Bauer Willi
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Englische Insekten – 30 Jahre Beobachtung

Mir lässt die Diskussion über das Insekten-Sterben irgendwie keine Ruhe. Zumal sich jetzt auch schon das ORF auf die Daten aus dem Rheinland beruft. Wenn ich jetzt darüber schreibe, wird mir wahrscheinlich wieder vorgeworfen, ich wollte das Thema verniedlichen. Will ich nicht, aber ich will es mal von einer anderen Seite beleuchten und eine andere Quelle (aus England) nennen. Das ist ja wohl erlaubt, wenn man dem Problem gerecht werden will.

Da ist erst einmal der Begriff: Insektensterben. Das bedeutet ja, dass alle Insekten weniger geworden sind. Die immer wieder zitierte Studie der Krefelder Entomologen hat aber nur die fliegenden Insekten erfasst. Genau genommen auch nur die, die sich in dem verwendeten Tpp von Fallen (Malaise-Fallen) auch fangen lassen. Über alles, was nicht fliegt, kann also keine Aussage gemacht werden. Zum Beispiel über Laufkäfer. Weil die normalerweise laufen und nicht fliegen. Oder auch Heuschrecken, die zwar auch fliegen können, sich aber meist hüpfend vorbewegen. Von daher müsste es in allen Artikeln zu diesem Thema eigentlich „Fluginsekten-Sterben“ heißen. Ist jetzt nicht spitzfindig, sondern beschreibt das, was die Krefelder untersucht haben. Von einem Insektensterben darf man dann reden, wenn alle Insekten untersucht wurden. Soweit zur journalistischen Genauigkeit.

Auch in England werden Flug-Insekten untersucht. Aber anders als in Krefeld geschieht dies durch ein wissenschaftliches Forschungsinstitut, die Standorte sind über ganz England verteilt, sie liegen mitten in der offenen Landschaft, es werden am den immer gleichen Standorten Fallen aufgestellt und die aktuellen Daten sind für jeden online einsehbar. Sauber aufgereiht nach der jeweiligen Insekten-Art.

In der Veröffentlichung des Rothamsted Research Institute beschreiben die Wissenschaftler die Entwicklung an vier unterschiedlichen Standorten: Hereford, Rothamsted, Starcross und Wye. Wer sich mit Google Maps auskennt, kann sich die Landschaft von oben ansehen. Es handelt sich um ackerbaulich geprägte Regionen ohne erkennbare Besonderheiten. Die englischen Forscher haben herausgefunden, dass die Insektenmasse, also das bloße Gewicht, an einem Standort zurückgegangen ist, an zwei Standorten unverändert blieb und an einem Standort zugenommen hat. Ein genereller Trend lässt sich aus diesen Ergebnissen nicht ableiten. Wer sich dann noch die Punktewolken der einzelnen Jahre ansieht und nur ein wenig von Statistik versteht, wird schnell erkennen, dass die statistische Sicherheit (nennt man Korrelationskoeffizient) dieser Aussage relativ unsicher ist, weil die Streuung von Jahr zu Jahr enorm ist. Das ist bei biologischen Parameter durchaus normal. Und je nachdem, an welchem Punkt man die Trendgerade ansetzt, neigt sich diese unterschiedlich. Auch das weiß jeder, der mit wissenschaftlichen Daten umgeht.

In der Datensammlung des Krefelder Vereins fehlen Daten in einzelnen Jahren. Das ist nicht schlimm, denn schließlich machen die Beobachter dieses Monitoring ja in ihrer Freizeit. Mathematisch nicht erlaubt und unwissenschaftlich ist es aber, eine Zeitreihe mit fehlenden Daten mit einer Linie zu verbinden. Hätte ich so etwas während meines Studiums gemacht, hätte mir der Professor meine Arbeit mit Recht um die Ohren gehauen. Im Falle der Krefelder Daten wird diese Verbindung von Punkten mit einer Linie gemacht. Und keiner regt sich auf. Der Krefelder Verein hat die Standorte der Insektenfallen innerhalb des Gebietes häufig gewechselt. Auch das darf nicht sein. Wenn die Falle in diesem Jahr am Waldrand, im nächsten Jahr in einer Wiese und im dritten Jahr neben einem Tümpel steht, werden unterschiedliche Ergebnisse auch dann herauskommen, wenn die Entfernung nur wenige 100 m beträgt. Auch das regt niemand auf. Die Krefelder haben eben kein standardisiertes Verfahren benutzt, die englischen Wissenschaftler schon. Dass und wie man Daten manipulieren kann, zeige ich einmal in dieser pdf-Datei. Die roten Linien sind von mir und da sieht man die gleichen Daten doch gleich in einem ganz anderen Licht, oder? Es ist und bleibt aber Manipulation und soll hier nur zur Anschauung dienen.

