Bauer Willi
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Warum die Brötchen billiger geworden sind

Einer meiner ersten Texte aus Januar 2015. Passt immer noch.

Vorgestern

Mein Urgroßvater fährt das Getreide mit Pferd und Wagen zur Windmühle nach Stommeln. (3 km). Das Pferd frisst Heu (gibt es auf dem Hof), die Windmühle braucht Wind (gibt es hinterm Haus). Der Müller bringt das Mehl mit dem Pferd zu Bäckern in Stommeln und Umgebung. Außerdem verkauft er Mehl an Hausfrauen, die davon Brot backen. In seinem Betrieb hilft der Sohn mit, der Lehrling bekommt Kost und Logis und ein Taschengeld. Der Bäcker backt Brot und verkauft es. In seinem Betrieb hilft der Sohn mit, der Lehrling bekommt Kost und Logis und ein Taschengeld. Auch der Handwerker im Ort backt sein Brot im Holzofen selbst. Das Holz holt er aus dem Wald. Jeder handelt mit jedem einen fairen Preis für sein Produkt aus.

Kein Mensch redet vom Brötchenpreis.

Gestern

Mein Vater fährt das Getreide mit dem Traktor (braucht Diesel) zum Landhändler im Ort. Der fährt das Korn zur Mühle nach Neuss.(20 km) Die Mühle wird mit Strom (RWE) betrieben und hat etwa 20 Mitarbeiter. Die Mühle packt das Mehl in Kleinpackungen und liefert es mit LKW an Dorfläden und einige Handelsketten rund um Neuss. Von den Läden gelangt es in die Haushalte, die davon Brot backen. Außerdem wird Sackware mit dem LKW an einen Händler geliefert., der die Bäckereien bedient. Vom Händler wird es mit dem LKW zu den Bäckereien gefahren, die davon in modernen Elektro-Backöfen Brotbacken.

Der Handwerker im Ort verdient in der Stunde 12 DM. Das Brötchen kostet 10 Pfennig. Von einem Stundenlohn kann er 120 Brötchen kaufen.  Für 100 kg Weizen bekommt mein Vater 48 DM. Davon kann er 480 Brötchen kaufen.

                Jeder hat sein Auskommen und ist zufrieden.

Bäckerei

 

Heute

Ich fahre das Getreide mit dem Traktor zum Landhandels-Unternehmen, das nicht mehr im Ort sondern 5 km entfernt liegt. Den Landhändler im Ort gibt es nicht mehr.
Das Landhandels-Unternehmen hat 30 Mitarbeiter, wovon einer als Betriebsrat nur ca. 50% produktiv mitarbeitet. Bei der Anlieferung wird eine Probe genommen, die auf Qualitätsmerkmale und Rückstände untersucht wird. Die Probe wird zu einem speziellen Labor gefahren, das 5 Mitarbeiter und eine tolle technische Ausrüstung hat, mit der man einen Zuckerwürfel im Bodensee analysieren kann. Das Landhandelsunternehmen hat 5 eigene LKW, die das Getreide zur Großmühle nach Duisburg (60 km) fährt. Die Mühle in Neuss gibt es nicht mehr.

Traktor mit Hänger
Die Mühle in Duisburg hat 120 Mitarbeiter und einen Betriebsratsvorsitzenden, der freigestellt ist. Die Mühle hat eine hochmoderne Einrichtung und ein eigenes Betriebslabor mit drei Angestellten, wovon die Leiterin Ernährungswissenschaft studiert hat. Dort wird das Getreide und das Mehl genauestens untersucht. Leider entspricht mein Getreide nicht ganz den Anforderungen der Mühle, den es hat nur einen Eiweißgehalt von 12,3 %. Man braucht Weizen mit 12,5% Eiweiß. Es wird mir mitgeteilt, daß man meinen Weizen leider nur als Mischweizen nutzen kann und man daher einen Preisabschlag machen muß. Da man in Frankreich Weizen mit 12,8% Eiweiß zum gleichen Preis wie meinen Weizen kaufen kann, wenn er 12,5% Eiweiß gehabt hätte, wird der französischen Händler angerufen, der französischen Weizen nach Duisburg bringt (400 km). Die Mühle mischt beide Weizen und kommt auf 12,5% Eiweiß. Meistens jedenfalls. Ein bißchen Schwund ist immer, das ist in der Kalkulation schon drin !

