Bauer Willi
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Notfallzulassung Insektizid

Gibt es gute und böse Insektizide? Richtige und falsche Notfallzulassungen?

Zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers wurde erneut eine Notfallzulassung ausgesprochen. In 2020 galt diese für den Zeitraum vom 30.4. bis 27.8., also dem relevanten Zeitraum, in dem diese Insekten auftreten können. Für 2021 gilt die Zulassung für den Zeitraum vom 21.4. bis 19.8..

Die Aufwandmenge des Insektizids beträgt 5 l/ha, es sind bis zu 4 Anwendungen pro Saison zulässig. Die Gesamtmenge ist auf 54.000 l begrenzt, was bei zwei Anwendungen für 5.400 ha ausreicht (etwa die Hälfte der Anbaufläche Bio-Kartoffeln)

Wirkungsweise: Novodor® FC enthält ein Bakterien-Toxin, das nach Aufnahme durch Fraßtätigkeit den Verdauungstrakt der Kartoffelkäferlarven schädigt. Kurze Zeit nach Wirkstoffaufnahme kommt es deshalb zum Fraßstopp. Die Larven bleiben jedoch sichtbar auf dem Blatt. Nach 4-6 Tagen sterben sie ab. Novodor FC wirkt spezifisch auf einige Coleopteren-Spezies, darunter speziell auf die Larven des Kartoffelkäfers

https://www.biofa-profi.de/files/content/PDF/Fachartikel_Kartoffelkaefer_2015_0515.pdf

Novodor ist ein Insektizid für den ökologischen (Bio-) Kartoffelanbau.

https://www.proplanta.de/agrar-nachrichten/pflanze/oekologischer-kartoffelanbau-notfallzulassung-von-novodor-fc-gegen-kartoffelkaefer_article1619086280.html

Zu Notfallzulassungen schreibt das BVL:

Wenn eine Gefahr für die Gesundheit und den Schutz von Kulturpflanzen nicht anders abzuwenden ist, kann das BVL das Inverkehrbringen eines Pflanzenschutzmittels für eine begrenzte und kontrollierte Verwendung für maximal 120 Tage zulassen („Notfallzulassung“). Auch bei Notfallzulassungen stellt das BVL sicher, dass die menschliche Gesundheit nicht gefährdet wird. Eventuelle Risiken für den Naturhaushalt werden durch spezifische Auflagen und Anwendungsbestimmungen minimiert. Rechtsgrundlage ist Art. 53 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 in Verbindung mit § 29 des Pflanzenschutzgesetzes. Anträge auf Notfallzulassung können Verbände, Behörden, Firmen und Hersteller von Pflanzenschutzmitteln stellen.

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15 Kommentare

  1. Meyer sagt

    Es gibt eben bessere und schlechtere Pflanzenschutzmittel . Dieses gehört zu den „Besseren“, weil eben Bio. Dies ist mal wieder ein Beispiel für die deutsche moralideologische Wohlfühlpolitik. Wenn die das in unserer gesamten Volkswirtschaft so weiter treiben , dann gibt es bald hier keine systemrelevanten Leute mehr , sondern nur noch Leute die von den „Systemrelevanten Erarbeitern“ leben. Das ist dann das Ende der Wohlfühlpolitik. Dann müßen alle nicht Systemrelevanten mal selbst ihr Einkommen oder die Rente verdienen, denn dann ist keiner mehr da, der sich immer mehr knechten läst. Das ist aber in Berlin noch nicht angekommen.

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    • Stadtmensch sagt

      „deutsche moralideologische Wohlfühlpolitik“

      Unsinn, lasst uns einfach mal über das reden, was ihr da draußen so treibt ihr Leistungsträger 😉

      Bin ja begeistert, was man alles beachten muss, um eine optimale Wirksamkeit der Mittel zu erreichen. Außerdem wirkt es wohl besser bei jungen Larven. Die älteren sind abgehärtet? Wird meine Darmwand auch „perforiert“ wenn ich ein „präpariertes“ Salatblatt esse? Warum dürfen Tomaten im Gewächshaus nur im obersten Drittel behandelt werden? Fragen über Fragen. Wieso gibt es so viele Nervenkrankheiten Allergien, Autoimmunerkrankungen in dieser Gesellschaft? Ist das der Preis für Hülle und Fülle?

