Bauer Willi
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Brillenschaf? Villnöss!

Ich bin ja im Urlaub. Eigentlich wollte ich nichts schreiben, aber was ich am Samstag gehört habe, war so positiv, dass ich das einfach mal in die Tastatur hämmern musste. Es ist das absolute Gegenmodell zu Aldi. Es zeigt, wie Landwirte einen Markt entwickelt haben und ihnen heute ein Einkommen ermöglicht, das unabhängig von großen Lebensmittelketten funktioniert.

Es geht um das Villnösser Brillenschaf. Hatte ich vorher noch nie von gehört, aber die laufen ja bekanntlich rund um unsere Ferienwohnung. Was ich auch nicht wusste, dass diese Rasse beinahe ausgestorben wäre. 1998 gab es noch 200 Tiere. Bis ein paar engagierte Menschen auf die Idee kamen, das Aussterben zu verhindern. Einer davon war Günther, der Zuchtwart für die Region zwischen Bozen und Brenner (ich hoffe, das stimmt so) Günther ist aber nicht nur Zuchtwart, sondern auch ein Typ. Anfang 40, Bart, wettergegerbte Haut, Frauentyp. Und kann einem einen Knopf an die Backe reden. Nicht aufdringlich sondern überzeugend. Einen eigenen Webauftritt hat er natürlich auch http://www.villnoesser-brillenschaf.eu/

Drei Bauern gab es 1998 noch, die diese Rasse hielten. Heute sind es knapp 30, viele davon jüngeren Datums. Die Zahl der Tiere ist auf über 2000 gewachsen, die größte Herde außerhalb Italiens hat ein Brillenhersteller in Deutschland. 150 Tiere hat Brillen Fielmann! Im Ernst. Es ist für ihn ein Marketing-Gag, der aber nicht von ungefähr kommt. Da musste jemand den Herrn drauf bringen.

Überhaupt haben sich die Menschen rund um das Brillenschaf viel einfallen lassen. So bekommen diese Schafe kein Soja, sondern nur Eiweiß aus anderen pflanzlichen Quellen. Es gibt tatsächlich ein eigenes Brillenschaf-Futter, das neben dem Weidegang zugefüttert wird. Um den Absatz des Fleisches in Gang zu bringen, wurden Restaurants angesprochen, wurde eine Marketing-Gesellschaft (www.furchetta.it) gegründet und man trat der Vereinigung Slowfood bei. Die Eintrittsgebühr (ein fünfstelliger Betrag) wurde von der Kommunalgemeinde getragen, die im Brillenschaf auch eine gute Werbung für die Ferienregion Villnöss sieht. Die Vermarktung der Wolle, die lange Zeit niemand haben wollte, läuft mittlerweile auch recht gut. In den Geschäften des Villnöss-Tales werden Mützen, Handschuhe, Decken und andere Wollartikel vermarktet. Das alles mit den eigens dafür angefertigten, künstlerisch gestaltetem und recht witzigem Logo.

Mittlerweile gibt es nicht genügend Tiere, um die Nachfrage nach Fleisch zu decken. Das Villnösser Brillenschaf ist ein echter Renner. Die Preise sind so, dass sich die Haltung lohnt. Wir haben Wurst gekauft, zu einem Kilo-Preis von rund 35 €. Da bleibt auch was für den Landmann. Ich weiß, was der bekommt, will das aber nicht verraten. Vielleicht kauf ich mir ja ein paar Brillenschafe, Platz im Auto könnte ich noch machen…

Der Erfolg hat viele Väter, auch das war am Vortragsabend zu spüren. Doch die Bauern ruhen sich auf dem Erfolg nicht aus. Seit wenigen Jahren wird das Graue Geisler-Rind in die Öffentlichkeit gebracht. Wieder etwas besonderes, weil es sich laut Beschreibung um eine „autochtone Bergrinderrasse im Doppelnutzungstyp“ handelt. Keine Ahnung was das ist, aber hört sich gut an. Und wer ist der Zuchtwart? Richtig: Günther, der Frauentyp. Mittlerweile halten 15 Landwirte wieder das Geislerrind.

Aber nur zwei Betriebe weltweit halten beide Rassen. Das sind Hans und Maria, auf dem Außervissellhof, wo wir wohnen. Wir haben das seltene Privileg die Brillenschafe und Geislerrinder jeden Morgen zu sehen, zu hören und zu riechen.

Warum ich das schreibe? Weil es Mut macht, etwas auf die Beine zu stellen, an das vorher so niemand geglaubt hat. Weil es zeigt, dass es Menschen gibt, die nicht aufgeben, auch wenn es Rückschläge gibt. Die weitermachen, weil sie von einer Sache überzeugt sind, auch wenn andere sich kritisch oder ungläubig äußern. Und die nicht reden, sondern handeln.

