Bauer Willi
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Das Kreuz mit dem Handel

Bei allen Diskussionen um Lebensmittel wird ein Glied in der Wertschöpfungskette gerne vergessen: der Lebensmitteleinzelhandel, kurz LEH genannt. Es ist auch unmöglich, maßgebliche Vertreter von Aldi, Lidl, Rewe oder Edeka vor das Mikrofon oder die Kamera zu bekommen, sie sind sehr medienscheu. Nun bin ich nicht der ausgewiesene Experte für Ökonomie, aber einige Eindrücke, die mir auch als Konsument auffallen, will ich hier denn doch zu Papier bringen.

Der erste Eindruck: Der LEH hat bei all seinem Tun nur ein einziges Ziel – Gewinnmaximierung. Das wäre nicht weiter schlimm, denn jeder von uns strebt, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dieses Ziel an. Warum nicht auch Aldi & Co. ?

Was Sie und ich wahrscheinlich aber nicht vertreten können, ist eine Gewinnmaximierung um jeden Preis. Und das ist im Lebensmitteleinzelhandel normal. Die Einkäufer verstehen es, die Rohstofflieferanten zum einen gnadenlos im Preis zu drücken und sie zum anderen in eine Abhängigkeit zu bringen, aus der kaum ein Anbieter schadlos aussteigen kann. Dazu ein paar Beispiele aus der Praxis.

Willkür beim Preisdumping – Beispiel Speisezwiebeln

Ein Nachbar von mir produziert seit einigen Jahren Speisezwiebeln. Diese unterliegen einem freien Markt, Vorkontrakte wie bei Getreide oder Raps, mit denen man den Preis vor dem Anbau schon absichern könnte, gibt es nicht, wohl aber Absprachen mit dem Händler, ob und in welcher Menge er ihm die Ware abnimmt. Die Ernte 2014 war sehr gut, die Qualität exzellent, und so war mein Nachbar guten Mutes. Aber nur, bis er das erste Preisangebot bekam: 3 Euro für 100 Kilogramm! Nun gibt es nicht viele Händler, die mit Speisezwiebeln handeln, und die Preise bei anderen Händlern, die dann aber nicht mehr mit dem Trecker zu erreichen gewesen wären, hatten auch keine anderen Preisvorstellungen. Dazu wäre dann noch die Fracht gekommen. Schweren Herzens entschloss sich mein Nachbar, die erste Lieferung mit zwanzig Tonnen Ware zum Händler zu bringen. Kaum wieder zu Hause angekommen, rief der blutjunge Einkäufer bei ihm an und fragte wörtlich: » Was soll ich mit dem Scheiß ? Da sind ja faule Zwiebeln mit drin, die kannst du gleich wieder abholen.”  Also drehte er um, lud die Zwiebeln wieder auf und fuhr nach Hause, wo er die beladenen Hänger frustriert erst einmal stehen ließ. Zwei Tage später rief der Händler wieder an und fragte ihn, ob er jetzt wieder zwanzig Tonnen liefern könnte. Gesagt, getan, mein Nachbar hängte die immer noch mit der gleichen Ware beladenen Anhänger an seinen Schlepper und fuhr erneut zum Händler, wo der Einkäufer die Ware gemeinsam mit ihm begutachtete und für gut befand. Der junge Einkäufer dazu: » Siehst du, geht doch ! «

Ich habe selbst lange Jahre Kartoffeln angebaut und kann von ähnlichen Erlebnissen berichten. Allerdings hatte ich meine komplette Ware vor dem Anbau mit dem Händler vertraglich abgesichert. Das machen nicht alle Landwirte, viele spekulieren auch und warten erst einmal die Preise ab. In Jahren mit großem Angebot versuchen die Händler dann die Vertragsware im Preis zu drücken. Da wird jede Kartoffel zweimal umgedreht, man findet blaufleckige, schorfige oder hohlherzige Kartoffeln, und für alles gibt es einen Abzug. Ein Erlebnis der besonderen Art war ein Jahr, in dem Kartoffeln witterungsbedingt äußerst knapp waren. In unserer Halle lagerte noch ein Rest Kartoffeln, wobei diese Bezeichnung schon nicht stimmte. Es waren viele faule Kartoffeln dabei, stellenweise stand schon das Fruchtwasser zentimeterhoch unter den Kartoffeln. Und sie stanken, wie eben faule Kartoffeln stinken. Wir wollten diese gerade aufladen und zurück ins Feld fahren, als ein Anruf vom Händler kam:

» Habt ihr noch Kartoffeln ? « Wir erklärten ihm die Situation und dass wir uns schämen würden, ihm eine solche Ware anzubieten. Seine Antwort: » Egal, aufladen. Wir können alles gebrauchen ! « Die Abzüge für faule Kartoffeln waren weitaus geringer, als wir erwartet hatten. Mit dem, was man früher einen » ehrbaren Kaufmann « nannte, hat das nicht mehr viel zu tun…

Euer Bauer Willi

Dieser Artikel ist übrigens eine Leseprobe aus meinem Buch SAUEREI – und immer wieder aktuell.

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20 Kommentare

  1. Friedrich sagt

    Der Bauernverband spricht vom Oligopol über den LEH und das ist der LEH auch bei fünf
    Anbietern mit 85 % Marktanteil. Leider hat unser Wirtschaftsminister, mit der Ministererlaubnis für die Fusion von Edeka + Tengelmann das ganze noch unterstützt. Da
    kann man wirklich BAUERWilli´s Worte “Sauerei” verwenden. Die Preisdrückerei über die
    Qualitätskriterien werden schon lange durchgeführt. Beim Getreide sind das so rd. 3-4 % für
    Kleinkorn, Staub usw. Ich kann 100 % der Ernte lagern und reinigen. Beim Wiegen des
    Reinigungsabfalls habe immer 0,2% – 0,3% der Ernte als Abfall gewogen. Auch die Abzüge
    für Feuchtigkeit sind zu hoch. Jeder Landwirt sollte auch Eiweiß, Fallzahl usw. selbst bei der LUFA untersuchen lassen. Dabei gilt immer “Vertrauen ist gut,Kontrolle ist Besser”. Ich
    verkaufe mein Getreide nur noch” Brutto für Netto”. Jedes Silo wird beprobt vor dem
    Verkauf. Danach wird bezahlt. Auch bei dem Mastschweinen zählt nur das alles kontrolliert wird. Nicht hin und wieder, sondern jedes mal. Dabei ist die Lebendverwiegung unerläßlich. Auch bin ich schon über 50 x am Schlachtband gewesen.
    Die Fahrt hat sich immer gelohnt.Zum Schluß kann ich nur noch sagen :
    Ist der Handel noch so klein , bringt er mehr als Arbeit ein !

  2. christian sagt

    hallo,
    kann es nur so bestätigen von meinen Berufskollegen, va. im Gemüsebereich. Zahlungsziel Salat 60-90 Tag (einer zahlt nach 30 Tagen). Der Salat wächst je nach Jahreszeit 6-8Wochen. Also grob gerechnet schwimmt der Salat schon im Schwarzen Meer (bin aus Ö, an der Donau) bis der LEH bezahlt.
    Das extremste bsp. war mal, dass die Septemberlieferung Tomaten im Mai bezahlt wurde. Oder es wurden Zuschläge für extra Vermarktungsschiene und Auflagen versprochen und dann wurden sie nicht bezahlt. Nach 1,5 Jahren verhandeln, hat sich diese Kette dann entschlossen die Lieferanten ins Hauptquatier einzuladen und dort einen Einkaufsgutschein für die eigene Kette zu überreichen, der aber nur rund die Hälfte der Zuschläge ausmachte. Der Termin wurde leider irgendwann Ende April angesetzt, da der Bauer ja dort keine Arbeit hat. jaja so sind die Sparmeister eben. Aber es gibt auch Lichtblicke, wenn man durch unseriöse Geschäftspraktiken zur Rechenschaft gezogen wird, auch wenn der Nachweiß sehr schwierig zu führen ist.

