Bauer Willi
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Ein Gesellschaftsvertrag mit der Landwirtschaft

„Gesellschaftsvertrag“. Eigentlich ein alter Begriff, der in letzter Zeit aber auch im Zusammenhang mit Landwirtschaft und Gesellschaft benutzt wird.

Was ist  das Ziel eines solchen Vertrages? Wenn man sich die Texte dazu ansieht, dann soll es darum gehen, zwischen den Wünschen der Gesellschaft und der praktischen Landwirtschaft einen Konsens herzustellen. So nach dem Motto: Wir reden solange miteinander, bis wir uns einig sind, wie und unter welchen Voraussetzungen unsere Lebensmittel erzeugt werden. Beispiele für solche Ansätze findet ihr am Ende des Artikels reichlich.

Nun finde ich Dialog ja gut und so ein Gesellschaftsvertrag wäre eine gute Sache für beide Seiten, damit die Kritik aneinander weniger wird. Doch ich habe da ein paar Fragen:

Die Gesellschaft, wer ist das?

Wer sitzt am Tisch, wenn dieser Vertrag ausgehandelt wird? Wer vertritt die diversen Gruppierungen, wer nimmt für sich in Anspruch, „die Gesellschaft“ zu vertreten? Sind das politische Parteien, sind es die Kirchen, sind es NGO´s, ist es die Wissenschaft?  Nun könnte man ja sagen, dass alle oben genannten Gruppen zu einem solchen Dialog eingeladen werden. Aber wo bleibt da der ganz normale Bürger, der mit keiner dieser Organisationen was anfangen kann?

Die Bauern, aber welche?

Dann wäre da noch die Frage zu klären, wer die Seite der Landwirte vertritt, um die es ja in dem Gesellschaftsvertrag auch geht. Ist das der Deutsche Bauernverband (DBV), ist das der Bundesverband der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) oder sind damit auch kleinere Organisationen wie BDM und AbL gemeint? Viele davon vertreten ja auch nur Partikularinteressen. Oder sind es gar alle? Dann wird es schwierig, die landwirtschaftliche Seite zu einer einheitlichen Meinung zu bekommen. Und wo bleibt der ganz normale Landwirt, der mit keiner dieser Organisationen was anfangen kann?

Wer mit wem und welchem Ziel?

Das Ziel ist nach meiner Auffassung relativ einfacher zu formulieren:

Bezahlbare und heimische Lebensmittel, die ressourcenschonend (Energie) und umweltfreundlich (Boden, Luft, Wasser) hergestellt wurden, möglichst rückstandsfrei sind und das Tierwohl beachten. Sie sollen der heimischen Landwirtschaft durch faire Preise ein Einkommen garantieren, von dem auch die nächste Generation leben kann.

Sie meinen, das wäre Bio? Was ist mit „bezahlbar“, was ist mit „heimisch“? Gehen Sie morgen mal in den Supermarkt und schauen sich jetzt, im April, die Herkünfte der Bio-Lebensmittel an. „Ressourcenschonend“  ist auch ein weites Feld, über das man lange diskutieren kann.

So können wir jeden dieser Begriffe durchdeklinieren bis wir merken, dass es nahezu unmöglich ist, jeden der Zielbegriffe tatsächlich voll zu erfüllen. Bezahlbar und fair ist da oft ein Widerspruch. Und ein zukunftsfähiges Einkommen hat auch was mit Preisen zu tun, höheren Preisen.

Ich würde mir sehr wünschen, dass es zu einem Gesellschaftsvertrag kommt. Aber wer soll ihn initiieren, wer geht auf wen zu und macht den ersten Schritt?  Wer hat welche Stimmrechte, wie laufen Abstimmungen? Denn eine 100%-Einigung wird es wohl kaum geben. Was ist, wenn einige Beteiligte den Tisch verlassen? Deren späteren Einwände würden ja die Ergebnisse torpedieren. Und wer ist so unabhängig, dass er einen solchen Weg fair moderieren kann? Wer kümmert sich um die tatsächliche, reale Umsetzung? Wenn es schon bei einem so abgegrenztem Thema wie der Ferkelkastration keine erkennbare Fortschritte geht (der Termin steht ja fest!) zeigt das doch, um wie viel schwieriger es bei komplexeren Themen wird. Aber sollten wir nicht damit anfangen? Die Zeit dafür wäre reif.