      Zitat:

      „Im Boden können die Endotoxine als Proteine an Tonminerale gebunden werden und sind so vor dem mikrobiellen Abbau geschützt. Dies führt zu einer erhöhten Persistenz und Akkumulation der Toxine im Boden. Die Wirkung der Toxine bleibt trotz der Bindung erhalten und kann unter diesen Umständen sogar erhöht werden. Da dieser Prozess besonders bei der mechanischen Einarbeitung von Endotoxinen mit Pflanzenresten in den Boden zu beobachten ist“

      https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/pflanzenschutz/bacillus-thuringiensis-praeparate-im-forst

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      • Thomas Apfel sagt

        Hallo Stadtmensch,
        wir wissen relativ wenig über die Mechanismen des pflanzlichen Stoffwechsels und noch weniger über den Komplex des Bodenlebens. Bekannt ist, dass Pflanzen „Abfallstoffe“ gern an Cellulosestrukturen im Stützgerüst binden und sie so selbst für die Analyse oft unsichtbar werden. Mein Eindruck ist, dass Pflanzen das mit Giften oder „Abfallstoffen“ aus der „Natur“ sehr viel besser können, als mit synthetischen Mitteln. So haben amerikanische Wissenschaftler die Wirkung von Senfmehl (Seraptasenf) zur Bodenentseuchung untersucht. Der Wirkstoff, der durch die Umsetzung der Senföle freigesetzt wird ist chemisch identisch mit den synthetischen Entseuchungsmitteln. Allerdings werden im Gegensatz zum synthetischen Produkt von den aus Senfmehl freigesetzten Wirkstoffen nach kurzer Zeit keine Rückstände mehr gefunden. Die Wirkung des Senfmehls auf die Reduktion Phytopathoger Organismen hält aber, im Gegensatz zum synthetischen Stoff, dreimal so lange an (über mehrere Jahre). Das spricht für einen ähnlichen Mechanismus wie bei den Endotoxinen, die Du erwähnst.

        Bekanntes Beispiel für „verdeckte Rückstände“ war der Halmverkürzer CCC,
        Der Wirkstoff von CCC wurde in Kulturchampignons nachgewiesen, die damit nie in Berührung gekommen waren. Die Untersuchung des verwendeten Srohs ergab keine Rückstände, erst mit der Zersetzung des Stützgerüstes des Strohs (Lignin und Cellulose) durch die Pilze wurden die „verdeckten Rückstände“ wieder sichtbar.

        Die scheinbare Rückstandsfreiheit von vielen Bio-Pestiziden kann also tatsächlich eine Scheinbare sein.

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        • Bauer Willi sagt

          Bei der „Biofumigation“ wird frischer Zwischenfrucht-Senf eingearbeitet und verdichtet. Im Boden bildet sich Senfgas, der Nematoden zum Absterben bringt. Dies ist eine biologische Schädlingsbekämpfung. Was ansonsten noch vom Senfgas im Boden abgetötet wird, ist mir nicht bekannt. Ich denke, es wurde auch nicht untersucht.

          Falls Sie bei Wikipedia nachschauen wollen, ob das stimmt: Was dort steht, ist ziemlicher Blödsinn. Habe mich mit Rübennematoden fast 20 Jahre wissenschaftlich beschäftigt…

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          • Thomas Apfel sagt

            Die Untersuchungen in Amerika arbeiteten mit Seraptasenfsamenmehl mit enormen Aufwandmengen (3 – 5 t/ha). Ziel war die Bodenmüdigkeit bei Apfel, da muss mehr weg, als nur Nemathoden. Die Wirkstoffmengen, die freigesetzt werden liegen in der Höhe von 300 – 500 l/ha Metam Natrium Fluid in der Anwendung. Vorgetragen und veröffentlicht von Dr. Mark Mazzola Washington State University 2012.
            Biofumigatin mit frischem Senfbeständen, wie von Ihnen beschrieben, haben wir auch versucht, mit schwacher Wirkung. Tagetes wirkt da radikaler.

