Bauer Willi
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Unverlangt eingesandt: Die Herdenmanagerin

Vor einigen Tagen erreichte mich diese Mail. Einfach so. Besser kann man Öffentlichkeitsarbeit nicht machen. Und es ist so einfach.

Lieber Bauer Willi,

meine Erlebnisse am Vatertag.

Zu mir: ich bin Herdenmanager auf einen 600ter Kuhbetrieb irgendwo im Norden Deutschland. Den Betrieb hat der Opa des Betriebsleiters, als Vertriebener aus Polen, mit nur einer Ziege, in den 50ziger Jahren aufgebaut. Mittlerweile gehört seinem Sohn, sowie seinen zwei Enkeln der Betrieb. Der beschriebene Betrieb hat mehrere Betriebszweige.

Am Vatertag haben wir von meinen Verein aus, welcher nichts mit der Landwirtschaft zu tun hat (vom Elektriker, über Hausmeister oder ehemaliger Kapitän waren alle Berufszweige vertreten), eine Betriebsführung durchgeführt.

Warum? Obwohl die Leute wussten wo ich arbeite, habe ich gemerkt, dass gewisse Bilder aus den Medien sehr tief im Gedächtnis eingebrannt sind.

Als ich dann zum ersten Mal den Vorschlag gemacht habe, bei uns auf dem Betrieb einen Ausflug zu machen, hieß es am Anfang: „kennen wir schon, mein Opa hatte Kühe oder mein Schwager hat welche“ usw. Aber aufgrund mangelnder anderer Vorschläge haben wir heute trotzdem eine Betriebsführung gemacht.

Die Resonanz: „Bei euch ist es sauberer wie in jeder Frittenbude“.“ Der Stall ist ja so offen“. „Die haben ja viel mehr Platz und sind sauber“. „Schau mal die haben sogar eine Massagebürste“.

Eine häufige Frage war: „und wann wird eine Kuh geschlachtet?“ – meine Antwort: „wenn sie z.B. nach drei monatiger Behandlung an den Klauen immer noch humpelt und es nicht besser wird. Oder wenn sie nicht tragend wird. Jede Kuh kriegt ihre zweite Chance. Nur wegen schlechter Milchleistung wird bei uns keine Kuh zum Schlachter gebracht. Zudem bringt eine Kuh, die lange lebt, wirtschaftlich einfach mehr“.

Klar gab es auch Themen, die nicht in das Bild einer heilen Welt passen, „Wie schnell werden Kälber von den Müttern getrennt?“, „Warum haben manche Hörner und andere nicht?“ und „Was passiert mit den Bullenkälbern?“.

Interessant fand ich, dass viele den Betrieb als Milchfabrik bezeichnet haben und dass das für sie nichts mehr mit einem Familienbetrieb zu tun hat. Ein mittelständiges familiengeführtes Unternehmen mit 20 Mitarbeitern im Baugewerbe wird aber als normal angesehen. Vielleicht haben meine Vereinskollegen aber auch recht.

Eine der Besucher meinte, dass sein Schwager ja nur 100 Kühe hat und alles selber macht. Die ganze Aussage wurde mit einem kritischen Unterton gesagt. In der Art, sein Schwager ist ein „richtiger“ landwirtschaftlicher Familienbetrieb. Ihr nicht.

Ja das stimmt. Ich arbeite in einem familiengeführten mittelständigen Unternehmen. Aber geht es diesem Schwager wirklich besser? Klar macht er alles alleine, aber kann er in den Urlaub fahren? Was passiert wenn er mal selbst krank ist? Oder er einfach nicht mehr kann? In allen Wirtschaftzweigen wird der Begriff „burn out“ immer häufiger genannt.

Auch wollen die Angestellten in allen anderen Bereichen der Wirtschaft mehr Lohn, mehr Urlaub und weniger Wochenarbeitsstunden (siehe die aktuellen Streiks des öffentlichen Dienstes). Aber der Landwirt selber soll sich 365 Tage im Jahr, mit 60-100 Stunden die Woche, sieben Tage die Woche für seine Tiere aufopfern?  Für nicht einmal 8,50 € Stundenlohn? Und darf dabei nie schlecht gelaunt sein oder sich beschweren?

Ob mein Chef da ist oder nicht, fällt sicherlich auch auf, aber er kann beruhigt eine Woche in den Urlaub fahren oder mal ein Wochenende frei machen. ohne sich fragen zu müssen, ob es seinen Tieren gut geht oder ob sie die bestmögliche Betreuung erhalten.