Mehr Fragen habe ich für heute nicht. Aber eine Anmerkung von einem Berufskollegen, dem ich den Text schon mal zum Lesen vorab gegeben habe. Sein Kommentar. Willi, der Artikel ist ja ganz nett (ihr wisst, was „nett“ ist?) aber mir geht dieses ganze Gerede mächtig auf den Zeiger, weil es DIE Gesellschaft und DIE Landwirtschaft nicht als handlungsfähige Einheit gibt und sie somit auch NIE in der Lage sein werden als Vertragsparteien zu agieren!“

Und dabei habe ich mir so viel Mühe gemacht…. 🙁 😉

Euer Bauer Willi

Mehr Links zum Thema:

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/421/dokumente/digital_2_landwirtschaftsbroschuere.pdf

https://www.researchgate.net/publication/320402662_Ein_neuer_Gesellschaftsvertrag_fur_eine_nachhaltige_Landwirtschaft_Auf_dem_Weg_zu_einer_integrativen_Politik_fur_den_Agrarsektor

http://www.bauernverband.de/dbv-fordert-realismus-und-respekt-fuer-gesellschaftsvertrag

https://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-wir-brauchen-einen-gesellschaftsvertrag-mit-der-landwirtschaft-_arid,1625859.html

Neuer Gesellschaftsvertrag für die Landwirtschaft – von Dr. Tanja Busse

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10 Kommentare

  1. Zelia sagt

    Es gibt nicht DIE Gesellschaft und nicht DIE Landwirtschaft, also keine Vertragsparteien für einen Vertrag. Ein Gesellschaftsvertrag ist m.E. auch nicht nötig.

    Die Politik ist zuständig für die untere Grenze an Qualität. Die ist m.E. was Tierschutz und Rückstandsfreiheit (in Produkt und Umwelt) betrifft derzeit zu niedrig, aber andere mögen das anders sehen. Dafür gibt es demokratische Wahlen.
    Alles was über die untere Grenze an Qualität hinausgeht ist die individuelle Entscheidung von Menschen: Produzenten, Händlern und Käufern. Um individuelle Entscheidungen zu ermöglichen sollte es Qualitätssiegel/-angaben geben und deren Kontrolle streng durchgeführt werden. Ohne Transparenz und Vertrauen kann der Käufer keine sinnvolle Entscheidung für höhere Qualität treffen und somit sind Bauern und Händler, die höhere Qualität anbieten im Nachteil.

    Daher ist ein Gesellschaftsvertrag m.E. nicht nötig. Nötig sind nur Transparenz und Vertrauen in die Angaben über die Qualität der Produkte. Aufklärung, Empathie und ein wenig Rücksichtnahme auf die Nachfolgegenerationen wären natürlich auch nicht schlecht, aber das geht dann Richtung Utopie.

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  2. bauerhans sagt

    der verbraucher lebt im überfluss,“gut und günstig“.
    ngo haben erkannt,dass man mit horrorgeschichten über tierhaltung geld machen kann,autounfälle, kindesmisshandlung oder „sklavenarbeit“ interessieren nur ganz beiläufig.
    die politik hat erkannt,dass man mit umweltthemen punkten kann,aber autos,flugzeuge,mineralölheizung oder kreuzfahrschiffe sind ausgeklammert.
    WEN INTERESSIERT DENN ERNSTHAFT EIN DIALOG MIT DER LANDWIRTSCHAFT!!

    5+

    • Paulus sagt

      Z.B. meine Wenigkeit, lieber bauerhans. Erstens aus allgemeinem Interesse und zweitens weil ich zwecks Lebenserhaltung nun mal zwingend auf Eure Produkte angewiesen bin.
      Ich gestatte mir auch, in diesem Forum als naiv erscheinende Fragen an die Landwirte zu stellen.
      Ein kleines Beispiel nur: Der Ehemalige hat mir das mit den Zwetschgensorten erklärt, fand ich toll. Zwei Bäumchen seiner empfohlenen Sorten stehen mittlerweile bei uns im Garten und in der Baumschule konnte ich mit dem Spickzettel richtig glänzen. 🙂

      Seitens der Verbraucher gibt es auch gewisse Hemmnisse was den direkten Dialog betrifft. Meine Frau wollte wiederholt am SB-Regal von Willis Sohn einkaufen, dort war nun gerade nichts. Sie hat sich aber nicht getraut durchs Hoftor zu gehen um an der Haustür zu fragen, hätte ich übrigens auch nicht gemacht. Ebenso wenig würde ich einen Schweinebauern fragen ob er mir seinen Stall zeigt. Das wäre mir unangenehm, nicht nur weil ich seine Zeit in Anspruch nehmen würde, sondern auch damit ich nicht in einen gewissen Verdacht gerate.
      Diese Kirmeshöfe mit Pseudohofladen, Streichelzoo, Rumtata Musik und großen Essens- und Kuchenportionen sind es jedenfalls nicht die Erzeuger und Verbraucher zusammen führen.

