Bauer Willi
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Der Neandertaler im Supermarkt

Frau Kerz ist Wissenschaftsjournalistin und Soziologin und hat deshalb einen unerwarteten und sehr unterhaltsamen Blickwinkel auf dieses Thema geworfen. Vielen Dank, Frau Kerz.

Zur Frage des Wegwerfens, habe ich als Soziologin folgende Anmerkung: Damals, vor 30.000 Jahren, torkelten der Neandertaler und seine verwandten Hominiden so durch die Lande und erfreuten sich an jedem essbaren Halm, den sie finden konnten. Oft streiften Sie tagelang durch die Lande, weil es nichts zu essen gab. Sei es, dass gerade Herbst war und die Nahrung langsam aber sicher verging, sei es, dass Winter war, und es sowieso kaum etwas gab, sei es, dass Frühling war, mit warmem Sonnenschein, aber noch nichts Essbares gesprossen war, das man schon hätte essen können. Ergo, zwei Drittel des Jahres war das für die Hominiden nicht so doll mit Essen. Und das ist immer noch in unserem Gehirn verankert.

Und nun stellen Sie sich so ein kleines Neandertalerchen in einem Supermarkt vor. Jeden Tag genug zu essen, egal welche Jahreszeit, egal, welches Wetter, Essen in Hülle und Fülle. Da greift das Neandertalerhirn – und damit die Hand, zu. Er kann nicht genug kriegen – denn tief in uns, ist immer noch die Angst, dass alles verschwinden könnte. Deshalb kaufen die Menschen immer mehr, als sie benötigen. Denken Sie nur an die Feiertage oder Samstage. Die Einkaufswagen werden wie für eine Hungersnot beladen, denn, einen Tag ist das Geschäft zu – und das interpretiert das Gehirn mit: Es wird Winter! Es gibt nichts mehr zu essen! Hilfe! Wir verhungern!

Umgekehrt führt dies jedoch auch zur Esssucht. Hominide mussten dann essen, wenn sie etwas fanden. Und dann stopften sie so viel in sich hinein, wie sie konnten.

Und jetzt zu dem zu viel Gekauften: Essen im Übermaß nach Hause geschleppt – und der Neandertaler in uns kommandiert: „Das muss alles weg, bevor es schlecht wird. Iß! Iß so viel du kannst. Du weißt nicht, wann du wieder etwas kriegst……“

Es wird oft angemerkt, dass größere Packungen umgerechnet billiger sind und deshalb eher gekauft werden, trotzdem der Rest häufig weggeworfen wird. Doch es ist anzunehmen; die Sache mit dem „Dreier-Pack, weil er günstiger ist“, ist vom Logikzentrum des Gehirns nur vorgeschoben, um unser animalisches Verhalten zu legitimieren. Aber wie das in der Wissenschaft ist, sie kann irren.

 

Hertha Kerz

www.hammaburger-wissenschaft.de

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4 Kommentare

  1. Das ist doch mal ein interessanter Ansatz bzw. eine sehr gute Darstellung unserer Verhaltensweisen. So einfach und doch so treffend dargestellt 🙂

    Und jetzt die große Frage:
    Erinnern wir uns beim nächsten Einkauf auch noch daran?

    … man wird sehen!

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  2. Johann Knabbe sagt

    Es steckt ja noch viel mehr evolutionsbiologisches Verhalten in uns als der gemeine homo sapiens zugeben mag ….vom Balzverhalten über Herden(Gruppen-)trieb bis hin zu Angst oder Agression……den Rest an Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung eliminiert dann häufig Kultur,Kirche oder Politik. Höchste Zeit für andauernde Aufklärung…..:-)

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  3. Alex sagt

    Zuerst dachte ich bei dem Titel, es ginge um die immer mehr um sich greifende Neandertaler-Ernährung (aka Paleo).
    Auf den Fall sehr wahr, was Frau Kerz schreibt. Da wären wir wieder bei dem Thema, dass es ein Problem ist, immer beinahe jede Form von Nahrung in beinahe beliebiger Menge zur Verfügung zu haben.
    Ganz subjektiv hab ich das Gefühl, dass je dicker die Deutschen, desto mehr mehr oder weniger spezielle Ernährungsformen und Nahrungsmittelintoleranzen treten auf…rein subjektiv, wohl gemerkt.

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  4. Biobauer Andreas sagt

    Und der Neandertaler lebt auch heute noch in Stall und auf dem Acker!

    Warum sonst sollten Bauern immer mehr und noch mehr produzieren, erzeugen wollen, gegen die Natur und gegen das Tier?

    Getreiderträge müssen über 100 dz sein und jährlich mehr, die Kuh muss über 10.000 kg geben und mit jeder künstlichen Besamung soll die Leistung der nächsten Generation Kuh steigen.

    Auch das ist der Wunsch nach „viel horten“, dass wir längst nicht mehr soviel Milch und Fleisch etc. selbst verbrauchen können interessiert den modernen Steinzeitbauern nicht: Neandertal goes Globalisierung!

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