Wer sich für die Details der englischen Untersuchung interessiert, findet hier die Originaldaten:

https://farmlandbirds.net/sites/default/files/Decline%20flying%20insects.pdf

Wer mehr über das Forschungs-Institut, die Forscher und die aktuellen Daten wissen will, hier der Link dazu:

https://www.rothamsted.ac.uk/insect-survey

Es ist eines der Institute, die zum BBSCR gehört, das rund 1.200 Wissenschaftler und ca. 2.000 Forschungs-Studenten in ganz Großbritannien beschäftigt.

So, liebe Leute, ich habe mir jetzt mehrere Stunden Zeit genommen, die englische Veröffentlichung zu studieren. So gut, wie ich es eben kann und meine Englisch-Kenntnisse sind und meine mathematischen Fähigkeiten reichen. Es ergibt sich aus dieser Arbeit, die 30 Jahre beleuchtet und sicherlich auch weiter gemacht werden wird, keine eindeutige Tendenz. Und noch einmal: Es handelt sich um eine saubere, wissenschaftliche Arbeit einer Forschungseinrichtung, die ihre Daten für jeden einsehbar in regelmäßigen Abständen jedem zugänglich macht.

Ich würde mich freuen, wenn ihr diesen Artikel an Politiker und Journalisten weitergeben würdet und möglichst breit streut.  Mag ja sein, dass ich irgendwo einen Denkfehler begangen habe, aber darüber lässt sich ja diskutieren. Aber diese wissenschaftliche Studie muss auch diskutiert werden, sie gehört zur Meinungsbildung genau so dazu, wie die Krefelder Datensammlung. Wer die Auswertung der englischen Wissenschaftler unterschlägt, erweckt bei mir den Eindruck, dass es ihm nicht um Aufklärung geht, sondern…. (den Satz kann jeder selbst vervollständigen)

Ich möchte mit diesem Beitrag nur zur Versachlichung beitragen. Man kann mir natürlich auch wieder Lobbyismus vorwerfen, dann wären meine Mühen umsonst gewesen…

Euer Bauer Willi

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233 Kommentare

  1. Gurkenhobel sagt

    Guten Morgen Willi,
    vielen Dank für den Hinweis auf die Arbeit aus UK, ich arbeite gerade an einem Vortrag zum Thema Neonics für unsere Winterveranstaltungen, da kommt das gerade recht. Schön, was du hier machst… Weiter so!

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  2. Kaffee auf sagt

    Ich bin auf die Mitschrift zum Thema ›Insektensterben‹ letztes Jahr im Bundestag gestoßen – Protokoll der 73. Sitzung vom 13. Januar 2016 Protokoll-Nr. 18/73. Da muss man dann auch nicht mehr poolen und schwarmintelligent sein, wenn man das gelesen hat.

    Die Vorstudie »Entwicklung eines Konzeptes für ein bundesweites Insektenmonitoring: Verbesserung der Angaben zu Bestandssituation und Gefährdungsursachen als Beitrag zu einem umfassenden Biodiversitätsmonitoring« ist auch im Ressortforschungsplan 2018 ausgeschrieben.

    Witzig fand ich aber, das Prof. Dr. TT von einer explosionsartigen Vermehrung der Räuber, also Prädatoren, spricht. Da wird dann wohl sehr wohl ein größerer Teil schlicht gefressen. Nein, eigentlich nicht witzig. Wenn eine solche Studie, wie diese »75%
    Insektensterben« als valide Datenquelle für andere Untersuchungen hergenommen wird, wo z.B. Fragestellungen einen Insektenrückgang durch Stoffeintrag als mögliche Ursache in Erwägung ziehen, wird dadurch an der falschen Stelle gesucht bzw. auf Sand gebaut. Nennt man Fehlerverschleppung.

    Es gibt die Aufforderung für einen kritischen review zur zweiten Veröffentlichung. Die anderen Kommentare sind teilweise auch spannend
    http://journals.plos.org/plosone/article/comments?id=10.1371/journal.pone.0185809

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  3. Vielleicht den Kaffee doch noch nicht ganz auf sagt

    Hier, Herr Bauer Willi, ich hab das grad mal quergelesen. Einige oder mehr als das, wahre qualifizierte Worte. Tu das doch mal poolen, wie in Krefeld und gib uns als Pünktchentitelträger eine summary. 🙂 Möglicherweise wird die Schwarmintelligenz auch zukünftig ihr Quentchen einbringen.

