktion subventionieren würde, was ich mir mit Herrn Schäuble beim besten Willen nicht vorstellen kann, dann grinst euch doch der Discounter nur an und drückt euch weiter im Preis mit dem Argument, dass ihr ja den noch niedrigeren Verkaufspreis durch die Subvention ausgleichen könntet. Macht euch doch bitte nicht nach den Discountern auch noch von der Politik abhängig.

    Wut wird euch nicht weiterbringen, Protest wird euch nicht weiterbringen, Gejammer wird euch nicht weiterbringen, Verzweiflung wird euch nicht weiterbringen, Schuldzuweisungen werden euch nicht weiterbringen. Das Einzige, was euch helfen kann, ist euer Wille neue Wege zu gehen, wenn die alten zur Sackgasse geworden sind.

    Liebe Landwirte, wir brauchen euch, denn noch gibt es keine App, die Lebensmittel produziert.

  3. Palla sagt

    Das unterschiedliche Image ist entscheidend: Bier ist ein Feierabend- und Geselligkeitsgetränk und fehlt auch in Mischformen auf keinem Fest. Milch ist vor allem ein Kindergetränk und das noch mit angekratztem Ruf. Erwachsene schätzen doch vor allem guten Käse.

    Folglich müsste man aktiv am Image der Milch als Lifestyle-Getränk arbeiten, dann hätten die Milcherzeuger größere Chancen auf Direktvertrieb vergleichbar zum Bier. Betriebe die zusätzlich noch die eigene Milch verarbeiten haben bisher häufig viele sehr arbeitswillige Familienangehörige, die nicht viel kosten. Sonst ist das Arbeitspensum nicht zu stemmen. Außerdem geht ein Großteil der Milch trotzdem in die nächstgelegene Molkerei.

    • bauerhans sagt

      “Betriebe…… haben bisher häufig viele sehr arbeitswillige Familienangehörige, die nicht viel kosten.”

      die sterben langsam weg und die jüngeren heute können das deshalb nicht mehr,weil sie im job orgentlich eingebunden sind.
      die hofcafes hier laufen meistens mit fremden aushilfskräften,die fluktuation ist hoch.
      der lohnunternehmer braucht auch qualifizierte kräfte und keine nebenbeitreckerfahrer,weil die maschinen heute sehr anspruchsvoll sind.

  4. Sabine sagt

    Ich denke, vorallem ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, ist wichtig. Das kann eine regionale Spezialität, Haltungsform, Rasse, Rezept u.v.m. sein.
    Es muss ja nicht immer die Alp sein. Deiche sind ja auch schön und die Iren machen sogar aus ihrem berühmt geleichbleibend schlechten Wetter einen Vorteil.
    Die Kanalinseln sind stolz die Milch ihre Rinderrassen, die Spanier auf die Langlebigkeit ihrer Tiere und vermarkten sogar noch das Fleisch ihre alten Kühe als Spezialität.
    Warum nicht einen Tomme de Camargue ähnlichen Käse machen und ihm einen netten Namen verpassen?

  5. Friedrich sagt

    Alles gute Ansätze . Solange die Landwirte kaum ihre Produkte ,z. B. Getreide usw. wiegen,
    oder die Verkaufsabrechnungen kontrollieren sehe ich noch keine Besserung. Auch beim
    Einkauf von Betriebsmitteln sehe ich nur die Abholproblematik. Wer holt sich schon Angebote ein, kontrolliert die Qualität der abgeladenen Ware oder überprüft anhand der
    Lieferscheine die Rechnungen ? Leider nur sehr Wenige. Durch dieses Verhalten gehen der
    deutschen Landwirtschaft viele Millionen verloren. Auch das Verhandeln mit der Bank über
    die Konditionen bei Finanzengpässen ist doch die Ausnahme. Die Bank bucht die Zinsen ab
    und gut ists. Ich kann nur jedem raten , scharf seine Handelspartner zu kontrollieren. Denn
    wie heißt es so schön : Vertrauen ist gut , Kontrolle ist besser !!

    • Alois Wohlfahrt sagt

      Ein selbst festgelegter Mindestpreis, unter dem ich einfach nicht verkaufe, wird wohl kaum das Kartellamt auf den Plan rufen. Als Unternehmer kann ich auf frei entscheiden an wen ich verkaufe.

  6. Georg sagt

    Es gibt durchaus Allgäuer Sennereien die eine Nische bedienen, bei denen die Milchkrise (noch?) nicht angekommen ist.