Die hochmoderne Großmühle nimmt das Mehl auf´s Lager und bringt es dann mit eigenen Silozügen zu den Großbäckereien in der Umgebung. Da es nur noch wenige Großmühlen gibt, ist der Wettbewerb sehr scharf. In Oldenburg trifft man auf den Konkurrenten aus Hamburg, der allerdings eine etwas günstigere Fracht hat. Deshalb muß man beim Mehlpreis etwas nachgeben, um im Geschäft zu bleiben. Ein bißchen Schwund ist immer, das ist in der Kalkulation schon drin !

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Jetzt ist mein Getreide aus Rommerskirchen in Oldenburg beim Großbäcker angekommen. Dort geht es ins Lager. Der Großbäcker hat 250 Angestellte, davon 30 in der Verwaltung. Der Großbäcker unterhält eine eigene LKW-Flotte, die mit GPS von der eigenen Logistikabteilung gesteuert wird. Der Großbäcker liefert auf das Zentrallager von Aldi. Das liegt in Hannover und bedient Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin. Aldi unterhält eine eigene LKW-Flotte, die mit GPS von der eigenen Logistikabteilung gesteuert wird. Trotzdem kommt es vor, daß einmal die Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wird und ein Teil der Brötchen nicht verkauft werden darf. Ein bißchen Schwund ist immer, das ist in der Kalkulation schon drin !

Der LKW von Aldi ist pünktlich morgens um 5.45 Uhr in der Filiale in Berlin, wo um 9.00  meine Schwester 10 Brötchen kauft, die auf meinem Hof gewachsen sind. Die 10 Brötchen sind im Angebot, da muß man zugreifen. Leider sind es dann doch zuviel, drei Brötchen werden hart. Ein bißchen Schwund ist immer.

Der Handwerker im Ort verdient in der Stunde 60 €. Das Brötchen kostet 0,30 €. Davon kann er 200 Brötchen kaufen, 80 mehr wie früher.

Und da soll mal einer sagen, die Brötchen wären teurer geworden !!!

 

Ach, übrigens: Ich bekomme für 100 kg Weizen 17,00 €. Davon kann ich 57 Brötchen kaufen. Das sind 423 weniger als mein Vater.

                     Alle anderen sind zufrieden, denn ihre Kalkulation geht auf.

Euer Bauer Willi

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15 Kommentare

  1. Mausschubser sagt

    Nein der Handwerker verdient nicht 60€ pro Stunde. Das ist sein Stundensatz. Davon gehen erst mal die Kosten weg. Zudem kann der Handwerker nicht 100 % seiner Zeit, die er arbeitet abrechnen. Nach Abzug der Kosten muss er noch Steuern zahlen und was übrig bleibt, ist sein Verdienst.

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  2. Noch ein Hinweis, die Pferde brauchen zwar keinen Diesel, aber mit Heu können die auch nicht ihre PS auf die Straße bringen, die brauchen noch ein paar Acker Hafer, mindestens 20 bis 30 Acker oder Morgen, das wären dann 5 bis 7,5 ha, wo kein Weizen u. Zuckerrüben u. Gerste wachsen kann.!
    Aber diese Zahlen gelten fürs ganze Jahr, also auch fürs Pflügen usw. !

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  3. Obstbäuerin sagt

    Heute ist es so, dass der Bauer Restgeldempfänger ist. Alle ziehen ihre Kosten und was übrigbleibt, bekommt der Bauer.

    7+
  4. Friedrich sagt

    Gehen wir mal überschlägig den Rohstoff Weizenmehl im Brötchen an. Einhundert Kilogramm Weizen können rd. 85 KG Mehl hervorbringen. Ein Brötchen enthält rd . 20 Gramm Weizenmehl . Daraus kann ich mind. 4200 Brötchen backen. Das Brötchen für 30 Cent mal 4200 Stück gleich 1260 Euro für Weizen der für den Bauern im Verkauf 15 – 20 Euro/100 kg bringt. Spielt da die Rohware noch eine Rolle ?