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  4. Friedrich sagt

    Wenn wir uns das Thema mal von außen ansehen und wissen das es von den Günen und NGOs kommt , dann muß man schon mal genauer hinschauen. Gehen wir mal in die Geschichte der Schlagzeilen dieser Leute. als erstes kam Waldsterben, die AKWs, Nitrat, Dieseautos, Elekroauto, Braunkohle usw. . Immer Schlagzeilen und nach einiger Zeit war es das. Mit allen Dingen wurden mediale Schlagzeilen produziert und man war in aller Munde.
    Leider wird zu wenig hinterfragt von uns allen , aber auch von Politikern die sofort Handlungsbedarf sehen, von den Medien die gleich das Weltende sehen, von wissenschaftlern die auf das Rad springen usw. . Allen fehlt die nötige Ruhe und Abwägung in der Sache. Mahner und Versachlicher werden niedergemacht und immer wird eine kleine Gruppe von Schuldigen gesucht. Damit sind alle Anderen auf der richtigen Seite , also „Schuldlos“. Dieses Spiel , spielen die Grünen und NGOs viele Jahre und alle Gutmenschen fallen darauf rein. Es ist ein regelrechtes Geschäftmodell geworden mit dem
    alle die die Schlagzeile raushauen auch verdienen. „Was stört mich mein Geschwätz von gestern, sagte schon Konrad Adenauer“.

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    • Lieschen Müller sagt

      Natürlich wäre Ruhe schön. Nur wurde z.B. in den letzten 40 Jahren keine Lösung für den radioaktiven Abfall der AKW gefunden. Vielleicht ein bißchen viel Ruhe? Der Anstieg des CO2 in der Athmosphäre wird gemessen. Ich habe davon das erste Mal in den 80ern gehört. Der Anstieg geht immer weiter. Vielleicht auch hier ein bißchen viel Ruhe?

      2+
      • Alexander Borchert sagt

        Atommüll passt zwar nicht zu den Insekten. Aber ich kann Dich beruhigen: Auch Uran kommt aus der Natur. Also wird die Natur auch irgendwann mit dem Abfall fertig.

        2+
  5. Alexander Borchert sagt

    Studie und Gegenstudie. Professor gegen Professor.
    Dient uns das wirklich????
    Warum werden diese Leute nicht einfach zusammengeholt ??? Papier ist so geduldig. Hinter diesen Papieren stehen Gesichter und Menschen.
    Die Veränderungen in der Insektenpopulation ist die Reaktion der Natur auf unsere vielfältigen Eingriffe. Diese Reaktion nennt man auch Evolution.

    Weniger Insekten = weniger Leben = weniger Fruchtbarkeit = weniger Mensch = weniger Umweltbelastung

    Somit ist der Kreislauf geschlossen und es ist folgendes bewiesen:
    Die Natur reagiert immer richtig.

    2+
    • bauerhans sagt

      in der natur gibt es weder richtig noch falsch,sondern entwicklungen in kreisläufen.

      die veröffentlichung der studie dient ausschliesslich dazu,politik zu machen.

      2+
  6. Altbauer Jochen sagt

    Also: Über Insektenpopulationen kann ich nicht viel sagen,
    aber über eine Art aus eigener Erfahrung berichten.
    Die Bremsen,die uns in früherer Zeit als Quälgeister
    bei Pferden und Kühen genervt haben waren in den 1980/90
    Jahren weniger geworden .
    Seit 10/15 Jahren sind sie wieder in Massen vorhanden!
    Heut muss man beim Heuschwaden die Schlepperkabine
    geschlossen halten sonst hat man einen ganzen Schwarm
    der „Biester“ um die Ohren fliegen.
    -Zumindest bei uns hier im Norden.
    Eine Theorie dazu will ich nicht aufstellen.
    Ist eben eine Art die man so direkt wahrnimmt.