      2+

      • Ehemaliger Landwirt sagt

        >>Ein kleines Beispiel nur: Der Ehemalige hat mir das mit den Zwetschgensorten erklärt, fand ich toll. Zwei Bäumchen seiner empfohlenen Sorten stehen mittlerweile bei uns im Garten und in der Baumschule konnte ich mit dem Spickzettel richtig glänzen. 🙂<<

        Werde ich zum ersten Zwetschgenkuchen eingeladen? 😉 🙂

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  3. Ich sehe hierin prinzipiell auch kein Problem. Wir haben damit in Niedersachsen ja schon unsere Erfahrungen in Form des Tierschutzplans gemacht. Die Idee des Planes zielte auch in die richtige Richtung: Unter möglichst breit aufgestellter Beteiligung von verschiedenen Interessengruppen und Institutionen relevante Themen hart, aber sachlich konstruktiv zu erörtern, um für alle Beteiligten akzeptable und allgemeingültige Normen und Formen in der Nutztierhaltung zu entwickeln.

    Ich hatte das Vergnügen, in zwei Arbeitsgruppen mitwirken zu dürfen. Die Diskussionen hier waren zwar manchmal laut und auch langwierig. Doch zumindest bei der Erarbeitung der Leitlinie Mastrinder wurde solange gerungen, bis ein für alle tragbarer Kompromiss gefunden wurde. Leider war dies nicht überall der Fall. Zudem kam dann noch ein ideologisch verbeulter Minister hinzu, der den Arbeitsgruppen einen Maulkorb verpasste und nur noch durch ihn gefilterte Informationen md Verlautbarungen an die Öffentlichkeit kommen ließ.

    So ist beispielsweise mit sehr viel Geld und unter Beteiligung der Wissenschaft extra ein Schweinestall gebaut worden, um das Problem des Schwanzbeißens anzugehen. Der Großversuch mußte aus Tierschutzgründen abgebrochen werden. Einziges zulässiges Fazit wäre aus meiner Sicht gewesen: Mit derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist das kannibalische Schwanzbeißen bei Schweinen ohne Kupieren der Schwänze nicht zu unterbinden. Der Schluß des Ministers: Wir führen eine Ringelschwanz-Prämie ein und wettern weiter gegen das Kupieren der Schwänze.

    Will sagen: Solche Gremien können sinnvoll sein. Sie müssen nicht alle Beteiligten am Tisch versammeln. Sie sollten aber frei von politischer, insbesondere ideologischer Einflussnahme sein.

    2+

  4. Obstbäuerin sagt

    Schon die Auswahl der Quellen zeigt, in welche Richtung es gehen soll. Da vertreten 80% geschätzte 8 % der Landwirte und maximal 25% der Verbraucher.
    »Der Öko-Landbau kann auch nach eigenen Einschätzungen nicht die Leistungen und Hektarerträge einer modernen Intensivlandwirtschaft erreichen. Er ist der Landwirtschaft in Entwicklungsländern zwar überlegen, eignet sich aber nicht als Lösungsmodell für die Welternährungskrise. Es bleibt eine sozialromantisch verklärte Luxusproduktion für die verwöhnten Söhne und Töchter einer Überflussgesellschaft.« (Welternährung: mehr als nur eine Schale Reis, 2000 – immer noch empfehlenswert)

    4+

  5. Willi du hast genau die richtigen Fragen gestellt! Ich sehe auch nicht das wir ein Gesellschaftsvertrag hinbekommen bei der Vielzahl der Akteure die dort Einfluss drauf nehmen. Ich denke es wird der Markt regeln und wir werden eine stärkere Differenzierung von verschiedenen Produktionsverfahren/Ansprüche sehen. Das Gro der Produktion wird ein billiger Massenmarkt sein, wie er heute schon existiert, dann wird es einen konventionellen Mittelmarkt geben, der ähnlich teuer sein wird wie „billig Bio“ und es wird ein Premium Biosegement geben. Also nicht viel anders als heute, doch die Marktanteile werden sich vom Billigmarkt Richtung Mittel Preiskategorie verschieben und der Premiummarkt, je nach wirtschaftlicher Entwicklung Deutschlands, wird steigen. Ich denke der Handel wird immer weiter an Markt macht Gewinn und die Produktionsvorgaben zukünftig den Landwirten diktieren.

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  6. Brötchen sagt

    solch eine Diskussion und Vereinbarung hat im tier. Bereich in manchen Bundesländern stattgefunden. Stichwort Tierschutzplan. so was steht für den Pflanzenbaubereich noch aus.

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