Zudem kann man ab einer gewissen Betriebsgröße ein Schichtsystem einführen.  Jeder Angestellte kann so mal eine Woche Urlaub machen, an einem oder anderen Feiertag frei nehmen und hat eine (zumindest meistens) geregelte Wochenarbeitszeit. Sind diese Milchfabriken wirklich so schlimm? Geht es der einzelnen Kuh in einer 140-iger, konstanten Herde schlecht? Oder Kühen in einem großen neuen Stall?

Die große Rückmeldung war: allen hat es gefallen, viele hätten es aber nicht so groß erwartet. Und alle wären bereit, auch ein Euro für einen Liter Milch zu bezahlen.

Eine hatte einen ganz passenden Vergleich in Bezug auf Milchfabrik: der Maurer verfugt und verputzt heute auch nicht mehr. Warum soll ein Landwirt sich nicht spezialisieren dürfen?

Mein persönlichen Fazit: es hat sich gelohnt, „ganz normale Leute“ in den Stall zu holen und offen auf Fragen zu reagieren. Auch Punkte anzusprechen, die noch nicht optimal laufen, aber man auf der Suche nach Lösungen ist z.B. das Enthornen von Tieren.

Ob ein Betrieb ein typischer Familienbetrieb sein will oder ein familiengeführtes landwirtschaftliches Unternehmen ist jeden Betrieb selbst überlassen (zumindest noch). Wobei ich das Gefühl nicht los werde, dass Familienbetriebe zwar als öffentliches Bild von der Politik gewünscht sind, aber für deren Erhalt nicht wirklich etwas unternommen wird.

Gruß von eurer Herdenmanagerin

(Aufrufe 1.902 gesamt, 1 heute)

27 Kommentare

    • Andreas Schmid sagt

      „Ich würde für …..Euro den Liter Milch zahlen“

      Ich lese immer nur „ich würde“. Dies hier ist kein Einzelfall. Es ist keiner ehrlich und schreibt: Ich würde …. aber ich kaufe nicht, weil……

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  1. Mirjam Lechner sagt

    Schoen – wie offen auch auf kritische Fragen eingegangen wird. So geht Dialog :-).

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  2. Christiane Andersen sagt

    Das trifft es genau auf den Punkt und entspricht meiner eigenen Erfahrung.
    Was in anderen Berufen selbstverständlich ist,scheint für den Landwirt verwerflich und mit Tierquälerei verbunden. Im Sommer halten viele Radfahrer bei uns an und bestaunen das Karussell (600 Kühe,36 Innenmelker) Wir geben Touristen gerne Auskunft und Sie können sich umsehen. Aber jeder der Milch probierte ,stellte fest,dass die im Supermarkt gekaufte ja wie Wasser schmeckt ?

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  3. Michael Be sagt

    Diese Erfahrung habe ich auch gemacht mit unseren 700 Kühen. Viele haben ein vollkommen verzerrtes Bild. Auch wir sind ein Familienbetrieb, 4 Arbeitskräfte kommen allein aus der Familie. Hinzu kommt noch die Kooperation mit einem anderen Betrieb für die Außenwirtschaft. Auch dort packen 2 Generationen voll mit an. In dieser Hinsicht ist dann auch die Betriebsgröße relativ, es bestreiten insgesamt über 12 Familien ihren Lebensunterhalt durch und mit dem Betrieb.
    Für alles was gut oder schlecht läuft sind allein wir verantwortlich.
    Unsere Mitarbeiter, vorallem unser Herdenmanager, identifizieren sich auch mit dem Betrieb und zeigen Einsatz.
    Wenn sie das nicht tun würden und auf eine 38 Stunden Woche pochen würden, wäre das alles garnicht möglich. Man muss schon ein bißchen verrückt sein um in der Landwirtschaft zu arbeiten, aber gerade das macht auch den zusammenhalt untereinander aus, ob 100 oder 700 Kühe.

    3+
  4. bauerhans sagt

    „Und alle wären bereit, auch ein Euro für einen Liter Milch zu bezahlen…“

    sind sie eben nicht,wie das wirtschaftliche ergebnis der discounter zeigt!
    alles nur emotionen……

    1+
    • Gephard sagt

      Dein Pessimismus in allen Ehren. Änderungen passieren selten über Nacht. Woher willst du wissen, dass genau diese Menschen es nicht ernst meinen. Bis die Zahlen individuelles Umdenken widerspiegeln ist schon eine Menge passiert. Die Veganer waren lange eine Randerscheinung. Nun sind sie es zwar immer noch, doch die öffentliche Wahrnehmung hat sich stark verändert. Jede Kette kümmert sich mit Produkten um diese winzige Kundschaft.