Sie sagen jetzt sicher, dass es sich um einen Nischenmarkt handelt. Ja, aber besteht nicht der gesamte Markt aus Nischen? Preisdruck kann nur entstehen, wenn austauschbare Produkte in großer Menge einem Einkaufs-Oligopol gegenüberstehen.

Ich könnte jetzt auch noch viel über die Energiegenossenschaft Villnöss schreiben, aber das würde wirklich den Rahmen sprengen. Eines ist mir klar geworden: hier im Villnöss-Tal wird einiges anders gemacht. Beeindruckend anders.

Und jetzt machen wieder Urlaub (gut, ich will noch mit einem Obstbauern in Bozen reden, aber danach wirklich)

 

Euer Bauer Willi (mit Frau)

 

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20 Kommentare

  1. Es freut mich zu hören, dass dir dein Urlaub in Villnöß gefällt und du bei unserm Nachbar auch was neues gelernt hast. Danke, dass du Werbung für meine Heimat und unsere heimischen Produkte machst. Wir selbst halten auch Kuhe, für die Milchproduktion, aber nicht in Massenhaltung. Ich bin auch der Meinung, dass die Verbraucher mehr Kraft haben, als sie immer glauben. Wenn Produkte aus Massenproduktion nicht mehr so stark umgesetzt werden und sie Nachfrage nach Qualitätsprodukte steigen würde, würde sich auch etwas in der Tierhaltung verändern. Es muss nur ein Umdenken passieren und es braucht Leute wie dich, die den Verbrauchern einmal den Kopf waschen und sie darauf aufmerksam machen.

    lg Kathrin

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  2. Nicole Denk sagt

    Hallo Willi,

    Du hast noch nie Etwas vom „Dänischen Protestschwein“ gehört? Ich denke, stehst Du nicht alleine da.
    Ich bin Eine der wenigen Halter und Züchter von Rotbunten Husumer Landschweinen, so heissen die „Protestschweine“ nämlich richtig. Es gibt sogar einen Förderverein für die Zucht des Rotbunten Husumer Schweins (www.rotbuntes-schwein.de) Auf unserer Mitgliederliste stehen an die 50 Mitglieder, im Herdbuch stehen momentan 66 Schweine. Nicht grade berauschend, wenn man ehrlich ist…..Die meisten Husumer werden (logischerweise) im Norden gehalten; eine Handvoll Züchter ist über den Rest Deutschlands verteilt. Wir und unsere Sau Ninette leben im Odenwald (Südhessen). Wir betreiben hier übrigens einen stinknormalen Milchviehbetrieb; haben aber vor ca. 1,5 Jahren beschlossen, dass ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb auch gleichzeitig ein traditioneller Bauernhof mit Hühnern, Schweinen, Ziegen etc. sein darf. Und weil wir glauben, dass auch alte Haustierrassen ein erhaltenswertes (bäuerliches) Kulturgut darstellen, sind bei uns dann keine 0815/Hochleistungsrassen im Einheitsgrau sondern schwarz-weisse Lakenfelder Hühner und rot-weisse Husumer Schweine eingezogen. Diese Rassen sind nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern auch robust, fruchtbar, einwandfrei vom Charakter und schmecken darüberhinaus noch ziemlich gut. Unsere Sau wird Mitte Juli zum ersten Mal ferkeln und damit ihren Beitrag zum weiteren Erhalt und zur Ausbreitung dieser liebenswerten Rasse beitragen. Die nicht zuchttauglichen Ferkel werden von uns langsam zur Schlachtreife gefüttert und dann vor Ort geschlachtet und vermarktet.
    Aber jetzt willst Du sicher noch wissen, wie das „Protestschwein“ zu seinem Namen kam, oder?

