Bauer Willi
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Folgenabschätzer

Ein sperriges Wort und von mir erfunden. Bei Google findet man das jedenfalls nicht. Was ist ein „Folgenabschätzer“?

Hier meine Interpretation: Es handelt sich dabei um eine Person oder Institution, die vor einer Entscheidung lange überlegt und vordenkt, welche Folgen zu erwarten sind. Hier ein paar Beispiele:

  • Die Förderung von Biomasse zur Energiegewinnung hat zur Folge, dass es Menschen gibt, die diese Förderung annehmen und Biogas-Anlagen bauen. Deshalb gibt es ja diese Förderung. Diese Anlagen werden dann mit Silomais „gefüttert“. Die Folge: es wird mehr Mais angebaut. Die Folge?
  • Die Produktion von Ökostrom ist teuer als konventioneller Strom. Die Folge: der Konsument muss mehr für den Strom ausgeben. Will man auf Atom- und Kohlestrom ganz verzichten, benötigt man Stromspeicher. Große Stromspeicher. Große Stromspeicher kosten Geld. Die Folge: Strom wird noch teurer. Ohne Speicher sinkt die Versorgungssicherheit und es kann zu Stromausfällen kommen. Die Folge?
  • Mehr Bio-Landwirtschaft bedeutet geringere Erntemengen. Die Folge: die Preise für Lebensmittel steigen, weil die Produktionskosten pro Einheit höher  sind. Gleichzeitig müssen mehr Lebensmittel importiert werden, weil die Fläche begrenzt ist. Die Folge?
  • Mehr elektrische Mobilität erfordert höhere Aufwendungen für die Fahrzeuge. E-Mobilität ist teurer. Für die Aufladung der Fahrzeuge (meist abends nach Arbeitsende) werden belastbare Stromnetze und eine verlässliche Stromversorgung zu Spitzenzeiten benötigt. Die Folge: Stromnetze müssen ausgebaut werden, die Stromgewinnung muss spitzenlastfähig sein. Die Folge?

Die Gesellschaft wünscht die Förderung von Biomasse, mehr Ökostrom, mehr Bio-Landwirtschaft und mehr elektrische Mobilität. Die Folge: die Kosten steigen. Dies trifft vor allem Geringverdiener, die für die Essen, Wohnen und Mobilität prozentual noch mehr ausgeben müssen als bisher. Die Folgen?

Um nicht mißverstanden zu werden: im Prinzip finde ich all die oben genannten Entwicklungen ja auch gut. Wir haben nur eben manche Folgen nicht zu Ende gedacht und wollen uns anschließend darüber beschweren? Da passt was nicht….

Wir brauchen mehr Folgenabschätzer.

Euer Bauer Willi

 

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65 Kommentare

  1. Paulus sagt

    Zumindest für den Bereich Technik kann ich versichern, dass sich viele kluge Köpfe mit sogen. Folgenabschätzungen beschäftigen. Als Ing. kann ich allerdings ein Lied davon singen wie die Resonanz ist, wenn man negative Einschätzungen vorzutragen hat. Selbst sogen. Risk Managern und Mathematikern der Versicherungswirtschaft fällt es nach eigenen Aussagen schwer, sich gegen die die Finanz und die BWLer zu behaupten. Da geht das Geschäft mit bestimmten Kunden immer vor.
    Kompetente Köpfe, die im Stand sind Folgen rational abzuschätzen, werden entweder nicht gehört oder gar nicht erst gefragt oder weitgehend ignoriert.
    Ich habe mich auch schon des Öfteren gefragt, welchen Sinn und Zweck die aufgeblähten wissenschaftlichen Dienste der Länder und des Bundes erfüllen? Ich fürchte, es sind weitgehend Alibiveranstaltungen, deren Erkenntnissen massive politische Interessen entgegenstehen. Das Dumme ist, das die Politik in wesentlichen Dingen versucht, die Naturwissenschaften und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Gegebenheiten auf den Kopf zu stellen. Was soll dabei schon großartiges herauskommen?
    Mit prominenten Beispielen könnte ich jetzt eine ganze A4-Seite füllen.