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  7. Thea S sagt

    Die Rothamsted Studie ist sicher eine gut angelegte und wissenschaftlich durchgeführte Studie, während die Krefelder „Studie“, die dann von Wissenschaftlern ausgewertet/interpretiert wurde, nur eine wilde Datensammlung war. Biologische Daten sind naturgemäß mit einer sehr hohen Varianz gehaftet, deshalb sind stark unterschiedliche Ergebnisse selbst bei verschiedenen wissenschaftlich fundierten Untersuchungen nicht ungewöhnlich. Das liegt nicht notwendigerweise daran, wer die Studie in Auftrag gibt oder durchführt. Nur eine Vielzahl von Studien könnte da helfen.
    Zur Behauptung, die Anwendung von Insektiziden ist schuld, nur eine Anmerkung. Pflanzenschutzmittel (Pestizide) unterliegen einem ziemlich strengen Zulassungsverfahren, sowohl auf europäischer Ebene wie auch von den verschiedenen nationalen Behörden. Dabei werden nicht nur die Auswirkungen auf den Menschen, sondern auch auf die Umwelt untersucht. Und auch Nebenwirkungen auf Insekten (inkl. Bienen) in Kurz- und Langzeitversuchen und Freilandexperimenten gehören zum Prüfumfang. Eine Zulassung wird erst erteilt, wenn die Behörden zustimmen, daß „bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier und das Grundwasser und keine unvertretbaren Auswirkungen auf den Naturhaushalt ausgehen“. Beteiligt an dieser Entscheidung ist in Deutschland auch das Umweltbundesamt (UBA), von dem man wirklich nicht sagen kann, daß es industriefreundlich ist. Der Landwirt sollte sich auf eine solche Entscheidung der „vertretbaren Auswirkungen“ verlassen können. Jetzt kommen sicher die Argumente, alle Behörden in Europa wären gekauft, Industriestudien manipuliert usw. Als Alternative werden dann Berichte und Behauptungen, vielleicht auch Studien, angeführt, die von andern, populistischen Interessengruppen verbreitet werden. Die Positionen sind festgefahren, und Fakten werden da nichts ändern. Sorry, Bauer Willi.

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    • Bauer Willi sagt

      @Thea,
      warum sorry. Ich kann Deinen vorgebrachten Argumente sehr gut folgen. Der Beitrag heute ist auch nur EIN Blickwinkel. Richtig wäre es, eine wissenschaftsbasierte Auswertung ALLER bisher vorliegenden Studien zu machen. Von einer neutralen Stelle, die von allen akzeptiert ist. Wer könnte das sein? Ne, nicht Bauer Willi, ich hab hier schon Stress genug…
      Bauer Willi

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  8. Friedrich sagt

    Habe eben alles gelesen , was die Engländer da so alles untersuchen. Die meisten Standorte auf der obigen Karte sind klassische Ackerbaustandorte. Westlich von London, in Reading ist der beste Boden in UK. Dort wird Raps, Zuckerrüben, Kartoffeln und Weizen angebaut. Also wie im Rheinland oder Südhannover alles intensiv mit hohen Erträgen. Aus der Nähe von Hereford weis ich , daß dort die Niederschläge so zwischen 700 – 900 ltr./m2/Jahr Regen liegen.
    Also 200 – 300 ltr./m2 mehr als bei uns. Es wird dort nicht so kalt (Winter ist bei 0 Grad)und nicht so warm wie hier in Deutschland. Die PV-Anlagen bringen dort so 700 KW/Kvp. Überall gibt es sumpfige Ecken , also ein Paradies für Kleinlebewesen.– Bei mir , vor Ort , in Südhannover sind alle Wasserlöcher , die wir hier über Generationen hatten , ausgetrocknet. Einmal hat seit den 1980er Jahren die Verdunstung zugenommen (lt. Wetterdienst) und die Wasserwerke pumpen übernormal Grundwasser ab. Beide genannten Punkte haben dazu geführt , daß der Grundwasserspiegel in den letzten 50 Jahren um einen Meter abgesackt ist. In diesem Jahr kam der Regen fast täglich von mitte Juni bis heute runter . Mit dem Erfolg ,daß wir uns anfang August das Haus mit Fliegengase eindecken mußten , um uns gegen die explodierten Mücken- und Fliegenmengen zu schützen. Fazit : Durch den Klimawandel gibt es weniger Wasserlöcher
    und damit weniger Insekten. Insekten brauchen zum Überleben Matsch, Wasser,Dreck usw.. Würde mir wünschen , daß genauso wissenschaftlich dran gearbeitet würde , wie in UK. Für den Anfang ist es nie zu spät. Wir Bauern würden das auf jeden Fall unterstützen.