    Das rotbunte Husumer Schwein

    Das Schwein der dänischen Minderheit in Deutschland

    Diese verhältnismäßig junge Rasse hat ihren Ursprung im Angler Sattelschwein. Unter den Angler Sattelschweinen sind früher öfter rot-weiß-rote Farbschläge aufgetaucht. Daneben kam es auch zu Kreuzungen des alten Holsteiner und Jütländer Marschschweins mit englischen Tamworth-Ebern. Diese brachten die kräftige rote Farbe, die extreme Robustheit und die Stehohren mit ein.
    Aus dieser Ausgangs-Population bildete sich um die Wende zum 20. Jahrhundert eine rote Variante des Angler Sattelschweins heraus, die man wegen ihres Zuchtgebietes um Husum heute auch Rotbunte Husumer Schweine nennt. Die dänische Minderheit hielt solche Tiere, da ihre rot-weiß-rote Färbung den Nationalfarben Dänemarks entsprach und diese Schweine somit ein Symbol für deren Nationalstolz waren. Um 1916/17 wurden die Tiere als Variante der Angler Rasse populär. 1954 wurde dann das Rotbunte Husumer Schwein als Rasse anerkannt und ein Herdbuch erstellt. Sitz des Verbandes war Husum. Trotz der hohen Attraktivität der sehr schön gezeichneten robusten Schweine ließen sich die häufig auftretenden, untypisch gezeichneten Tiere nur schlecht absetzen. Außerdem wurden diese Schweine – wie alle anderen alten Rassen auch – von den modernen Rassen verdrängt. 1968 sah man auf der Kreistierschau in Rendsburg zum letzen mal eine Sau mit Ferkeln. Dann wurde das Herdbuch geschlossen.“Wiederentdeckung“

    In den folgenden zwei Jahrzehnten geriet die Rasse in Vergessenheit, nur wenige Exemplare blieben. 1984 tauchten wieder – nicht ganz reinrassige Rotbunte – auf der grünen Woche in Berlin auf. Sämtliche in Berlin gezeigten Tiere wurden von dem Zoo Berlin und von Dr. Güntherschulze – seinerzeit Direktor des Tierpark Neumünster – erworben und weitergezüchtet. 1984 entstand eine Interessengemeinschaft Rotbuntes Husumer Schwein, die mit 14 Haltern und Züchtern dafür sorgte, dass die mischerbigen Tiere durch strenge Zuchtwahl heute wieder äußerlich dem Rotbunten Husumer Schwein entsprechen. Unter gezielt extensiven Haltungsbedingungen konnte auch ihre enorme Vitalität erhalten bleiben.

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    • Uli49 sagt

      Besten Dank Nicole für diesen spannenden Beitrag.
      Wunderbar was man hier alles auf Willis Blog lernen kann.
      Ich bin auch beeindruckt, daß dieses Blog so interessante Leute anzieht und bis jetzt keine Trolle aufgetaucht sind (toi, toi, toi, daß es so bleibt).
      Uli

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    • Bauer Willi sagt

      Wir brauchen unbedingt ein schönes Foto vom Protestschwein Ninette im Odenwald.
      Das soll ja nicht nur „ausgesprochen hübsch, sondern auch robust, fruchtbar und einwandfrei vom Charakter sein“. Und was lässt sich über die Besitzer sagen? (Spass!)
      Bauer Willi

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  3. Andreas H. sagt

    Finde ich in Ordnung von Willi, etwas Satire zu bringen hier.
    Schafe können auch Exportschlager werden, wenn man das mal zu Ende hört :

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    • Alois Wohlfahrt sagt

      die 120 Schafe würden aber nicht von Beirut wieder zurückgeschickt, sondern …. 🙁

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      • Andreas H. sagt

        In Beirut verstehen die unsere „Probleme“ mit der Landwirtschaft in Deutschland überhaupt nicht, glaube ich. Ist schon makaber fast…

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  4. Theo sagt

    ….., das mit dem „Frauentyp“ kommt aber doch von Deiner Frau oder ??
    So geht’s: „Wenn man eine Reise tut, kann man was erzählen!!“

    Grüße in die Berge

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  5. Um meinen Kommentar ein wenig zu unterfüttern:
    Anne Krüger Website unter „die-schäferin.de“ hat einen Hofladen – Wiehengebirge- Osnabrücker Land
    Wilhelm I., württembergischer König wurder der „Bauer auf dem Thron“ genannt, er hat chinesische Maskenschweine eingeführt und gekreuzt – heute schwäbisch-hällische Landschweine -„Mohrenköpfle“ genannt – am Ende des Artikels in Wikipedia sind die Haustierrassen aufgelistet, die als bedroht gelten.
    Unter „Gesellschaft zur Erhaltung alter und bedrohter Haustierrassen“ in der Wiki wird auch auf „Arche“-Höfe aufmerksam gemacht.
    An Uli49 : wer Tiere hält, hat keinen Urlaub – deshalb kein Echo.

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  6. Der Bericht hat mich erstaunt. Es gibt doch das Schwäbisch-Hallische Landschwein mit der normalen Rippenanzahl. Eine Erzeugergemeinschaft hat sich um die alte Haustierrasse gebildet – nicht erst seit gestern. Aufzucht, auch außerhalb eines Stalls, kurze Weg zum gemeinsamen Schlachthof der Gemeinschaft und Vermarktung durch die Gemeinschaft.
    Die Gemeinschaft hat sich erfolgreich gegen den Versuch gewehrt, Patentgebühren zahlen zu müssen. Hintergrund: ein Konzern, der Gene in Tiere und Pflanzen einbringt, war auf die Idee gekommen, seine genveränderten Schweine patentieren zu lassen – auch für Europa. Alle Züchter, deren Schweine Gene mit den patentierten Schweinen gemeinsam haben, wären abgabepflichtig geworden. Das Patent wurde abgelehnt – TTIP kommt, es gibt immer irgendwen, der klamm bei Kasse ist.