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            • Stadtmensch sagt

              „Tagetes wirkt da radikaler“
              Logisch, nur Arbeit mit Wurzeln ist radikal.
              😉
              Danke für die vielen Hinweise!

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          • Thomas Apfel sagt

            Der Vollständigkeit halber: Mark Mazzola hat nichts von „verdeckten Rückständen“ gesagt. Er konnte sich die länger anhaltende Wirkung von Senfsamenmehl gegenüber Metam Natrium nur nicht erklären. Der Rest ist zugegebenermaßen weiterführende Spekulation meinerseits.
            Das Halmverkürzerbeispiel hat Udo Pollmer veröffentlicht. Ich habe das mit ihm mal diskutiert. Er meinte, dass dieser Mechanismus bei moderneren PSM keine Rolle spielt. … wie gesagt, nur der Vollständigkeit halber.

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  2. Thomas Apfel sagt

    Immerhin werden die Bio-Mittel jetzt ungefähr dem gleichen Zulassungsprozedere unterzogen, wie die der klassischen Landwirtschaft. Herr Lafer, Obstbauberater aus der Steiermark, sagte neulich in einer Videokonferenz, dass die Mengenreduzierung bei Pflanzenschutzmitteln vor allem die Bio-Betriebe träfe. Im klassischen Apfelanbau liegt die Mittelmenge bei 13 – 17 kg/ha beim Bio- Apfelanbau bei über 40 kg/ha.
    Daher kommen auch die momentanen Aktivitäten im Bio-Umfeld, sich mehr auf die Rückstände synthetischer PSM zu konzentrieren.

    Bei mir hatte die Solawi Chefin nachgefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie über das Umweltinstitut München und Tiem Umweltanalytik ausgewertete Passivsammler für Pflanzenschutzmittel („Athosphärisches Grundrauschen“) aufstellen würde.
    Ich habe abgelehnt, da die beiden genannten Akteure, diejenigen sind, die für ihre Aktionen in Südtirol von den Obstbauern verklagt wurden.

    Dem Anliegen, das Ausmaß von Pflanzenschutzmittelnverdriftung zu erfassen, kann man ja grundsätzlich nicht verweigern. Problematisch ist die unseriöse Datenauswertung und Bewertung der „Ergebnisse“ aus Aktiv- und Passivsammlern. Es muss, wenn überhaupt, eine parallele Aufstellung und Auswertung solcher Sammler über Pflanzenschutzämter und neutrale Labore erfolgen. Aus meiner Erfahrung heraus mindestens 3 Labore, weil oft sich völlig widersprechende Ergebnisse herauskommen.

    Die Solawi hat fairerweise angefragt, und ihr Anliegen erstmal zurückgestellt. Meine Bio-Kollegin (Die nach dem Tod meiner ersten Frau deren Betrieb übernommen hat, und in jeglicher Form von uns gefördert wird, obwohl sie nicht Mitglied der Genossenschaft ist)
    hat klammheimlich solche Sammler aufstellen lassen, ohne Jemanden zu informieren. Einer davon steht/stand direkt auf dem Vorgewende ihres konventionellen Nachbar.

    So sieht „Wir sind doch Alle Bauer und müssen keine Grabenkämpfe ausfechten“ in der Realität aus. Ich war jedenfalls sowas von „von der Rolle“, dass ich etwas ausfallend geworden bin, was sonst nicht meine Art ist.

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  3. Klemens Minn sagt

    Im Zusammenhang mit dieser Diskussion eine Frage: Was ist die Begründung dafür, dass eingesetzte Hilfsmittel unterschiedlich bewertet werden.