    8+
  9. Ich seh das so sagt

    Ergänzungen zum Thema für alle jene, die sich bemühen, Fakten, gute wissenschaftliche Praxis (Redlichkeit oder Genauigkeit in der Erstellung und der Aussage; double-blind Peer-Review, etc …), für ihren Erkenntnisgewinn zu nutzen satt brachial-mediale Schlagwortkeulen.
    1) 17.11.2017: http://www.theeuropean.de/europan-redaktion/13072-unstatistik-des-monats
    2) 15.11.2017: https://schillipaeppa.net/2017/11/15/grossarths-furor/
    Bemerkenswert auch ihr Facit, daß sich auf nahezu alle der um sich greifenden 2 Minuten Headline-„Studien“ vom Fließband übertragen läßt:
    „Kurzum: Der Text wirkt auf mich wie die Rache eines beleidigten Kindes mit geringer Frustrationstoleranz: Und ich habe doch Recht! Mit meiner Analyse, mit meiner Meinung und mit meiner Missgunst. Und: Wer sich jetzt beschwert, beweist, dass ich Recht habe. Kann man ja machen – selbstverliebt um sich selbst kreisen, Andersdenkende in Schubladen abfertigen und die Welt in schwarz und weiß malen. Ob sich dann noch jemand dauerhaft für diese Sicht der Dinge interessiert, ist eine andere Frage.“

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  10. Dr. Christel Happach-Kasan sagt

    Es ist doch bemerkenswert, dass bei der Diskussion über den „Insektenschwund“ – „Insektensterben“ stimmt einfach nicht – das Bundesamt für Naturschutz stumm bleibt. Es könnte durchaus dazu etwas sagen.
    Mag sein, dass die Masse an Fluginsekten – wie Bauer Willi richtig dargestellt hat – abgenommen hat. Es hat in den letzten 30 Jahren viele Veränderungen gegeben, die darauf Einfluss hatten. 1990 wurden in D 20 Mio. Kühe gehalten, 2016 waren 13 Mio. Kühe, die inzwischen zumeist im Stall gehalten werden. Das ideale Biotop für Schmeißfliegen, der Kuhfladen ist selten geworden. Wir hatten eine Umstellung der Abfallwirtschaft und daher keine offenen Müllkuhlen mehr. Ursache für Insektenschwund?
    Doch nicht alle Fluginsekten haben sich im Bestand verringert. Die 2015 vorgelegte Rote Liste der Libellen zeigt deutliche Erfolge bei der Sicherung der Artenvielfalt. Gegenüber der Situation der vorigen Liste (1998) hat sich die Zahl der gefährdeten Arten halbiert. Sollte es nur dieser einen Insektenordnung bessergehen und allen anderen schlechter? Es lohnt also, genauer hinzugucken.
    Im Fazit heißt dies, es gibt erheblichen Forschungsbedarf. Das BfN und das UBA sind gefordert, fachliche Grundlagen zu erarbeiten, um die Politik auf der Basis wissenschaftlicher Ergebnisse zu beraten. Diese Aufgabe haben beide Institutionen in den letzten beiden Jahrzehnten aus den Augen verloren.

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    • Richtig so, Fakten zählen, wozu sind echte Wissenschaftler da, die auch noch von unseren Steuergeldern bezahlt werden?

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      • Sabine sagt

        Inga, das Problem ist, dass jedesmal, wenn Geld für soetwas ausgegeben wird, sich irgendein Torfkopf findet, der sich über Steuerverschwendung aufregt. Da Titeln dann die Zeitungen: 2 Millionen für Mücken verpulvert, oder so ähnlich. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen u.a. im Spiegel, mit dem Titel: „Hahnensperma für 480.000 Euro“, und das unter die unsinnigsten Subventionen des Jahres auflistete. Dass es da um den Versuch handelte eine Notreserve für besonders gefährdete Nutztierrassen anzulegen, egal. Dass man sonst sehr gerne sauer auf die bösen Bauern ist, die die schönen alten und robusten Rassen einfach aussterben lassen, geschenkt. Dass es in Zeiten wo Tierseuchen sich zu Pandemien auswachsen vllt. ganz günstig ist Genmaterial auch von Nutztieren zu sichern, interessiert da nicht. In solchen Fällen wächst Milch und Fleisch wohl auch für Spiegel-Reporter im Supermarkt.