    Nein lieber Willi, wir brauchen nicht noch mehr Folgenabschätzer! Unsere weitgehend MINT-befreiten, welcher Coleur auch immer, benötigen dringend Nachhilfe.

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    • Ich seh das so sagt

      Es wäre sicherlich interessant und m.M. sogar wichtig, wenn sie so eine A4-Seite beisteuern könnten oder bei Bauer Willi einreichen. Ich würde annehmen, daß bei genügend Zeit zum Nachdenken es auch mehrere Seiten werden könnten. An anderer Stelle wurde hier ja schon mal überlegt, ob es nicht zweckmäßig wäre, etwa Umweltsünden und -fehler von Umweltbehörden zu dokumentieren oder aufzuzeigen.

      Es würde vielleicht auch wieder ein wenig mehr dazu beitragen, daß Leute Gehör finden (so wie Sie), die eine fachliche Qualifikation und eine nachvollziehbar anerkannte Expertise vorweisen können, anstatt Leuten einen Aufritt zu ermöglichen, die außer einer gefühlten Qualifikation und einer sich selbst verliehenen Expertise oder auf Grund von politischer Anmaßung wenig vorzulegen haben.

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    • Bauer Willi meinte doch bestimmt, das wir dieses Technikfolgeabschätzen mal mit „Bauernlogik“ betreiben, denn da braucht man auf Kunden nicht zu achten!

      Nur die Regeln der Ökologie und Ökonomie betrachten!

      Da müsste doch ein reelles Ergebnis rauskommen,oder?

      Wenn der Strom für Elektroautos für die Allgemeinheit zu teuer ist?
      Kann er wirklich ausschließlich aus regenerierbaren Strom bezogen werden?

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      • Ehemaliger Landwirt sagt

        Weiter unten hab ich was zu Elektroautos geschrieben, bzw. zum Strombedarf.

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  2. Friedrich sagt

    Folgenabschätzer ist für mich nichts anderes als“Nachhaltig“ zu denken. Dieses Denken haben wir Bauern schon immer gehabt. Wir müßen in unseren Betrieben immer über längere Zeiträume denken. Beispiel: Im Sommer 2017 habe ich mich für die Herbsteinsaat für eine bestimmte Weizensorte entschieden. Einige Wochen später in der Ernte fülle ich mir einen Anhänger für z. B. 50 ha Weizensaat ab. Diesen Anhänger mit rd. 10 Tonnen lasse ich reinigen und beizen. Die 10% Abfallweizen füttere ich in die Schweine. Der Weizen wird dann im Oktober ausgesät, im August 2018 geerntet , eingelagert und im Frühjahr 2019 verkauft. Also fast zwei Jahre mußte ich mit meiner Entscheidung leben und wirtschaften. In der Viehzucht dauert das noch länger. — Deshalb wehren wir uns auch beim Glyphosat gegen diese Verbotsdiskussion, weil wir dann die vielen Nachteile ertragen müßen und noch kein vergleichbares Folgeprodukt vorhanden ist. Eine Sache , die sich bewährt hat, schmeist man nicht so schnell weg. —
    Unser Problem als Bauer ist es , daß die meisten Menschen sich diese langen Produktionsvorlaufzeiten nicht vorstellen können und damit die Probleme anfangen. Für uns Bauern sind diese langen Vorlaufzeiten sozusagen in den Genen drin , aber nicht in unserer Just in Time- Gesellschaft. Bei uns heist es immer : Bedenke das Ende .

    8+
    • Ehemaliger Landwirt sagt

      Als Obst und Weinbauer musste ich mit anderen Zeiten auseinandersetzen, bei

      Weinbau 20 Jahre mindestens,
      Zwetschgen 20 Jahre,
      Brennkirschen 40 Jahre

      Selbstverständlich kann man in dieser Zeit auch auf BIO umstellen,
      gestern habe ich im Mitteilungsblatt der Badischen Winzer die Überschrift gelesen,

      „Mit Volldampf in die Krise?“

      Dies befürchtet Paulin Köpfer, Vorsitzender von Ecovin Baden,
      wenn das synthetische PSM Kaliumphosphonat nicht zugelassen und die Kupfermenge nicht erhöht wird.