      2+
      • bauerhans sagt

        ich bin realist.
        der schweinepreis z.b. steigt gerade,weil grillwetter die nachfrage ankurbelt,aber wenig schweine im angebot sind!

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Zu mindestens im Sommer könnten diese Viecher 4 Filets haben.

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          • Sabine sagt

            Vielleicht sollten wir ein Kochbuch schreiben, was nur Rezepte für Innereien und Co. enthält.
            Manchmal frage ich mich, wer welches Brett vorm Kopf hat, gelten im Nachbarland doch gerade Leberpasteten als Inbegriff der feinen Küche, während hier Leberwurst eher einen schlechten Ruf hat. Trotzdem muss ich immer Leberwurst schmuggeln, wenn ich ins Ausland fahre. Wie kommt das?

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            • bauerhans sagt

              …eben spargel und schnitzel gehabt.
              ich brauche wirklich keine innereien…

              1+
            • Ehemaliger Landwirt sagt

              Die meisten der zukünftigen „Hausfrauen“ lernen das Kochen nicht, weil deren Mutter es auch nicht kann. Die anderen haben keine Zeit dazu, die Zappen nur noch am Smartphone.

              Da bleibt nur noch der Göttergatte übrig, am Grill. 🙂

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            • Ehemaliger Landwirt sagt

              @bauerhans

              Nach einem Spargelessen mit Schnitzel brauche ich auch keine Innereien, aber einmal in der Woche darf es sein.

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            • Stadtmensch sagt

              @Ehemaliger Landwirt
              Wenn man das so liest, könnte man meinen sie wären ein ganz schöner Chauvi.
              Ich frage mich, ob sie sich ohne ihre Frau überhaupt selbst etwas nahrhaftes zubereiten können (außer Grillfleisch). Wieso stellen sie ihre Forderungen nicht auch an die jungen Herren der Schöpfung? Die sind meist genauso hilflos in Hauswirtschaftsdingen.

              1+
            • Ehemaliger Landwirt sagt

              Ach Stadtmensch, auf dem Lande pflegt man noch die Traditionen und das heißt, man macht der Frau den Herd nicht streitig. 🙂 🙂

              So war es bei meiner Mutter. Leider hat sich dies mit der Berufstätigkeit meiner Frau nach unserer Ehe geändert. Gezwungenermaßen musste ich öfters was zubereiten, wenn ich mehr als Rühreier essen musste.

              Unseren Söhnen habe ich immer gesagt, lernt Kochen, eine Frau zu finden die Kochen kann, wäre ein Glücksfall, dieses Risiko einzugehen wäre fatal.

              Übrigens, manche sind der Meinung, ich könnte manche Speisen sehr gut zubereiten, besonders im Sous Vide und Niedertemperaturverfahren. Aber ich denke mal, dass die Fleischwahl den größten Anteil daran hat.

              1+
      • Ehemaliger Landwirt sagt

        Vegan zu sein, ist derzeit eine Modeerscheinung und wird von den Medien hofiert.
        (Die armen Tiere)

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        • bauerhans sagt

          interessante erfahrung mit veganern,die ein haus kaufen wollten,welches ca. 200m von meinem aussenstall in der hauptwindrichtung liegt.
          die hatten gleich gefragt,wie häufig es wohl riechen würde…..
          allerdings hatten die ein so schlechtes angebot gemacht,dass es nix wurde oder waren doch die schweine schuld……

          2+
          • Ehemaliger Landwirt sagt

            In der Regel wird das so gemacht, das Haus wird günstig erworben, wegen des Schweinestalles in der Nähe und anschießend wird gegen den Schweinehalter geklagt, wegen Geruchsbelästigung.
            .

            3+
      • Walter Parthon sagt

        Fleischfrei = Sorgenfrei?
        Sind fleischfreie Lebensmittel gesund? In der aktuellen „Ökotest“ werden 22 fleischfreie Lebensmittel getestet. Etwa die Hälfte fällt mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch. Einige Produkte sind überwürzt, enthalten Mineralölrückstände oder GVO.
        – Die Belastung mit Mineralöl stammt wohl aus den Kunststoffumverpackungen.
        – Vegane Lebensmittel sind oft überwürzt. Auf der Zutatenliste finden sich Geschmacksverstärker und Aromen.
        – Die Produkte enthalten viel Salz und Fett. Fast jedes zweite Produkt hat erhöhte Salzwerte.
        – In zwei Produkten wurde gentechnisch veränderte Soja-DNA nachgewiesen.
        Überzeugen konnte lediglich ein Produkt. Bedenkliche war hier „nur“ der Gehalt an Mineralölrückständen.
        http://www.oekotest.de/cgi/index.cgi?artnr=107870&bernr=04

        3+

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