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  11. Nochmals zum Krefelder Insektensterben: Im Mai dieses Jahres wurden Zahlen des Entomologischen Vereins in Krefeld veröffentlicht, welche drastische Rückgänge von Insektenvorkommen auswiesen. Schnell wurde jedoch klar, dass die Ergebnisse wissenschaftlichen Standarts nicht genügen. Prof. W. Wägele, Bonn, nannte es blamabel für die Wissenschaft, dass diese hier auf Erhebungen von Hobbyforschern angewiesen ist und forderte vom Bundesforschungministerium Mittel für eine wisssenschaftliche Langzeitstudie. Nur fünf Monate später veröffentliche eine Forschergruppe um C.Hallamann eine angeblich wissenschaftliche Studie inPLoS ONE auf der Basis der Krefelder Daten, die deren Ergebnisse wissenschaftlich bestätigt. In den 5 Monaten wurde jedoch keine neue Forschung betrieben, sondern lediglich die Krefelder Daten neu „interpretiert. Und die Wissenschaft jubelte: Prof Steidle, Hohenheim: “ Die Arbeit ist methodisch sauber ….“, Prof. Alexandra-Maria Klein,Uni Freiburg : Obwohl es wünschenswertr ist, Langzeitdaten…zu sammeln, sollten wir nicht auf deren Ergebnisse warten“ Und Prof. Teja Tscharntke, Göttingen orakelte: „… dass Schutzgebiete in nur noch sehr geringem Masse als Quellhabitate für die Besiedlung der Agrarlandschaften dienen können.“ Für mich sind dies klassische Beispiele dafür, dass auch die „Wissenschaft“ dem maistream hinterherläuft und sich mit dessen Hilfe profilieren will und dabei sofort bereit ist wissenschaftliche Grundsätze über Bord zu werfen. Ich habe bei Prof. Steidle vor zwei Wochen schon angefragt, ob er seine Aussagen wirklich so getroffen hat, wie er in den Medien zitiert wird. Bis heute keine Antwort.

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  12. Rüdiger Maack sagt

    Ich bin ähnlicher Meinung wie Tanja, nätürlich gibt es für alles und jedes Argument irgendeine Wissenschaftliche Studie, die genau das belegt, was der Auftraggeber gerne hören möchte! Erzähl mir keiner von “ unabhängigen Wissenschaftlern ( siehe Glyphosat usw.)!
    Keiner will den Bauern was böses, jeder muss sehen, dass erzurecht kommt, die Probleme sind zu komplex, um eine einfache Lösung zu haben. Aber das wir dringend etwas ändern müssen, dürfte ja wohl jedem klar sein ! Und anstatt auf die große Lösung zu Warten, sollte jeder schon mal wenigstens in seinem Umfeld anfangen , siehe Tanja !

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    • Lustig, Keckl kritisiert, dass die deutsche Studie nichts über die Ursache des von ihm dann doch angenommenen Insektenrückgangs aussagt, aber von einigen so getan worden sei. Er selbst hingegen meint, Gründe nennen zu können. Er spekuliert dann wie ein Kind, für das es keine Grenze zwischen objektiv und subjektiv gibt. Keckl scheint von der Pest ideologischen Lagerdenkens befallen zu sein.

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      • “ Er spekuliert dann wie ein Kind, für das es keine Grenze zwischen objektiv und subjektiv gibt. “ Spekulieren ist doch erlaubt, solange man nicht behauptet, dies sei wissenschaftlich fundiert. Keckl´s Spekulation ist zumindest schlüssig, auch wenns nicht ins Lagerdenken eines Veganers passt.

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        • Allerdings behauptet er: „Hier irrt aber die Studie, die Hauptursache liegt klar auf der Hand: Grund dafür ist unsere viel zu sauber gewordene Gesamt-Umwelt.“ Getreu dem Motto also: Eine starke Behauptung ist besser als jedes leise Indiz.

          Meine Ernährungsweise ist u.a. auch dadurch bedingt, dass ich versuche, mich möglichst unbefangen mit Themen auseinanderzusetzen. In Perspektivwechseln bin ich übrigens berufsbedingt geübt. Wie auch im Erkennen von Widersprüchen.

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          • „Allerdings behauptet er: „Hier irrt aber die Studie, die Hauptursache liegt klar auf der Hand: Grund dafür ist unsere viel zu sauber gewordene Gesamt-Umwelt.“ Getreu dem Motto also: Eine starke Behauptung ist besser als jedes leise Indiz.“ Find ich auch, sowas geht gar nicht. Wenn man eine Behauptung aufstellt und seriös bleiben will, dann wenigstens mit wissenschaftlicher Quellenangabe, hier z.B. Prof. W. Kunz 7.11.2017 in http://www.kunzhhu.de/kunz_mettmann_Vortrag-1-ppt. Ich werds dem Georg Keckl sofort weiterleiten, dass er seriöser werden soll.