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      • Bauer Willi sagt

        Was sind Brennkirschen? Brennen die auf der Zunge? Oder sind die für Kirschwasser… 🙂
        Bauer Willi

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        • Die Brennkrischen ergeben bestimmt Schwarzwälder Kirschwasser, das auch an die berühmt berüchtigte
          Schwarzwälder Kirschtorte
          kommt!
          😉

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        • Ehemaliger Landwirt sagt

          Die Kirschen brennen nicht,
          aber der Alkohol bei der Destillation, wenn das Wässerle mit 80 % aus dem Brennkessel läuft 😉

          Brennkirschen sind alte Sorten, die nicht gezüchtet, sondern weiter veredelt werden, insofern entsprechen sie dem Zeitgeist.
          Wie Inga schrieb, daraus ergibt sich das Schwarzwälder Kirschwasser.
          Wenn Du dir eine Praline namens „Mon Chéri“ genehmigst, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Kirsche von der Ortenau stammt, sicher ist, dass sie nicht von der Region Piemont kommt.

          Kirschen, wie sie im LEH zu kaufen sind, eignen sich nicht zum Brennen, weil sie keinen Geschmack und zu wenig Zucker zum Brennen haben.

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  3. Ehemaliger Landwirt sagt

    Wie sehr manche Forderungen von der Realität weg sind, sieht man am Verbrennungsmotor, den ab dem Jahr 2030 nicht mehr zulassen wollte. (In den Koalitionsverhandlungen scheint man es derzeit nicht mehr so eng zu sehen).

    Realistisch betrachtet, müssten wir die Kraftwerksleistung bei Kohle, Gas, Öl glatt verdoppeln, wenn alle KFZ-Fahrzeuge mit Strom betreiben werden sollen.

    Wer wundert sich noch, dass US-amerikanische Hedge Fonds zurzeit stillgelegte Kraftwerke billigst aufkaufen. Offensichtlich können die besser rechnen.!

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  4. Alexander Borchert sagt

    Aus all den Diskussionen wird eines deutlich. Die meisten von uns spüren, dass ein „Weiter so “ auf Dauer nicht möglich ist. Doch uns fehlt die Not, irgendetwas zu ändern. So lange die fossilen Energieträger günstig zu haben sind, wird es keine Energiewende geben. Solange konventionelle Landwirtschaft möglich ist, gibt es kein Bio. Solange der Bürger günstige Nahrungsmittel bekommt, wird er sich nicht umstellen.
    Alle angesprochenen Veränderungen würden ohne „Wenn“ und „Aber“ kommen, wenn es notwendig wird. In dem Wort „notwendig“ steckt NOT drin. Ohne Not passiert gar nichts. Es sei denn es gibt ein paar Vordenker, die die Not kommen sehen und daraus Chancen ableiten. Die kommende Not könnte also Technologien und Praktiken erfordern, die manch einer schon heute entwickelt und er damit vielleicht in Zukunft Pioniergewinne machen kann.
    Weil es die Wurst mit drei Zipfeln aber nicht gibt, müssen wir uns politisch entscheiden, ob wir das „weiter so“ wollen oder ob wir mutig sind und kurzfritige ökonomische Nachteile in Kauf nehmen, um später vorne dabei zu sein.
    Allerdings müssen wir uns bei dem zweiten Weg eine sehr große Offenheit bewahren. Wir müssen sehr schnell reagieren dürfen, wenn wir merken, dass die eingeschlagene Richtung eine Sackgasse ist. Doch darin sehe ich das größte Problem. Wir wollen immer schon die perfekte Lösung. Alles muss durchdacht und bis zum Ende hin abgewogen sein. Es fehlt der Mut zum Ausprobieren und dann im Notfall der Mut zum Zurückrudern bzw. Umsteuern.
    Biogas ist das beste Beispiel. Biogas macht immer Sinn bei Reststoffvergärung. Doch ein Strickfehler im EEG 2004 hat etwas losgetreten, was scheinbar nicht ganz ideal ist. Das war sehr schnell spürbar, aber uns fehlte der Mut, umgehend umzusteuern. Und so diskutieren wir nach 13 jahren immer noch die Folgen, obwohl man schon im 2. Halbjahr 2004 die Folgen abschätzen konnte. Diese Mutlosigkeit zur Gegenreaktion macht uns so vorsichtig, wenn wir etwas Neues ausprobieren wollen. Viele Innovationen werden damit im Keim erstickt. Und unsere Forschung leidet da auch darunter. Oft bleiben auch von einem „Schrottprojekt“ gute Erkenntnisse zurück, die im nächsten Fall für das Gelingen nötig sind.