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  4. Thomas Apfel sagt

    Notfallzulassungen sind unter anderem die Reaktion auf den Wechsel in die Indikationszulassung vor ca 20 Jahren. Jede Kultur ist getrennt zu betrachten. Für die Pflanzenschutzmittelindustrie werden Zulassungen für „kleine“ Kulturen zunehmend zum Problem mit dem Risiko bei Neubetrachtung auch die Zualssung für „große“ Kulturen zu verlieren. Eine Notfallzulassung ist, wie der Name schon sagt, für den Notfall (Gefahr im Verzug) eine Zulassung für 120 Tage, die erteilt werden kann, oder eben auch nicht.
    Auch durch diese Praxis werden wir viele Wirkstoffe verlieren, die vor allem für die Sonderkulturen wichtig sind (aktuell Insegar und Envidor). Für diesen kleinen Markt tut sich die Industrie den Aufwand nicht mehr an.
    Das Insektizid Movento hat zum Beispiel in Europa rund um uns eine breite Zulassung auch für viele Sonderkulturen. Bei uns im Obst in Dt. immer noch nur mit Notfallzulassung.
    Auch so sinnvolle Geschichten, wie der Arbeitskreis Lückenindikation für die Sonderkulturen, werden durch die Praxis der Notfallzulassung, bei gleichzeitiger öffentlicher Kritik an Selbiger, konterkariert.
    Irgendwie bin ich erleichtert, in 3 – 4 Jahren dieses Desaster „von Außen“ betrachten zu können.

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  5. Mark sagt

    Bei vielen bewährten Wirkstoffen im Bereich Pflanzenschutz läuft die Zulassung aus und wird nicht verlängert. Daher steigt derzeit die Zahl der „Notfallzulassungen“ stark an und bringt Verwirrung und Unübersichtlichkeit. Bei obigem PSM handelt es sich um ein Mittel, welches auch im Bio-Anbau eingesetzt werden kann. Der Anteil der eingesetzten Biopräperate beträgt jetzt schon 10% alle PSM und ist steigend. Das ist der Öffentlichkeit aber gar nicht bewusst, dort träumt man immer noch von „ungespritzt“. Was gar nicht erfasst ist, sind die „illegal“ angewendeten Eigengebräue, die z.B. auch im Demeterbereich häufig angewendet werden. Brennesselsud ist hierbei sicherlich noch das harmloseste.

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  6. Bauer Fritz sagt

    Nur damit ich das richtig verstehe:
    1.) Es handelt sich um eine NOTFALLZULASSUNG – aber eine Gute. Im Gegensatz zu Beizmitteln für Rüben – das sind gaaaanz pöse Notfallzulassungen

    2.) Es handelt sich um eine Anwendung von Kleinstmengen mit MAXIMAL 10 Liter gutes Insektenkiller-Pestizid je Hektar. Im Gegensatz zu den pösen pösen Alleskillern bei Raps.

    3.) Bei den guten Zulassungen habe die „angesprochenen Insekten mit überschaubarer Positivwirkung“ 4-6 Tage Zeit sich auf ihren Übergang ins Insekten-Nirvana mental vorzubereiten. Während bei den pösen Zulassungen grundsätzlich alles das Zeitliche segnet was kreucht und fleucht.

    3.) Mit den möglichen 54.000 Litern werden die guten Felder ja nur bis zu 4x in der Saison liebevollst beträufelt. Im Gegensatz zum pösen Glyphosat mit dem die Felder ja alle paar Jahre brutalst überschwemmt werden.

    Nichts geht über gute selektive Wahrnehmung und erstaunte mediale Kommentierung: Notfallzulassung – wie jetzt ?, Bio-Pestizide – was jetzt ? Insekten sterben ? – Kann doch nur Fake-News sein ….

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  7. Piet sagt

    Also an Greenpeace, WWF, Grünen/Bund und NABU: Was machen die Bakterien-Toxine im Verdauungstrakt unserer larvenfressenden Vögel? Sollte man, solange das nicht geklärt ist, Novotor nicht vorsorglich verbieten?

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