  3. Torsten sagt

    Es wär so einfach… Wenn mich egal in welchem Bereich meine Vertragspartner so linken würden, wurde ich mir entweder neue Vertragspartner suchen oder im schlechtesten Fall sogar die Produktion einstellen (verringern). Nix fuer ungut so manch einer von uns Dummen Bauern zieht viel zu spät die Reisleine. Ich frag mich nur oft warum. Aus Angst vor Alternativen oder überhaupt Mangel daran. Klar schlechte Jahre gibt es immer mal dafür sind wir Halt Unternehmer. Und immer gleich das Handtuch werfen Geht auch nicht. Aber man sollte sich vielleicht öfter mal überlegen ob es nicht auch Alternativen gibt…. Dann hätte sich das auch schnell mit der Überproduktion erledigt…

  4. Gast sagt

    Zur Berechtigung des Handels und zur Gier/Gewinnmaximierung verweise ich, obwohl sicher kein Fan von Rudolf Steiner, auf dessen bald 100 Jahre Idee der “sozialen Dreigliederung”:

    Freiheit im Geistesleben
    Gleichheit im Rechtsleben
    BRÜDERLICHKEIT im Wirtschaftsleben

    Was heisst das? Langfristig können nur alle leben (und dabei Gewinne machen), wenn es fair zugeht. Es kann nicht sein, daß die Familien Albrecht von Aldi und das Schwarz-Imperium (Lidl, Kaufland) zu den reichsten Deutschen gehören und gleichzeitig Bauern/Erzeuger/Zulieferer pleite gehen.

    Wohlgemerkt spielt hierbei der von Willi permanent gescholtene Verbraucher (und sein berechtigter Wunsch nach kleinen Preisen) keine Rolle. Wenn man die Gewinne von ALDI, LIDL, EDEKA, REWE usw. mit den Bauern solidarisch oder fair teilen würde, könnte alle gut leben: bei gleichbleibenden Preisen!

    Konkret zu den Zwiebeln: Als Wochenmarktbeschicker kaufe ich Biowaren beim Großhandel zu. Regionale Zwiebeln (mein Händler sitzt am Kaiserstuhl, da wächst alles!) gibt es sehr sehr selten. Bis Spätherbst gibt es deutsche Bioware, die getrocknete Lagerware über den Winter kommt immer aus Holland, weil es keinen deutschen Anbauer gibt, der Biozwiebeln in den Mengen anbaut.

    Soll heissen, wenn ein Speisezwiebelerzeuger am Markt vorbei produziert und konventionell statt Bio macht, dann braucht er nicht zu jammern. Dasselbe gilt auch für Milch und viele Produkte, die bei Bio händeringend gesucht werden und wir importieren müssen, während zeitgleich deutsche unflexible Bauern versuchen weinerlich Milchpulver und Schweinefleisch in die weite Welt abzusetzen.

    • Gast sagt

      meine aktuellen Einkaufspreise:
      Holland Biozwiebel 40-60 0,90 €/kg netto
      Deutsche Biozwiebel 70-100 1,40 €/kg netto
      Wie ist der Preisunterschied zu erklären und weil der Kunde keine grossen Zwiebeln wünscht ist klar, welche ich einkaufe.
      PS: die Biogrosshandelsspanne ist ca. 15%, kann sich jeder die bezahlten Erzeugerpreise ausrechnen, wenn Willis Nachbar 3 € / 100 kg bekommt, würde er bei Bio ca. 115 € / 100 kg bekommen. Hätte er nur 1/40 des Ertrages? Sicher nicht, also ist er doof!

  5. bauerhans sagt

    bei schweinen ist es ähnlich,die sind ja seit jahren im überfluss vorhanden. jede kleine schramme wird sofort als abzess eingestuft, grosszügig abgeschnitten und der preis gekürzt.

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