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    • Bauer Willi sagt

      Sehr gut analysiert. Ich rede aber mal mit unserem Metzger. Wegen der Wurst mit den drei Zipfeln….:-)
      Bauer Willi

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      • Aufklärer sagt

        Solange konventionelle Landwirtschaft möglich ist, gibt es kein Bio. Solange der Bürger günstige Nahrungsmittel bekommt, wird er sich nicht umstellen.

        Die NOT hat die konventionelle Landwirtschaft erst hervorgebracht und wird sie auch erhalten. Denn die Biolandwirtschaft hat nicht genug Ertrag und sie wurde früher unter dem Diktat der Subsistenzwirtschaft gepflegt – mit viel Entbehrungen, Arbeit und ohne Annehmlichkeiten.
        Heute geht das halt nicht mehr, weil mehr Menschen satt werden wollen und Arbeitskraft auch woanders gebraucht wird.

        Es gibt keine Not, die „Bio“ herbeiführen kann. Es gibt auch keine Not, die ein regionales Wirtschaften zu Gunsten kleiner Betriebe mit überteuerten Imageprodukten hervobringt. Dafür bedarf es schon der Methoden der Propaganda, die Landauf und Landab den Menschen einredet globale Nahrungsmittelproduktion sei Böse und vergifte Umwelt Kinder und niedliche Kätzchen, Produkte aus fernen Ländern wie Palmöl seien gefährliche Gifte – Also eine Not in den Köpfen der Menschen über Propaganda und Feindbild erzeugt. Genau so wirds heute gemacht, damit Leute künstlich überteurtes Bio-Zeug kaufen.

        Ich sehe da nur Verlierer auf allen Seiten.

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  5. Andreas Brummer sagt

    Hallo Herr Göppert,
    das ist ja das Problem an der angeblich so schlechten Ökobilanz von Raps. Dabei werden nur die 40% Ölgewinnung angesetzt. Die 60% Rapskuchen, die in der Tierernährung eingesetzt werden, importierten Soja ersetzen, und noch dazu GVO-frei sind, fallen komplett unter den Tisch.

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  6. Thea S sagt

    Vorhersagen sind schwierig, besonders solche in in die Zukunft (Niels Bohr).

    Und man kann zufügen: auf eine richtige Vorhersage kommt mindestens eine falsche. Und hinterher ist man immer klüger.

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  7. bauerhans sagt

    „Die Gesellschaft wünscht……“

    emotional schon,aber wenn die wünsche dann höhere kosten nach sich ziehen,wird gejammert.

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    • Aufklärer sagt

      Nein, Sie interpretieren falsch. Offenbar stimmt dann die Annahme dann gar nicht!

      Es wünschen einige Medien-Macher und Moral-Apostel irgendetwas… diktieren den Leuten was sie zu wollen haben …

      Offensichtlich will die Mehrheit aber gar nicht Bio, sondern günstige Nahrungsmittel – Das ist für viele eben Überlebensstrategie.

      Das war einfach!

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  8. Ottmar Ilchmann sagt

    Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Die ersatzlose Streichung der Milchmengenregelung ohne Installation wirksamer Kriseninstrumente zum Beispiel wurde anscheinend auch ohne Abschätzung der Folgen vorgenommen. Heute kennen wir die Folgen!

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    • Bauer Willi sagt

      Hallo Ottmar,
      nur blöd, dass wir die Folgen immer erst kennen, wenn sie schon eingetreten sind! Aber auf Dich und mich hört ja keiner… 🙂
      Bauer Willi

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