    13+
  5. Friedrich sagt

    In unserem Wirtschaftssysthem geht es nur darum immer billiger zu Produzieren. Stückkosten möglichst billig halten.Das ging in der Agrarwirtschaft in Deutschland mit den Flächenprämien , die wir für die höheren Umwelt -und Sozialstandards gegenüber dem Weltmarkt bekamen auch gut. Jetzt aber seit 2000 mit der ständigen Erhöhung der gesetzlichen Anforderungen geht die Rechnung schon lange nicht mehr auf. Laut der Bundesregierung sind die Bauernhöfe in der Zeit von 1999 bis 2016 um 42% oder rd. 200.000 weniger geworden, sodaß wir 2016 nur noch rd. 275.000 Höfe hatten. Wir haben in der Zeit also im Jahr fast 12.000 Höfe verloren. Das ist schon ein Hammer und das Ende ist noch nicht abzusehen. Im Gegenteil durch die Dürreschäden werden noch mehr Betriebe auf der Strecke bleiben , weil die Preise für Agrarprodukte nur bedingt steigen gibt es keinen wirtschaftlichen Ausgleich und die geringen Beihilfen von Bund und Land sind mehr eine Sterbehilfe als eine wirkliche Hilfe für die arg betroffenen Bauernfamilien.

    8+
  6. Altbauer Jochen sagt

    Ich will hier nicht „besserwisserisch“ sein , aber hat Willi
    nicht doch Recht mit seiner Rechnung?
    1 Brötchen 10 Pfg. =10 Brötchen für 1 DM,
    48 DM x 10 Brötchen = 480 Stück
    Oder hab ich mich „verfranzt“ ?
    Noch ein Beispiel aus meiner Jugend :
    In der Pause des Berufschulunterrichts sausten wir mit dem
    Moped zum Bäcker im Dorf.
    5 Stück Kuchen a´20 Pfg.bei uns „Wienerbrot “ genannt -für 1 DM !
    (Konnte man mit 17 doch leicht „verputzen“)
    heute kosten diese Kuchen 1,80-2,00 Euro das Stück!
    -Siehe Willis Vorgestern, Gestern und Heute

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  7. Bauer Fritz sagt

    „Ein bißchen Schwund ist immer, das ist in der Kalkulation schon drin !“
    Das kleine Bißchen da und dort läppert sich dann doch zusammen ….
    Von einem Vortragenden ist mir in Erinnerung, daß die in Österreich erzeugte Gesamtmenge Weizen (1,5-1,8 MILLIONEN TONNEN) etwa gleich viel ausmachen wie der „Schwund“ an Getreide in Europa. Jahr für Jahr.
    Und plötzlich werden aus dem „Bißchen“ so ca. 300 Millionen Euro die sich „verschwunden“ haben.
    Damit können die „Schwunder“ dann doch einige größer Brötchen backen – müssen ja auch von was leben.
    Und es sind ja „nur“ etwa 1,000.000.000 Brötchen die da von den Bauern wegverschwunden wurden. Jahr für Jahr

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  8. Ergo, je größer der Kreis, desto mehr steckt der Teufel im Detail und je fairer der Handel, desto kleiner der Kreis der am Handel Teilnehmenden.

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  9. “ Jeder handelt mit jedem einen fairen Preis für sein Produkt aus.“ Diese Glorifizierung „der guten alten Zeit“ wird einer realistischen Betrachtung nicht standhalten. Auch früher haben sich die Handelpartner gegenseitig übern Tisch gezogen, teils mit übleren Methoden als heute..

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    • Bauer Willi sagt

      Mag sein, aber sie haben sich dabei in die Augen geschaut. 🙂
      Allerdings finde ich die Methoden heute schon übler als „in der guten alten Zeit“.
      Bauer Willi

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  10. Michaela Kolly sagt

    Welcher Handwerker verdient 60 Euro? Allen bei mir am Bau muss ich netto 32 bis 35 Euro zahlen- aber das ist ja auch Thüringen.

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    • Bauer Willi sagt

      Danke für den Hinweis. Hab es geändert. 480 wäre dann doch etwas arg viel 🙂
      Bauer Willi

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