            1+
            • 🙂
              Hier wirkt Keckl sogar sympathisch: „Macht allen Kindern eine Freude, schafft überall viele verwildernde und immer wieder umgerissene
              Drecksflächen! Laßt nicht die „Biene-Maja-geprägten“ Grünen die „ökologischen Ausgleichsflächen“ gestalten, sondern Endurofahrer, Mountainbiker und Bodo, den Baggerfahrer – was wird das für eine Vielfalt der Schmetterlinge und Singvögel geben!“

              Wenn Keckl hier nicht von „den Biene-Maja-geprägten Grünen“, sondern von „den Biene-Maja-Geprägten unter den Grünen“ sprechen würde oder gleich auf ein bestimmtes Verhalten statt auf eine Gruppenzugehörigkeit abstellen und olles sektiererisches Lagergebrabbel lassen würde, könnte er auch mehr von den Menschen erreichen, die sich überhaupt für Naturschutz interessieren.

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            • Thea S sagt

              @ Mark: Vielen Dank für den Link zu dem Vortrag von Prof. Kunz, der sehr schön zeigt, wie wichtig der Lebensraum (Habitat) für das Überleben von Insektenpopulationen ist. Vielen in diesem Blog ist dieser Zusammenhang nicht wirklich bewußt.
              Da der Link nicht ganz richtig ist und so nicht klappt, hier der korrekte Link: http://www.kunz.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Mathematisch-Naturwissenschaftliche_Fakultaet/Biologie/Institute/weitere_und_ehemalige_Dozenten/Prof._Dr._Kunz/dokumente/Full_Texte/Aktuelles/Kunz_Mettmann2017_Vortrag.ppt

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          • Ich seh das so sagt

            Hier ein paar wichtige Sätze aus dem Vortrag von Prof. Kunz:
            *) Aber da ist auch diese Ursache des Artenschwundes: Zu viel Ordnung und Reinlichkeit

            *) In einer reinlichen Wohnung leben keine Wanzen mehr.
            Auf einem reinlichen Körper leben keine Läuse mehr.
            Auf einem reinlichen Acker leben keine Rebhühner mehr.
            Das Problem ist also auch, dass wir Menschen uns eine Umgebung wünschen, die die Arten nicht wollen

            *) Es fällt schwer, so etwas zu schlucken:
            Aber in Mitteleuropa sind
            (1) der Erhalt einer unberührten Natur und
            (2) der Erhalt der meisten Rote-Liste-Arten
            schlechthin nicht dieselbe Sache

            *) Unter „Natur“ verstehen die meisten Menschen eine Sehnsucht nach Wäldern. Aber gerade die Arten der Wälder sind heute in Deutschland kaum gefährdet. Spechte, Eulen und Kleiber sind heute in Deutschland so häufig wie nie zuvor.
            Um dem Artensterben entgegenzuwirken, bedarf es anderer Maßnahmen als der Errichtung von Wald-Nationalparks

            *) Hinter dem gegenwärtigen Artensterben steckt schlechthin die Tatsache, dass die Habitate, die die Arten brauchen, vielerorts nicht mehr da sind. Wir müssen wieder die artspezifischen Habitate anbieten.

            *) Das kann man nicht von den Landwirten verlangen !
            Denn der Artenreichtum von 1850 beruhte auf den Hungersnöten der Bevölkerung. Die Landwirtschaft kann sich nicht rückwärts entwickeln

            *) Auch außerhalb der Landwirtschaftsflächen wird die Eutrophierung weiter anhalten. Deutschland wird weiter zuwachsen und weiter vergrasen, verbuschen und verwalden.
            Spärlich bewachsene Böden, Heideflächen, Abbruchkanten und nackter Fels entstehen nicht dadurch, dass man Flächen unter Schutz stellt

            *) Viele verlorene Biotope müssen heute künstlich erzeugt werden. Die karge Landschaft von früher wird wahrscheinlich nur durch technische Eingriffe wiederhergestellt werden können. Der Artenschutz der Zukunft wird auf Kettenbagger und Forstfräsen nicht verzichten können.
            Das ist die Botschaft, die uns Militärgelände, Industriebrachen und Rohstoffabbauflächen mitzuteilen haben.

            1+
            • Danke, hab hier schon auf Kunz hingewiesen, segregativer Naturschutz auf stillgelegten/stillzulegenden Flächen, sehr inspirierend. Aber mit unserer fleischfixierten Landwirtschaft und Ernährung kann sich unsere Gesellschaft solche Flächen nicht leisten.