    In der Eifel – oder war es der Hunsrück – gibt es einen Bauern, der Glanrinder züchtet, auch eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse. Ein Dreinutzungsrind, weil es Milch und Fleisch bringt und wegen seines Charakters als Zugtier verwendet wurde.

    Kennen Sie Anne Krüger? Eine Bankkauffrau heiratet einen Bauern, betrachtet sich die Gegebenheiten, stellte auf Schafzucht um, verkauft wird das Fleisch auch per internet. Um die Herden zu hüten, werden Bordercollies gezüchtet und auf Schauen zeigt sie, was ein solcher Hund zu leisten im Stande ist. Sie gibt diese Hunde nur an Leute ab, die sie auch beschäftigen können, weil dieser Hund ohne Beschäftigung zum Problem wird.

    Es gibt noch immer das „Protestschwein“, gezüchtet von Dänen, die auf deutschem Herrschaftsgebiet nicht die dänische Flaggen hissen durften – dafür tragen die Schweine sie auf ihren Leibern.

    Im Süden des Westerwaldes werden Bisons gezüchtet. Der Landwirt stellt eine Fläche für ein Treffen der Indianerfreunde zur Verfügung.

    Sonntags 14:00 gab es und gibt es noch eine Sendung „Büffelranch“ über die Haltung von alten Haustierrassen und deren Vermarktung. Es müssen nicht Brillen-Schafe aus Tirol sein. Es gibt einen Verein zur Erhaltung der alten Haustierrassen, der sich redlich bemüht, Züchter zu finden. Es gibt – so weit ich weiß – ein bis zwei Einrichtungen, die sich nur damit beschäftigen vom Aussterben bedrohte Tiere zu halten.
    Ich dachte als tätiger Landwirt – mit PC und anderem technischen Schnickschnack 🙂 – weiß man das.
    Gruß vom Schreibtisch aus Sybille

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    • Uli49 sagt

      Laß dem Willi doch seine Begeisterung! Es ist doch etwas anderes wenn man es „life“ erlebt, im Vergleich zu Bildern im Internet. Das Schwäbisch-Hällische hatte ich hier im Blog auch schon verlinkt, blieb aber ohne Resonanz. Der Mensch braucht offensichtlich die sinnliche Erfahrung – und das ist auch gut so.

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    • Alois Wohlfahrt sagt

      Hallo Sibylle,
      es erstaunt mich, dass Du die Brillenschafe als Konkurrenz zum Hällischen Landschwein aufnimmst. Ja, Willi ist begeistert und wir bringen diesen Bericht auch, um zu zeigen, dass Bauern durchaus selbst etwas bewegen und verändern können und nicht nur von Aldi & Co abhängig sind.
      Bitte teile uns Deine Begeisterung mit. Schreibe einen Beitrag über das Hällische Landschwein und wir veröffentlichen den sofort hier im Blog.

      Herzliche Grüße aus dem Allgäu
      Alois

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    • Bauer Willi sagt

      Hallo Sybille
      In Ergänzung zu Alois. Wenn Du schon mal dran bist mit schreiben, dann auch gleich über das dänische Protestschwein! Klingt sehr gut.
      Bauer Willi

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    • bauerhans sagt

      sybille,das sind alles individuelle geschäftsmodelle,die sich nicht einfach kopieren lassen. z.b. lebt die schwäbisch hallische ezg durch den ausserordentlichen einsatz des vorsitzenden! unsere ezg besticht besonders durch das hohe gehalt des geschäftsführers.

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  7. Grauviehbauer sagt

    Ich verfolge mit Begeisterung deine Beiträge und Ideen. Bin selber Bauer in Südtirol und züchte das Grauviehrind. Es freut mich dass du unser schönes Land als Urlaubsort gewählt hast und unsere kleinstrukturierte Landwirtschaft erkundest! Schönen und erholsamen Urlaub! :))

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  8. Daniel sagt

    Ein sehr schöner Bericht, vielen Dank dafür. Man sieht auch hier wieder, dass es die Initiative der Erzeuger ist, die etwas verändert hat. Was hat sie verändert? Ganz offensichtlich hat sie vor allem beim Verbraucher Begeisterung hervorgerufen. Etwas, was eine staatliche Regulierung niemals leisten könnte…

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