    • Alois Wohlfahrt sagt

      Hallo Georg,
      die kleinen Sennereien im Allgäu sind wie Asterix: Sie leisten unbeugsamen Widerstand gegen den Wachstum- und Fusionstrend (oder Zwang) und bestimmen ihr Schicksal selbst. Weil sie wie Asterix ständig kämpfen mussten haben sie regional starke Erzeugermarken geschaffen und die Sympathien der Allgäuer und der Touristen gewonnen, die gerne ihren Käse auch zu höheren Preisen kaufen. 😉
      Alois

  7. Da ich 50 Jahre Lw beurteilen kann :Es wurde immer nur abgeliefert dann konnte die GN nach 4 Wochen den Überschuss auszahlen. Der Brauer schreibt eine Rechnung der Bauer nicht !!!! So ein sentimentaler Quark, rumm ist rumm.

  8. bauerhans sagt

    wir hatten hier vor ort eine mittlere brauerei,die einer grossen familie gehörte,wo in den guten jahren nur immer kapital abgezogen worden war und dann irgendwann wieder investiert werden musste,was letztlich zum verkauf an eine grosse brauholding führte.

  9. Jana Knoche sagt

    Der Brauer kann aber seine Braukessel,wenn es am Markt nicht gut läuft,einfach aus lassen.Das kann der Bauer mit seinen Kühen Nicht!

    • Gast sagt

      Doch könnte er, er kann den Hartkäse, den er aus seiner Milch macht, einfach im Reifekeller liegen lassen, dann wird er sogar besser und teurer. Das geht natürlich nicht, wenn man meint, man müsse Milchpulver für China machen…

      • bauerhans sagt

        solche tips hatte unser “biospezialist” hier früher auch immer auf lager,während seine betagte mutter sich um die arbeit aufem betrieb kümmerte,heute isser pleite.

        • Alois Wohlfahrt sagt

          ..wie so viele auch, die investiert haben und gewachsen sind und Schulden gemacht haben und gesteigert haben und jetzt keine Zukunft mehr sehen…

    • Sabine sagt

      Die Leute muss er aber trotzdem am 1. pünktlich bezahlen, sonst sind die im nächsten Monat weg.

  10. Gast sagt

    Guter Denkansatz!
    Ich würde ja Biobier aus Lindenberg kaufen 😉
    Schon interessant, gerade im Grünlandgebiet Allgäu gibt es viele Brauereien, wo doch keine Gerste und Hopfen wächst! Aber die Brauer kämen nie auf die Idee in ihre Kessel Soja aus Südamerika zu kippen, wie es die Milchbauern mit ihren Kühen machen.

    Aber Alois, Du als lokaler Kenner kannst es besser schätzen als ich: Was gibt es mehr im Allgäu: kleine Molkereien, Sennereien, Hofkäsereien oder Brauereien?

    Obwohl dort auch meist handwerkliche Qualität zu guten Preisen verkauft wird und Allgäuer Käse mindestens so einen guten Ruf hat, wie bayrisches Bier, warum gibt es dann die Milchkrise?

    Vielleicht sollte man den guten Käse zum Bier über die Brauereien mitausliefern? Fußball-Bundle sozusagen…

    PS: das Reinheitsgebot wäre Milch ohne Kraftfutter, nur von der Weide und im Winter mit Heu…. dann ergäbe sich die Milchmengenreduzierung ganz natürlich.

    • Rebecca sagt

      Das gibts ja heute schon mit der Heumilch. Aber das wird nicht kommuniziert. Bei uns in der Nähe hat eine neue kleine Molkerei aufgemacht. Die produziert nur Heumilch und Joghurt. Ich hab da immer angehalten wenn ich da vorbei gekommen bin und im Werkverkauf eingekauft. Eines schönen Tages stand die beim Penny der bei uns direkt vor der Tür ist im Regal. 1,19 Euro glaub ich. Da hat mich die Kassiererin gefragt was an der Milch so besonders ist, was den Preis rechtfertigt. Nicht mal die wusste das.

      Das ist grottenschlechtes Marketing der Molkerei. Jede Schnapsbude und jeder Tütensuppenhersteller schickt Markting Teams mit Proben zum verkosten los. Warum bekommen das die kleinen Molkereien und Hersteller mit Milchprodukten nicht hin? Versteh ich nicht.

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