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            • Ja, so ist es,
              aber wir b rauchen unsere Flächen auch für Energiepflanzen und für Tiermast brauchen wir auch einen erheblichen Teil Soja aus dem Ausland, vielleicht kommt Getreide für Futterzwecke auch zum Teil aus dem Ausland.
              Also könnte es bei uns schon noch Flächen für Blütenpflanzen geben.
              Es gibt ja auch genügend Naturschutzflächen und finanzschwere Leute können diese sogar auch kaufen.
              Da darf dann keiner dran und es was anderes da anbauen.
              Nimm die ein Beispiel an VW und der Reifenfirma Michelin, die haben ein großes Stück Regenwald in Südamerika gekauft, damit dort nicht mehr abgeholzt wird.

              Ist doch eine gute Idee, kann man im Kleineren auch machen!

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            • Sabine sagt

              Naja, Inga, ich will den Firmen ja nichts unterstellen, aber viele Wohltätigkeiten großer Firmen ist Eigennutz. Sich ein Stück Regenwald kaufen und Millionen von Autos durch die Zulassung schummeln, die deutlich dreckiger sind als behauptet. Andere hängen 100.000 Euro-Spende für sozial-benachteiligte Kinder an die große Glocke und tricksen heimlich Milliarden an der Steuer vorbei. Steuern, die genau diesen Kindern in Form von besseren Schulen, besseren Sozialwohnungen und höherem Kindergeld zugestanden hätten.

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  13. Kaffee auf sagt

    Moin,
    danke für die links. Auch wenn ich Eulen nach Athen trage: Es hat nichts mit verniedlichen zu tun, wenn man gerade bei einem solchen Thema valide Daten fordert. Es wurde kein Insektensterben nachgewiesen, da man keinen erhöhten Anteil an toten Insekten gefunden hat, sondern ein Insektenrückgang. Der kann durchaus unter anderem methodisch bedingt sein.
    Insekten haben unterschiedliche Entwicklungsstadien, diese wiederum unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum, diese wiederum unterschiedliche Fressfeinde. Insekten prädieren sich auch gegenseitig. Es wird nur auf die totale Biomasse flugfähiger Insekten verwiesen. Keine Artbestimmung, keine Gewichtsanteile oder Dichteangaben. Aus Änderungen im Artenspektrum kann man auch Rückschlüsse auf mögliche Einflussfaktoren ziehen. Das wäre dann sinnvollerweise vor Ort abzuklären, ob und wenn wie sich die Situation im Schutzgebiet! verändert hat. Beim leeren der Fallen müsste man zumindest teilweise einen Eindruck bekommen haben, welche Arten da rückläufig sind. Wenn das in über zwei Jahrzehnten nicht passiert ist, sollte man die Schutzgebietsbetreuung hinterfragen.
    Es sind keine Vorherdaten bekannt. Möglich ist, das sich nach Schutzgebietsausweisung die Artengemeinschaft der bewohnenden Insekten verändert hat, sich an die kleinräumige Fläche angepasst, das System sich sozusagen eingependelt hat. Stichwort Populationsdynamik. Gilt auch für Insekten. Kleine, isolierte Lebensräume sind störungsanfälliger, als großflächige. Ebenfalls kann noch eine Funktion als Trittsteinbiotop hinzukommen. Libellen, Vögel, Fledermäuse können größere Distanzen überwinden, fressen Insekten.
    Was mich am meisten ärgert ist, dass aufgrund der Krefelder Ausgangangsstudie ein solche Welle entsteht. Und dass diese Studie aus kleinen Schutzgebieten als Argument für den Biodiversitätsverlust von Monokulturen genommen wird. Umgekehrt kann man auch die Sinnhaftigkeit von kleinen, isoliert liegenden Schutzgebieten hinterfragen.
    Ich negiere keinesfalls den wie auch immer zu definierenden Einfluss von Landwirtschaft auf Insekten, sondern die Tatsache, dass diese Studie als Sinnbild für Biozönoseforschung hergenommen werden kann.

    Nach wie vor ein gutes Buch: Mühlenberg, Freilandökologie

    5+
  14. Volker Rohlfs sagt

    Guter Artikel – man sollte allerdings bedenken, dass England sehr viel mehr vom Golfstrom beeinflusst ist und nicht unser kontinentales Klima mit stärkeren Temperaturschwankungen hat. Pflanzenschutzmittelanwendungen dürften in England sehr ähnlich wie auch bei uns stattfinden – wenn es bei uns einen Insektenschwund gibt, müsste es also einen anderen Grund dafür geben.

    1+

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